CFP Mar 7, 2002

XXVII Deutscher Kunsthistorikertag, Leipzig 3.03

Verband Deutscher Kunsthistoriker

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Date: Thu, 7 Mar 2002 20:55:17 +0100
Subject: CFP XXVII Deutscher Kunsthistorikertag

CALL FOR PAPERS

XXVII. Deutscher Kunsthistorikertag
Universitaet Leipzig, 12.-16. Maerz 2003

KUNST UNTER KUENSTEN
Kulturelle Divergenzen und Konvergenzen

Alle Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, die Studierenden der
Kunstgeschichte, auch der Kuenste und Kulturwissenschaften, sowie
selbstverstaendlich alle darueber hinaus Interessierten seien hiermit
herzlich zum kommenden Kongress des Verbands Deutscher
Kunsthistoriker eingeladen. Der XXVII. Deutsche Kunsthistorikertag
wird vom 12. bis 16. Maerz 2003 in enger Zusammenarbeit mit den
Mitgliedern des Instituts fuer Kunstgeschichte und den
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Museen und der Denkmalpflege in
den Hoersaelen der Universitaet Leipzig veranstaltet.

Ausgehend von dem vielfach geaeusserten Wunsch, mit dem naechsten
Kongresseinmal die Arbeitsgebiete ins Zentrum zu ruecken, die sonst
nicht oder nur wenig vorkommen, haben Verbandsvorstand und
Ortskomitee ueber die implizite und explizite Hierarchie der
Kunstgattungen und kunsthistorischen Arbeitsfelder, ueber Haupt- und
Nebenkuenste debattiert. Ordnung und Unterordnung koennten so wie
gewohnt, aber auch anders gedacht werden. Oder vielleicht sind
Unterordnungen ueberhaupt verzichtbar, und wir gehen von einer
Gleichordnung aus. Kunst unter Kuensten ist in diesem Sinne
zweideutig gemeint.

Der Untertitel Kulturelle Divergenzen und Konvergenzen weist
ausdruecklich aus dem engeren Feld kunsthistorischer Sachforschung
und Methodendebatten hinaus und macht Kunst und Kultur wiederum als
Medium gesellschaftlicher Konflikte namhaft. Dabei geht es nicht um
stillgestellte Zustaende und gefestigte Oppositionen, sondern um
Bewegungen und Veraenderungen, sowohl in der Kunst als auch in der
Gesellschaft. Die Sektion Globalisierung - Hierarchisierung: Zur
Konstruktion und Funktion kultureller Dominanzen setzt sich mit
diesen Fragen im internationalen Kontext auseinander.

Die bei weitem nicht abgeschlossene Debatte um die Bewertung der
Freiheit und Gebundenheit in der Kunst Ost- und Westdeutschlands wird
ausdruecklich nicht in eine gesonderte Sektion verwiesen, sondern
soll im zeitlich weitergefassten Rahmen der Sektion Bewertung -
Umwertung - Entwertung Platz finden.

Beitraege aus dem Bereich der Gender-Forschung und der Queer-Studies
sollen ebenfalls nicht in eine eigene Sektion ausgelagert werden -
dort traefen sich dann nur die ueblichen Interessierten -, sondern
sie sind ausdruecklich in allen Sektionen erwuenscht und willkommen.

Die Sektion Denkform - Bildform: Genus und Genealogie befasst sich
mit kunsttheoretischen Genus-Zuweisungen und mit der Genealogie als
formgebendem Modell fuer die Vorstellung und Verbildlichung
historischer und gesellschaftlicher Ordnungen.

