Sep 14, 2001

Re: horror and dispair, H-ArtHist editorial

Matthias Bruhn

[We have received a number of messages concering our editorial on the recent
events in the U.S. and we decided to post the following two comments since
they also draw conclusions on our discipline and contain suggestions for
scholarly discussion.
M.B., h-arthist editor]

1)
Kerstin Brandes, brandesw4w.de
Mittwoch, 12. September 2001 21:59

Liebe FreundInnen und KollegInnen,

ich bin wohl nicht die einzige gewesen, die die zweite Haelfte des gestrigen
Tages fassungslos vor dem Fernseher verbracht hat. Der von Rainer Donandt
stellvertretend formulierten Solidaritaetserklaerung kann ich mich nur voll
und ganz anschliessen.

Nach dem ersten Schock stellt sich die Frage, wie mit dem eigenen Entsetzen
und der Betroffenheit angesichts dieses unendlich brutalen Gewaltaktes -
fuer den nach wie vor die passenden Worte fehlen umgegangen werden kann.
Weder die Ausmasse dieser Katastrophe noch die Konsequenzen, die daraus
gezogen werden, sind zu diesem Zeitpunkt abschaetzbar - ja, wohl fuer die
wenigsten ueberhaupt vorstellbar.

Um uns zu informieren und ein Bild zu machen, sind wir zwangslaeufig auf die
mediale Berichterstattung angewiesen. Und ich denke, dies ist genau der
Punkt, an dem wir als Bilder- und MedienwissenschaftlerInnen gefragt sind.
Wenn mediale Repraesentationen unsere Realitaet (mit)produzieren und wenn
diese sich nicht nur ueber das herstellt, was zu sehen gegeben wird, sondern
untrennbar ist von dem, wie es ins Bild gesetzt ist, und wenn - was ja
bereits gesichert scheint das, was sich gestern in den USA ereignet hat, auf
allen Ebenen eklatante Auswirkungen fuer den Rest der Welt haben wird, dann
scheint ein reflektierender Blick auf die informierenden Medien durchaus
notwendig. Welche Bilder werden zu sehen gegeben? Welche Bedeutungen werden
ueber deren Zusammenschnitte nahegelegt? Wie werden sie kommentiert? Welche
Positionen und Meinungen werden hervorgehoben? Wie wird zu offiziellen
politischen Aeusserungen Stellung bezogen? Welche Metaphorik wird bedient?
Wie werden - auch zwischen den Bildern und zwischen den Saetzen welche
Identifikationen fuer das Fernsehpublikum einer globalen Nachbarschaft
angeboten?

Mein spontaner Vorschlag waere daher, einen Austausch darueber zu initiieren
und beginne mit einigen fragmenthaften Eindruecken, die sich im Nachklang
des gestrigen Tages festgesetzt haben:

Das Chaos, das sich in New York und Washington abspielte und abspielt, wurde
gestern nicht nur ueber die Bilder, Augenzeugenberichte und journalistische
Kommentare vermittelt, sondern auch ueber die Art und Weise der
Berichterstattung selbst - die unterbrochenen Interviews, die Fehlschnitte
zwischen einzelnen Beitraegen, die Versprecher der Moderatoren usw. Im Laufe
des gestrigen Tages konnte am Fernseher aber auch mitbeobachtet werden, wie
die vereinzelten Bilder, die nach und nach zur Verfuegung standen und sofort
eingespielt wurden, gegen Abend angefangen hatten, sich durch
Zusammenschnitt und daruebergelegtem sprachlichen Kommentar zu einer
halbwegs kohaerenten Erzaehlung zu verdichten. Versuche, auf der medialen
Ebene 'Ordnung in das Geschehen' zu bringen. Wie wird sich eine Erzaehlung
der Katastrophe etablieren und wie wird sie aussehen? Was wird Bestand haben
und was ausgelassen werden? In welcher Weise werden darueber auch nationale
und kulturelle Identitaetszugehoerigkeit angesprochen oder gestaerkt? Wer
wird als Opfer thematisiert - die vielen Tausend unschuldig Getoeteten, die
USA als Nation und Supermacht, die westliche Welt?

Neben der Suche nach und dem Warten auf neue Bilder, Informationen,
Meinungen und Beurteilungen gab es ebenso viel, das sich bestaendig
wiederholte. Die Aufnahmen des in das WTC rasenden Flugzeugs und der
Zusammenbruch der beiden Tuerme gehoeren sicherlich zu den Bildern, die sich
unausloeschlich in das Gedaechtnis eingeschrieben haben werden. Ebenso waren
aus verschiedenen Muendern Wiederholungen sprachlicher Art zu vernehmen.
Neben Spekulationen ueber moegliche Taeter und deren ausdruecklich
spekulativ gehaltener Verortung in einem islamistisch-fundamentalistischen
terroristischen Feld wurde mehrfach von einem Angriff auf die "zivilisierte
Welt" gesprochen. Welche Redeweisen werden im Gedaechtnis und in der Sprache
bleiben? Welche weltpolitischen und kulturellen Positionierungen werden
damit moeglicherweise geschaffen und fixiert? Wenn diese unvorstellbare Tat
eine Kriegshandlung ist (als die sie erscheint), so findet sie jenseits
nationaler Grenzen statt. Welche 'Grenzverschiebungen' finden hier statt?
Wer gehoert zur 'zivilisierten Welt' und wer sind die (noch nicht benannten)
Anderen? Es sind Stimmen veroeffentlicht worden, die davon sprachen, dass
die Welt nach dem gestrigen Tag sich veraendert haben wuerde. Das ist nicht
von der Hand zu weisen. Aber: Wird hier quasi bereits simultan zum Geschehen
ein neuer 'Bruch' in der Geschichte vorausgesagt, den die Zukunft eventuell
zu erfuellen haben wird? Welche historiografischen Muster werden aktiviert,
um das Geschehen sprechbar zu machen?

Vielleicht geben meine fragmenthaften und unausgereiften Gedanken einen
Impuls fuer eine breitere Diskussion, Meinungsaustausch und
Auseinandersetzung mit dem, was trotz aller Bilder auch einen Tag spaeter
nicht vorstellbar ist.

Kerstin Brandes

2)
Annamaria Ducci, ducciwww.arte.unipi.it

dear colleagues, friends all over the world, thank you so much for the words
you sent.

We all share the same pain, desperation and rage for a crime that no
human being can conceive. It's too much for all of us. I don't have words
today, I won't have tomorrow. I only feel desperation and a sense of
rebellion which grows from my heart, from me as a human. Our world is in
danger; we have to understand that it is not a war between two or more
countries, religions, race. I think we all must engage ourselves to
protect the dignity of the Man, at any latitude. We must refuse violence,
at any degree. As "art historians" -so little thing in the big world
game-, I think we must be "more historians": to preserve the memory of
all cultures, to remember the sense of history, to substain the freedom
of any human being. I think our future is tied also to a critical and
severe approach to our work.

I thank you so much for the possibility accorded to express my feelings.
Hoping for a lighter tomorrow,

Annamaria Ducci
Dipartimento di storia delle arti- Università di Pisa
ducciarte.unipi.it

Reference:
Re: horror and dispair, H-ArtHist editorial. In: ArtHist.net, Sep 14, 2001 (accessed Nov 29, 2022), <https://arthist.net/archive/24647>.

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