Lex Bosman: The power of tradition

Reviewed by: Bernd Kulawik

Obwohl die Literatur zur Geschichte der vatikanischen Peterskirche inzwischen ganze Bibliotheken füllt, weist sie immer noch erhebliche Lücken auf: Eine davon versucht Lex Bosman mit seinem Buch zu schließen: Die Verwendung antiker Spolien und deren mögliche Gründe. Dabei liegt der Schwerpunkt der Untersuchung auf den ursprünglich zwischen Hauptschiff und inneren Seitenschiffen Alt-St.-Peters stehenden Säulen. Die äußeren Säulenreihen oder andere Spolien werden dagegen kaum behandelt oder erwähnt. Die Arbeit gliedert sich in eine 10seitige Einleitung, vier chronologisch geordnete Kapitel, eine 14seitige Zusammenfassung und Anhänge. Das erste Kapitel behandelt die Baugeschichte der alten Basilika und vergleicht dabei die aufgrund mangelnder Dokumente nur indirekt zu erschließenden Gründe für die Verwendung der Säulen mit anderen konstantinischen Großbauten Roms: der Lateransbasilika sowie dem Konstantins-Bogen. Dabei wird die sich aus der Differenz der Bauaufgaben ergebende Problematik einer direkten Vergleichbarkeit jedoch kaum reflektiert. Bosman beschreibt weiterhin eingehend anhand späterer Quellen die unterschiedlichen Steinsorten und liefert Argumente für seine Auffassung, daß nicht ausschließlich Spolien verwendet, sondern zumindest einige Säulen neu angefertigt worden seien. Die Argumente können allerdings nicht durchgängig überzeugen: So schließen bspw. weder eine unfertig erhaltene Säulenbasis noch Bearbeitungsspuren an einzelnen Säulen (S. 42f.) einen Spoliencharakter aus.

Das zweite Kapitel versucht die äußerst komplexe Planungs- und Baugeschichte des Um- bzw. Neubaus seit Mitte des 15. Jahrhunderts zu beschreiben und geht dabei auch kritisch auf die bisherigen Forschungen und ihre Voraussetzungen ein. Anhand einer Vielzahl interessanter neuer Beobachtungen an den bekannten Zeichnungen formuliert Bosman die nicht unproblematische These, daß ursprünglich ein vollständiger Neubau der Kirche nicht, dagegen aber die Verwendung der antiken Säulen geplant gewesen sei, um „the crucial problem of the contiunity of the old basilica“ zu lösen, das alle in die Planung involvierten Architekten beschäftigt habe. Anfechtbar erscheint weiterhin bspw. die Interpretation des 1538 errichteten ‚Muro Divisorio‘ [1] als ein „means to unite both old and new St. Peter‘s“ (S. 95): Bosman sieht diese Trennmauer nicht als Zwischenlösung in einem langwierigen Bauprozeß, sondern als ein Indiz dafür, daß zumindest zeitweilig geplant gewesen sei, in einem ‚zusammengesetzten‘ Bauwerk dauerhaft das verbliebene Langhaus der alten Basilika zu erhalten und mit dem Neubau zu verbinden. Im kurzen dritten Kapitel werden „Bramante‘s Tegurium and spolia in sixteenth-century architecture“ (S. 105) behandelt, wobei allerdings aufgrund mangelnder Spolienverwendung im sog. Tegurium über dem Altar der Eindruck entsteht, dieser Teil des Kapitels hätte - gerade aufgrund der interessanten Einzelbeobachtungen - eher als eigenständiger Aufsatz ausgegliedert werden können. Auch kann der anschließende Versuch nicht ganz überzeugen, anhand einiger weniger römischer Bauten zwischen ca. 1490 und 1560 (Tempietto, Belvedere-Treppe, Cancelleria, Villa Giulia, Konservatorenpalast, St. Maria degli Angeli) die Spolienverwendung in „sixteenth-century architecture“ allgemein als eine Hintergrundfolie für die Argumentation zu rekonstruieren. Trotz der unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Bauaufgaben sowie des großen Zeitraums meint Bosman hier in einem allgemeinen, jedoch eher unspezifischen Bezug auf „the famous classical past of the Roman Empire“ (S. 118) ein gemeinsames Muster der Spolienverwendung zu erkennen. Dieses bilde aber gerade einen Gegensatz zu St. Peter, wo der intendierte Bezug auf den Vorgängerbau über weite Strecken der Neubaugeschichte ein wichtiges Motiv gewesen sei. Das vierte Kapitel behandelt schließlich die Geschichte des Neubaus bis zur weitgehenden Fertigstellung durch Maderno, der - nach einer Abkehr Michelangelos von dieser Tradition - zu einer sehr bewußten Wiederverwendung der Säulen zurückgekehrt sei. Bosman gibt allerdings zu, daß das verwendete antike Material im Neubau als solches oft nicht und damit eine bewußte Bezugnahme auf den Vorgängerbau kaum erkennbar sei (S. 136). Ob die Wiederverwendung des ersten Säulenpaares der alten Basilika am mittleren Portikuseingang des Neubaus wirklich als Bezug auf die Apostel Petrus und Paulus sowie auf die Säulen Jachin und Boaz am Jerusalemer Tempel intendiert gewesen sei, erscheint denkbar, aber kaum nachweisbar. Dieses letzte Kapitel verdeutlicht zudem, daß eine umfassende und detaillierte Ausstattungsgeschichte trotz erster Ansätze ebenfalls noch als ein Forschungsdesiderat bezeichnet werden muß [2]. Die 14seitige „Conclusion“ bietet erwartungsgemäß eine abschließende Zusammenfassung der wichtigsten vorgebrachten Ergebnisse und der Argumente, auf welche sie sich stützen.

