CFP: Moral Cultures (Paderborn, 19-22 Sep 18)

Paderborn, 19. - 22.09.2018
Eingabeschluss: 30.06.2017

DGEJ-Jahrestagung 2018
Kulturen der Moral

[English version below]

Kein Begriff ist im 18. Jahrhundert so zentral wie der der Moral. Einiges spricht dafür, mit Niklas Luhmann die „Universalisierung moralischer Ansprüche“ als zentrales Übergangs-stadium innerhalb der Ausdifferenzierung der Gesellschaft anzusehen. Denn sie drängt nach und nach die Dominanz der Religion zurück, ermöglicht den Vorstoß zu neuen pädagogischen (Pestalozzi, Weiße u. a.) und psychologischen Problemstellungen (Erfahrungsseelenkunde) und bildet die Basis für im 19. Jahrhundert weiterentwickelte politische wie juristische Konzepte (z. B. Straftheorien), auf denen die modernen westlichen Gesellschaften aufbauen. Sozialwissenschaftliche Ansätze haben seit jeher betont, dass die Präsenz des Moral-Begriffs eng an das Selbstverständnis des aufstrebenden (Bildungs-)Bürgertums in Abgrenzung vom Adel geknüpft ist, wie es in Publikationen wie Carl Friedrich Bahrdts Handbuch der Moral für den Bürgerstand (1790) kulminiert.
Moral ist aber auch das zentrale Moment, das über weite Strecken des 18. Jahrhunderts hinweg die Praxis und Theorie der verschiedenen Künste bestimmt, die aus den als ‚unmündig‘ beschriebenen Bürgern ‚mündige‘ machen sollen. Mit Blick auf Kunst und Literatur wird die Geschichte oft so erzählt, dass im Zuge des Übergangs vom frühaufklärerischen Rationalismus zur Empfindsamkeit auch die moralische Verpflichtung nach und nach einer Autonomieästhetik gewichen sei, die der Kunst einen in sich selbst liegenden Wert zuerkennt und sie so von allen außerhalb ihres Systems liegenden Anforderungen frei macht. Diese Erzählung – so richtig sie aus der Makroperspektive ist – hat aber ihre Tücken, weil z.B. die Programme der Weimarer Klassik letztlich auf einer höheren Ebene doch wieder Bildungsziele verfolgen und Schiller nicht ohne Grund die Schaubühne als ‚moralische Anstalt‘ versteht. Außerdem setzt diese Sichtweise eine einigermaßen klare Grenzziehung zwischen den Epochen voraus, die längst nicht mehr haltbar ist. Indem die Loslösung der Kunst von moralischen Aufgaben häufig als Befreiungsschlag aufgefasst wird, der erst das moderne Kunstverständnis hervorbringe, übersieht ein ohnehin selektiv auf das späte 18. Jahrhundert konzentrierter Kanon, dass auch diese ‚Emanzipation‘ nur durch die Umstellung auf den Begriff der Moral als zentrales Moment des Leitdiskurses möglich geworden ist.
Die Omnipräsenz dieses Begriffs macht es nötig, näher zu beleuchten, welche konkreten Folgen die Ausrichtung einer ganzen Gesellschaft auf Moral in den verschiedenen Bereichen hat. Der Blick auf die Aufklärungsdebatten zeigt, dass es hier keine einfache Antwort gibt, sondern dass die Aufklärer über verschiedene Lösungsstrategien erst diskutieren. Die Verpflichtung auf Moral wirft Probleme auf, die die späteren Entwicklungen bedingen. Während am Anfang des Jahrhunderts mit rationalistischen Moralkonzepten argumentiert wird, die eine offenkundige Belehrung des Publikums zulassen – sei es durch philosophische oder andere theoretische Schriftwerke, sei es durch Dichtung und allegorische Bildkunst mit expliziter Ausdeutung –, setzt sich mit der Rezeption der moral-sense-Theorien und durch die Kunsttheorie Johann Jacob Breitingers schrittweise die Auffassung durch, man müsse die breite Masse zum Selbstdenken und zur eigenständigen Urteilskompetenz bringen, womit explizite Belehrungen ‚von oben herab‘ nicht mehr vereinbar sind. Wenn freilich Moral¬didaxe nicht mehr auf einen Lehrsatz zurückgeführt werden kann, sondern zu einer abstrakten und impliziten Aufgabe wird, entbrennt erst recht die Debatte um das Erreichen moralischer Wirkungen, die schließlich nur von der Oberfläche und nicht substantiell verdrängt werden darf. Paradigmatisch ist hier Lessings Konzeption des Mitleids zu sehen, die zugleich verdeutlicht, welch gravierende Konsequenzen die Diskussion und Antizipation von moralischen Wirkungen für die ästhetischen Organisationstrukturen von Kunstwerken und Literatur hat.
