Jäger/Steingräber/Vagassky (Hgg.): Kunst im Bundeskanzleramt

Reviewed by: Ute Pannen

Stürzender Adler und andere Machtinsignien Wie die Kunst ins Bundeskanzleramt gelangt

Wie sich das Verhältnis von Kunst und Macht gegenwärtig gestaltet, wird an der Auswahl der Kunstwerke für das Bundeskanzleramt besonders deutlich. Einen Überblick über die Werke und ihre Herkunft gibt der bei DuMont neu erschienene Band „Die Kunst im Kanzleramt“.

Unter anderem besitzt das Kanzleramt eine umfassende Sammlung deutscher Expressionisten, unter denen das großformatige, bunte Gemälde von Kirchner„Sonntagabend der Bergbauern“ im Kabinettssaal als Hintergrund für Fernsehinterviews besonders beliebt ist. Für seine Anschaffung hat sich damals Helmut Schmidt stark gemacht. Die breite Auswahl an „Neuen Wilden“ lässt sich auf Gerhard Schröders Kunstgeschmack zurückführen. Die Kanzlerporträts treten in teilweise äußerst fragwürdiger Qualität auf, lediglich das Helmut Schmidt-Porträt von Bernhard Heisig wird seinem Repräsentationsauftrag gerecht.

Ein großer Teil der Kunst stammt aus dem Bestand der staatlichen Museen zu Berlin, die gemeinsam mit dem Bundeskanzleramt dieses Buch produziert haben. So sind Arbeiten von Pablo Picasso und Joseph Kosuth Dauerleihgaben der staatlichen Museen an das Kanzleramt. Auch private Sammler tragen zu der Gestaltung des Kanzleramtes bei. Aus der Sammlung des Bauunternehmers Grothe - die in diesem Jahr zum Großteil an das Ehepaar Ströher verkauft wurde - ist der stürzende „Adler“ von Georg Baselitz ausgeliehen worden, der im Büro des Bundeskanzlers seinen Platz gefunden hat. Zeitgenössische Kunst, vertreten von jungen Berliner Malern, ist durch einen Wettbewerb in die „Skylobby“ des Kanzleramtes eingezogen.

Den Herausgebern von „Die Kunst im Kanzleramt“ dürfte die Entscheidung nicht schwer gefallen sein, ob Baselitz‘ „stürzender Adler“ oder Chillidas„Berlin“-Plastik den Umschlag der Publikation schmücken soll, schließlich wurden sowohl Chillidas Arbeit als auch das hier besprochene Buch von Irene und Rolf Becker finanziert. Dafür wird ihnen und anderen Mäzenen an zahlreichen Stellen, insbesondere von Peter-Klaus Schuster, dem Direktor der Staatlichen Museen zu Berlin, gedankt.

In einem Grußwort würdigt der Bundeskanzler die Kunstsammlung als Quelle für Inspiration und Kreativität für die Regierenden. Auch Staatsministerin Christina Weiss hebt die Bedeutung der Kunst hervor, die sie als Indikator für die schöpferische Kraft eines Landes sieht. Außerdem informiert sieüber die Errungenschaften der rot-grünen Kulturpolitik, wie zum Beispiel die Kulturstiftung des Bundes.

In drei Kapiteln: „Die Kunst im Bundeskanzleramt“, „Kunst am Bau“ und„Sammlung Bundeskanzleramt“, wird anschließend von verschiedenen Autoren eine Art Rundgang durch das Gebäude unternommen und über die Kunst und ihre Auswahlkommission informiert. Dabei kommen alle Autoren auf zwei Arbeiten zu sprechen, die außerdem in gesonderten Kapiteln behandelt werden: „Berlin2 von Eduardo Chillida und „Die Philosophin“ von Markus Lüpertz. Beide sind räumlich an den repräsentativsten Orten des Kanzleramtes plaziert, nämlich vor dem Haupteingang und gleich dahinter im Eingangsfoyer.

Wie die Architektur von Axel Schultes und Charlotte Frank als Manifest einer selbstbewußten und sich selbst reflektierenden Moderne das Selbstbild des vereinten Deutschlands repräsentieren soll, hat die Kunst an diesem Ort dieselbe Aufgabe. Den Ausdruck nationaler Identität vermittelte in Bonn Henry Moores Skulptur „Two Large Forms“, die einen weltoffenen Staat symbolisieren sollte. Im wiedervereinten Berlinübernimmt nun Eduardo Chillidas Stahlplastik „Berlin“ diese Rolle. Die Zweiteilung und die Annäherung der Teile zu einem Ganzen baut ein Spannungsfeld auf, das sich auf die deutsche Geschichte beziehen lässt. Chillida schuf ein Sinnbild für die Stadt, die geprägt ist durch ihre historische Teilung und Wiedervereinigung.

