Les artistes et leurs galeries. Réceptions croisées. Paris-Berlin. 1900-1950

Deutsches Forum für Kunstgeschichte, Paris, 08.12.2014

Bericht von: Lukas Fuchsgruber

Galerien als Orte der Kunstvermittlung und Kunstvermarktung nahm in der nun dritten Auflage ein Studientag in Paris in den Blick. Dieser war Teil eines Programms des Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne (CIERA), ausgerichtet zusammen mit der Ecole des hautes études en sciences sociales (EHESS), dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte, dem Zentrum Marc Bloch und dem Centre Georg Simmel. Der Fokus lag auch wie bei den vorangegangen beiden Terminen [1] auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dadurch zog sich der Kontext besonders des ersten Weltkriegs und der Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre durch mehrere Beiträge. Dabei fand dieses Mal Transnationalität eine explizite Berücksichtigung, beispielsweise mit Vorträgen zu immigrierten Kunsthändlern. Die Vorträge des Studientags orientierten sich großteils an der Figur der Galeristin bzw. des Galeristen selbst und thematisierten Spannungsverhältnisse der Vermittlung und Vermarktung sowohl anhand archivierter öffentlicher und geschäftlicher Dokumente wie Geschäftsbücher, Korrespondenz und Presseartikel. Es wurde deutlich, dass eine Perspektive auf konkrete Räume und Ausstellungen methodisch hilft, die biographische Darstellung der Akteure zu bereichern. Eine Dynamik von kultureller Ökonomie und finanzieller Vermarktung kennzeichnet die Galerie, der Studientag stellte eine Bandbreite von Ansätzen vor, auf diese zu reagieren. Mit diesem Bericht in deutscher Sprache sollen die Themen und die methodischen Strategien des Pariser Studientages für das deutschsprachige Publikum dokumentiert werden, denn kulturelle und finanzielle Wertbildungsprozesse rücken auch hier derzeit verstärkt in den Fokus von Kunstgeschichte, nicht zuletzt im Thema des diesjährigen Deutschen Kunsthistorikertags.

In der ersten Sektion, moderiert von Denise Vernerey-Laplace und Julia Drost, unternahm Alessandro Gallicchio (Florenz/Paris/Bonn) einen neuen Blick auf die Karriere von Adolphe Basler zwischen den Weltkriegen. Anhand dessen Korrespondenz und einem Geschäftsbuch aus dem Jahr 1918 untersuchte er seinen Übergang vom Privathändler – „marchand de chambre“ – zum Betreiber der Galerie de Sévres. Besonderes Augenmerk legte der Vortrag dabei auf die Korrespondenz mit Moise Kisling, Leo und Nina Stein, und auf den Exklusivvertrag mit Otakar Kubín. Die Migrationsgeschichte Baslers kam in der Diskussion in Bezug auf seine Versuche wiederum in Polen französische Kunst auszustellen nochmals zur Sprache.

Dem Verhältnis von Krieg und Galerien widmete sich Claire Maingon (Rouen) in verschiedenen Facetten, von künstlerischen Darstellungen des Krieges bis zu Benefizausstellungen. Sowohl das Bild des Krieges als auch der Kontext des Krieges für den Kunstmarkt werden im Medium der Ausstellung greifbar. Die Kunstwelt wurde einerseits dazu gedrängt, medial und finanziell zum Krieg beizutragen, konnte umgekehrt aber auch kulturelles und finanzielles Kapital aus ihm ziehen.

Marianne Le Morvan (Dijon/Paris) behandelte wiederum eine konkrete Akteurin, Berthe Weill, eine Pionierfigur, die unter anderem als die erste Händlerin Picassos in Erscheinung trat. Le Morvan konnte in ihrem Vortrag nicht nur deren prekäre Karriere darstellen, die trotz vieler Hindernisse mehrere Jahrzehnte andauerte, sondern auch auf kommende eigene Projekte verweisen, wie die Neuausgabe der Erinnerungen Weills sowie eine geplante Ausstellung über ihr Wirken.