Die Jahrestagung geht vor diesem Hintergrund von der Prämisse aus, dass die zentrale Bedeutung von Moral nicht nur auf den zahlreichen Ebenen gesellschaftlicher und ästhetischer Diskurse verschiedene Gesichter aufweist, sondern dass sich darüber hinaus – gerade auch in zeitlich-historischer Hinsicht – eine Pluralität unterschiedlicher Moralkulturen ausbildet. Dahinter steht die Beobachtung, dass Moral diskursiv überall präsent ist und es gesellschaftlich zum guten Ton gehört, dass moralisches Verhalten gezeigt und in diesem Sinne bewusst ‚gelebt‘ wird, etwa durch die gemeinsame Kunstgenuss und dessen kritische Beurteilung – sei es im direkten persönlichen Kontakt (Geselligkeit), im Briefverkehr oder in Form einer kritischen Öffentlichkeit, wie sie in den Journalen der Zeit entsteht. Schließlich ist man im 18. Jahrhundert bestrebt, den Zugang zur Diskussion über moralische Fragen möglichst vielen Menschen zu ermöglichen, weshalb in den Moralischen Wochenschriften eben nicht nur Gelehrte über Moral sprechen. Vielmehr werden gezielt Dialoge und Briefe abgedruckt, die authentische oder fiktive Verfasser ohne akademischen Hintergrund und vor allem auch Verfasserinnen haben. Darüber hinaus impliziert der Begriff der ‚Kultur‘ den für das aufklärerische Weltbild zentralen Gedanken, dass Moralität ein Garant für Kultiviertheit und zivilisatorischen Fortschritt ist. Aus diesem Grund ist moralische Urteilskompetenz eng verbunden mit der Fähigkeit zum kritischen Denken überhaupt, weshalb musische Bildung letztlich das Moralbewusstsein zu schulen in der Lage sei. Dem steht freilich recht früh bereits die These entgegen, dass Moralität als etwas Angeborenes durch Zivilisation erst gefährdet wird, was sich in der Aufwertung ‚naiver‘ bzw. ‚barbarischer‘ Kulturen nieder-schlägt, die wie im Fall der Geschichte von Inkle und Yariko auf einmal moralischer sein können als die der zivilisierten Europäer. Der Bezug auf Moral wird so zum zentralen Element, aufgrund dessen sich die westeuropäischen Gesellschaften definieren und sich sowohl zeitlich von früheren Kulturen wie auch topographisch von den ‚Wilden‘ anderer Kontinente abzugrenzen versuchen.
Aufgrund der skizzierten Bedeutung der Moral für das 18. Jahrhundert sowie der Komplexität des Phänomens erscheint es nahe liegend, dem Begriff in seiner Gesamtheit im Rahmen einer DGEJ-Jahrestagung nachzugehen. Neben makroperspektivischen Überlegungen zur Funktion und Stellung des Moraldiskurses im 18. Jahrhundert (Sektion 1) sollen exemplarische Studien Raum finden, um das Feld möglichst umfassend zu beleuchten. Dabei gilt das Interesse sowohl den philosophischen und theologischen Grundlagen (Sektion 2) als auch dem konkreten gesellschaftlichen Niederschlag dieser im Bereich der Staatstheorien (Sektion 3), der Bestimmung der eigenen moralischen Kultur im Vergleich mit anderen (Sektion 4) wie des gesellschaftlichen Miteinanders (Sektion 5). Zudem gilt es sowohl die Frage nach der Möglichkeit von Kulturen der Amoralität (Sektion 6) als auch nach den spezifischen Kommunikationsstrategien zu stellen ist, die die Moralkulturen ausbilden (Sektion 7). Schließlich widmet sich die letzte Sektion dem Anspruch der Aufklärung, moralische Ziele auch durch Kunstproduktion zu verfolgen, indem die entworfenen theoretischen Konzepte und praktische Umsetzungsversuche beleuchtet werden (Sektion 8).

