Davies, Paul; Hemsoll, David: The Paper Museum of Cassiano Dal Pozzo

Rezensiert von: Timo Strauch, Census of Antique Works of Art and Architecture Known in the Renaissance, Berlin

Bereits seit 1997 erscheinen in loser Folge die auf Initiative des Royal Collection Trust herausgegebenen und auf eine Gesamtzahl von 36 veranschlagten Katalogbände, mit deren Hilfe das zu seiner Zeit einzigartige ‚Museo Cartaceo’ des Cassiano dal Pozzo dereinst virtuell wieder vereint und gleichzeitig in hundertfacher Auflage ganz handfest in Bibliotheken rund um die Welt jeweils auf mehreren Regalmetern dem interessierten Leser zugänglich sein wird.[1] Dass die mit dem ersten Band vorgegebene inhaltliche Struktur sowie die formale Aufmachung dieses Unternehmens auch heute noch unverändert zur Anwendung kommen, bestätigt die außerordentlich glücklichen Entscheidungen der ursprünglichen Herausgeber Francis Haskell und Henrietta McBurney und des Verlags Harvey Miller Publishers. Der hohe Anspruch, dem das Vorhaben von Beginn an verpflichtet ist, zeigt sich seither in der Berufung ausgewiesener Experten als Bearbeiter der individuellen Teilgebiete, in der ausführlichen Darlegung und konsequenten Anwendung der Editionsrichtlinien, in der Gründlichkeit, mit der jedes einzelne Blatt wissenschaftlich behandelt wird, sowie in der beeindruckenden Qualität der Illustrationen nicht nur der katalogisierten Zeichnungen sondern auch der zahlreichen Vergleichsabbildungen (die gegenüber den frühen Bänden sogar noch zugenommen hat).

Gemäß den Interessen und Vorlieben des Turinesen Cassiano dal Pozzo (1588–1657), der zwar zunächst in Pisa Jura studierte, sich aber schon bald nach seiner Ankunft in Rom 1612 den bildenden Künsten, den ‚Antiquitates’ und den Naturwissenschaften zuwandte, ist der Gesamtkatalog seines ‚papiernen Museums’ in zwei thematische Reihen geteilt: ‚Series A’ umfasst die Kategorien Antikes und Architektur; ‚Series B’ widmet sich der Naturgeschichte. In beiden werden ausschließlich Zeichnungen und Aquarelle katalogisiert. Eine dritte, erst nachträglich in das Projekt aufgenommene Reihe (‚Series C’) wird den Katalog der druckgraphischen Sammlung Dal Pozzos in voraussichtlich sechs Bänden enthalten. Das hier vorgestellte zweibändige „Renaissance and Later Architecture and Ornament“ bildet als Teil X (=10) den numerischen Abschluss von ‚Series A’, die darüber hinaus die bereits erschienenen Bände zu antiken Mosaiken und Wandmalereien (Part I), zu Mosaiken und Wandmalereien in römischen Kirchen sowie weiteren Mosaiken, Gemälden, Sarkophagen und Kleinobjekten (Part II), zur (spät-) antiken Buchmalerei (Part VI), zu antiken Inschriften (Part VII) und zu Topographie und Architektur des antiken Roms (Part IX) umfasst. Mit Paul Davies und David Hemsoll konnten zwei Fachleute gewonnen werden, die sich sowohl individuell als auch bereits mehrfach als Autorenteam mit Publikationen zur Architektur der italienischen Renaissance einen Namen gemacht haben, unter anderem mit der gemeinsam verfassten maßgeblichen Monographie zu Michele Sanmicheli aus Verona.[2] Zehn Katalognummern, meist zu Zeichnungen Pirro Ligorios, steuerte Ian Campbell bei. Ein umfangreicheres Konvolut mit Zeichnungen von Festungsbauten und einige weitere Darstellungen von Kriegsgerät bearbeitete Simon Pepper. Rea Alexandratos lieferte einen Kommentar zu den im Katalog vertretenen Wasserzeichen.

