ANN Oct 26, 2001

"Die inszenierte Wirklichkeit", Vortragsreihe zum Haus der Kunst, Muenchen

jochen meister

Bayerisches Staatsschauspiel - Theater im Haus der Kunst

"Die inszenierte Wirklichkeit. Vier Podiumsgespraeche ueber das Haus der
Kunst"

1. Abend: Mittwoch, 7. November 2001, 20 Uhr "Gueterbahnhof von Athen" - Das
Haus der Kunst zwischen Pathos und Funktionalitaet.

Mit:
Dieter Bartetzko, Architekturkritiker der F.A.Z.
Amandus Sattler, Architekt

Moderation: Jochen Meister, Kunsthistoriker

2. Abend: Mittwoch, 14. November 2001, 20 Uhr "Der erste schoene Bau des
neuen Reiches" - Das Haus der Kunst in Propaganda- und Amateurfilmen aus der
Nazi-Zeit.

Mit:
Lydia Hartl, Kulturreferentin der LH Muenchen, Wahrnehmungspsychologin
Eva Warth, Institut fuer Film-und Fernsehwissenschaft der Ruhr-Uni Bochum
Romuald Karmakar, Filmemacher (u.a. "Das Himmler-Projekt", "Der Totmacher")

Moderation: Mira Beham, Autorin, Publizistin

3. Abend: Mittwoch, 21. November 2001, Einlass: 19.30 Uhr Staatstheater -
ausgerechnet hier?

Mit:
Hildegard Hamm-Bruecher, Staatsministerin a.D.
Sigrid Sigurdsson, Kuenstlerin
Dieter Bartetzko, Architekturkritiker der F.A.Z.
Christoph Vitali, Leiter der Stiftung Haus der Kunst Muenchen
Hans-Joachim Ruckhaeberle, Chefdramaturg des Bay. Staatsschauspiels

Moderation: Christoph Lindenmeyer, Bayerischer Rundfunk

20.05 bis 21.30 Uhr Live-Uebertragung in Bayern2Radio

4. Abend: Mittwoch, 28. November 2001, 20 Uhr "In diesen heil´gen
Hallen..." - Ueber Ausstellungen im Haus der Kunst von 1937 bis heute

Mit:
Gustav Metzger, Kuenstler
Christoph Wiedemann, Kunstkritiker, SZ
Klaus Wolbert, Direktor des Instituts Mathildenhoehe der Stadt Darmstadt
Hubertus Gassner, Ausstellungsleiter der Stiftung Haus der Kunst Muenchen

Moderation: Jochen Meister, Kunsthistoriker

IM EINZELNEN:

Die inszenierte Wirklichkeit Vier Podiumsgespraeche ueber das Haus der Kunst

1. Abend: Mittwoch, 7. November 2001, 20 Uhr Die inszenierte Wirklichkeit
"Gueterbahnhof von Athen" - Das Haus der Kunst zwischen Pathos und
Funktionalitaet

"Gueterbahnhof von Athen" nannten die Muenchner im Volksmund das Haus der
Kunst. Bereits diese Begrifflichkeit dokumentiert die Ambivalenz des
monumentalen Gebaeudes am Englischen Garten, das 1937 eroeffnet wurde, um
die nationalsozialistischen Vorstellungen von Bildender Kunst zu
propagieren. Bis heute wird das Haus der Kunst mit beinahe unveraenderter
Architektur fuer Kunstausstellungen genutzt. Der erste Abend der Reihe "Die
inszenierte Wirklichkeit" widmet sich einer Analyse des Gebaeudes und seiner
Geschichte. Nach dem vernichtenden Brand des Glaspalastes 1931 fehlte den
Muenchner Kuenstlervereinigungen ein Ausstellungsgebaeude. 1933 griff Adolf
Hitler ein: der Bau einer neuen Ausstellungshalle wurde zu einem nationalen
Anliegen, Muenchen bekam das "Haus der Deutschen Kunst". Seit seiner
Eroeffnung gilt das Gebaeude als ein Symbol der NS-Kulturpolitik. Das
heutige Haus der Kunst bleibt ein Zeugnis dieser Politik. Hinter seinem
pathetischem Schein verbirgt sich Funktionalitaet. Diese Dialektik wirft in
Hinblick auf die aktuelle Nutzung Fragen auf. Welche Perspektiven ergeben
sich aus dem historischen Ort? Wie wirkt die Architektur? Beeintraechtigt
das Haus die kuenstlerischen Moeglichkeiten seiner Nutzer?