Sektionen:
1. Moralkulturen im 18. Jahrhundert
Diese Sektion ist übergeordneten theoretischen Überlegungen zu Begriff und Rolle der Moral im 18. Jahrhundert gewidmet. Zu fragen ist insbesondere, aus welcher historischen Situation heraus Moral für das 18. Jahrhundert von Bedeutung wird und wie der Abschluss dieses Leitdiskurses zu bewerten ist. Dies betrifft einmal die zeitliche Verortung: Lassen sich Anfang und Ende überhaupt einigermaßen konkret festlegen? Weiterhin ist aber auch zu fragen, welche makroperspektivischen Ansätze, die die Einzelbeobachtungen der anderen Sektionen transzendieren, die prägnante Rolle von Moral im 18. Jahrhundert erklären können (Ausdifferenzierung der Gesellschaft, Beginn der Moderne, Sattelzeit-Theorie u.a.). Inwiefern lassen sich in dieser Zeit von Kulturen der Moral sprechen bzw. welche übergeordneten Strukturen verbinden diese zu ein und derselben Kultur?

2. Moral, Ethik, Religion
Diese Sektion soll auf die philosophischen Schriften über Moral aus dem 18. Jahrhundert ein-gehen und dabei nicht zuletzt die Interdependenzen von Moralphilosophie, Ethik und Religion beleuchten. Entsprechend der Virulenz des Themas gibt es zahlreiche Entwürfe hinsichtlich dessen, was Moral ist und welche gesellschaftliche Rolle ihr zukommen soll. Während ratio¬nalistische Ansätze noch stärker darauf setzen, dass moralisches Urteilsvermögen erlernt werden kann, entsteht im Zusammenhang mit der moral-sense-Theorie auch die gegenteilige Auffassung. Sie sieht moralische Kompetenz als etwas Angeborenes, das bestenfalls kultiviert werden kann. In engem Zusammenhang damit steht die Diskussion über die Rolle der Religion, die einerseits insofern zurückgedrängt wird, als sie ihren Sinn/Wert nun immer weniger in sich selbst hat, sondern – im Sinne von Lessings Ringparabel – moralisch erst legitimiert werden muss. Andererseits spielt gerade die intimere Ausübung von religiöser Praxis im Rahmen des Pietismus eine zentrale Rolle für die Ausbildung moralischer Kompe¬tenz. Beide Entwicklungstendenzen differenzieren notwendig zu einfache Säkularisie¬rungs¬auffassungen.

3. Der moralische Staat
Die Leitfunktion der Moral führt zu einem veränderten Verhältnis zwischen Individuum und Staat und damit zu neuen politischen wie juristischen Konzepten. Im Gegensatz zum Absolu-tismus des 17. Jahrhunderts werden nun auch an den Herrscher moralische Anforderungen gestellt, die einen ‚guten‘ von einem ‚schlechten‘ Regenten unterscheidbar machen. Außer¬dem wird unter dem Stichwort der Menschlichkeit die Reform des Strafvollzugs angestoßen, deren ‚menschliche‘ Bewertung der Hinrichtungsmethode durch die Guillotine nur die zugespitzteste Form bildet. In diesem Zusammenhang ist deshalb das Verhältnis von Moral und Gemeinwohl generell zu diskutieren, sei es in Form von Staatskonzepten wie dem des aufgeklärten Absolutismus, sei es mit Blick auf spezielle Fragen staatlicher Machtausübung beispielsweise im juristischen Bereich.