Wir freuen uns sehr, mit unserem Kongress in die traditionsreiche
Messestadt Leipzig zu kommen, die durch alle Unbilden der Geschichte
ihr Flair als buergerliche Weltstadt bewahrt hat. Kunstproduktion und
Kunstsammlungen haben ueber die Jahrhunderte vom Reichtum der
Leipziger Buerger profitiert, die Grassi-Messen, die der
Praesentation von Kunstgewerbe dienen, waren international renommiert
und sind es noch. Die Sektionen Kuenstlerischer Austausch in
Mitteleuropa 1350-1550 und Kunsthandwerk - Handwerk(szeug) der
Kunstgeschichte? werden hierauf Bezug nehmen.

Der historische Glanz des staedtischen Zentrums, seit der Wende
vielerorts aufpoliert, soll uns jedoch nicht darueber
hinwegtaeuschen, dassdie Probleme schon in den leerstehenden
Wohnhaeusern der Vorstadt anfangen und draussen im Lande der
stillgelegten Industrieanlagen zu schwer vorstellbarer Groesse
anwachsen. Die Sektion Der Streitwert der Denkmalpflege wird sich
auch mit diesen Fragen befassen.

Es ist das erklaerte Ziel des Verbands, nicht nur in den
(westdeutschen) Metropolen unseres Faches zu tagen, sondern das ganze
Land und die gesamte kunsthistorische Topographie im Blick zu
behalten. Es ist unsere Hoffnung, dassder Kunsthistorikertag auch
Schwung und Motivation fuer die Lehrenden und Lernenden an den
kleineren Instituten bringen wird. Das kunsthistorische Institut in
Leipzig besteht seit 130 Jahren. Forscherpersoenlichkeiten wie August
Schmarsow, Wilhelm Pinder und Johannes Jahn haben hier unterrichtet.
Die Sektion Koerper-Konzepte: Sinneserfahrung und die Interpretation
von Kunst greift u.a. die Arbeiten Schmarsows auf, der aufbauend auf
die in Leipzig betriebenen Forschungen zur Sinnesphysiologie (Wilhelm
Wundt) eine kunsthistorische Wahrnehmungstheorie entwickelte.

Die Sektion Bau als Bild: Visualisierung und Professionalisierung der
Architektur befasst sich mit einer "Unterkunst", die nun als
selbstaendige Gattung in den Blick genommen werden soll: Es geht um
die den Bau vorwegnehmende oder ihn spaeter repraesentierende
bildliche Darstellung.

Die Fotografie, taeglich von Kunsthistorikern in ihrer
reproduzierenden Funktion genutzt, soll in der Sektion Fotografie -
die Industrialisierung der Bilder als Kunst unter Kuensten betrachtet
werden.

Mitten ins kuenstlerische Zeitgeschehen fuehrt die Sektion
KunstGeschichte und GegenwartsKunst. Kann man eine Kunstgeschichte
der Gegenwart schreiben? Der Zeitgeschichte eine Zeitkunstgeschichte
zuordnen? Und geradewegs in die Biographien zahlreicher heutiger
Kolleginnen und Kollegen sowie in die Grundfesten der heutigen
Methodenorientierung unserer Wissenschaft fuehrt die Sektion Um 1970 -
Versuch einer Bestandsaufnahme. Was wurde eigentlich damals "um
1970" gefordert, wie wurde die Kunstgeschichte als akademisches Fach
veraendert, nicht nur in West-Deutschland und -Europa oder Nord-
Amerika, sondern auch in den Laendern des sogenannten "Ostblocks".

Eine Podiumsdiskussion zum Thema Museum als Handlungsort soll sich
mit der Frage auseinandersetzen, wem heute eigentlich die Museen
gehoeren, wer dort bestimmt und mit welchen fachlichen und
politischen Zielen. Welche Bedeutung haben Kuratoren und Direktoren,
Sammler und Schirmherren, was wird aus dem Sammlungs- und
Bewahrungsauftrag, aus Forschung und Vermittlung?

