Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Ausschreibung von 4 Doktoranden- und 1 Postdocstipendien an der Johannes
Gutenberg-Universität Mainz
Rahmenthema: Stadt und Garten als frühneuzeitlicher Kommunikations-,
Disziplinierungs- und Wissensraum in vergleichender europäischer
Perspektive.
Seit der Antike ist die Konstitution und Rezeption adliger oder
republikanischer Herrschaft ganz wesentlich an räumliche und raumzeitliche
Parameter gebunden. Um Herrschaft in ihrer ästhetisch-zeichenhaften,
sinnlich-physischen und zeitlich-dynamischen Wirkung nachhaltig entfalten
zu können, waren die Regenten sowie die mit ihnen verbundene adlige oder
städtische Führungsschicht auf die sichtbare Besetzung des öffentlichen
und privaten Raumes angewiesen. Bereits Platon und Aristoteles definieren
den durch Politik, Kultur und Ökonomie zivilisierten territorialen oder
städtischen Raum jenseits militärischer oder ökonomischer Machtausübung
als Spiegelbild einer Guten Regentschaft und Schauplatz für die bildhafte
Zurschaustellung der grundlegenden, überzeitlichen Normen herrschaftlicher
Regentenethik. Dem herrschaftlich durchorganisierten und
durchstrukturierten Raum wurden dabei geradezu mnemotechnische Qualitäten
zugeschrieben, indem die kultivierten Landschaften, funktionierenden
Städte und kunstvoll gestalteten Paläste und Gärten für die Bewohner als
Erinnerungszeichen einer klugen und effektiven Regentschaft dienen
sollten.
So wie die Untertanen und Mitglieder eines Herrschaftsverbandes im
Betrachten und Erleben des von den Handlungen einer klugen Regierung
gezeichneten und durch Architektur, Gartenkunst und Bildwerke zeichenhaft
besetzten öffentlichen Raumes die kultivierende, ordnungsstiftende Macht
der Regentschaft nachvollziehen und anerkennen sollten, so vermochte die
Regentschaft umgekehrt erst durch die Inanspruchnahme des öffentlichen
Raumes die Ausübung und Repräsentation herrschaftlicher Verfahren und
Mechanismen der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich zu machen. Dieser hier
zur Anschauung gelangende unauflösbare Zusammenhang zwischen der
Konstituierung, Etablierung und Rezeption von rechtmäßiger Herrschaft und
der durch sie bewirkten politischen Inbesitznahme und strukturellen
Formung von territorialen wie architektonischen Räumen blieb durch alle
Epochen hindurch gültig und sollte in der Frühen Neuzeit vielfältige
Aktualisierungen und Ausprägungen erfahren. Zu zentralen Schauplätzen
wurden dabei zunächst die mit der Stadt verbundenen repräsentativen Innen-
und Außenräume (hier vor allem Kirchen, Paläste und Plätze), später dann
zunehmend auch ganze Territorien mit ihren außerhalb der Stadtzentren
gelegenen Palast- und Gartenanlagen.
Zwar gehören Stadt und Garten schon seit geraumer Zeit zu etablierten
Gegenständen der Architektur und Kunstgeschichte und der Geschichte. In
der älteren Forschung bildeten sie sich jedoch zu einer Spezialdisziplin
heraus, die sich der sogenannten Gartenkunst und der Stadtentwicklung
verschrieben hatte. Obgleich der Garten resp. der Park für die moderne
Stadtplanung eine große Rolle spielt, wurde an einer strengen, an der
romantischen Gegenüberstellung von Natur und Kultur gedachten
Unterscheidung von zwei Bereichen des öffentlichen Lebens festgehalten,
die in der frühen Neuzeit zwei zwar unterschiedliche, jedoch deutlich
zusammen gehörende Bereiche darstellten.
Eine gemeinsame Betrachtung von Stadt und Garten eröffnet neue
Forschungsperspektiven. Dabei sollen die einzelnen Räume sowohl als
Palimpsest und Konflikträume untersucht als auch nach den ideologischen
und praktischen Voraussetzungen und Umsetzungen und den hierfür gefundenen
ästhetischen Konzepten gefragt werden. Wie bereits einzelnen Studien
gezeigt haben, ist der frühneuzeitliche Raum nicht als bloß bebaute
Fläche, sondern vielmehr als ein mehrteiliges, komplexes Raumgefüge zu
begreifen. An ihm partizipierten zum Teil heftig konkurrierende
gesellschaftliche Gruppen mit ihren divergierenden
Repräsentationsansprüchen. Darüber hinaus wurde er aber auch als
Konkretisierung eines übergreifenden, ideellen Konzepts der Guten
Herrschaft und seiner ästhetischen Visualisierung gestaltet. Am Beispiel
des Gartens wird deutlich, wie wichtig die Erkenntnisse der mathematischen
Wissenschaften für seine Gestaltung und sein Verständnis waren. Sie
unterwarfen den Raum nicht nur einer zunehmenden Geometrisierung, die
ihrerseits auf Herrschaftskonzepte zurückwirkte, sondern erkannten den
Garten als Wissensraum, in dem naturwissenschaftliches Wissen und
ästhetisches Konstrukt ein enges Verhältnis eingehen.
