CFP: Friedliche Revolution und Transformation (Potsdam, 2-4 Apr 20)

Fachhochschule Potsdam, 02. - 04.04.2020
Deadline: Nov 30, 2019

CFP
Friedliche Revolution und Transformation nach dem Mauerfall als Bildthema in der Kunst, Fachhochschule Potsdam (Potsdam, 2.–4. April 2020)

Der Mauerfall im Jahr 1989 war für viele Menschen nicht nur ein unvorstellbares Ereignis, er ereignete sich auch in einer enormen Geschwindigkeit. Eingeleitet wurde er durch eine Friedliche Revolution, die letztlich in der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland mündete. Der 30. Jahrestag gibt Anlass für diese Tagung.
Der erste Teil der Tagung geht der Frage nach, wie die Themen der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung von Künstlern in Ost- und Westdeutschland sowie im Ausland aufgegriffen und künstlerisch bearbeitet wurden. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die Themen selbst, sondern auch die Frage, wie sich die künstlerische Reflexion über das Thema im Laufe der letzten 30 Jahre verändert hat. Verglichen werden soll, ob sich in den künstlerischen Darstellungen aus der Zeit vor und nach der Wende eine Veränderung feststellen lässt und wie sie sich in einem deutsch-deutschen Vergleich unterscheidet.
Die seitdem begangenen Jahrestage gaben immer wieder Anlass für künstlerische Auseinandersetzungen sowie für Ausstellungen. Schon 1990, ein Jahr nach dem Mauerfall, initiierten der Dramatiker Heiner Müller und die beiden KünstlerInnen Rebecca Horn und Jannis Kounellis die Ausstellung „Die Endlichkeit der Freiheit“, die mit temporären Aktionen und Installationen in West- und Ost-Berlin den Mauerfall thematisierte. Insbesondere anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls fand eine Reihe von Ausstellungen statt, so zum Beispiel die Open-Air-Ausstellung „Friedliche Revolution 1989/90“ auf dem Berliner Alexanderplatz, die Ausstellung „20 Jahre Deutsche Einheit – 20 Große Deutsche Maler“ im Kunstforum Berliner Volksbank und in der Johanneskirche Berlin sowie die Ausstellung „20 Jahre Mauerfall – 20 Deutsche Maler“ in der Johanneskirche Saarbrücken. Feierten diese Ausstellungen noch den Mauerfall, so konzentrierte sich das Germanische Nationalmuseum Nürnberg im selben Jahr in seiner Ausstellung „Kunst und Kalter Krieg. Deutsche Positionen 1945–1989“ auf den 60. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, wobei Künstler aus West- und aus Ostdeutschland ausgestellt wurden. Neben verschiedenen Ausstellungen bildete zum 25. Jahrestag eine Lichtinstallation entlang des ehemaligen Mauerverlaufs quer durch Berlin den Höhepunkt. 2019 nun thematisiert eine Open-Air-Ausstellung die Geschichte der Friedlichen Revolution, indem sie historisches Film- und Bildmaterial aus der Umbruchzeit von 1989/1990 an Originalschauplätzen im gesamten Berliner Stadtgebiet projiziert, und bei der Kunstinstallation „Deine Vision im Himmel über Berlin“ von Patrick Shearn sollen im November 30.000 Botschaften über der Straße des 17. Juni schweben. Hauptsächlich zeigen dieses Jahr jedoch verschiedene Ausstellungshäuser Kunst aus der DDR, etwa die Kunsthalle Rostock mit der Ausstellung „Palast der Republik. Utopie, Inspiration, Politikum“ und das Museum Kunstpalast in Düsseldorf mit der Ausstellung „Utopie und Untergang. Kunst in der DDR“. In diesen Ausstellungen steht mithin nicht der Mauerfall, sondern die Kunst der DDR im Fokus. Neben Analysen von Kunstwerken, die explizit für eine der Ausstellungen zum Mauerjubiläum entstanden, sind Analysen einzelner künstlerischer Arbeiten zu diesem Thema auf der Tagung willkommen.
Der zweite Teil der Tagung untersucht die formale und inhaltliche Entwicklung des Œuvres von Künstlern aus dem geteilten Deutschland in den 30 Jahren nach der Wiedervereinigung. 30 Jahre nach dem Mauerfall hat sich das Interesse an der Kunst aus der DDR ebenso stark gewandelt wie auch ihre Bewertung. Wurde ihr anfänglich als Auftragskunst und aufgrund des vermeintlichen Fehlens künstlerischer Freiheit teilweise sogar der Kunststatus abgesprochen (Bilderstreit), ist nunmehr das kunsthistorische Interesse geweckt. Doch während sich Kunstwissenschaft und Ausstellungshäuser hauptsächlich mit dem Vorwende-Œuvre der in der DDR geborenen Künstler beschäftigen, untersucht die Tagung nun die Bildgenese vor und nach dem Mauerfall. Insbesondere interessiert hierbei, ob und wie sich das Werk der in der DDR lebenden Künstler durch den Mauerfall veränderte und ob sich in ihren künstlerischen Arbeiten der Freiheitsgewinn durch die Wiedervereinigung ausdrückt.