Eine nunmehr zum dritten Mal stattfindende Postersektion soll
juengeren Kolleginnen und Kollegen und Studierenden Gelegenheit
bieten, ihre Forschungsprojekte einer breiteren Fachoeffentlichkeit
zu praesentieren. Eingeladen sind Magistranden, Doktoranden und
juengst Promovierte, ihre Themen-Vorschlaege bis zum 30. Juni 2002
einzusenden. Die Poster im Format DIN A 1 werden wie bisher von einer
Jury mit drei Preisen praemiert.

Als Preistraeger des Hamburger Kunsthistorikertages des Jahres 2001
duerfen wir folgende junge Kolleginnen und Kollegen
beglueckwuenschen:
1. Dorothee Wimmer, Berlin
2. Markus Lohoff, Aachen
3. Juergen Alexander Wurst, Muenchen.
Ihre Poster sind in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift Kunstchronik
publiziert (S.76-81).

Im Rahmenprogramm des XXVII. Deutschen Kunsthistorikertages sind ein
Empfang, ein Festvortrag sowie Sonderoeffnungen von Leipziger Museen
vorgesehen.

Wir erbitten Referatsvorschlaege zu den im folgenden erlaeuterten
Sektionen. Vor der Auswahl werden die Beitraege anonymisiert. Die
Bewerber werden daher gebeten, die abstracts vom Anschreiben zu
trennen und nicht mit ihren Namen zu versehen. Weitere Anregungen und
Kritik sind willkommen. Bitte senden Sie Ihre Vorschlaege mit nicht
mehr als einseitigen Exposes (bitte keine Anlagen!) bis zum 15. April
2002 an den

Verband Deutscher Kunsthistoriker, Geschaeftsstelle c/o
Zentralinstitut fuer Kunstgeschichte, Meiserstrasse 10, 80333
Muenchen, eMail: geschaeftsstellekunsthistoriker.org

DER STREITWERT DER DENKMALPFLEGE

Dass nicht nur Denkmale der Kunst sondern auch Denkmale der
Geschichte in immer weiter gefasstem Sinne ins Arbeitsfeld der
Denkmalpflege gehoeren, galt seit langem als umumstoesslich. Auch das
kontinuierliche Heranruecken der Zeitgrenze bis in die 1970er Jahre
schien prinzipiell konsensfaehig.

Dem war aber ganz offenbar nicht so. Spaetestens in der heftigen
Debatte im Sommer 2000 wurde klar, dasses nicht nur um ein
Organisations- und moeglicherweise ein Vermittlungsproblem geht,
sondern ums Ganze. Und dies ist uns nicht nur von aussen aufgezwungen
durch oekonomische und politische Widrigkeiten. Das Problem liegt
auch im Inneren, in unseren eigenen Bewertungsmassstaeben und
Arbeitsstrategien. Wenn wir die staatliche Denkmalpflege nicht
preisgeben wollen, muessen wir sie grundsaetzlich ueberdenken.

Ausgangspunkt soll Alois Riegls Wertetheorie sein, deren Publikation
sich 2003 zum 100. Male jaehrt. Sie ist nach wie vor grundlegend,
bedarf jedoch einer kritischen Revision. Sodann soll gefragt werden,
wie die Denkmalpflege mit dem scheinbar unabwendbaren Untergang von
Denkmalen umgehen kann. Dies hat angesichts der weitlaeufigen
Industriebrachen und der leerstehenden Wohnhaeuser in vielen
ostdeutschen Staedten besondere Aktualitaet und Brisanz.
Komplementaer dazu ist die Bewertung der unter dem Pflaster
wiedergefundenen und der ueber dem Pflaster neu entstehenden Denkmale
zu diskutieren. Dies betrifft sowohl die Stadtgrundrisse und Keller,
die die Archaeologen unter den Nachkriegsueberformungen auffinden,
als auch die im Krieg und in der Nachkriegszeit zerstoerten Bauwerke,
deren Rekonstruktion die Sehnsucht vieler Buerger nach
Zurueckgewinnung historischer Stadtbilder stillen soll.