In ihrem einleitenden Essay – im Anschluss an eine knappe Einführung und tabellarische Übersichten zu Cassiano dal Pozzo und seinem ‚Museo Cartaceo’, sowie zur ‚Series A’, die sich in jeder Einzelpublikation des Gesamtwerks wiederfinden – geben Davies und Hemsoll einen allgemeinen Überblick über das von ihnen bearbeitete Material mit besonderem Augenmerk darauf, in welchen Kontexten sich die Zeichnungen heute befinden bzw. ehemals befanden (17-28). Denn anders als die Erscheinungsweise des modernen ‚catalogue raisonné’ suggeriert, ist das Material des ‚Museo Cartaceo’ in seiner heutigen Gestalt, die in weiten Teilen auf König George III. zurückgeht, der es 1762 erwarb, nicht durchweg thematisch stringent gegliedert und separiert, und so finden sich in den Alben, die heute in der Royal Library in Windsor Castle, im British Museum und in der British Library in London sowie in der Bibliothèque de l’École de Médicine in Montpellier aufbewahrt werden, die Zeichnungen nach moderner Architektur und Ornamentik häufig in direkter Nachbarschaft zu solchen nach der Antike oder anderen Gegenständen. Zudem stammt ein beträchtlicher Teil der hier katalogisierten Zeichnungen aus zwei Alben, die 1990 für den Verkauf vollständig aufgelöst wurden.[3] Es folgen kurze Beschreibungen von denjenigen Konvoluten, die zwar ebenfalls zum ‚Museo Cartaceo’ gehören und Architektur und Ornamentik der Renaissance enthalten, aber bereits an anderer Stelle ediert wurden,[4] von Zeichnungsalben, deren Herkunft aus Dal Pozzo-Besitz nicht gesichert ist, und ein Überblick über thematisch verwandte Stiche und gedruckte Bücher aus Dal Pozzos Sammlung (28-43). Des Weiteren analysieren und sortieren Davies und Hemsoll die von ihnen katalogisierten Zeichnungen hinsichtlich der Gattungen der behandelten Gegenstände, deren Datierung und geographischer Verortung sowie hinsichtlich der ursprünglichen Zweckbestimmung der Zeichnungen. Abschließend rekonstruieren sie, auf welchem Weg – Ankauf, Auftrag oder Schenkung – die Blätter Eingang ins ‚Museo Cartaceo’ gefunden haben könnten und wie Cassiano dal Pozzo selbst und sein jüngerer Bruder Carlo Antonio die Sammlung organisierten und wie sich ihre persönlichen Vorlieben darin widerspiegelten (44-55).

Der Katalog der Zeichnungen umfasst insgesamt 308 Nummern, darunter 142 Nummern mit Darstellungen von Architektur (alle in Band 1), 91 Nummern mit Zeichnungen von Architekturdekoration und Ornamentik, 70 Nummern mit Gegenständen militärischen Charakters, 3 Nummern zu topographischen Veduten sowie 2 Zeichnungen nach der Antike als Addendum zu Band A.IX (alle in Band 2). Die thematische Bandbreite ist in allen Bereichen außerordentlich groß, sodass hier nur auf ausgewählte Blätter aufmerksam gemacht werden kann, unter anderem auf einige der bislang unpublizierten Stücke.