Einen generellen Schwachpunkt der Arbeit könnte man in der unzureichenden Diskussion divergierender Erklärungsmöglichkeiten für die beschriebenen Beobachtungen sehen: In vielen Fällen wären sehr gut auch jeweils andere als die von Bosman vorgebrachten Gründe und Interpretationen vorstellbar, für welche sich ebenfalls gute Argumente finden ließen. Dies würde jedoch einerseits den Umfang der Arbeit erheblich erweitert und vermutlich auch zur Ermüdung des Lesers beigetragen, andererseits aber bei kritischer Abwägung Bosmans Hypothesen etwas von ihrer Fragilität genommen haben. Es bleibt jedoch zweifelhaft, ob solche alternativen Erklärungen eine überzeugende, zusammenhängende Interpretation liefern könnten, wie Bosman anstrebt. Daneben ist gelegentlich eine mangelnde Sorgfalt in den Formulierungen zu kritisieren. Als Beispiel sei hier der dritte Satz der Einleitung zitiert: „Erected on the site where once a Roman circus stood, and where later mausoleums were built to bury and honor the dead, [...].“ (S. 9) - Zum einen stimmt die damit behauptete zeitliche Abfolge - erst Zirkus, dann Nekropole - nicht, da beide parallel bestanden; zum anderen überschnitt Alt-St.-Peter den Zirkus eher nur am Rand und überdeckte vor allem die Nekropole. Von diesem Bauplatz heißt es dann wiederum später, er sei ein Platz, „on which no previous non-Christian religious association existed.“ (S. 26) Sollte man eine umfangreiche römische Nekropole etwa nicht als Ort „religiöser Assoziationen“ ansehen, dessen Überbauung mit einer Kultstädte des kurz zuvor noch verfolgten Christentums Konflikte mit den betroffenen Familien und Begräbnisgemeinschaften hervorzurufen geeignet war? - Ähnliche Beispiele lassen sich im Buch leider zuhauf finden. Mögen sie im Einzelfall noch als verzeihliche und für die Argumentation nahezu bedeutungslose Flüchtigkeitsfehler oder Irrtümer erscheinen - was für die zitierten Stellen jedoch m.E. nicht gilt, da Bosman aus dieser scheinbaren ‚Unbesetztheit‘ des vatikanischen Arreals Schlußfolgerungen zur Stützung seiner Interpretation der frühen Baugeschichte zu ziehen versucht -, so ergeben sie insgesamt doch ein eher unbefriedigendes Bild. Bosmans Verweise auf die herangezogenen Quellen besonders aus dem Archiv der Fabbrica di San Pietro sind leider überwiegend sporadisch und erschöpfen sich nur zu oft in der Aufzählung der Signaturen, ohne dem Leser einen Hinweis auf den spezifischen Inhalt der einzelnen Quelle oder gar eine Transkription zu geben. Ob diese Quellen bereits bei Frey, Orbaan, Pollack [3] o. a. publiziert wurden, ist der Auflistung der verwendeten Dokumente aus dem Archiv am Ende des Bandes (S. 173) ebenfalls nicht zu entnehmen - zumal das Fehlen dieser verdienstvollen Editionen im systematisch etwas eigenwilligen Literaturverzeichnis befremdet. [4]

Insgesamt kann das schmale Buch daher leider nicht einlösen, was der Titel verspricht: Obwohl es sich weitgehend auf eine Teilgruppe der antiken Säulen beschränkt und viele interessante Einzelbeobachtungen liefert, wird eine „power of tradition“ - verstanden als wirkmächtige, möglicherweise sogar Einheit stiftende Kraft, die sich durch die Bau- und Neubaugeschichte zieht - nicht überzeugend nachgewiesen.