Die als ganztaegige Veranstaltung konzipierte Sektion eroeffnet die
Moeglichkeit einer kritischen Rueckschau auf die Entwicklung der
Denkmalpflege seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts in Verbindung mit
der Diskussion heutiger Probleme und Arbeitsfelder.
Kunsthandwerk - Handwerk(szeug) der Kunstgeschichte?

Die Sektion zum Thema "KUNSTGEWERBE" erhaelt in Leipzig, der Stadt
der Grassi-Messen und eines bedeutenden Museums fuer Kunsthandwerk,
ein besonderes Profil.

Wo verlief in der abendlaendischen Kunst die Grenze zwischen "Kunst"
und "Handwerk"? Wie ist Kunsthandwerk oder Kunstgewerbe spezifisch
gebunden an Faktoren wie Zunft- oder Messewesen, Hofkultur und
Maezenatentum, Kolonialismus und Historismus, Galeriewesen und
Kunstmarkt heute? Wie veraendern sich zwischen Kunst- und
Wunderkammer und Designmesse die Wertungskriterien und
Marktbedingungen fuer Kunsthandwerk im Vergleich zu anderen
Kunstgattungen? Wie verflechten sich methodische Wurzeln der
Kunstgeschichte als Wissenschaft mit der Kanonisierung und
Historisierung von Kunsthandwerk in den Museen des 19. und fruehen
20. Jahrhunderts? Welcher Weg fuehrt von hier zur Geschichte des
Ornaments als der Ursache von Form? Was macht Design heute in und mit
den Kunstgewerbemuseen?

KUENSTLERISCHER AUSTAUSCH IN MITTELEUROPA 1350-1550

Mitte des 14. Jahrhunderts setzt ein in mehrfacher Hinsicht
epochemachender Wandel ein, in dem der saechsisch-thueringische Raum
einen Aufstieg zu vorher unbekannter Bedeutung erfaehrt: Die Schwarze
Pest fuehrt zusammen mit anderen Faktoren zu einer Verschiebung der
Bevoelkerungsstruktur, dem Aufstieg der Staedte und einer lang
anhaltenden Agrarkrise. Prag wird unter den Luxemburgern fuer fast
ein Jahrhundert Hauptstadt und kulturelles Zentrum des Reiches.
Zugleich konsolidieren sich die Koenigreiche Polen und Ungarn. Mit
den hussitischen Wirren setzt eine Verlagerung der Handelswege ein,
von denen auch Leipzig sehr profitiert; die Auswanderung der
deutschen Scholaren aus Prag fuehrt zur Gruendung bzw. Staerkung der
Universitaeten Leipzig und Erfurt. Neue Technologien und die
Erschlieaeung unbekannter grosser Metallvorkommen fuehren zur
Gruendung neuer Bergbaustaedte und -regionen, zur Schaffung neuer
Berufe. Der Buchdruck revolutioniert das Bildungswesen. Das 15.
Jahrhundert sieht das Emporkommen neuer Dynastien, wie der
Jagiellonen und Hohenzollern. Schliesslich ereignet sich im Zeitalter
des Humanismus und der Reformation die "Kopernikanische Wende".
Hieran sind Baukunst und Bildkuenste in hohem Masse beteiligt.

Wie sich der oekonomische, politische und mentale Wandel sowie die
Veraenderungen der Wege und Kommunikationsstrukturen in den Kuensten
auswirken, das soll Thema unserer Sektion sein, in der es einerseits
um die Bedeutung von Leipzig und den benachbarten mitteldeutschen
Zentren geht, in der andererseits die Veraenderungen im oestlichen
Mitteleuropa besondere Beachtung finden sollen.
Um 1970 - Versuch einer Bestandsaufnahme

Die heute gueltigen Kategorien der Kunstgeschichte gehen zu
erheblichen Teilen auf die Neuorientierung zurueck, um die das Fach
in den Jahren um 1970 gerungen hat. Dies betrifft das Spektrum der
Gegenstaende ebenso wie die Bandbreite der Fragestellungen und
Erkenntnisinteressen sowie der Methodik, aber auch Vermittlungsziele
und nicht zuletzt organisatorische Prinzipien des
Wissenschaftsbetriebs.

