REV 21.09.2026

Tammen, Silke: Jenseits des Kanons: alternative Perspektiven auf die mittelalterlichen Bildkünste

Rezensiert von Michael Burger, Corpus Vitrearum Deutschland, Freiburg i.Br.
Redaktion: Livia Cárdenas
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Es ist akademische Tradition, dass universitäre Lehrer:innen von ihren Schüler:innen, Kolleg:innen und Weggefährt:innen zum 60. oder 65. Geburtstag eine Festschrift erhalten. Silke Tammen (1964–2018) hätte auch eine bekommen, das zeigt die vorliegende, zweibändige Publikation, die zunächst von Aufbau, Erscheinungsbild und Zeitpunkt der Veröffentlichung her als eine solche Gabe anmutet, tatsächlich jedoch eine Gedenkschrift ist. Denn die Gießener Professorin für Kunstgeschichte starb noch vor Vollendung ihres 54. Lebensjahres im Jahr 2018.

Dass eine solch jung verstorbene Wissenschaftlerin von so vielen Fachkolleginnen und -kollegen nun geehrt worden ist - in beiden Bänden 25 an der Zahl -, zeigt, wie groß die Reichweite von Tammens kurzem Wirken war und ist. Auch den Rezensenten hat Silke Tammens Herangehensweise, Kunstwerke zu sehen, nachhaltig geprägt. Als ich im Sommersemester 2001 in Tübingen das Studium der Kunstgeschichte aufnahm, besuchte ich zwei der drei Lehrveranstaltungen „Auge und Sehen im Mittelalter“ (Vorlesung), „Ideale Weiblichkeit - ideale Heiligkeit? Bildzyklen weiblicher Heiliger im Mittelalter“ (Proseminar) und „Der Körper - Neuere Fragestellungen in der mittelalterlichen Kunstgeschichte“ (Hauptseminar) der damaligen Vertretungsprofessorin. Allein diese Titel verweisen auf Tammens Individualität in den kunsthistorischen und mediävistischen Wissenschaften, was der damalige Erstsemesterstudent jedoch erst in der Folgezeit erkannte.

Der erste Band der vorliegenden Gedenkschrift „Jenseits des Kanons: Alternative Perspektiven auf die mittelalterlichen Bildkünste“, herausgegeben von Kristin Böse und Barbara Schellewald, vereinigt zwölf zwischen 1997 und 2017 erschienene Beiträge Silke Tammens, an deren Ende jeweils ein Kommentar von Fachkolleg:innen beigegeben ist. Diese betten die Aufsätze in die nachfolgende kunsthistorische Entwicklung und gegenwärtige Diskussionen ein und sind ein hilfreiches Mittel zur Kontextualisierung von Tammens Forschungen. Band 2: „Nachdenken über Sinne, Bildwahrnehmung und Materialität. Silke Tammens Forschungen auf der Spur“, herausgegeben von Antje Bosselmann-Ruickbie und Markus Späth, enthält 14 kunsthistorische Beiträge und eine literarische Annäherung von Weggefährtinnen und Weggefährten, die vielfach auf die Forschung Tammens Bezug nehmen. Beide Bände treten damit dialogisch miteinander in Beziehung und sind mit Gewinn neben- und miteinander zu lesen, etwa wenn Tammens wegweisender Beitrag zu den Bible moralisée-Handschriften von 2002 („Schluss und Genese“, Bd. 1, S. 66-87), der im Wesentlichen auf ihre ungedruckte Habilitationsschrift zurückgeht, gleich von zwei Kollegen im zweiten Band aufgegriffen und weitergedacht wird (Bruno Reudenbach: „Anfang und Ende in der Bible moralisée“, Bd. 2, S. 81-97, und David Ganz: „Weltschöpfung und Buchschöpfung“, Bd. 2, S. 99-125), oder wenn die Mitglieder des Netzwerks „Ornamentum: Schmuck in Mittelalter und Früher Neuzeit“[1] Vera Henkelmann, Maria Stürzebecher und Romina Ebenhöch allesamt in ihren Aufsätzen auf Tammens grundlegenden Beitrag zu Reliquiaranhängern („Bild und Heil am Körper“, Bd. 1, S. 226-246) verweisen.