4. Moralkulturen – zeitlich und topographisch
Diese Sektion widmet sich dem Problem, inwiefern sich die westeuropäische Welt als einheitliche Moralkultur von anderen zu unterscheiden versucht. Dabei kommen Abgren-zungen der eigenen Kultur als ‚fortschrittlicher‘ gegenüber denen früherer Jahrhunderte in Frage, allerdings auch gegenüber den Gesellschaften der Eingeborenen jener unentdeckter Länder, die über Reiseberichte u. Ä. nach Europa dringen. Dabei ist insbesondere zu unter-suchen, welche Bilder von diesen anderen Kulturen im Hinblick auf Moralität gezeichnet werden: Handelt es sich um ‚barbarische‘ Völker, die völlig unmoralisch leben oder gerade um das Gegenteil, um eine unverfälschte ‚ursprüngliche‘ Lebensweise, die der zivilisierten immer überlegen ist? Welche Konzepte liegen dazwischen?
Zweitens ist die Frage nach innereuropäischen Moralkulturen zu stellen. Auf der einen Seite lässt sich mit Paul Hazard um 1700 der Beginn eines gemeinsamen europäischen Denkens ansetzen, das den für die Universalität von Moralfragen so wichtigen stets unabgeschlossenen Prozess kritischen Denkens in Gang setzt. Auf der anderen Seite weisen allein die philosophischen Moraldiskurse im 18. Jahrhundert in den verschiedenen europäischen Ländern unterschiedliche Schwerpunktsetzungen auf, die interdisziplinär und kompara¬tistisch auszuloten sind. Eine für die Moraldiskussion relevante Mentalitätsgrenze dürfte nicht zuletzt zwischen Nord- und Südeuropa verlaufen, wobei sowohl die jeweilige konfessionelle Prägung der kulturellen Rahmenbedingungen als auch der mit der Antikerezeption eng verknüpfte Italiendiskurs von Bedeutung ist.

5. Moral im Alltagsleben
Moral im Alltagsleben erstreckt sich einerseits auf die Etablierung bestimmter Praktiken, die moralbildend wirken sollen bzw. dazu führen, dass Moral tatsächlich ‚gelebt‘ wird. Dabei dürfte das gemeinsame Lesen von Moralischen Wochenschriften und ähnlicher Publikationen einschlägig sein, aber auch gesellschaftliche Praktiken wie lebende Bilder oder Geselligkeit im Allgemeinen. Anderseits ist aber auch das Phänomen zu berücksichtigen, dass sich die Moral zunehmend individualisiert und verinnerlicht wird, etwa in dem Sinne, dass sich die Reinheit einer Jungfrau nun auch auf ihre Seele erstreckt. Geschlechterübergreifende Freundschaften wer¬den möglich durch das Vertrauen auf das von Geburt an vorhandene und nur zu kultivierende Moralgefühl des Einzelnen. Hier sind entsprechend auch Fragestellungen zu verorten, die das Verhältnis von Moral und Liebe, Freundschaft, Ehe oder Familie betreffen. Insbesondere muss hier auch auf das Selbstverständnis der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, vor allem des Bürgertums, eingegangen werden, das diese veränderten Familien- und Freund¬schaftsstrukturen wesentlich initiiert.