Es diskutieren: Dieter Bartetzko, Architekturkritiker der F.A.Z. Amandus
Sattler, Architekt Moderation: Jochen Meister, Kunsthistoriker

2. Abend: Mittwoch, 14. November 2001, 20 Uhr Die inszenierte Wirklichkeit
"Der erste schoene Bau des neuen Reiches" - Das Haus der Kunst in
Propaganda- und Amateurfilmen aus der Nazi-Zeit

War das "Haus der Deutschen Kunst" das "erste monumentale Werk, mit dem der
Nationalsozialismus an die deutsche Oeffentlichkeit" trat, eine Stein
gewordene Manifestation und Inszenierung von Dominanz und Hybris, so stellen
die NS-Propagandafilme ueber diesen "ersten schoenen Bau des neuen Reiches"
(Hitler) eine weitere Ueberhoehung dieses Anspruchs dar. Mit welchen
Stilmitteln der Propaganda die auch ueber die Kunst transportierten
Allmachtsphantasien der Nationalsozialisten filmisch in Szene gesetzt
wurden, laesst sich beispielhaft an dem Film "Der Tag der Deutschen Kunst"
(1934) eroertern, der die aufwaendige Feier der Grundsteinlegung zum "Haus
der Deutschen Kunst" zeigt. Daneben und in geringfuegigen bis grossen
Abweichungen von der offiziellen Darstellungsweise stehen zwei Amateurfilme,
die die nationalsozialistischen Jubelfeiern zum "Tag der Deutschen Kunst"
1939 mit einem eher "privaten", unzensierten Blick festgehalten haben. Wie
sehr diese seltenen Farbfilmaufnahmen, die das Boese so banal und nah
erscheinen lassen, dennoch der Suggestivkraft des Nazikults verhaftet sind,
soll auf dem Podium diskutiert werden. Schliesslich scheint es im Zeitalter
des Massenmediums Fernsehen angebracht, nachzufragen, in welcher Form das
Medium Film als das "modernste Massenbeinflussungsmittel" (Joseph Goebbels)
unsere Sicht der Wirklichkeit praegt und unseren Blick verfuehrt. An einem
Ort wie dem Haus der Kunst, dessen Symbolhaftigkeit als Vorzeigeobjekt der
Nazi-Architektur so stark war, dass seine Sprengung nach dem Zweiten
Weltkrieg ernsthaft erwogen wurde, laesst sich auch die Frage der medialen
Verarbeitung von Architektur nicht umgehen.

Mit: Lydia Hartl, Kulturreferentin der LH Muenchen, Wahrnehmungspsychologin
Eva Warth, Institut fuer Film- und Fernsehwissenschaft der Ruhr-Uni Bochum
Romuald Karmakar, Filmemacher, u.a. "Das Himmler-Projekt", "Der Totmacher"
Moderation: Mira Beham, Autorin, Publizistin

Die inszenierte Wirklichkeit Vier Podiumsgespraeche ueber das Haus der Kunst

3. Abend: Mittwoch, 21. November 2001, Einlass: 19.30 Uhr Die inszenierte
Wirklichkeit Staatstheater - ausgerechnet hier?

Unter dem Motto "Staatstheater - ausgerechnet hier?" werden provokative
Fragen gestellt: Die Nazis nannten ihre Architektur "Worte aus Stein" - wie
lesen die heutigen Nutzer diese Sprache? Welche Erfahrungen hat Christoph
Vitali, der den Satz "Mauern tragen keine Schuld" praegte, bereits mit dem
Gebaeude und seiner Architektur gemacht? Hans-Joachim Ruckhaeberle steht
fuer ein "politisches Theater", mit Lust auf das "Spektakel des Staates" -
wie sieht er das Verhaeltnis von Staatskunst und Staatstheater? Welche Macht
haben das Theater und die Bildende Kunst tatsaechlich? In welchem
Kraefteverhaeltnis stehen die Kuenste innerhalb ihres gesellschaftlichen und
politischen Umfelds? Hildegard Hamm-Bruecher, Muenchner Ehrenbuergerin und
Zeitzeugin, reflektiert Inszenierungen und Interaktionsformen in der Politik
und die Rolle von Kulturereignissen als politischen Veranstaltungen. Die
Kuenstlerin Sigrid Sigurdsson setzt sich in ihrer Arbeit mit der Gestaltung
von Gedenkstaetten der NS-Zeit auseinander - wie steht sie zum Umgang mit
authentischen Orten? Dieter Bartetzko, Autor von "Zwischen Zucht und
Ekstase - zur Theatralik von NS-Architektur", reflektiert den Grad der
Inszenierung des Gebaeudes. Von 20.05 bis 21.30 Uhr Live-Uebertragung in
Bayern2Radio.