In einem breit angelegten Überblick untersuchte Alice Ensabella (Rom/Grenoble) das Debüt des Surrealismus auf dem Pariser Kunstmarkt. Sie charakterisierte mit statistischen Mitteln die Mitte der 1920er Jahre als den Moment des Durchbruchs. Ein Spannungsverhältnis zwischen der Vermarktung einzelner Werke und der Vermittlung eines künstlerischen Gesamtprojekts kennzeichnete die untersuchten Einzel- und Gruppenausstellungen, auch im Wechselspiel von GaleristInnen und KünstlerInnen. Ihr Vortrag zeigte von welcher Bedeutung interdisziplinäres Vorgehen für die Kunstmarktforschung sein kann. Eine Topographie und statistische Auswertung des Kunstmarktdebüts des Surrealismus bildete die Grundlage, um dann die Vermittlungsstrategien an Medien wie Einladungskarten erläutern zu können.

Am Nachmittag, moderiert von Hélène Ivanoff und Denise Vernerey-Laplace, sprach Chara Kolokytha (Northumbria) über Christian Zervos in seiner Doppelfunktion als Herausgeber der Cahiers d’art seit Mitte der 1920er Jahre und Galerist in den Räumen dieses Journals ab 1934. Auf die Krise Ende der 1920er Jahre reagierten der Galerist und seine KünstlerInnen gemeinschaftlich, unter anderem mit einer Auktion am Hôtel Drouot, durch die Zervos seine weitere Tätigkeit sichern konnte.

Martin Schieder (Leipzig) stellte den Galeristen Egon Günther vor und die Ausstellung surrealistischer Kunst im Jahr 1948 unter dem Titel „Vision und Magie“. Mit dem vielfältigen Rahmen- und Vermittlungsprogramm der Ausstellung entstand auch in diesem Fall eine Spannung zwischen dem surrealistischen Ansatz und seiner Vermittelbarkeit in einer Galerie. So erhielt die ambitionierte Ausstellung dann auch keine überregionale Rezeption. Theoretische Beiträge des Programms, die beispielsweise Musik und auch Mathematik thematisierten, wurden von Zeitgenossen zudem als „einigermaßen spekulativ“ kritisiert. Die Leitideen der Ausstellung standen zudem im Konflikt mit dem französischen Surrealismus. Martin Schieders Fazit angesichts der historischen Ablehnung des Projekts: Eine Vision wurde entfaltet, aber die Magie trat nicht ein.

Für Meta Maria Valiusaityte (Berlin/Paris) zog sich eine kämpferische Rhetorik durch die Korrespondenz von Leonce Rosenberg, bis hin zum Namen seiner Galerie: L’Effort Moderne. Sie konnte die Strategien des Galeristen wiederum gut an konkrete Werke rückbinden. Gemeinsam sei man unbesiegbar, mit diesen Worten hatte Leonce Rosenberg sich Pablo Picasso als Händler angeboten, Picasso entschied sich jedoch für einen Vertrag mit dessen Bruder, Paul Rosenberg.

Nach diesen historischen Beiträgen schloss sich die Abenddiskussion zur Rolle von Galerien heute an, mit den Pariser Galeristen Denis Kilian und Benoit Sapiro. Die Galeristen sahen sich sowohl dem Druck und der Beschleunigung des Handels durch Auktionshäuser und Kunstmessen ausgesetzt, als auch mit der Finanzspekulation mit Kunstwerken konfrontiert. Dies beträfe nicht nur ihren Beruf, sondern auch Kunstvermittlung und Kunstkritik generell, also auch andere Formen des Schreibens und Ausstellens. Ein Ausweg stellt für sie eine extreme Spezialisierung dar. Selbst beschrieben sie sich dabei als Partner der Museen und der KünstlerInnen, und als Pfleger und Entwickler künstlerischer Strömungen. In der angeregten Diskussion an diesem Abend zwischen Kunsthändlern und KunsthistorikerInnen wirkten die Analysen und die Theoretisierung des gegenwärtigen Kunstmarkts mit historischer Forschung gut zusammen. An den Folgetagen wurde dieser Bogen in die Gegenwart fortgesetzt, mit dem weiteren Programm des Studientags in Form von Galerie- und Archivbesuchen.

[1] archiviert unter: http://ciera.hypotheses.org/715

Programm des Studientags: http://www.ciera.fr/ciera/les-artistes-et-leurs-galeries-2448

Empfohlene Zitation:
Lukas Fuchsgruber: [Tagungsbericht zu:] Les artistes et leurs galeries. Réceptions croisées. Paris-Berlin. 1900-1950 (Deutsches Forum für Kunstgeschichte, Paris, 08.12.2014). In: ArtHist.net, 04.02.2015. Letzter Zugriff 12.12.2018. <https://arthist.net/reviews/9396>.

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Bericht veröffentlicht am: 04.02.2015

Redaktion: Livia Cárdenas

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