Die Doktorandengruppe, die aus den Absolventen/innen der Fachgebiete
Kunstgeschichte der frühen Neuzeit, osteuropäische Geschichte und
Geschichte der Naturwissenschaften zusammengesetzt sein soll, hat das Ziel
anhand konkreter Dissertations- und Habilitationsprojekte, sowie
übergreifender konzeptioneller Arbeit Wandlungs- und
Visualisierungsprozesse von Stadt und Garten als frühneuzeitliche Räume im
Spannungsfeld von adligen und frühbürgerlichen Eliten und ihren
divergierenden Repräsentationsansprüchen im europäischen Kontext unter
besonderer Berücksichtigung Osteuropas zu untersuchen. Dabei ist uns eine
vergleichende europäische Perspektive besonders wichtig. Dies soll nicht
zuletzt in Auseinandersetzung mit der von Michel Foucault beschriebenen,
und in den Kulturwissenschaften heftig diskutierten relationalen
Raumtheorie geschehen. Es wird zu prüfen sein, ob und inwieweit diese, an
den Gegebenheiten des 20. Jahrhunderts entwickelte kontrovers diskutierten
Raumkonzepte, für die Erforschung der frühen Neuzeit gewinnbringend
nutzbar gemacht werden können.
Die Doktorandengruppe wird betreut von: Univ.-Prof. Dr. Jan Kusber,
Univ.-Prof. Dr. Matthias Müller, Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Oy-Marra; PD
Dr. Volker Remmert.
Das Forschungsprogramm der Doktorandengruppe sieht folgende übergreifende
Fragestellungen vor:
1) Die symbolische Kodierung des Raums und ihre Inszenierung
2) Ordnungsstruktur und Konfliktgeschichte: Der Stadtraum als
Palimpsest, Der Garten als Schöpfungsraum?
3) Stadt und naturaler Raum als Wissensraum
Gesucht werden DoktorandInnen sowie eine PostdoktorandIn aus den
Fachgebieten Kunstgeschichte, osteuropäische Geschichte und Geschichte der
Naturwissenschaften mit einem Schwerpunkt in der frühen Neuzeit für die
Dauer von zunächst 2 Jahren. (In der Kunstgeschichte sind besondere
Kenntnisse in der Architektur – und Gartengeschichte Italiens und/oder
Frankreichs als auch des Alten Reiches besonders willkommen).
Vom Postdoc wird die Koordination der Doktorandengruppe sowie das
Verfassen eines Folgeantrags einer Doktoranden- bzw. Nachwuchsgruppe
erwartet. Es besteht die Möglichkeit zur Habilitation.
Vorraussetzung für eine Bewerbung ist:
erfolgreich abgeschlossenes Studium in einem der relevanten
Fachgebiete: Kunstgeschichte, Geschichte, Osteuropäische Geschichte und
Geschichte der Naturwissenschaften (in der Regel Note 1,3 oder besser und
nicht länger als 2 Jahre zurückliegend),
Die Promotion des/r Postdoc-Bewerbers/in sollte in der Regel nicht
länger als 4 Jahre zurückliegen.
Promotions- bzw. ggf. Habilitationsprojekt im Rahmen der Gruppe.
Engagierte Teilnahme an verschiedenen noch genauer zu definierenden
Aktivitäten. Auf Wunsch wird die Möglichkeit eingeräumt, sich aktiv in der
Lehre einzubringen.
Die BewerberInnen sollten folgende Unterlagen einreichen
Abstract der Magisterarbeit (für Doktoranden) bzw. der Dissertation
(für Postdocs) (1-2 Seiten)
1 Empfehlungsschreiben (nur für Doktoranden)
Kurze Skizze des geplanten Promotionsprojektes mit Fragestellung,
Zielsetzung und Angaben zur thematischen Einbettung in die
Doktorandengruppe (2 – maximal 5 Seiten)
ggf. Aufstellung zu Vorarbeiten und Publikationen
Lebenslauf
Zeugnisse
* Personalbogen (wir verschicken den Personalbogen auf Anfrage)
Bewerbungen in Papierform (bitte keine Bewerbungen per Email) sind zu
richten an:
Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Oy-Marra
Institut für Kunstgeschichte
der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Binger Strasse 26
55122 Mainz
Den Personalbogen verschickt:
Martina Granaß
Institut für Kunstgeschichte
der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Binger Strasse 26
55122 Mainz
granassuni-mainz.de<mailto:granassuni-mainz.de>
Bewerbungsschluss ist der 30.9.2009
Beginn der Stipendienlaufzeit 1.11.2009
Quellennachweis:
STIP: 4 Dotoranden / 1x Postdoc "Stadt & Garten" (Uni Mainz). In: ArtHist.net, 28.08.2009. Letzter Zugriff 15.03.2026. <https://arthist.net/archive/31760>.