Mit: Hildegard Hamm-Bruecher, Staatsministerin a.D. Sigrid Sigurdsson,
Kuenstlerin Dieter Bartetzko, Architekturkritiker der F.A.Z. Christoph
Vitali, Leiter der Stiftung Haus der Kunst Muenchen Hans-Joachim
Ruckhaeberle, Chefdramaturg des Bay. Staatsschauspiels Moderation: Christoph
Lindenmeyer, Bayerischer Rundfunk

4. Abend: Mittwoch, 28. November 2001, 20 Uhr Die inszenierte Wirklichkeit
"In diesen heil´gen Hallen..." - Ueber Ausstellungen im Haus der Kunst von
1937 bis heute

Die genuine Funktion des Hauses der Kunst liegt in der baulichen Rahmung von
Kunstausstellungen. Ein Gespraech ueber die Ausstellungen lenkt zum
Abschluss der Veranstaltungsreihe "Die inszenierte Wirklichkeit" den Blick
auf die Nutzung des Gebaeudes. Geladen sind vier Gaeste, die sich mit
Ausstellungen professionell beschaeftigen. Der in London lebende Kuenstler
Gustav Metzger, 1926 in Nuernberg geboren, hat beispielsweise 1999
anlaesslich des Projekts "Dream City" im Haus der Kunst und im Kunstverein
Arbeiten geschaffen, welche sich mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzen.
Christoph Wiedemann wird als Kunstkritiker zu den Ausstellungen im Haus der
Kunst Stellung nehmen. Ein Rueckblick stellt die Ausstellungsgeschichte im
Haus der Kunst von 1937 bis heute dar. Kann man von einer symbolischen
"Reinigung" des sogenannten NS-"Kunsttempels" durch Ausstellungen ehemals
verfemter Kuenstler nach dem Krieg sprechen? Wie wurde die Vergangenheit des
Ortes reflektiert? Hubertus Gassner, Ausstellungsleiter der Stiftung Haus
der Kunst, wird seine Erfahrungen im Verhaeltnis zum historischen Ort
darstellen. Dazu wurde Klaus Wolbert geladen, der als Direktor des Instituts
Mathildenhoehe in Darmstadt einen unter positivem Vorzeichen gepraegten Ort
mit Ausstellungen bespielt. Es steht zur Diskussion, inwieweit jede
Ausstellung ein Stueck Fiktion, Manipulation und subjektive Inszenierung
ihres Themas einschliesst.

Mit: Gustav Metzger, Kuenstler Christoph Wiedemann, Kunstkritiker, SZ Klaus
Wolbert, Direktor des Instituts Mathildenhoehe der Stadt Darmstadt Hubertus
Gassner, Ausstellungsleiter der Stiftung Haus der Kunst Muenchen Moderation:
Jochen Meister, Kunsthistoriker

Theater im Haus der Kunst Prinzregentenstrasse 1

Eintritt 12,- DM

Vorverkauf jeweils 14 Tage vor der Vorstellung Tageskassen Max-Joseph-Platz
1 Residenz Theater Max-Joseph-Platz 2 Nationaltheater Prinzregentenplatz 12
Prinzregententheater Gaertnerplatz 3 Staatstheater am Gaertnerplatz Theater-
und Konzertkassen Mueller, Marienplatz-, Stachus-Untergeschoss Montag bis
Freitag 10.00-18.00 Uhr Samstags 10.00-13.00 Uhr Die Abendkassen oeffnen
eine Stunde vor Beginn der Vorstellung

Telefon 089/2185 1940 Fax 089/2185 2185 Ansage 089/2185 2028 Faxabruf
Spielplan 089/2110 4640

Ticketsst-schauspiel.bayern.de www.bayerischesstaatsschauspiel.de

Schriftliche Kartenbestellung Bayerisches Staatsschauspiel, Postfach 100155,
80075 Muenchen

EC- und Kreditkarten werden akzeptiert. Jede Eintrittskarte gilt fuer alle
MVV-Verkehrsmittel zur Hin- und Rueckfahrt. Aenderungen vorbehalten

In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk und der Stiftung Haus der
Kunst Muenchen.

Reference:
ANN: "Die inszenierte Wirklichkeit", Vortragsreihe zum Haus der Kunst, Muenchen. In: ArtHist.net, Oct 26, 2001 (accessed Oct 3, 2022), <https://arthist.net/archive/24659>.

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