CFP Oct 29, 2006

Alfred Grenander (Berlin, Feb 2007)

Christoph Brachmann

Call for Papers

Ein Schwede in Berlin: Das Oeuvre Alfred Grenanders (1892-1930) im Kontext
der Berliner Architekturgeschichte

Internationale Tagung des Fachgebiets Kunstgeschichte der Technischen
Universität Berlin, 10.-11. Februar 2007
in Kooperation mit dem Schinkel-Zentrum der TU Berlin und der Schwedischen
Botschaft
Konzeption und Organisation:
PD Dr. Christoph Brachmann, Thomas Steigenberger M.A.

Alfred Grenander (1863-1931) gehört zu den großen Unbekannten der
Architekturgeschichte: 1885 zog der gebürtige Schwede von Stockholm nach
Berlin, um an der neu gegründeten Königlich Technischen Hochschule in
Berlin-Charlottenburg zu studieren und wurde anschließend Mitarbeiter Paul
Wallots beim Bau des Reichstages. Seit der Jahrhundertwende hatte er
maßgeblichen Anteil an der Entwicklung Berlins zur Weltstadt und modernen
Architekturmetropole. Im Bewusstsein ist vor allem Grenanders über drei
Jahrzehnte andauernde Tätigkeit als Chefarchitekt und -designer der
Berliner Hoch- und Untergrundbahn-Gesellschaften: Ähnlich wie Peter Behrens
(1868-1940) für die AEG, schuf Grenander mit seinen Hochbahnviadukten und
etwa 70 U-Bahnhöfen Industriedesign ,aus einem Guss', dessen konstruktive
Klarheit, Funktionalität und werbewirksame Zeichenhaftigkeit bis heute
überzeugt. Wegweisend war dabei sein Umgang mit Stahlkonstruktionen ebenso
wie mit Farbe, die hier weniger einem simplen Farbsystem Rechnung trägt
denn vielmehr raumkonstituierend eingesetzt wird.

Kaum wahrgenommen wurden bisher die Villen- und Industriebauten des
Künstlers sowie seine Innenraumgestaltungen und Möbelentwürfe gerade der
Zeit vor dem 1. Weltkrieg, die durch eigenständige und innovative Formen
überzeugen. Auch sie verdeutlichen, dass Alfred Grenander zu den
maßgeblichen Neuerern seiner Zeit gerechnet werden muss. Dazu genügt
bereits ein Blick auf sein unweit des südschwedischen Fährhafens Trelleborg
gelegenes Sommerhaus (1907), das als ein bisher unbenanntes Hauptwerk
frühen farbigen Bauens anzusehen ist. Wurden von den Zeitgenossen Alfred
Grenanders "baukünstlerische Schöpferkraft" und sein "ausgesprochene[r]
Sinn für Materialgerechtigkeit" stets gewürdigt, so verwundert, dass seine
Bauten bis heute wenig Beachtung und Wertschätzung finden und auch die
denkmalgeschützten U-Bahnhöfe weitgehenden Zerstörungen ausgesetzt sind.

Anlässlich des 75. Todestags Alfred Grenanders findet im Deutschen
Technikmuseum Berlin vom 15. November 2006 bis zum 29. April 2007 eine
Ausstellung statt, zu der eine umfangreiche Begleitpublikation erscheint.
Den architekturhistorischen Teil haben Studierende des Fachgebiets
Kunstgeschichte der TU Berlin unter Leitung von PD Dr. Brachmann
erarbeitet.

Die geplante Tagung zielt nun darauf, den Blick auch auf die Zeitgenossen
Grenanders zu lenken und dessen Position in der deutschen und insbesondere
der Berliner Architekturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts genauer zu
verorten. Aus dem Vergleich mit den Schöpfungen seiner Kollegen werden
Kriterien abzuleiten sein, die zu einer differenzierten Bewertung der
jeweils gestalteten urbanen/öffentlichen wie privaten Lebenswelten führen.
Dabei soll am Beispiel des vielfältigen Grenanderschen Oeuvres mit seinen
gleichermaßen innovativen wie konservativen Zügen hinterfragt werden,
inwieweit eine bis heute oftmals auf Entwicklungslinien basierende
Architekturgeschichtsschreibung tatsächlich aufrecht zu erhalten ist. Auf
dieser Grundlage gilt es Konzepte für einen zukünftigen Umgang mit den
Werken Grenanders aufzuzeigen, deren Erhalt zum jetzigen Zeitpunkt oft
fraglich ist.

Es ist beabsichtigt die Tagungsbeiträge zu publizieren.