6. Amoralität als Herausforderung der Moralkultur
Mit der Profilierung von Moral als Leitdiskurs geraten notwendig auch die Alternativen von Moral in den Blick, die einerseits in Abgrenzung zum Moraldiskurs des 18. Jahrhunderts, andererseits in Verschränkung mit ihm zu betrachten sind. Dazu gehört nicht nur vor dem Hintergrund des (bürgerlichen) Moralbegriffs jetzt gerade in Deutschland stark kritisierte französische Tradition von Libertinage und Galanterie. Das 18. Jahrhundert kennt im Rahmen von Rokoko und Anakreontik auch eine Kultur der erotischen Anzüglichkeit, nicht zuletzt in der Malerei (Fragonard, Baudouin), die von ihren Kritikern als unmoralisch abgelehnt, von ihren Verteidigern aber in die Moralerziehung integriert wird, wie das Beispiel Wieland zeigt. Nicht zuletzt sind eine Reihe von pornographischen Texten überliefert und der Verlust weiblicher Tugend wird ein beliebtes literarisches Motiv (Richardson, Choderlos de Laclos). Außerdem kommen Moral und Amoral um 1800 vermehrt in der Figur des edlen Räubers zusammen und bilden damit eine diskussionswürdige Spannung.

7. Kommunikationsweisen der Moral
Das 18. Jahrhundert ist durch den Aufstieg einer Reihe von neuen Medien gekennzeichnet, die ihrerseits eine neue Sprache ausbilden, die wesentlich zur Etablierung von Moral als Leitvorstellung beiträgt. Zu untersuchen wären diese Kommunikationsstrategien im linguisti-schen, kulturwissenschaftlichen und medientheoretischen Sinne: Wie wird über Moral kom-muniziert, in welchen medialen Zusammenhängen und welche distinkten Kommuni¬kations-weisen bildet sie sich hier aus? Wodurch zeichnet sich ‚moralisches‘ Sprechen aus? Darüber hinaus gilt es aber auch den Zusammenhängen mit anderen Diskursen nachzugehen: Wie verhält und verändert sich moralisches Sprechen im Kontext von Rationalität, Vernunft und Empfindsamkeit, Aufrichtigkeit, Gründlichkeit oder Anstand? Inwieweit erstrecken sich diese Kommunikationsweisen auf bestimmte Zielgruppen (Gelehrte vs. Ungelehrte, Erwachse¬ne, vs. Kinder, Frauen vs. Männer usw.)? Welches Verhältnis besteht zum kritischen öffentlichen Diskurs bzw. zu aufkommenden ‚gelehrten Polemik‘?

8. Moral in ästhetischer Theorie, Literatur und Künsten
Dass ihre moralische Wirkung die Kunst legitimiert und der Anspruch deshalb sein muss, möglichst viele Menschen mit ihr in Kontakt zu bringen, ist einer der Gemeinplätze der Aufklärungsforschung. Selten wird allerdings danach gefragt, welche konkreten Strategien die ästhetische Theoriebildung entwirft, um dieses Ziel umzusetzen. Von Interesse sind dabei nicht nur Ausmaß und Ausprägung, die die Umsetzung moraldidaktischer Ziele innerhalb ästhetischer Theoriebildung annimmt. Zu diskutieren ist darüber hinaus, welche Entwick-lungen sich in dieser Hinsicht im Laufe des 18. Jahrhunderts ergeben – etwa im Hinblick darauf, bis zu welchem Grad das Publikum die moralische Belehrung als solche wahrnehmen darf oder sie implizit vermittelt werden muss und welche Rolle solche Aspekte in der Herausbildung von späteren Konzepten wie dem einer autopoetischen Kunst spielen.
Es soll auch an konkreten Beispielen gezeigt werden, inwiefern es besondere Formen, Gattungen und künstlichere Mittel gibt, die der moraldidaktischen Programmatik besser gerecht werden als andere und daher stärker frequentiert werden. Mit Blick auf die Literatur wäre dabei besonders an den Bereich der Lehrdichtung zu denken, während die bildende Kunst etwa mit allegorischen Darstellungen arbeitet. Allerdings findet im Laufe des 18. Jahrhunderts im Rahmen der Internalisierung der Moral auch eine Abkehr von solchen offensichtlichen Strukturen statt, ohne dass der moralische Anspruch aufgegeben würde. Welche Strategien werden hier in den verschiedenen Künsten entwickelt, um dem Problem gerecht zu werden? Setzen sich diese Strategien nachhaltig durch oder kehrt die Spätauf¬klä-rung – in Abgrenzung von den klassischen und frühromantischen Positionen – sogar wieder zu expliziteren Methoden der Moralvermittlung zurück?