In der Sektion soll der Versuch unternommen werden, diesen Umbruch
wissenschaftsgeschichtlich zu eroertern: als Teil eines politischen
und gesellschaftlich-kulturellen Wandlungsprozesses, der keineswegs
allein in der Bundesrepublik stattgefunden hat, sondern - unter
Phasen- und Akzentverschiebungen - ebenso im angelsaechsischen
Sprachraum und in den Laendern des "Ostblocks".

Die knapp bemessene Sektion wird allenfalls experimentell Anstoesse
zur produktiven Auseinandersetzung mit dem Phaenomen liefern koennen.
Gleichwohl sollte diese auf eine hinreichend breite Basis von
Gesichtspunkten gegruendet werden. Zu denken waere in den Referaten
an "Spurensicherungen" der fachinternen Debatten, an Reflexionen der
politischen sowie intellektuellen Bedingungen und Bedingtheiten des
damaligen Ideologisierungsschubs, an vergleichende Analysen von
Entwicklungen in den verschiedenen europaeischen
Kunsthistoriographien und wechselseitige Rezeption, aber auch an
Ansaetze zu einer kritischen Bilanzierung der damals radikalen, heute
weithin domestizierten Forderungen an die Kunstgeschichte, mit Blick
auf aktuelle Desiderata.

BEWERTUNG - UMWERTUNG - ENTWERTUNG

Zur Diskussion stehen individuelle und kollektive Prozesse der
Urteilsfindung, implizite und explizite Definitionen von Kunst und
Aesthetik. Es geht um Konstellationen und Mechanismen in der
Geschichte der Kunst selbst sowie um die wissenschaftshistorische
Dimension des Urteils. Auch wenn die drei Begriffe "Bewertung -
Umwertung - Entwertung" keine zwangslaeufige Sequenz auf einer
linearen Zeitachse beschreiben, ist doch zu vermuten,
dassinsbesondere Perioden des Umbruchs fuer das Verstaendnis der
Thematik aufschlussreich sind.

Im ersten Teil der Sektion gilt das Interesse nicht nur dem Wechsel
von Moden und Kunststroemungen, sondern auch dem Schicksal einzelner
Kuenstler oder Werke in konkreten historischen Zusammenhaengen. Die
Prozesse der Auf- oder Abwertung, des Entdeckens oder des Vergessens
waeren im Hinblick auf die an ihnen beteiligten Komponenten wie etwa
Kunstkritik, Museen, Auftraggeber, Publikum oder Kunstmarkt zu
ergruenden.

Kategorien der Bewertung wie Autorschaft, Authentizitaet, Qualitaet,
Original, Kopie, Reproduzierbarkeit etc. leiten ueber zum zweiten
Teil der Sektion. Hier liessen sich die immanenten
Bewertungskriterien kunsthistorischer Fachliteratur ebenso
untersuchen wie die spezifischen Dynamiken von Moden in der
Wissenschaft, etwa bei der Herausbildung von wissenschaftsrelevanten
Fragestellungen und der "Entwertung" oder Marginalisierung von
anderen. Die im Rahmen der Sektion beabsichtigte Zusammenfuehrung von
Themen aus Theorie und Praxis erlaubt nicht zuletzt auch, Prozesse
und Kategorien der Bewertung von Kunst in verschiedenen
Wissensfeldern vergleichend zu analysieren.