Der Aufbau der Tagung orientiert sich an folgenden Fragenkomplexen:

Kunstgewerbe und Raumkunst im frühen 20. Jahrhundert

Weitgehend unbekannt ist das Werk des Innenarchitekten Alfred Grenanders,
der 1902 die Berliner Künstlervereinigung ,Werkring' mit begründete,
welcher u. a. auch August Endell, Albert Gessner und Bruno Möhring
angehörten, ebenso die Bedeutung der Kunstgewerbeschulen für die
Architekturreform insgesamt. Alfred Grenander leitete 1897-1931 eine
Architekturklasse an der ,Unterrichtsanstalt des Berliner
Kunstgewerbemuseums'. Bedeutende Architekten einer neuen Richtung wie Peter
Behrens, Bruno Paul oder Hans Poelzig wurden in Preußen zuerst an die
Kunstgewerbeschulen und nicht an die Technischen Hochschulen berufen.
Zu fragen ist nach dem Einfluss der ,Jugendstil'-Künstler Otto Eckmann,
August Endell, Josef Maria Olbrich, Richard Riemerschmid oder Henry van der
Velde um 1900, deren oft widerstreitende Positionen heute kaum mehr im
Bewusstsein sind und die sich allesamt schon früh wieder von ihren vielfach
kopierten und zur "Stilkunst" entwerteten Werken distanzierten. Auch den
Auswirkungen der Kunstgewerbe-Ausstellungen (Darmstadt 1901, Turin 1902,
St. Louis 1904, Dresden 1906 usw.), der damals in großer Zahl neu
gegründeten Kunstgewerbe- und Architekturzeitschriften sowie der
Gründungswelle von Reform-Werkstätten um 1900 ist nachzugehen.

Villenbauten und Landhäuser im späten Kaiserreich und die Rolle der
Auftraggeber

Intendiert ist eine architekturhistorische Einordnung entsprechender
Gebäude mit einem Fokus auf ihre Wahrnehmung und ihren Stellenwert im
zeitgenössischen Kontext. Sozial-, funktions- und
entwicklungsgeschichtliche Aspekte sollten dabei im Vordergrund stehen,
also Fragen nach einer Begriffsdefinition ,Villa' / ,Landhaus'; nach
Ausstattung und Funktion der einzelnen Räume; nach amerikanischen,
englischen oder skandinavischen Einflüssen (z. B. durch Architekten wie
Otto March, Alfred Messel und Heinrich Straumer); nach dem Neu-Klassizismus
und Neu-Biedermeier als Motor der Reform.
Wer waren die Auftraggeber und welche Architekten arbeiteten für welche
Klientel

Grenanders Villa Tangvallen (1907) und seine gleichzeitigen farbigen
Projekte für die Berliner Untergrundbahn sollen Ausgangspunkt sein für die
Wurzeln "Farbigen Bauens" im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und die
mögliche Vorbildfunktion für die Avantgarde-Architekten der Zwanziger
Jahre. Zu beleuchten sind hier insbesondere Phänomen wie die ,Farbenschau'
1902 im Kaiser Friedrich-Museum in Krefeld.

Die Zwanziger Jahre

In den Zwanziger Jahren konzentrierte sich Grenanders Tätigkeit auf den Bau
von Hoch- und Untergrundbahnhöfen der Berliner Verkehrsgesellschaft.
Vergleichbar ist er darin seinen jüngeren Kollegen Hans Heinrich Müller
(1879-1951), Jean Krämer (1886-1943) und Richard Brademann (1884-1965), die
für die BEWAG, die Straßenbahngesellschaft bzw. für die von der Reichsbahn
in Berlin betriebene S-Bahn tätig waren. Obwohl einer ganz anderen
Generation angehörend, die durch Architekten wie Peter Behrens, Bruno
Möhring (1863-1929), Hermann Muthesius (1861-1927) oder Henry van der Velde
(1863-1957) verkörpert wird, sucht er noch in seinem Spätwerk Anschluss an
die damals fortschrittlichen Architekturströmungen. Er erweist sich dabei
als bemerkenswert wandlungsfähiger und dennoch eigenständiger Architekt. Zu
reflektieren sind hier Grenanders kritisch-aufgeschlossene Position
gegenüber der jüngeren Generation ebenso die kreative Rückbindung an
bereits erprobte architektonische Lösungen aus dem eigenen Büro. Ausgehend
von exemplarischen Analysen der Projekte auch anderer Architekten, gilt es
das Verhältnis zweier starker Architektengenerationen zu bestimmen und in
seinem kreativ-baukünstlerischen Potential auszuloten.

Themenvorschläge für Vorträge von maximal 30 Minuten in Form einer kurzen
Zusammenfassung (20 Zeilen) werden erbeten bis zum 11. Dezember 2006 an:

PD Dr. Christoph Brachmann Dr.-Ing. Ulrike
Laible
Institut für Geschichte und Kunstgeschichte Schinkel-Zentrum
für Architektur
Technische Universität Berlin Stadtforschung und
Denkmalpflege
Sekr. A 56 Sekr. A 23
Straße des 17. Juni 150/152 Straße des 17. Juni
150/152
10623 Berlin 10623
Berlin
e-mail:
kunstgeschichtetu-berlin.de ulrike.laibletu-berlin.de

Reference:
CFP: Alfred Grenander (Berlin, Feb 2007). In: ArtHist.net, Oct 29, 2006 (accessed Apr 6, 2026), <https://arthist.net/archive/28619>.

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