MARBURGER JAHRBUCH FÜR KUNSTWISSENSCHAFT 35 (2008)
herausgegeben von Ingo Herklotz und Hubert Locher
INHALT
Matthew Rampley
The Poetics of the Image: Art History and the Rhetoric of Interpretation
It has long been recognised that the achievement of a 'scientific' art
history entailed a loss. Specifically, the establishment of principles
and categories of art historical interpretation led to a 'taming' of the
artwork; its semantic and aesthetic depth were restricted by the demands
for historical and analytic objectivity. This article examines a
sequence of authors, including Adrian Stokes, Roberto Longhi, Mieke Ball
and Georges Didi-Huberman, who devised new forms of art historical
rhetoric that aimed at restoring the polyvalence of art. The article
also considers the implications and successes of such attempts, and
considers the extent to which they, too, 'tame' the artwork by simply
entangling it in another, albeit distinct, rhetoric of interpretation.
Martin Bertram
Dekorierte Handschriften der Dekretalen Gregors IX. (Liber Extra) aus
der Sicht der Text- und Handschriftenforschung
Die vom Verf. unternommene systematische Erfassung und Sichtung der
knapp 700 noch vorhandenen Handschriften der Dekretalen Gregors IX.
(sog. Liber Extra, 1234) wird naturgemäß materiell von kodikologischen
und inhaltlich von kanonistischen Interessen geleitet. In diesem Rahmen
greift der vorliegende Beitrag mit den dekorativen Elementen einen
Nebenaspekt auf, der weit in die Kunstgeschichte hineinreicht, aber hier
unter den beiden genannten Perspektiven von außen her betrachtet wird.
Hervorgehoben wird der potentielle Wert nicht nur der Miniaturen,
sondern auch der Subdekoration (Initialen, Rubriken,
Gliederungselemente, Randgestaltung usw.) als Hilfe für die
geographische und zeitliche Einordnung der Handschriften. Die
Ikonographie der Miniaturen, die sich grundsätzlich auf fünf oder sechs
ikonographische Rahmenthemen beschränkt, weist einen überraschenden
Variantenreichtum auf, der vor allem aus kanonistischer Sicht zu
würdigen ist.
Thierry Lenain
Du culte des reliques au monde de l'art
Les origines du souci typiquement moderne d'authentifier les oeuvres
d'art se situent dans le culte médiéval des reliques: celles-ci
apparaissent, dans l'histoire humaine, comme les premiers objets
falsifiables dont la valeur ait dépendu de leur authenticité, garantie
par une autorité compétente. La « rhétorique du reliquaire » manifeste
la nécessité de certifier ces objets, de garantir leur origine et de se
prémunir des faux. Le développement d'une critique d'authenticité
procède également de cette nécessité. La critériologie et les modes de
raisonnement mis en oeuvre présentent d'ailleurs de frappantes analogies
avec la manière d'établir l'authenticité des objets d'art dans la
modernité tardive.
Margaret A. Kuntz
Pope Gregory XIII, Cardinal Sirleto, and Federico Zuccaro: The Program
for the Altar Chancel of the Cappella Paolina in the Vatican Palace
The role of Cardinal Guglielmo Sirleto with respect to art patronage and
design in the complex matrix of the Vatican Palace has been the topic of
much speculation. While it has been assumed that he was a fundamental
voice when defining and designing artistic programs, there has been no
firm documentation to prove this assumption. This article presents a
newly discovered letter which specifically articulates his role as
iconographic advisor with respect to the altar program of the Cappella
Paolina. Specifically, Sirleto's altar program served to unify the
various functions of this space with the different phases of its
decoration.
Lothar Sickel
Die römische Antikensammlung der Zabrera alias Chiabrera
Die Studie identifiziert das römische Wohnhaus der Familie Zabrera alias
Chiabrera in der Nähe der Fontana di Trevi. Dort verbrachte der Dichter
Gabriele Chiabrera (1552-1638) seine Jugendjahre. Gabrieles Onkel
Giovanni hatte in dem Haus eine Sammlung antiker Marmorurnen und
Grabaltäre aufgebaut, die 1573 an den Kardinal Luigi Cornaro veräußert
wurde. Anhand eines Inventares lässt sich die Sammlung teilweise
rekonstruieren. Die Studie zeigt, dass die Zabrera zum Gelehrtenkreis um
den Verleger Paolo Manuzio (1512-1574) gehörten, der sich der
Erforschung antiker Inschriften widmete. Sie vermittelt neue
Erkenntnisse über das kulturelle Umfeld und die humanistische Bildung
des jungen Gabriele Chiabrera.
