REV 12.10.2026

Haskell, Francis; Penny, Nicholas: Taste and the antique (Revised Edition)

Rezensiert von Charlotte Schreiter, LVR-Landesmuseum Bonn
Redaktion: Livia Cárdenas
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Nur wenige kunsthistorisch-archäologische Werke können von sich behaupten, so weit verbreitet und rezipiert worden zu sein, dass über nunmehr fast 50 Jahre immer wieder Neuauflagen erschienen sind. "Taste and the Antique. The Lure of Classical Sculpture 1500-1900" von Francis Haskell und Nicolas Penny ist eines dieser Kompendien. Erstmals 1981 erschienen hat es nicht nur den Blick auf antike Skulptur, mit dem sie in der Klassischen Archäologie seit dem späten 18. Jahrhundert analysiert und betrachtet wurde, um sie in einem stilkundlich grundierten System zu ordnen, grundlegend verändert, sondern vor allem zahllose weitere Studien zu ihrer Wirkungsgeschichte angeregt.

Während aber alle Auflagen, zuletzt der sechste Nachdruck von 2006, nahezu unverändert der Originalausgabe entsprachen, präsentiert sich die jetzt 2025 erschienene revidierte und erweiterte Ausgabe bereits optisch als veritable Überarbeitung. Schon beim Auspacken fühlt man sich spontan an langlebige Automodelle erinnert, deren jeweils neuestes Modell zwar im Grundsatz noch dem Ursprung entspricht, sich aber mit vielen neuen Funktionen als überdimensionale Vergrößerung zeigt. War die bislang verbreitete Ausgabe eher schmal und kompakt und auf einen Kern konzentriert, ist so schon prima vista das Bestreben der Bearbeiter:innen Adriano Aymonimo und Eloisa Dodero zu erkennen, nicht nur den gut etablierten Kern des Ursprungswerks zu aktualisieren, sondern darüber hinaus seine Wirkungsgeschichte und die seit 1981 reich sprudelnde neuere Forschung in ihrer Relation dazu abzubilden. Und dies, das lässt sich schon vorab feststellen, ist hervorragend gelungen.

Die drei reich illustrierten Bände übernehmen in diesem Projekt in der Konsequenz klar unterscheidbare Funktionen. Der erste Band (Volume 1: Text) entspricht in seinem Kern den älteren Ausgaben, der zweite Band (Volume 2: Originals) illustriert in atemberaubenden, meistens neuen Aufnahmen den ‚Kanon‘ der 95 von Haskell und Penny katalogisierten Statuen und der dritte und letzte Band (Volume 3: Replicas and Adaptations) schließlich beinhaltet, chronologisch sortiert, hoch qualitätvolle Abbildungen von Nachbildungen, Kopien, Umbildungen, Wiederholungen, Verkleinerungen und bildlichen Vereinnahmungen genau der zuvor vorgeführten Originale. Es ist mit einem Wort eine Prachtausgabe.

Dass dies möglich wurde, ist der großzügigen Stiftung von Hester Diamond als Begründerin von Vistas zu verdanken, die sich insbesondere für die verbesserte Illustration der Neuausgaben wissenschaftlicher Werke zur Skulptur einsetzt. Cultural Heritage Digitisation hat so für die Neuaufnahmen, die großzügig von den Sammlungen und Museen unterstützt wurden, Sorge tragen können (S. vi, Acknowledgments).

Kaum ein anderes Werk bedurfte einer solchen Neubebilderung mehr als eben „Taste and the Antique“. Denn so bahnbrechend es inhaltlich auch immer gewesen sein mag: die Abbildungen waren durchgehend nicht mehr als einfache Marker, um überhaupt eine Idee von den besprochenen Objekten zu bekommen. Und so präsentiert sich schon der erste Band, der im Wesentlichen dem bisherigen Text und Katalog entspricht, optisch frisch aufbereitet. Ihm sind Vorworte vorangestellt, die Aufbau und Motivation darlegen. Das erste stammt von Nicholas Penny (S. vii-xv) und gibt Einblicke in die Entstehung der ersten Ausgabe von 1981, die – 1977 erstmals ins Auge gefasst – von den Bleikopien des Antinous vom Belvedere und der Venus Medici in Rousham und der Beobachtung der kulturellen Amnesie („cultural amnesia“) ausgingen. Obwohl standardmäßig in vielen Country Houses und ihren Gärten und Parks vorhanden, war die Kenntnis der Relation zu ihren Vorbildern zu diesem Zeitpunkt weitgehend verloren gegangen. Was ursprünglich als kleiner Führer zu den Plastiken in Rousham angelegt war, wuchs sich so zu dem viel weiter reichenden Überblick über den Kanon derjenigen Antiken aus, die seit der Renaissance den Fundus für deren Verbreitung in ganz Europa und später auch weit darüber hinaus bildeten.

