Oct 18, 2001

Re: CONF-REV:Ostmitteleuropaeische Kunsthistoriographien, Berlin O6/2001

Katarzyna Murawska-Muthesius, Birkbeck College, University of London

Noch einige Bemerkungen zur Tagung

OSTMITTELEUROPAEISCHE KUNSTHISTORIOGRAPHIEN Berlin Juni 2001

Kommentar zur Besprechung von Michaela Marek, H-ArtHist 10.09.01.

Stefan Muthesius, World Art Studies

University of East Anglia Norwich NR4 7TJ GB

S.Muthesiusuea.ac.uk

Dort steht als Antwort auf die Frage 'Gibt es eine reine
Kunstgeschichte?' klipp und klar: Kunstgeschichte und ihr politischer
Missbrauch lassen sich niemals trennen. So weit so gut. Aber die
Frage war natuerlich, so formuliert, nicht gerade profund, und so ist
auch die Antwort eine von der Art, die man fast automatisch
akzeptiert. Die Probleme fangen aber gleich danach an. Frau Marek hat
sie an Hand der deutsch-tschechischen Situation analysiert.

Ist jeder politische Gebrauch der Kunstgeschichte ein politischer
Missbrauch? Sollten wir daher versuchen, zwischen 'blossem' Gebrauch
und Missbrauch zu unterschieden? Betrifft die Politisierung nur die
Kunstgeschichtsschreibung oder auch die Kunst selbst, d.h. geht es
lediglich um die Kunstrezeption, oder auch um die Kunstschoepfung?
Wenn wir diese Frage dahingehend beantworten, dass nur die erstere
politisch gebraucht oder missbraucht wird, dann bedeutet uns die
Kunstschoepfung selbst wohl als etwas autonomes. Wenn wir aber auch
die Kunstschoepfung als in die Politik eingebunden sehen, so kann
angesichts der so oft schlechten Politik (in unserem Falle Kunst der
Mittel und Mittel-Osteuropas) diese Kunst einem nur Leid tun. Nach
alldem wuerde es nicht ueberraschen, wenn bald eine Forderung kommt,
dass man bei der Behandlung der Kunst der uns interessierenden
Laender die Politik endlich strikt beseite lassen sollte. In der Tat
lief Da Costa Kaufmanns Vortrag darauf hinaus: ihm zufolge gab es in
vormodernen Zeiten (d.h. vor dem 19 Jh.) noch keine nationale Politik
und daher keinen Missbrauch...

M.E. fuehrt der Verfolg einer einzelnen Stossrichtung (trajectory),
wie 'Politisierung der Kunst' oder 'Nationalismus in der
Kunstgeschichte' nicht sehr weit. Der Nationalismus in der
Kunstgschichte muss gesehen werden in einem groesseren Rahmen und
zusammen mit gegenlaeufigen Tendenzen und Wertungen. Die 'nationale'
Argumentation der Kunsthistorker bestand gewoehnlich aus zwei
Teilaspekten, einem kunstgeographischen, den den genius loci
festellen wollte, und einer eher wertenden Einstellung, die den
jeweiligen (kleineren oder relativ fremden) Kunstbereich an
allgemein-'western' Kunstwerten messen und dabei aufwerten wollte.
Die Situation z.B. der polnischen Kunstgeschichte um 1880 stellte
einen solchen doppelten Prozess dar: Einerseits wollte man den
Anschluss an das gesamteuropaeische Kunstwertsystem finden,
andererseits wollte man einen polnischen genius loci postulieren;
dieser widerum sollte einen festen Platz innerhalb der regionalen
europaeischen Kunstkreise finden, usw., ad infinitum. Der
Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts ist als Denkweise
international zu verstehen.