Berücksichtigt werden muss, dass sich die Kunst in der DDR natürlich auch im Zeitraum zwischen 1949 und 1989 stark verändert hat, und längst belegt die gegenwärtige Forschung, dass Bezeichnungen wie DDR-Kunst oder Sozialistischer Realismus unzulänglich sind. Der Einheitsbegriff, der sich in einer topologischen Zuschreibung über einen Zeitraum von 40 Jahren begründet, greift zu kurz. Dazu haben sich die politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen viel zu stark verändert. Diese Veränderungen können sowohl im Œuvre einzelner Künstler als auch in der künstlerischen Stilgenese aufgezeigt werden. Somit kann der Mauerfall sicherlich als eine große Zäsur in der deutschen Kunstgeschichte gesehen werden, doch das Problem von Zäsuren ist, dass man sie an großen politischen Ereignissen festmacht, denen vielfach kulturelle und soziale Entwicklungen vorausgingen. Ohne diese kulturellen und sozialen Entwicklungen wäre der Fall der Mauer wohl nicht eingetreten. Die politische Lockerung auf kultureller Ebene in der DDR seit den 1970er Jahren etwa lässt sich in der Kunst der später 1970er und 1980er Jahre nachvollziehen, wie sie in der derzeitigen Ausstellung Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst im Museum der bildenden Kunst in Leipzig zu sehen ist. Die dort ausgestellten Werke lassen sich dem Stilbegriff des Sozialistischen Realismus eben gerade nicht subsumieren.
Trotz dieser Erkenntnis fällt auf, dass Forschungsarbeiten und Ausstellungen zum Thema Kunst der DDR sich auf den Zeitraum 1949–89 konzentrieren und dabei die künstlerische Entwicklung nach 1989 aus dem Blick gerät. Die Tagung widmet sich nun dieser Forschungslücke und untersucht, ob sich durch den Fall der Mauer die Werke ostdeutscher Künstler in ihrer Bildgenese
formal neuen künstlerischen Ausdrucksformen zuwandten und politische Themen, insbesondere kritische Positionen zu Politik, Gesellschaft und Kultur, angesprochen wurden.
Bei der Tagung sollen jedoch nicht nur die künstlerischen Veränderungen in Ostdeutschland nach dem Mauerfall untersucht werden. Vielmehr soll der Blick auch gegen Westen gerichtet werden. Zu fragen ist dabei etwa, inwieweit die aktuellen Themen der deutsch-deutschen Wiedervereinigung auch von westdeutschen Künstlern aufgegriffen wurden und inwieweit sich die Westkunst durch die Kunst der DDR verändert hat.
Als Ausgangshypothese dient die Annahme, dass in den beiden deutschen „Frontstaaten“ des Kalten Krieges auch die Künste trotz ihrer gegensätzlichen weltanschaulich-ideologischen Ausrichtungen in ihren wesentlichen Praktiken und Leitbildern aufeinander bezogen und miteinander verflochten waren. Diese Überlegungen knüpfen an Forschungsmethoden der neuesten Geschichte und der Zeitgeschichte an, die nunmehr eine deutsch-deutsche Verflechtungsgeschichte schreiben. Dass die Geschichte der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts nicht immer als eine deutsch-deutsche Geschichte verstanden wurde, belegen Ausstellungen und Kataloge zur deutschen Kunst im 20. Jahrhundert, die lediglich die Westkunst thematisieren. Überlegungen zur deutsch-deutschen Verflechtungsgeschichte fehlen in der Kunstgeschichte bis dato. Dass die Künste in den beiden Bruderstaaten ohne die Untersuchung der künstlerischen Praktiken im jeweils anderen Staat nur in Ansätzen verstanden werden kann, wurde bis jetzt nicht thematisiert. Angesichts dessen liegt der Fokus der Tagung auf der wechselseitigen Einflussnahme der west- und ostdeutschen Kunst nach dem Mauerfall. Von Interesse ist somit nicht nur, inwieweit sich die Kunst der Künstler der DDR nach dem Mauerfall verändert hat, sondern auch, inwieweit die Darstellungsweise der Westkunst sich von der Kunst der DDR hat beeinflussen lassen. Eine große Erfolgsgeschichte schrieben beispielsweise Künstler wie Neo Rauch und die Neue Leipziger Schule. Solche Erfolgsgeschichten bleiben nicht ohne Effekte, die sich auch in künstlerischen Werken im Westen niederschlagen.

Ein Exposé für einen 30-minütigen Vortrag sowie einen kurzen Lebenslauf senden Sie bitte bis zum 30. November 2019 per E-Mail an Prof. Dr. Susanne König, FH Potsdam, koenigfh-potsdam.de.

Unter Voraussetzung der Bewilligung des Förderantrags können für die Referenten und Referentinnen die Kosten für Anfahrt, Übernachtung und gemeinsame Verpflegung ersetzt werden. Die Tagungsbeiträge werden in einer Publikation veröffentlicht.

Reference:
CFP: Friedliche Revolution und Transformation (Potsdam, 2-4 Apr 20). In: ArtHist.net, Sep 11, 2019 (accessed Sep 18, 2019), <https://arthist.net/archive/21543>.

Contributor: Prof. Dr. Susanne König

Contribution published: Sep 11, 2019

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