Denk, Claudia; Ziesemer, John: Kunst und Memoria

Reviewed by: Marcus Köhler, Technische Universität Dresden, Institut für Landschaftsarchitektur

Mit dem Buch „Historische Friedhöfe in Deutschland“ hat der Bund Heimat und Umwelt 2007 gezeigt, dass dies Thema in der Mitte der Gesellschaft angelangt ist. Umso mehr erstaunt es, dass sich die Kunstgeschichte immer noch schwer mit dem Thema tut. Möglicherweise liegt es daran, dass Friedhöfe komplexe Untersuchungsräume sind, die nur durch eine interdisziplinäre Herangehensweise zu erschließen sind: Bildhauerei, Architektur, Gartenkunst, Stadt- und Medizingeschichte, Theologie usw. sind aufs engste verwoben.

Mit dem Buch „Kunst und Memoria. Der Alte Südliche Friedhof in München“ ist nun eine maßgebliche Monographie erscheinen, die hier eine Bresche schlägt. Sie ist nicht nur die umfangreichste, die je zu einer deutschen Begräbnisstätte erschien, sondern auch die fundierteste. Dies ist nicht nur auf die lange, bis ins Jahr 1563 zurückzuverfolgende Entwicklungsgeschichte des vor dem Sendlinger Tor gelegenen Friedhofs zurückzuführen, sondern vor allem auf die fast 5000 Grabdenkmäler, die – an Mauern, im Freien und in Säulengängen aufgestellt - eine der größten Sammlungen deutscher Skulptur des 19. Jahrhunderts darstellt. Grundlegend für die Publikation war ein Forschungskomplex, bei dem ab 2003 unter der Ägide des Bayrischen Nationalmuseums und des Münchner Stadtarchivs (vgl. Vorworte) zunächst die Objekte erfasst, die Geschichte erforscht und schließlich begleitende Untersuchungen eingeleitet wurden.

Herausgekommen ist keine Listung von Faktenwissen, sondern eine von Thema zu Thema sich spinnende Kunstgeschichte. Nachdem die beiden Autoren Claudia Denk und John Ziesemer durch Äußerungen von Zeitgenossen den Friedhof lebendig werden lassen (17-19) geben sie in einer Einleitung (21-37) einen lesenswerten Überblick über den Stand der deutschen Friedhofsforschung, die ihre wesentlichen Impulse durch den Kunsthistoriker Peter Bloch und den Gartendenkmalpfleger Klaus von Krosigk in Berlin erhielt. Die Gründung des Museums sowie des Kasseler Zentralinstituts für Sepulkralkultur Anfang der neunziger Jahre tat ihr übriges.

In den nachfolgenden Kapiteln wird die komplexe Entwicklung des Südlichen Friedhofs dargestellt. Ein historischer Überblick (39-57) verdeutlich, dass ab 1818 die Stadt München verwaltungstechnisch, der König jedoch künstlerisch die Oberhoheit über den neuen „Zentralfriedhof“ erlangten. Dieser glückliche Sonderfall führte dazu, dass sich unter der Ägide des Monarchen in den nachfolgenden Jahrzehnten die Münchner Bürger- und Hofgesellschaft einen Ort erschaffen konnte, der in intellektueller wie künstlerischer Weise europäischen Rang für sich behaupten kann. Der ergänzende planungs- und baugeschichtliche Abriss (59-75) stellt die Leistungen Friedrich Ludwig von Sckells, Gustav Vorherrs, Friedrich Gärtners aber auch (nach 1945) Hans Döllgasts vor Augen. Auch wenn ein unbekannter Autor 1818 schrieb, dass der Friedhof „ein Vorbild für alle deutschen Gemeinden seyn möge“ (71), und der Vergleich mit dem Kölner Melaten- und dem Frankfurter Hauptfriedhof ins Kalkül gezogen wird, werden Bezüge außerhalb Münchens nur angerissen aber nicht vertieft.[1]