Prof. Dr. Lothar van Laak
Dr. Kristin Eichhorn
Neuere deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft
Fakultät für Kulturwissenschaften
Universität Paderborn
Warburger Str. 100
D-33098 Paderborn

Exposés (im Umfang von 300 Wörtern) zu einem Vortrag von 20 Minuten Länge senden Sie bitte zusammen mit einem kurzen CV (1 Seite) bis zum 30. Juni 2017 an:

Lothar.van.Laakuni-paderborn.de
keichmail.uni-paderborn.de

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Deutsche Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts
Annual Conference Moral Cultures
(Paderborn, September 19-22, 2018)

Hardly any term is as ubiquitous during the 18th century as the term ‘morale’. For Niklas Luhmann the ‘universalization of moral demands’ is a pivotal trigger in the ongoing transformation of society from stratified to functional differentiation: It forces back religion’s dominance, gives way to those new pedagogical (e. g. Pestalozzi, Weiße), psychological (Erfahrungseelenkunde) and political or juridical concepts (democracy, theories of penalty) that modern societies are based on. Furthermore, the omnipresence of morale is intertwined with the way an aspiring bourgeoisie defines itself and its educational values in opposition to nobility (see Carl Friedrich Bahrdts Handbuch der Moral für den Bürgerstand, 1790).
In addition to these social developments, morale is also the key element of the 18th-century aesthetic discussion since arts and literature aim at transforming uneducated masses into responsible and mature citizens who are able to tell right from wrong, and therefore make useful members of society. This is even true of concepts like that of Autonomieästhetik around 1800. Schiller’s classical approach still sees theatre as an institution of morale (moralische Anstalt), although the aesthetic ideals of both Weimarer Klassik and Romanticism have often been set apart from those of the Enlightenment.
Morale’s domination of both academic discourse and everyday life during the 18th century, its forms and consequences need to be studied thoroughly in order to truly understand the culture of the time. In fact, contemporary debates show that there is no simple answer to the question of morale in the 18th century itself. On the contrary, the need to include morale into every aspect of life causes a number of problems. For example, it remains unclear what specific measures are to be taken in order to facilitate the moral education of the people. In the early 18th century, most scholars choose a rational approach. Such an approach leads to the ascent of literary genres that offer an explicit lesson or advice to the reader, just like the ‘morale’ of the fable, one of the most popular genres at the time. During the 18th century this rational approach draws more and more criticism. The philosophy of moral sense, as an alternative, establishes the ideal of an integral education that enables individuals to judge for themselves, not having to rely on a set of ‘lessons’ they were given by an academic elite. Now, having an explicit morale at the end of a literary text is even considered hurtful to the goal of making the reader a better person – not only because reality is too complex to capture everything a person has to know in a single sentence, but also because a mature audience, the one the Enlightenment wants to create, will not appreciate being spoken to as children who know nothing of the world. Once the discussion reaches this point, of course, even more attempts are made to solve the conflict. As long as giving up the goal of moral education altogether is not an option, which it finally will be around 1800, the ‘problem of morale’ remains central giving way to what can be called the different ‘moral cultures’ the conference would like to explore.
The term ‘moral culture’ refers, on the one hand, to the fact that the question of morale in the 18th century is not just an academic or aesthetic problem, but defines large parts of everyday life. People read moral weeklies and find joy in extending and constantly questioning their faculties of judgment. Behaving morally is a requirement for anyone who wants to be part of society; critique becomes a matter of public interest. Bon ton requires a certain amount of display of one’s morality, which is truly to be lived through joined enjoyment and critical assessment of art – whether in the direct personal contact of family life or reading societies or, at more distance, in writing (letters, public journals etc.). Using the term ‘culture’ also implies that morale is an essential requirement for cultivated existence and the progress of civilization – a crucial general idea of the Enlightenment’s worldview. For this reason moral judgment is seen to be a predicament of critical judgment as such, so aesthetic education becomes a relevant basis of moral schooling. Of course, there is the opposite point of view we can see in story of Inkle and Yariko about the ‘barbarian’ who has higher moral standards than the civilized European. This story illustrates that morality is something one is born with and faces the danger of being lost in the course of civilization. These opposite views both show how western societies use morale to define themselves in contrast to ‘naïve’ cultures that either existed in the past or that are found in other regions of the earth in the course of the discovery and the conquest of new continents.
On the other hand, we emphasize the plural of ‘morale cultures’ to accentuate that the central function of morale not only comes along with many different shapes on the numerous levels of social and aesthetic discourse but furthermore develops a plurality of distinct moral cultures. The reason for this is primarily that the 18th century aims to make access to moral discussion available for a great amount of people. Not only scholars get to voice their thoughts in moral weeklies but also ‘common’ folks and especially women, represented in dialogues and letters by authentic or fictional authors.
The 2018 Annual Conference of the German Society for Eighteenth Century Studies (DGEJ) wants to provide scholars in relevant fields with the opportunity to take the importance of morale during the 18th century seriously, and initiate an intense ongoing discussion about the complexity of the phenomena which we believe will prove to be extremely fruitful for future studies. The following eight sections offer suggestions and potential research questions to inspire proposals for the conference.