Als zweite zentrale Arbeit im Kanzleramt bespricht Schuster Markus Lüpertz‘ Skulptur „Die Philosophin“. Der Besucher des Kanzleramtes begegnet ihr gleich im Eingangsfoyer. Außerdem bearbeitete Lüpertz die Wände des Treppenbereichs mit monumentaler Farbfeldmalerei. Die Farben Blau, Umbra, Rot, Ocker-Gelb, Grün und Weiß sind im allegorischen Sinn als Evokation bestimmter Tugenden zu verstehen: Weisheit, Kraft und Stärke, Tapferkeit, Gerechtigkeit, und Klugheit möchte Lüpertz über die Farben und deren Symbolik auf die Menschen im Zentrum der Macht ausstrahlen. Die„Philosophin“ erinnert, laut Schuster an Rodins Skulptur des Denkers, ist aber gender-bewußt nun ein weibliche Figur. Ihre Nacktheit soll auf die Rolle der Sybille, der Seherin und auf die unverhüllte Wahrheit Bezug nehmen. Zuletzt soll sie, wie der Lüpertzexperte Siegfried Gohr erläutert, darauf hinweisen, dass Wissen nicht allein als kognitiver Prozess verstanden werden kann, sondern als ein umfassendes, ganzheitliches Erkennen.

Schuster unternimmt mit dem Leser einen Gang durch das Kanzleramt. Er stellt die beiden Fotografien „Blind Windows“ des Kanadiers Jeff Wall im nördlichen Eingangsbereich vor, die sich mit Räumlichkeit und den Eigenarten von Orten beschäftigen und kommt dann in den großen Presse- und Informationssaal zu den „Augenbildern“ von Ernst Wilhelm Nay. Sie werden als ein Höhepunkt der abstrakten Malerei in Deutschland gewertet und ziehen nun als Dauerleihgabe die Blicke von Presse und Öffentlichkeit auf sich. Damit wird auch eine Art Wiedergutmachung an eine Künstlergeneration geleistet, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert wurde.

Zeitgenössische Kunst wurde durch einen Wettbewerb in das Kanzleramt geholt. Der damalige Staatsminister Julian Nida-Rümelin initiierte 2001 einen Wettbewerb für die „Skylobby2 des Bundeskanzleramtes. Darüber berichtet Joachim Jäger, der die Preisträger bereits im ,Hamburger Bahnhof‘ ausstellte. Dieser architektonisch außerordentlich großzügige Bereich wird heute mit großformatigen Arbeiten der Preisträger Franz Ackermann, Michel Majerus und Corinne Wasmuht bespielt. Schuster bezeichnet die Arbeiten der Preisträger als „(...) wandfüllend (und) höchst suggestiv, weil irritierend rätselhaft“. Dabei sind sie gewiss nicht abstrakter oder geheimnisvoller als die Ausdrucksweise Pencks oder Meistermanns, aber sie tragen die Formensprache einer anderen Generation, eben die der „Berliner Republik“. Während die Grundausstattung des Kanzleramtes wie die Chillida-Plastik wohl auch den Kanzlerwechselüberdauern wird, könnte sich im Bereich der „Skylobby“ so manches ändern. Schließlich sprach sich Christoph Stölzl, der gelegentlich als Staatsminister für Kultur und Medien gehandelt wurde und seit 1999 der Kunstkommission des Kanzleramtes angehört, bereits für eine Ausstattung der „Skylobby“ mit Historienmalerei aus.

Bemerkenswert scheint auch, dass den privaten Sammlungen ganze vier Unterkapitel gewidmet werden. Dadurch entsteht der Eindruck es würde von Privatleuten mehr Einfluß auf die Gestaltung des Kanzleramtes ausgehen als von staatlicher Seite. Erwähnt werden die Sammlung von Erich Marx, die aus dem ,Hamburger Bahnhof‘ bekannt ist und die Sammlung Grothe, die ansonsten im Museum Küppersmühle in Duisburg ausgestellt ist. Weiterhin werden die Berliner Surrealistensammlung Pietzsch und die Berliner Sammlung Böckmann genannt. Die Sammlungen werden in den oberen drei Geschossen des Foyers präsentiert, es handelt sich u.a. um Werke von Georg Baselitz, Sandro Chia, Rainer Fetting, Keith Haring, Anselm Kiefer, Julian Schnabel oder A. R. Penck. Im Bankettsaal befinden sich darüber hinaus Skulpturen von Stephan Balkenhol. Arbeiten von Neo Rauch, bemerkenswerterweise aus der Sammlung der Deutschen Bank, sind im Interviewraum des Bundeskanzlers ausgestellt.