Da sich die wenigsten Leser:innen aber mit beiden Bänden ausführlich auseinandersetzen werden, vielmehr - wie es bei der Nutzung von Sammelwerken üblich ist - nur einzelne Beiträge konsultieren werden, wäre es von Vorteil gewesen, die Bände mit gegenseitigen Verweisen enger miteinander zu verzahnen. So ist etwa den Literaturangaben in Band 2 nicht zu entnehmen, wenn ein Beitrag Tammens im ersten Band erneut abgedruckt vorliegt. Andersherum vermisst der Leser beispielsweise bei dem erwähnten Bible moralisée-Beitrag Tammens den Hinweis, dass die dort nicht gezeigten Abb. 3 und 5 (Bd. 1, S. 87) im zweiten Band auf S. 90 (und nochmals auf S. 103) sowie auf S. 123 erscheinen. Oder, um ein letztes Beispiel zu nennen, dass das im Beitrag „Bild und Heil am Körper“ nicht gezeigte Schmetterlingsreliquiar aus Regensburg (Bd. 1, S. 245) nur wenige Seiten später im Beitrag „Tierische Behälter“ auftaucht (Bd. 1, S. 250).

Diese Anmerkung resultiert aus dem Umstand, dass im ersten Band darauf verzichtet wurde, „den gesamten Abbildungsapparat“ der früheren Beiträge zu übernehmen (S. 13). Was zunächst irritiert, entpuppt sich als Bereicherung bei der Lektüre: So schlagen Tammens Aufsätze einen weiten, übergeordneten Bogen, um die Gedankenführung dennoch an einzelnen Objekten festzumachen, etwa wenn sie predigende Frauen in den Augenschein nimmt und anhand der Florentiner Magdalenentafel exemplarisch deren Verbildlichung nachspürt („‚Einer Frau gestatte ich nicht, daß sie lehre‘“, Bd. 1, S. 14-33), oder wenn sie Gewaltdarstellungen kartiert und am Beispiel des Barbara-Altars des Meister Francke die Deutungs-Problematik begehrenswerter weiblicher Körper aufzeigt („Gewalt im Bilde“, Bd. 1, S. 132-158). Beim Lesen richtet sich nun der Fokus auf diese wenigen ausgewählten, aber in den Aufsätzen zentralen Abbildungen, während der übergeordnete Gedankengang nicht durch weitere Bildbeigaben „unterbrochen“ wird.

Tammens Beiträge lassen sich hinsichtlich der von ihr in den Blick genommenen Untersuchungsgegenstände in drei Gruppen unterteilen. Die ersten Aufsätze behandeln vielfach szenische Bilderzählungen hagiografischer und biblischer Themen, so die erwähnte Magdalenentafel aus Florenz, die umfangreichen Zyklen der Bibles moralisées, der Katharinenzyklus in den Belles Heures der Gebrüder Limburg („Der Bildzyklus der Heiligen Katharina von Alexandrien“, Bd. 1, S. 108-128) oder das Pariser Eugenienfrontale („Nuda veritas im Mönchsgewand“, Bd. 1, S. 164-181). Indem sie diese Objekte aus bestimmten Erkenntnisinteressen hin befragt (predigende Frauen, Darstellung von Häretikern und Ungläubigen, sinnliche Heiligenkörper, Legitimation von „Crossdressing“), weisen die Aufsätze weit über die Einzelfallbetrachtungen hinaus und bieten wertvolle Impulse auch für ikonografische, hagiografische und narratologische Fragestellungen. In diesen frühen Aufsätzen tritt ihre „intensive Auseinandersetzung“ (Susanne Wittekind; Bd. 1, S. 89) mit Wolfgang Kemps Buch „Sermo Corporeus“ zutage, das die Erzählung mittelalterlicher Bildfenster zum Inhalt hat.[2] Es fällt auf und ist zu bedauern, dass Silke Tammen, der es stets um Materialität und Medialität, Wahrnehmung und sinnliche Erfahrung ging, selbst das Feld der mittelalterlichen Glasmalerei und deren zeitgenössische Rezeption nie betrat.