Im Kapitel „Kunst und Memoria“ (77-129), das die Funktion der Grabmonumente beleuchtet, wird aufgezeigt, wie eng der Zentralfriedhof mit der „Kunststadt München“ (Denk) verknüpft ist. Sie unterscheidet Denkmäler (personenbezogene Büsten und Standbilder) und Kunstwerke, worunter das Grabmal Caroline von Mannlichs nach Christian Daniel Rauch und Johann Baptist Stiglmaier (1831-33) oder das der Edlen von Kerstorf nach Leo von Klenze, Ludwig von Schwanthaler und Bertel Thorwaldsen herausstechen. Die Ruhmeshalle unter den Arkaden (97-108) mit den Büsten verdienter Künstler und Wissenschaftler sowie der „Campo Santo Ludwigs I. als Königliches Gedächtnisprojekt“ (Denk) nehmen eine Sonderstellung ein, da es sich nicht um Grabdenkmäler handelt, sondern ein Pantheon-Gedanke angesprochen wird.

Einen ideengeschichtlichen Bogen schlägt der Abschnitt „Edle Monumente“ (131-155), der zunächst einmal zwischen Vorlagenwerken und eigenständigen künstlerischen Entwürfen unterscheidet, dennoch aber die Interdependenzen deutlich macht. Damit bewegen sich die Autoren mitten in den kunstästhetischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts, die sowohl zwischen Antike und Gotik pendeln, als auch der von Klenze geförderte Diskussion um die antike Farbigkeit Rechnung trägt (157-167). Letzteres wird erfreulicherweise durch Mikroskop-Untersuchungen unterlegt. Ähnliches gilt auch für die Materialität der Grabdenkmäler, die in den beiden Kapitel „Gesteinsmoden [sic!] und Gesteinspolychromie“ (169-181) und „Erz versus Stein“ (183-193) ausführlich dargestellt wird. Bedauerlich ist der Abschnitt „Gesteine und ihre Semantisierung im Rahmen familienpolitischer Grabmalstrategien“, da er teilweise assoziativ ausfällt (172-181). Die Verwechslung der Madonnen- mit einer Immaculata-Darstellung ist sogar ärgerlich, da damit die Argumentation Denks ins Leere läuft.

Bevor in einem Katalog (198-497) 186 Einzeldenkmäler detailliert vorgestellt werden, gibt es einen kleinen Abschnitt („Restaurieren und Studieren“, 195-197), der anhand des Grabmals Franz Albert d. Ä. (1825) deutlich macht, wie gefährdet diese Kunstwerke sind und welche Aufmerksamkeit sie seitens der Kunstgeschichte aber auch der Denkmalpflege benötigen. An mehreren fotografischen Gegenüberstellungen im Katalogteil wird dies besonders deutlich. Eine hilfreiche Aufstellung von Künstlerbiographien mit Werkverzeichnis (499-509), eine Quellenauswahl mit Kommentar (511-517), sowie ein Personenverzeichnis und Friedhofsplan schließen das opus magnum ab.

Auch wenn das Buch kein Überblickswerk ist, sondern monographische Vertiefung bietet, so ist es zweifelsohne ein Standardwerk der deutschen Friedhofsforschung. Es ist deshalb auch unnötig, wenn Denk durch sprachliche Aufladung, etwa wie „Wirtschaftsbürgerliche Nobilitierung und sepulkraler Aristokratismus“ (103) ihren Ausführungen mehr Gewicht zu geben versucht. Die Leistung ist auch ohnedem nicht hoch genug einzuschätzen.

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Anmerkungen:
[1] Man hätte sich beispielsweise einen Hinweis auf den 1810-1813 angelegten Alten Friedhof in Flensburg gewünscht, der einen vergleichbaren, sarkophag-ähnlichen Grundriss aufweist.

Recommended Citation:
Marcus Köhler: [Review of:] Denk, Claudia; Ziesemer, John: Kunst und Memoria. Der Alte Südliche Friedhof in München, 2014. In: ArtHist.net, Oct 28, 2014 (accessed Aug 13, 2020), <https://arthist.net/reviews/8773>.

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Denk, Claudia; Ziesemer, John: Kunst und Memoria. Der Alte Südliche Friedhof in München, Deutscher Kunstverlag 2014
ISBN-10: 3-422-07227-6, 544 p., EUR 49,90

Review published: Oct 28, 2014

Editor: Philipp Zitzlsperger

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