GLOBALISIERUNG - HIERARCHISIERUNG:
Zur Konstruktion und Funktion kultureller Dominanzen

Diskussionen ueber kulturelle Hierarchien in einem Kunstbetrieb, der
die Prozesse oekonomischer Globalisierung und elektronischer
Vernetzung begleitet, stellen auch fuer die Kunstgeschichte die
Aufforderung dar, den eigenen Kanon und die Rezeption der
aesthetischen Produktion der Kulturen der Welt neu zu ueberdenken.
Dies betrifft sowohl den Umgang mit Phaenomenen einer sogenannten
"global art" im aktuellen Kunstbetrieb als auch die durch eine
europaeische Sicht gepraegte kunsthistorische Perspektive auf
vergangene Epochen. Neben exemplarischen Analysen zu Institutionen
(Museen, Grossausstellungen wie Biennalen u.a.) und zu Positionen von
Kunstkritik und Kunstgeschichtsschreibung soll gefragt werden, welche
kunst- und kulturwissenschaftlichen Ansaetze geeignet sind,
selbstreflexiv Dominanzstrukturen aufzudecken und einen
distanzierenden Blick auf eigene und fremde Kulturen zu werfen - frei
von abwertenden Dualismen - mit dem Ziel, einen Dialog entsprechend
der im November 2001 von der UNESCO verabschiedeten "Universal
Declaration on Cultural Diversity" zu ermoeglichen.

KOERPER - KONZEPTE:
Sinneserfahrung und die Interpretation von Kunst

Der Koerper als Ort und Medium sinnlicher Erfahrung wie aesthetischer
Perzeption spielt sowohl in aktuellen Debatten der Kunstgeschichte
als auch in der zeitgenoessischen Kunstpraxis erneut eine prominente
Rolle. Neben einem Nachdenken ueber das Verschwinden des Koerpers im
kodifizierten Bild und die damit verbundenen Machtdispositionen gibt
diese Entwicklung Anlass, Theorien, in denen die Dominanz von
Visualitaet relativiert wird, neu zu lesen. Dabei ergeben sich
Beruehrungspunkte zu anderen Kunstdisziplinen wie Theater-, Tanz-,
Film- oder Musikwissenschaften. Es stellen sich aber auch Fragen
hinsichtlich unseres Fachprofils sowie hinsichtlich der
transhistorischen und transkulturellen Gueltigkeit dieser
kunsthistorischen Interpretationsmodelle.

Unter Beruecksichtigung dieser Problematik soll die Relevanz von
Konzepten, wie sie etwa Alois Riegl oder August Schmarsow im spaeten
19. und fruehen 20. Jahrhundert formulierten, fuer die aktuelle
Theoriebildung reflektiert werden.

BAU ALS BILD: Visualisierung und Professionalisierung der Architektur

Wie keine ihrer Schwesterkuenste ist Architektur im Prozessihrer
Entstehung auf die visuelle Wirkungsmacht des Entwurfes angewiesen.
Gleichzeitig aber ist die Rezeption existierender Architektur und
damit auch die Mitteilung beabsichtigter Aussagen entscheidend von
der Art und Qualitaet bildlicher Reproduktion abhaengig. Und
neuerdings kann keine wissenschaftliche Bauaufnahme mehr ohne die
Vorteile elektronisch berechneter Bilder auskommen.

Schon diese drei Anwendungen lassen vermuten, dasssich das "Bild vom
Bau" als spezifische Gattung der abbildenden Kunst "unter" der
Leitkunst der Architektur auspraegte. Diese Verbildlichungen
entwickelten dabei ganz eigene C4sthetiken - jeweils in Abhaengigkeit
von der Adressatenschaft. Fuer den Prozessder Professionalisierung
der Architektur selbst aber war die Kunst der Darstellung von
Geplantem und Gebautem immer auch Seismograph ihres professionellen
Entwicklungsstandes.

So sind in dieser Sektion die vielfaeltigen Wechselwirkungen zwischen
Architektur und ihrer Visualisierung aufzuspueren. Damit gemeint ist
das komplexe Verhaeltnis dieser Kunstgattungen zueinander, die
entscheidenden Aspekte ihrer Seh-Geschichte sowie nicht zuletzt
Bedeutungsverschiebungen im Laufe der kuenstlerischen und
technologischen Entwicklung der Abbildung von Architektur.