Trotz der hier vorgebrachten Kritik bleibt es jedoch Bosmans Verdienst, auf einen bisher viel zu wenig beachteten Aspekt in der Geschichte von St. Peter hingewiesen und einen ersten, im Ansatz umfassenden Beitrag zu seiner wissenschaftlichen Erschließung geliefert zu haben: Seine Arbeit wird man jedoch weder hinsichtlich der Spolienverwendung im Allgemeinen - welche auch den umfassend archivalisch dokumentierten Gebrauch von Material aus den Abrißkampagnen des 16. und 17. Jahrhunderts in den antiken Großbauten Roms einzubeziehen hätte - noch hinsichtlich der Verwendung und Bedeutung der antiken Säulen allein als abschließende Darstellung ansprechen können. Vor diesem Hintergrund erscheint eine gelegentlich vorgeschlagene zeitweilige ‚Ruhephase‘ in der jahrzehntelangen wissenschaftlichen Diskussion zur Geschichte des Bauwerks alles andere als angebracht: Zu viele Fragen, die durch die Kritik scheinbar gefestigter Positionen im Rahmen der Forschung in den letzten Jahrzehnten offen geblieben sind, harren noch der Lösung; von den Epochen und Problemen, die - wie die Spolienverwendung - bisher nicht oder kaum bearbeitet wurden, ganz zu schweigen. Schließlich handelt es sich bei St. Peter nicht nur um eines der architektur- und kunsthistorisch bedeutendsten Bauwerke Europas, sondern dieses ist auch vielfältig mit seiner Geschichte verknüpft und bietet noch umfangreichstes Material für kirchen- bzw. religions-, wirtschafts- und rechts- sowie mentalitätsgeschichtliche Untersuchungen. Der am 18. April 2006 bevorstehende 500. Jahrestag der Grundsteinlegung für den Neubau wäre sicherlich ein hervorragender Anlaß, systematisch eine Bilanz des bisher Erreichten zu ziehen sowie die offenen Fragen zu formulieren und eine - angesichts der Größe und der Komplexität des Themas zu wünschende - Koordination der weiteren Forschung anzuregen.

Anmerkungen:

[1] „[...] che parte la fabrica noua dalla uecchia“, wie es bspw. in einer Quelle (Archivio Storico della Fabbrica di San Pietro in Vaticano, Arm. 1, rip. B, pacco 14, fasc. 14, fol. 1 recto) ausdrücklich heißt. [2] Hier wären vor allem der umfangreiche Aufsatz von Herbert Siebenhüner zu nennen: „Umrisse zur Geschichte der Ausstattung von St. Peter in Rom unter Paul III. bis Paul IV.“, in: Festschrift für Hans Sedlmayr (1962), S. 229-320. - Arbeiten bspw. zu einzelnen Papstgrabmälern trugen inzwischen zur Ausstattungsgeschichte bei. Kaspar Zollikofer wird in einer Monographie die Cappella Gregoriana behandeln, welche als erste vollständig ausgestattet wurde und damit den Maßstab für die weitere Ausgestaltung setzte. [3] Frey, Karl: Zur Baugeschichte des St. Peter - Mitteilungen aus der Reverendissima Fabbrica di S. Pietro. In: Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlungen, 31 (1910), Beiheft, S. 1-95; ders.: Zur Baugeschichte des St. Peter - Mitteilungen aus der Reverendissima Fabbrica di S. Pietro (Fortsetzung). In: Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlungen, 33 (1912), Beiheft, S. 1-153; ders.: Zur Baugeschichte des St. Peter - Mitteilungen aus der Reverendissima Fabbrica di San Pietro (Fortsetzung und Schluß). In: Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlungen, 37 (1916), Beiheft, S. 22-136; Orbaan, Johannes A. F.: Der Abbruch Alt-Sankt-Peters 1605-1615. In: Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlungen, 39 (1918), Beiheft, S. 1-139 Pollack, Oskar: Ausgewählte Akten zur Geschichte der römischen Peterskirche (1535-1621). In: Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlungen, 36 (1915), Beiheft, S. 21-117 [4] Hier bestätigt sich die bereits vor ca. drei Jahrzehnten von Christof Thoenes beobachtete Erscheinung, daß aufgrund des Umfangs der Forschungsliteratur diese in neuen Veröffentlichungen nur in Teilen wahrgenommen wird und es so zur wiederholten Publikation der gleichen Ergebnisse, Quellen oder auch Irrtümer kommt.

Recommended Citation:
Bernd Kulawik: [Review of:] Bosman, Lex: The power of tradition. Spolia in the architecture of St. Peter's in the Vatican, Hilversum 2004. In: ArtHist.net, May 23, 2005 (accessed Jun 1, 2020), <https://arthist.net/reviews/84>.

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Bosman, Lex: The power of tradition. Spolia in the architecture of St. Peter's in the Vatican, Hilversum: Verloren 2004
ISBN-10: 90-6550-823-6, 176 S

Review published: May 23, 2005

Editor: Philipp Zitzlsperger

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