Eine größere Zahl von Zeichnungen steht im Zusammenhang mit dem Neubau von St. Peter in Rom. Ein monumentaler Grundriss auf sechs aneinander gefügten Papierbögen aus der Werkstatt Antonio da Sangallos des Jüngeren dokumentiert einen frühen Zwischenstand seiner Planungen für das große noch heute erhaltene Holzmodell (Nr. 1). Ein Blatt aus der Werkstatt Michelangelos zeigt eine Zwischenstufe seiner Planungen für einen rigorosen Zentralbau (Nr. 4). Aus der letzten Bauphase unter Carlo Maderno stammen vier Blätter, die ehemals ein ganzes bildeten und die Vorzeichnung für den Stich von Matthäus Greuter enthalten, mit dem Maderno im Juni 1613 seinen finalen Fassadenentwurf inklusive der von Paul V. gewünschten Campanili publik machte (Nr. 71-74). Drei möglicherweise ebenfalls zur Publikation bestimmte Blätter mit Präsentationszeichnungen zeigen das für den Bau von Berninis Bronzebaldachin errichtete Holzgerüst (Nr. 5-7), und durch die Zeichnung nach dem ‚Signaturrelief’ auf der Rückseite von Filaretes Bronzetür, die in den Neubau überführt wurde, ist auch ein Stück von Alt-St. Peter vertreten (Nr. 221).

Eine interessante Erstpublikation ist der bemaßte Grundriss von Bramantes unvollendeter Kirche S. Biagio della Pagnotta im ebenfalls Fragment gebliebenen Palazzo dei Tribunali an der Via Giulia in Rom, auch wenn er im Abgleich mit den anderen bekannten Zeugnissen anstelle gesicherter Erkenntnisse nur eine weitere mögliche Lesart des offenbar nie in eine definitive Form gebrachten Entwurfs liefert (Nr. 8).

Von besonderer Bedeutung ist eine Serie von 13 Blättern, die unmittelbar aus dem Entstehungskontext von Sebastiano Serlios 1537 erschienenem vierten Buch über die „Regole generali di architettura sopra le cinque maniere de gli edifici“ stammen und von Davies und Hemsoll zuvor bereits an anderer Stelle überzeugend Serlio selbst zugeschrieben wurden.[5] Zwar wurde letztlich keiner dieser Entwürfe für Palast- und Kirchenfassaden bzw. für einen Triumphbogen für den Druck herangezogen, aber die präzise Analyse der jeweiligen Ausarbeitung der Zeichnung bzw. der Abgleich mit den tatsächlich gedruckten Entwürfen führen Serlios Arbeitsprozess und seine während der Drucklegung getroffenen Entscheidungen anschaulich vor Augen (Nr. 28-41, 97).

Zu den weiteren namhaften Autoren, die mit eigenen Zeichnungen oder Werkstattprodukten im Katalog vertreten sind, zählen Giulio Romano, Giovanni Antonio Dosio, Daniele da Volterra, Pirro Ligorio, Jacopo Barozzi da Vignola und Giovanni Battista Mola. Der geographische Rahmen der dargestellten Gegenstände reicht nur punktuell über Italien hinaus, so in einer Gruppe von Projektzeichnungen aus den 1560er Jahren für die Nonnenklosterkirche Nuestra Señora de la Consolación der Descalzas Reales in Madrid (Nr. 21-23). Zwei Zeichnungen der Madrider Plaza Mayor von 1626, die Cassiano während einer Legation seines Dienstherren Kardinal Francesco Barberinis nach Spanien persönlich erwarb oder geschenkt bekam, tragen eine sonst im ‚Museo Cartaceo’ eher seltene autobiographische Note (Nr. 64-65).

Unter den ornamentalen Blättern des zweiten Bandes ragt eine Serie von Entwürfen für Wanddekorationen in Fresko und Stuck von Luzio Romano und dem Umkreis Perino del Vagas heraus (Nr. 143-152). Im übrigen dominieren hier Zeichnungen anonymer Autoren des 16. Jahrhunderts aus den bereits erwähnten 1990 für den Verkauf aufgelösten Alben, deren heutiger Verbleib meist unbekannt ist, und obwohl viele der Darstellungen eher generischen Charakters sind, gelingt es Davies und Hemsoll in den allermeisten Fällen, mithilfe überzeugender Vergleichsbeispiele eine Eingrenzung der möglichen ursprünglichen Bestimmung der Zeichnung, der Datierung oder stilistischen Zuordnung vorzunehmen.