Sections:
1. Moral Cultures in the 18th Century
This section gives room for major theoretical reflection on morale, both on the term and its specific role in the 18th century. Papers can address the particular historical background which leads to the ascent of morale as a crucial concept of discourse or raise the question when, how and why this phase comes to an end. What other macro-level theoretical concepts are useful to describe or elaborate the individual potential outcomes of the other section (e. g. Luhmann’s differentiation of society, beginning of modernism, Sattelzeit). What does it mean to use the term ‘moral cultures’? Which distinct cultures of morale can be found? Which are the underlying similarities that suggest the existence of only one moral culture or a superstructure that brings the different versions of morale cultures together?

2. Morale, Ethics and Religion
This section gives room to discuss works of philosophy and theology on morale from the 18th century and to highlight interdependences between moral philosophy, ethics and religion. Since the topic is vivid there are numerous reflections on the concept of morale and its role in society. While rationalistic approaches tend to claim that moral judgment can be taught and learned, the theories of moral sense see morale as something every individual has a natural understanding of which can only be cultivated or protected from disfiguration. The importance of religion is now based on its moral achievements (as in Lessings Nathan der Weise). An intimate practice of religion outside the church comes into practice (Pietism) in close relation to questions of morale. Both of these developments help overcome simplified theories of secularization during the Enlightenment.

3. Morale in Politics and Law
The leading function of morale results in a different relationship between individual and government, reflected in new political and juridical concepts. In opposition to absolutism, the most important form of government in the 17th century, the ruler now has to meet certain moral standards to be seen as a ‘good’ head of state. In other countries, the concept of monarchy is eliminated altogether – sometimes successfully like in the foundation of the United States, sometimes only temporarily like in France. The moment former subjects are considered humans, more humanitarian forms of punishment are discussed (the best-known example is, of course, the guillotine). We invite scholars to discuss the various aspects of morale and public welfare in all fields of political or legal reforms as well as constitutional aspects.