Ein zweites Forschungsfeld behandelt illuminierte Codices im Hinblick auf deren Anwendungs- und Rezeptionskontexte. So führt sie die Bibles moralisées als möglicherweise von Blanca von Kastilien in Auftrag gegebene Werke ein, betrachtet die Belles Heures der Gebrüder Limburg durch die Augen des Herzogs Jean de Berry oder kontextualisiert das Gebetbuch „Egerton 1821“ mit seinen Passions-Holzschnitten und den zur Berührung verleitenden, dicken „Blutstropfen“, die die Seiten des kleinen Büchleins überziehen, überzeugend in ein südenglisches Kartäuserkloster („Rot sehen - Blut berühren“, Bd. 1, S. 202-222). Die „Rothschild Canticles“ mit ihren grotesken Randminiaturen und dem seltsam anmutenden Trinitätszyklus („ein Varieté der Offenbarungen“) stellt sie als eine für eine weibliche Leserin konzipierte Handschrift vor („Monster am Rande und Versteckspiele der Trinität“, Bd. 1, S. 184-198). Hier lohnt es sich, parallel zur Lektüre des Beitrags das Original-Manuskript digital auf dem Bildschirm vor- und zurückzublättern.[3]

In ihren jüngsten Beiträgen widmete sich Tammen Objektgruppen, die sich eher abseits des universitären kunsthistorischen Diskurses befinden. Dazu gehören „mittelalterliche Schmuckdinge“ (Tina Bawden, Bd. 2, S. 166) oder Reliquiare fantastischen Aussehens wie der großartige „Stelzenfisch“ („Tierische Behälter“, Bd. 1, S. 250-269), aber auch gravierte Schlossschilde sogenannter Minnekästchen („Zwischen Schloss und Riegel“, Bd. 1, S. 274-290).

Was an allen Beiträgen der „Forscherin im Denken und Schreiben“ (Bd. 1, S. 9) Silke Tammen hervorsticht, ist ihre besondere Gabe des Sehens, Betrachtens und Beschreibens, die es möglich macht, ihr in allen Beobachtungen, Gedankengängen und Argumentationen zu folgen. Dadurch gewinnen ihre Forschungen eine Plausibilität, jedoch ohne dabei vermeintliche Sicherheiten zu suggerieren: im Subtext bleibt stets das Plädoyer einer „Diversität von Deutungsangeboten“ (Bd. 1, S. 12). In dieser Herangehensweise und Methodik haben Tammens Schriften Vorbildcharakter.

Band 2 gibt es auch als freien Download auf den Servern der Heidelberger Universitätsbibliothek. [4] Es ist leider nicht ersichtlich, ob der erste Band dort zukünftig ebenfalls digital vorliegen wird. Dies wäre zu wünschen, denn die Aufsatzsammlung Tammens gehört verbreitet und ist besonders Studierenden der Kunstgeschichte wärmstens ans Herz zu legen.

[1] URL: https://www.arthistoricum.net/netzwerke/ornamentum [07.09.2026].
[2] Wolfgang Kemp: Sermo corporeus. Die Erzählung der mittelalterlichen Glasfenster, München 1987.
[3] URL: https://collections.library.yale.edu/catalog/2002755 [07.09.2026].
[4] URL: https://books.ub.uni-heidelberg.de/arthistoricum/catalog/volume/tammen2025 [07.09.2026].

Tammen, Silke: Jenseits des Kanons: alternative Perspektiven auf die mittelalterlichen Bildkünste. Kommentierte Ausgabe der Schriften, Berlin: Reimer-Verlag 2025
ISBN-13: 978-3-496-01716-5, 300 Seiten, 79,00 EUR, Inhaltsverzeichnis

Bosselmann-Ruickbie, Antje; Späth, Markus (Hrsg.): Nachdenken über Sinne, Bildwahrnehmung und Materialität. Silke Tammens Forschungen auf der Spur, Berlin: Reimer-Verlag 2025
ISBN-13: 978-3-496-01717-2, 274 S., 79,00 EUR, Open Access

Empfohlene Zitation:
Michael Burger: [Rezension zu:] Tammen, Silke: Jenseits des Kanons: alternative Perspektiven auf die mittelalterlichen Bildkünste. Kommentierte Ausgabe der Schriften, Berlin 2025; Bosselmann-Ruickbie, Antje; Späth, Markus (Hrsg.): Nachdenken über Sinne, Bildwahrnehmung und Materialität. Silke Tammens Forschungen auf der Spur, Berlin 2025. In: ArtHist.net, 21.09.2026. Letzter Zugriff 21.09.2026. <https://arthist.net/reviews/54337>.

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