Die Auswahl der Kunstwerke wurde nicht von persönlichen Geschmacksentscheidungen geleitet, betont Peter-Klaus Schuster, es ginge vielmehr um die Repräsentation eines demokratischen Staates. Die Auswahl der Arbeiten erscheint zwar recht ausgewogen, doch dürfte es kein Geheimnis sein, dass Gerhard Schröder seiner persönliche Vorliebe für die„Neuen Wilden“, für Künstler, die er gerne ins Kanzleramt einlud, auch in der Sammlung Ausdruck verlieh. Sicher wird Angela Merkels Einzug ins Kanzleramt eine Umgestaltung zur Folge haben. So wird Rainer Fettings Willy Brand-Bronze in das Magazin verschwinden und Georg Baselitz‘ stürzender „Adler“ zu den Leihgebern Grothe zurückkehren, denn er wird durch zahlreiche Medienauftritte zu sehr mit der Person Schröder assoziiert, als dass er bleiben könnte.Über den Kunstgeschmack der designierten Kanzlerin ist bisher wenig bekannt. Möglicherweise bringt sie Kokoschkas „Konrad Adenauer“-Porträt aus ihrem bisherigen Abgeordnetenbüro mit ins Kanzleramt. Auf dem Titelblatt ihrer jüngsten Biographie posiert sie bereits davor. Oder entwickelt sie wie ihr Vorgänger eine Vorliebe für zeitgenössische Kunst? Immerhin konnte man sie kürzlich unter den Gästen einer Berliner Galerieeröffnung entdecken, bei der junge Künstler der Leipziger Schule ausstellten.

So steht das Erscheinen des Buches am Ende der Regierungsperiode, deren Selbstdarstellung in Kunstwerken es dokumentiert. Der repräsentative Charakter der künstlerischen Arbeiten spiegelt sich in der Erscheinung der Publikation durchaus wieder. Besonders durch die vielen Bildstrecken mit großformatigen Abbildungen wird die Heterogenität der Sammlung, dieästhetische Neigungen verschiedener Berater wiedergibt, deutlich. Viele der Abbildungen sind mit einem kurzen Begleittext versehen, der den interessierten Laien prägnant informiert. Bereichernd wären verschiedentlich auch kunsthistorische oder politische Hintergrundinformationen, wie beispielsweise zum Porträt von Willy Brandt. So erfährt der Leser nicht, dass es zunächst ein abstraktes Porträt von Georg Meistermann gab, das erst durch Helmut Kohl ausgetauscht wurde. Wer mehr über politische Hintergründe wissen möchte, sollte deshalb zusätzlich das in diesem Jahr erschienene Buch „Die Kanzler und die Künste“ von Norbert Seitz lesen, dort findet sich Weiteres über die Kunstvorlieben der ehemaligen Bundeskanzler.

Leider wiederholen sich die Autoren bei der Besprechung der einzelnen Kunstwerke, so hätte es gereicht, die Documenta-Teilnahme von Ernst Wilhelm Nay nur einmal zu erwähnen oder die „Berlin“-Plastik in einem Kapitel ausführlich vorzustellen, statt in fast allen immer wieder darauf zurückzukommen. Der Text wird dadurch unübersichtlich und häufig redundant. Die mehrfache Wiederholung der Namen der Mäzene und des an sie gerichteten Danks hat sicherlich ihre Gründe, weckt allerdings beim Leser eher die Frage, was ein Sammlerpaar dazu bewegt, dem Bundeskanzleramt Kunst zu stiften, welche Motivation dahinter steht und von wem sich Deutschland beschenken lässt? Darauf gehen die Autoren jedoch nicht ein. Das Verhältnis von Macht und Kunst ist zu delikat, als dass in einer offiziellen Selbstdarstellung eine kritische Diskussion der Kunstauswahl erwartet werden könnte.Abbildungen der meisten der hier erwähnten Werke unter: http://www.bundeskanzler.de/Navigation/Kanzleramt/kunst-im-kanzleramt.html

Recommended Citation:
Ute Pannen: [Review of:] Jäger [Hrsg.] , Joachim; Steingräber, Cristina Inês; Vagassky, Laurence (Hrsg.): Die Kunst im Bundeskanzleramt. Malerei, Skulptur, Fotografie, Köln 2005. In: ArtHist.net, Oct 25, 2005 (accessed Jan 21, 2020), <https://arthist.net/reviews/98>.

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Jäger [Hrsg.] , Joachim; Steingräber, Cristina Inês; Vagassky, Laurence (Hrsg.): Die Kunst im Bundeskanzleramt. Malerei, Skulptur, Fotografie, Köln: DuMont Buchverlag 2005
ISBN-10: 3-8321-7588-1, 142 S

Review published: Oct 25, 2005

Editor: Claudia Sedlarz

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