Esther Meier
Nosce te ipsum. Schönfelds Fünf-Sinne-Zyklus
Der Fünf-Sinne-Zyklus, den Schönfeld für Guidobald von Thun malte,
stellt innerhalb der Tradition der Sinnes-Folgen ein geistreiches Unikum
dar. Jedem der fünf männlichen Personifikationen schrieb der unlängst
aus Neapel zurückgekehrte Maler eine Personifikation der vier
Temperamente ein. Die Ungleichheit der Anzahl verstand er, geschickt
auszugleichen, indem er Visus - ein alter Mann, der sich im Spiegel
betrachtet - als "Nosce te ipsum" leitmotivisch über beide Zyklen
setzte. Eine derartige Verschmelzung lässt nach Deutungsangeboten und
Sinngebungen suchen. Doch obgleich sich Ansätze für eine
christlich-moralische, psychologische oder sozialethische Auslegung
finden, entzieht sich die Bildfolge einer eindimensionalen Lesart.
Schönfeld schuf einen offenen anthropologischen Traktat, der Raum bietet
für Assoziationsfindungen und vielfältige Sinngebungen.
Elisabeth Oy-Marra
"Persuadendolo con mille motivi". Mazarins Einladung an Pietro da
Cortona und der Parisaufenthalt Poussins
Anhand von zwei bisher unveröffentlichten Briefpassagen aus dem Jahr
1643, in dem der Agent Mazarins, Elpidio Benedetti, seinem Dienstherrn
über die Gründe für die endgültige Absage der Parisreise Pietro da
Cortonas berichtet, rekonstruiert die Autorin die Einladungspolitik
Mazarins an Cortona in den Jahren 1641-1643 vor dem Hintergrund
derjenigen Sublet de Noyers, die bislang allein auf die Einladung
Poussins bezogen wurde. Sie kann zeigen, dass Mazarin mit seiner
Einladung an Cortona, auf vorausgegangene Versuche Sublet des Noyers
aufbauen konnte, insofern also keine barocke "Stiloffensive" im Sinne
Madeleine Laurain-Portemers betrieb. Darüber hinaus lassen Cortonas
Gründe gegen eine Parisreise eine Beteiligung an der "Grande Galerie"
des Louvre vermuten.
Julian Jachmann
Enzyklopädische Architekturtypologie im 18. Jahrhundert. Die
'Architectonischen Risse' von Anckermann, Hofmeister und Engelbrecht
Mit den um 1738-1754 publizierten 105 Folgen des Stichwerkes
'Architectonische Risse' erreichte die Vorstellung einer
Architekturtypologie im Sinne einer Reihe gleichwertiger, polyvalent
definierter Baugattungen einen Höhepunkt. Die Entwerfer Anckermann und
Hofmeister und der Verleger Engelbrecht erweiterten das bekannte Medium
der Architekturstichserie unter dem Paradigma der Gebäudetypen zu einem
enzyklopädischen Konzept. Im universalistischen Anspruch wie auch den
bewusst gesetzten thematischen Brüchen folgten sie dabei Vorstellungen
aus dem Bereich der Enzyklopädik, welche auch die bekannten Werke von
Zedler, Diderot und d'Alembert prägten.
Angela Windholz
Raffael als alter ego der Preußischen Monarchie. Zur bildpolitischen
Intention des Raffaelsaals in Sanssouci
Der Aufsatz geht den verschiedenen Ausprägungen der Raffaelbegeisterung
am preußischen Hof nach. Die Ausstattung der königlichen Apartments mit
Kopien seiner Werke bzw. die Identifizierung einzelner Mitglieder der
Königsfamilie mit seinem Bildpersonal mündeten 1858 in der Vereinigung
der schon von Friedrich Wilhelms IV. Vater begonnenen Sammlung von
Ölkopien nach Raffael im prächtig ausgestatteten Oberlichtsaal der
Orangerie. Diese Raffaelpräsentation im Park von Sanssouci kann als
Reaktion verstanden werden auf die um 1830 entwickelte
Sammlungspräsentation der Berliner Gemäldegalerie. Der darin drohenden
Egalisierung des "gottbegnadeten" Künstlers in der wissenschaftlichen
Hängung stellte Friedrich Wilhelm IV. seine bildpolitischen Intentionen
entgegen - die möglicherweise eine ästhetische Legitimation nicht nur
des Künstlertums, sondern auch des preußischen Königtums "von Gottes
Gnaden" zum Ziel hatten.
Quellennachweis:
TOC: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 3 5 (2008). In: ArtHist.net, 05.07.2009. Letzter Zugriff 20.03.2026. <https://arthist.net/archive/31706>.