CONF 23.05.2006

Kopf, Gesicht, Porträt (Leipzig, 2.-3.6.2006)

Jeanette Kohl

Neues DFG-Netzwerk:

Die Macht des Gesichts
Büste, Kopf- und Körperbild in Mittelalter und Früher
Neuzeit

Inhaltliche Konzeption:

Die Bilder, die der Mensch sich vom Menschen macht, sind
vielfältiger und nicht selten widersprüchlicher Natur. Dem
Porträt liegen Bildkonzepte zugrunde, die zwischen den
Polen der Ähnlichkeit und Differenz, Präsenz und Absenz,
dokumentarischer und magischer Bildfunktion pendeln.
Das Paradox des Phänomens "Porträt" berührt daher
kulturelle Grundfragen von Erinnerung und Konservierung
einerseits sowie von Lebendigkeit und (mentaler wie
materieller) Belebung andererseits. Gesicht, Kopf und
Büste gelten in diesem Zusammenhang als die zentralen
Ausdrucks- und Bedeutungsträger.

"Die Macht des Gesichts" versteht sich als medien- und
gattungsübergreifendes Forum für DoktorandInnen,
HabilitandInnen und ProfessorInnen, die sich mit Fragen
der Genese des Porträts, den Modi der Darstellung des
menschlichen Kopfes und der Physiognomie/ Pathognomik
des Gesichts, Aspekten einer Neubewertung der profanen
Bildnisbüste sowie den Bildkonzepten von Kopf- und
Büstenreliquiaren in Mittelalter und früher Neuzeit
beschäftigen. Bewußt wird in der Zusammensetzung des
Netzwerks eine "europäische" Perspektive angestrebt,
innerhalb derer zugleich die Bereiche profaner und
sakraler Bildkultur zusammengeführt werden.

Ausgehend von der Frage, welche kulturellen Kodierungen
sich mit dem Faszinosum des menschlichen Kopfes als
eines "Gesichtsträgers" und der Monopolstellung der
"oberen Hälfte" in der Repräsentation des Individuums
verbinden, sollen Strategien der Präsenzgenerierung des
Porträts, Aspekte der Bildmagie, der Memoria sowie
mediale Charakteristika parallel untersucht werden. Ziel ist
dabei v.a. eine Schärfung des Verständnisses der
spezifisch ikonischen Differenz (Boehm) der wirkmächtigen
Kopfbilder.

Das Netzwerk betritt auch da wissenschaftliches Neuland,
wo verstärkt Fragen des historischen Körperverständnisses
in den Blick geraten werden, die
wahrnehmungsstrukturierend wirken (Körperhierarchien,
Körper als Gefäß, Gesicht als Spiegel), um so zu einer
kunsthistorisch-anthropologischen Neubewertung des
Kopfes und seiner Bilder beizutragen. Beiträge aus den
Bereichen der Neurophysiologie, Psychologie und
Theologie werden Blickwinkelerweiterungen zu einer
kunsthistorisch-anthropologischen Neubewertung des
Kopfes und seiner Bilder schaffen.

Dazu bedarf es eines weit gefassten begrifflichen
Instrumentariums, weshalb folgende Forschungsansätze
und -bereiche miteinander verzahnt werden sollen:
Porträttheorie und -praxis, Sozialgeschichte;
Rechtsgeschichte und Menschenbild; psychosoziale
Gesichtsforschung (Phänomenologie des Gesichts);
historische und literarische Physiognomik;
gattungsspezifische Fragestellungen zu Porträt, Kopfbild,
Büste; Themen des historischen Körperdiskurses und
kulturell codierter Körperhierarchien; Bild-Text-Relationen;
Alteritäts- und Mentalitätsforschung; Memorialforschung;
Probleme der Bildwahrnehmung, Bildgenerierung und
Bildmagie.

Das Netzwerk, eine Gruppe von 10 WissenschaftlerInnen,
wird sich zweimal pro Jahr über einen Zeitraum von
insgesamt drei Jahren an wechselnden Orten zu
öffentlichen Tagungs- und Diskussionsrunden
zusammenfinden. Zu den einzelnen Treffen werden jeweils
Gastredner und DiskutandInnen geladen. Die
Veranstaltungen werden vorab über H-Art-Hist
angekündigt.

Erste öffentliche Tagung der Netzwerkmitglieder

Kopf, Gesicht, Porträt.
Themen und Forschungspositionen

Universität Leipzig, 02. und 03. Juni 2006

Freitag, 02. Juni 2006

15:00Uhr Begrüßung der Teilnehmer am Institut für
Kunstgeschichte der Universität Leipzig

Jeanette Kohl (Leipzig)
"Die Macht des Gesichts". Netzwerkthemen,
Netzwerkziele

Sektion I: Ähnlichkeit und Alterität
(Moderation: Urte Krass)

15:30 Uhr Dominic Olariu (Karlsruhe/Paris)
Die Entstehung des Porträts als ähnlicher und
individueller Menschendarstellung im 13. und
14. Jahrhundert und seine Funktionen

16:15 Uhr Alberto Saviello (Florenz)
Physiognomische Feind- und Fremdbilder der
frühen Neuzeit. Das westliche Bild vom
Osmanen zwischen propagandistischer
Typisierung und realistischer Darstellung

17:00 Uhr Kaffepause

Sektion II: Gesicht, Text, Porträt
(Moderation: Dominic Olariu)

17:15 Uhr Johannes Endres (Leipzig)
Das Gesicht der Geliebten. Literarische
Physiognomik in der mittelalterlichen
Dichtung

18:00 Uhr Peter Seiler (Berlin)
Petrarca und die Bildniskonzepte des
Trecento

Samstag, 03. Juni 2006

Sektion III: Kopf, Büste, Reliquie
(Moderation: Peter Seiler)

09:00 Uhr Henrike Haug (Florenz)
Königliche Köpfe im 12. Jahrhundert. Neue
Überlegungen zur Cappenberger Büste

09:45 Uhr Evelin Wetter (Bern)
Hagiographische und historiographische
Narrative zur Reliquienbüste des Hl.
Ladislaus in der Kathedrale zu Györ/Raab

10:30 Uhr Kaffeepause

Sektion IV: Maske, Körper, Bild
(Moderation: Martin Gaier)

10:45 Uhr Jeanette Kohl (Leipzig)
Integrität und Fragment. Die frühneuzeitliche
Büste als Körperbild

11:30 Uhr Urte Krass (Florenz)
Die Macht der Gesichter neuer Heiliger im
Quattrocento

12:15 Uhr Gemeinsamer Lunch

Sektion V: Memoria und Legitimation
(Moderation: Evelin Wetter)

14:00 Uhr Martin Gaier (Basel)
Nobilität und Bildnisrecht. Die Bildnisbüsten
der venezianischen Renaissance

14:45 Uhr Agnieszka Madej-Anderson (Leipzig)
Porträt im Raum. Inszenierung des
Gedächtnisses und Konstruktion des Raumes
in Krakau zur Zeit der katholischen Reform

15:30 Uhr Internes Treffen der Netzwerkmitglieder

Die Tagung findet im Institut für Kunstgeschichte statt.
Adresse: Wünschmanns Hof, Dittrichring 18-20, 04109
Leipzig, Raum 5/15

Kontakt: Dr. Jeanette Kohl, Tel. 0341-9735548, email:
kohljuni-leipzig.de

Quellennachweis:
CONF: Kopf, Gesicht, Porträt (Leipzig, 2.-3.6.2006). In: ArtHist.net, 23.05.2006. Letzter Zugriff 31.03.2026. <https://arthist.net/archive/28276>.

^