FOTOGRAFIE - die Industrialisierung der Bilder

Die Sektion befasst sich mit dem Spezifischen der Fotografie als
einem technischen Bildmedium, das die neuen sozialen Produktions- und
Rezeptionsformen von Bildern in den Industriegesellschaften
massgeblich mitbestimmte. Anhand von Fallstudien soll diskutiert
werden, wie etwa die optisch-chemischen Prozesse in den Apparaten und
Materialien fuer die Bildproduktion genutzt wurden, welche
Spannungsverhaeltnisse sich zwischen Unikat und Massenprodukt ergeben
und wie nicht zuletzt die Bildwissenschaft selbst durch das Medium
mitgepraegt wird. Auf theoretischer Ebene ist so die Medienspezifik
der Fotografie als Kunst unter Kuensten das Thema.

DENKFORM - BILDFORM: Genus und Genealogie Gegenstand der Sektion ist
die Gegenueberstellung zweier Paradigmen des Denkens und Bildens.
Gemeint ist zunaechst der auch unter dem Begriff des "Hylomorphismus"
gelaeufige Gedanke, dassdem schoepferischen Akt an sich ein Genus
eigne, dassalso die weibliche Materie ("hyle") ihre Gestaltung der
maennlich konnotierten Form ("morphe") verdanke. Diese Idee hat als
Denkform ihren Platz in der neuzeitlichen und modernen
Kunstgeschichte, Kunsttheorie und Kunstdebatte gefunden.

Dem Genus wird die Genealogie als Denk- und Bildform
gegenuebergestellt. Hiermit sind nicht Stammbaeume, Wappenreihen oder
Portraetgalerien gemeint, sondern die Auswirkungen eines genealogisch
determinierten Denkens auf Form und Inhalt von Bildern. Das gilt
beispielsweise fuer die Hypostasierung genealogischer Denkformen in
mythologischen Themen der hoefischen Malerei, aber auch fuer
Ansprueche sozial aufsteigender buergerlicher Schichten, die ihre
genealogischen Defizite durch Auftraege entsprechenden Inhalts zu
kompensieren versuchten.

KUNSTGESCHICHTE UND GEGENWARTSKUNST

Das Interesse der akademischen Kunstgeschichte an der
Auseinandersetzung mit der zeitgenoessischen Kunst hat auch im
deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren enorm zugenommen. Die
jahrzehntelang favorisierte, einer vermeintlichen Distanzpflicht
geschuldete "vornehme" Zurueckhaltung des Faches ist engagierter
Hinwendung gewichen. Wie aber laesst sich die Kunstgeschichte der
Gegenwart schreiben? Welche Konsequenzen in sachlicher, methodischer
und fachlicher Hinsicht zeitigt oder erfordert die Konfrontation
einer historischen Wissenschaft mit der gegenwaertigen Kunst? Welche
neuen Perspektiven eroeffnen sich der Disziplin und welche
Blickwechsel werden in Hinsicht auf die aktuelle Produktion
ermoeglicht?

Die Sektion moechte die Chancen und Probleme einer
Zeitkunstgeschichte diskutieren.

(Aenderungen vorbehalten)

(Veroeffentlicht in: Kunstchronik, 2/2002, S.76-86)

Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V.
Geschaeftsstelle
c/o Zentralinstitut fuer Kunstgeschichte
Meiserstrasse 10
80333 Muenchen
Germany
eMail: geschaeftsstellekunsthistoriker.org
web: http://www.kunsthistoriker.org

Reference:
CFP: XXVII Deutscher Kunsthistorikertag, Leipzig 3.03. In: ArtHist.net, Mar 7, 2002 (accessed Feb 7, 2023), <https://arthist.net/archive/24933>.

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