Die Katalogsektion mit militärischen Gegenständen wird eröffnet von einem wohl in seinem originalen Zustand erhaltenen Konvolut mit Zeichnungen von Festungsbauten im Mittelmeerraum. Die 28 zumeist bislang unpublizierten Blätter von ein und derselben Hand zeigen befestigte Städte und Territorien der Republik Venedig auf der ‚terra ferma’ sowie im östlichen Mittelmeer und lassen sich anhand der dargestellten baulichen und topographischen Zustände auf circa 1590 datieren (Nr. 234-261). Ebenfalls unpubliziert ist eine kleinere Serie aus dem späten 17. Jahrhundert, in der die Funktionsweise einer innovativen Mörsergranate in kolorierten Aquarellen veranschaulicht wird (Nr. 279-284).

Schon dieser knappe Überblick vermag zu illustrieren, dass die Architektur der jüngeren Vergangenheit oder gar der Gegenwart Cassianos im ‚Museo Cartaceo’ weit weniger systematisch und umfassend repräsentiert war als diejenige der Antike. Es ist anzunehmen, dass dieser Eindruck durch die noch ausstehenden Kataloge der druckgraphischen Sammlung Dal Pozzos relativiert wird, denn hierin hatte die moderne Architektur spätestens seit dem Auftreten des Verlegers Antonio Lafreri in der Mitte des 16. Jahrhunderts ihr bevorzugtes Medium der Vervielfältigung gefunden. Ungeachtet der aufgrund dieser Ursache mitunter etwas abseitigen Gegenstände, die Paul Davies und David Hemsoll zu bearbeiten hatten, bildet ihr Beitrag zum Katalog des ‚Paper Museum’ ein beispielgebendes Zeugnis vorbildlicher wissenschaftlicher Aufbereitung kunsthistorischen Quellenmaterials für die nachfolgende Forschung.

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Anmerkungen:

[1] Vgl. http://warburg.sas.ac.uk/research/projects/cassiano/ [letzter Zugriff 17.8.2014].
[2] Paul Davies, David Hemsoll: Michele Sanmicheli, Mailand 2004.
[3] Insgesamt 141 Katalognummern sind mit einem Sternchen versehen, das darauf hinweist, dass die Autoren die entsprechenden Blätter nicht persönlich in Augenschein nehmen konnten, was in den allermeisten Fällen dadurch begründet ist, dass der heutige Aufbewahrungsort der Zeichnungen aus den 1990 aufgelösten Alben ‚Stirling-Maxwell Architecture’ und ‚Stirling-Maxwell Sculpture’ unbekannt ist.
[4] Lynda Fairbairn: Italian Renaissance Drawings from the Collection of Sir John Soane’s Museum, 2 Bde., London 1998.
[5] Paul Davies, David Hemsoll: Fourteen Sheets of Drawings by Sebastiano Serlio, in: Some Degree of Happiness. Studi di storia dell’architettura in onore di Howard Burns, hg. von Maria Beltramini und Caroline Elam, Pisa 2010, S. 273-295.

Empfohlene Zitation:
Timo Strauch: [Rezension zu:] Davies, Paul; Hemsoll, David: The Paper Museum of Cassiano Dal Pozzo. Renaissance and Later Architecture and Ornament (Series A: Antiquities and Architecture), 2013. In: ArtHist.net, 21.09.2014. Letzter Zugriff 17.01.2019. <https://arthist.net/reviews/8361>.

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Davies, Paul; Hemsoll, David: The Paper Museum of Cassiano Dal Pozzo. Renaissance and Later Architecture and Ornament (Series A: Antiquities and Architecture), Harvey Miller Publishers 2013
ISBN-13: 978-1-905375-77-6, 784 p., EUR 243,63

Rezension veröffentlicht am: 21.09.2014

Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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