4. Moral Culture – Time and Place
This section wants to explore the nature of a western moral culture in comparison and in opposition to other moral cultures that can be situated in the past (Ancient Greek, Middle Ages) or on different continents the civilized world gets to read about in the accounts by travelers that flood the book market. Attention should be paid to how the ‘barbarian’ or ancient cultures are described in terms of morale: Are they immoral people or just the opposite representing an unadulterated way of living that is always superior to more progressive societies? What concepts lie in-between?
In addition, we have to ask whether there really are uniform western moral cultures or if the same procedures of delineation can be found inside the western world, e. g. between different European countries or between Europe and the western societies on the American continent. On the one hand, Paul Hazard observes the emerge of a mutual European thinking around 1700 when the never-ending process of critical thinking, which is so crucial to questions of morality, comes put into motion. On the other hand, the philosophical discussions of morale during the 18th century alone each have a different focus that has to be taken into consideration. An important frontier of mentality (and there are certainly others that are less talked about) surely runs between the north and the south of Europe. There is, for instance, the specific aura of Italy where many artists go to get in touch with the Ancient World or the Renaissance.

5. Morality in Everyday Life
On the one hand, this section explores the establishment of strategies to secure moral’s place in everyone’s life and promote moral behavior on a daily basis, such as joined reading of moral weeklies and other publications of the sort but also common practices like living pictures or social gatherings in general. On the other hand, a growing individualization and internalization of morale takes place, e. g. in the sense that a virgin’s purity now includes her soul. Friendships between the sexes are made possible by the faith in every human’s natural moral sense; other research areas include the relation between morale and love, marriage and family. They have to be considered in the light of the various social classes for it is the bourgeoisie which plays an important part in initiating these altered concepts of family and friendship.

6. Immorality
As morale becomes an omnipresent and, seemingly, omnipotent factor, alternatives to this dominance gain importance. They are in part created in direct opposition to the discourse of morale but also intertwined with it. There is, for example, the culture of libertinage and gallantry, which has been heavily criticized from the bourgeois standpoint, or the erotically teasing artworks of Rococo (see the paintings by Fragonard and Baudouin) and Anacreontic that are no less stigmatized as immoral although their defenders, like Christoph Martin Wieland, deliberately see them as way of a more effective moral education that does not only build on denial and sanctions. Even pornography begins to bloom with the expansion of the book market and the loss of female virtues becomes a popular literary motif (Richardson, Choderlos de Laclos). Furthermore, there is the moral bandit as another example of how morale and immorality are brought together.
7. Communication and Morale
In the 18th century the rise of new media also established a new, more intimate, language to communicate in, which plays its own part in making morale a central discourse of the time. This section focusses on strategies of communication through the eyes of linguistics, cultural or media studies. How do people communicate about morale? Where and in what way does this communication take place? What is ‘moral communication’? Papers can also relate these concepts to questions of common sense, rationality, sentimentalism, honesty, thoroughness or decency, ask to what degree they aimed at specific groups (educated/non-educated, adults/children, men/women etc.) or highlight their role in public critique and (scholarly) polemics.

8. Moral Aesthetics
Art in the 18th century is often defended by the argument that it has a moral value, so one of the key goals of the Enlightenment is to make it available for a large number of people. But what exactly are the strategies artists, writers and thinkers come up with to ensure moral education by means of art really does succeed? Is a literary text supposed to make its goal visible or must it be hidden in order to reach reluctant readers? How does moral education work in the visual arts and in music? In addition to these general questions papers can also address genres or topics that become popular because of their acclaimed moral value.

Prof. Dr. Lothar van Laak, Dr. Kristin Eichhorn
Neuere deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft
Fakultät für Kulturwissenschaften
Universität Paderborn
Warburger Str. 100
D-33098 Paderborn

Please send your abstract (about 300 words) for a 20-minute paper, along with a short CV (1 page), until June 30 2017 to:

Lothar.van.Laakuni-paderborn.de
keichmail.uni-paderborn.de

Quellennachweis:
CFP: Moral Cultures (Paderborn, 19-22 Sep 18). In: H-ArtHist, 18.05.2017. Letzter Zugriff 27.05.2017. <https://arthist.net/archive/15586>.

Beiträger: Kristin Eichhorn

Beitrag veröffentlicht am: 18.05.2017

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