Aehnlich verhaelt es sich mit der Gegenueberstellung
wissenschaftlich-unwissensachaftlich/popularisiert. Nimmt man
wiederum an, wenn man vom 'Missbrauch' der Wissenschaft zu
politischen Zwecken spricht, dass es eine reine Wissenschaft gibt
oder geben sollte? Was die national/nationalistischen oder
regionalistischen Argumente betrifft, so treffen wir diese in beiden
Sparten an. Koennen wir etwa in Alena Janatkovas Darstellung der
Barockrezeption in Boehmen/Tschechien eine klare Trennungslinie
zwischen rein akademisch und politisiert/populaer ziehen? Oder
koennen wir all dies, die enge Verbindung Kunst und Politik, sowie
den Missbrauch der Kunstgeschichte als als ein fuer die kleineren
Laender Mittel/Ost-Mitteleuropas und fuer Deutschland spezifisches
Problem ansehen, und als etwas, was fuer die groesseren alten Laender
Westeuropas sehr viel weniger charakteristisch ist? Vergleiche quer
durch ganz Europa waeren hier wohl nuetzlich. Auf alle Faelle sollte
man alle Entwicklungen zunaechst als Prozesse sehen, in dem mehrere
Richtungen miteinander oder gegeneinander laufen. Auch 'reine
Wissenschaftlichkeit' und Popularisierung bedeuten keinen je
absoluten Zustand, sondern Prozess, die je unterschiedlich verlaufen.
In Krakau um 1880 und 1900 haette die Legitimation der neuen
universitaeren Kunstgeschichte ohne den Rekurs auf die Vorstellungen
zu einer populaeren nationalen Kunst kaum stattfinden koennen
(Sokoloski - Witkiewicz). In der deutschen Kunstgeschichte kam dieser
Impetus etwas spaeter; hier ging die neue - von einigen
hoechstrangingen akademischen Forschern angespornte - Popularisrerung
mit einer neuen anti-empiristischen Stroemung einher.

Insgesamt wurde ich doch fuer das plaedieren, was Michaela Marek Adam
Labuda zuschreibt, naemlich eine gewisse Art der Anerkennung des
politischen Elementes in der Kunst und in der Kunstgeschichte, unter
sorgfaeltiger Ausgrenzung von nazistischen, rassisistischen oder
anderweitig verletzenden Elementen - und somit zu versuchen, zwischen
'Gebrauch' und 'Missbrauch' zu unterschieden.

Zuletzt moechte ich noch einmal auf eine Bemerkung von Herrn Lorenz
verweisen, die recht einfach klang, und vielleicht darum schnell
verhallte, die aber doch entscheidend ist fuer UNSERE HEUTIGE
Einstellung zu dem, worueber auf der Tagung HISTORISCH berichtet
wurde. 'Fuehlen wir uns heute, 'so fragte Herr Lorenz, 'ueber die
alten Kunsthistoriker erhaben?' Machen wir heute alles anders und
besser? Auch darauf gibt es natuerlich keine klare sofortige Antwort.
Dafuer aber ein kleiner Dialog, den ich neulich erlauschte. Warum,
fragte der eine, beschaeftigen wir uns heute, wie es scheint, immer
intensiver, mit den Werken der alten, laengst verstorbenen
Kunsthistoriker, wie Riegl, Woefflin, Pinder usw. oder auch Roger Fry
oder Emile Male [bzw. auf unserer Tagung, spezieller mit den Freys,
den Sas Zubrzyckis, den Schuerers, den Phleps]? Er gab gleich die
Antwort dazu: es ist klar warum, weil wir dort immer noch etwas fuer
unsere heutige Arbeit finden koennen; zumindest koennen wir
Aehnlichkeiten mit unserer heutigen Situation feststellen. Nein,
sagte der andere, ganz im Gegenteil: was uns bei den alten 'Helden'
fasziniert, ist gerade das, womit wir nicht mehr uebereinstimmen.
Gerade das hilft uns, unsere eigenen Wege als Wissenschaftler zu
definieren. - Und wenn wir auf die eklatante Politiserung der
Kunstgeschichte im Dritten Reich und in einigen Phasen des
Kommunismus weisen und darueber spannende Geschichten erzaehlen
koennen, wie schlimm - und das heisst auch, wie anders es damals war
- so koennen wir uns gleichzeitig auch des populaeren
historisch-politischen Interesses an unserem Fach versichern.

Stefan Muthesius

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Reference:
Re: CONF-REV:Ostmitteleuropaeische Kunsthistoriographien, Berlin O6/2001. In: ArtHist.net, Oct 18, 2001 (accessed Oct 3, 2022), <https://arthist.net/archive/24686>.

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