Für die Neuausgabe wurde die Entscheidung getroffen, diesen 1981 ermittelten Kern der Überlieferung beizubehalten, eine Entscheidung, die Nicholas Penny selbst als möglicherweise problematisch charakterisiert (S. x); so sei zwar inzwischen deutlich geworden, dass manche der Skulpturen nicht die Bedeutung hatten, die ihnen von den Autoren zuerkannt worden war, während andere, wie beispielsweise die Juno Ludovisi, viel stärker ins Bewusstsein etwa der Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts vorgedrungen seien, als seinerzeit angenommen. Zu einer Ergänzung des Katalogs hat dies jedoch nicht geführt. Zudem wurde die Entscheidung gefällt, den Text im Wesentlichen unverändert erneut abzudrucken. Einige sinnvolle Weiterungen, die eingearbeitet hätten werden können, skizziert Penny, insbesondere bezogen auf das Neue Museum in Berlin und seine Auswirkungen auf die großen Gipsmuseen in ganz Europa. Die Chance, diese Fehlstellen richtig auszufüllen, so muss man es leider konstatieren, wurde vertan.

Die eigentliche Überarbeitung, so führen es Adriano Aymonino und Eloisa Dodero in ihrem Vorwort (S. xvi-xvii, An Updated Note on the Presentation of the Essay and Catalogue) aus, erfolgte in den Katalognummern. Ein weiterer Band mit anderen antiken Statuen und ihrer Rezeption ist geplant. Dass die Vorbemerkungen parataktisch aufeinanderfolgen, spiegelt exemplarisch den geteilten Charakter des ersten Bandes wider. Auf den wie angekündigt wenig überarbeiteten Text (S. xix-xx sowie S. 1-132 folgt, nach Kapiteln sortiert, eine aktualisierte Bibliographie (S. 133-141: Updated bibliography), die die aktuelle Forschung, allerdings kompakt und jeweils übergreifend, referiert. Es ist zu bedauern, dass die immense Arbeit, die bei der Aktualisierung geleistet wurde, nicht organisch in den bisherigen, nach wie vor wegweisenden Text integriert wurde.

Immerhin aber wurde dies konsequent bei den 95 Katalognummern getan (S. 142-583). Hier bildet sich vorzüglich ab, welche große Fülle von Untersuchungen ganz unterschiedlicher Art in den letzten Jahrzehnten auf dem Gebiet der Rezeption und Transformation der Antike geleistet wurde. Jedem Eintrag ist die seit 1981 erschienene Literatur zugewiesen, eine wohltuende Neuerung, die die Zugänglichkeit deutlich erhöht. Nicht nur werden die Statuen in ihrem antiken Bestand gewürdigt, sondern es finden sich auch jeweils separate Abschnitte zu den für ihre jeweilige Rezeption so zentralen Restaurierungen. Zu jedem Objekt ist die CensusID referiert, sodass viele der Angaben bei Bedarf auch online recherchiert können. Die Hinweise auf die nachantiken Nachbildungen, Kopien, Abgüsse und Verarbeitungen sind signifikant erweitert. In der Summe ist dieses Kompendium auf neue und erfrischende Weise das, was es 1981 schon einmal war: eine bahnbrechende Zusammenstellung, die zugleich den Forschungsstand setzt sowie neue Untersuchungen geradezu herausfordert.

Dies bestätigt sich auch in der Bibliographie (S. 586-692), für deren vermeintliche Unvollständigkeit sich die Bearbeiter:innen, übrigens völlig zu Unrecht, bereits im Vorwort entschuldigen (S. xvi); vor allem Forscher:innen vom Kontinent würden über fehlende Titel enttäuscht sein, während anglophone sie exzessiv und pedantisch finden könnten. Dieser Eindruck bestätigt sich so nicht, im Gegenteil: es wurden erfreulich viele auch ‚kontinentale‘ Titel aufgenommen und richtig in die Erzählstränge eingefügt. Und so sind es nur einige wenige Werke, die ich mir als Rezensentin noch gewünscht hätte, etwa Miranda Marvin, The Language of the Muses, Los Angeles 2008, das in vielerlei Hinsicht als komplementär zu Haskell-Penny gelesen werden kann. Zentrale Aspekte zu Gipsabguss-Sammlungen sind zusammengestellt in Annetta Alexandridis – Lorenz Winkler-Horacek, Destroy the Copy – Plaster Cast Collections in the 19th-20th Century, Berlin – Boston 2022. Und so wird jede:r Lesende von der einen oder anderen Seite Fehlstellen ausmachen können, die jedoch das Gesamte in keiner Weise schmälern.

Der zweite Band präsentiert wie erwähnt in höchster Qualität die 95 Original-Skulpturen in größtenteils atemberaubender Qualität und sensationellen Details. Die allermeisten wurden neu aufgenommen und komplettieren damit das Herzstück der Neuausgabe, indem sie Vieles sichtbar machen, das zuvor oft kleinteiliger eigener Recherche unterworfen war. Hier auf einzelne Stücke einzugehen, erübrigt sich. Allein die Möglichkeit, diese Bilder mit jenen im dritten Band zu vergleichen, eröffnet im Wortsinn so viele neue Perspektiven, dass sich daraus zwangsläufig weitere Beobachtungen und Studien ergeben werden.

Dieser dritte Band nun ist kein bloßes Nachklappen, sondern der mehr als gelungene Versuch, über die mitlaufenden Illustrationen im ursprünglichen Text hinaus die Fülle der Rezeptionsstränge und die Spielarten der Aufnahme der vorbildhaften antiken Skulpturen, die an vielen Stellen weit ins 20. Jahrhundert ausgreift, visuell greifbar zu machen. Auch hier musste selbstverständlich ausgewählt werden, aber dennoch vermittelt sich hier eine bisher nicht bekannte Bandbreite, an die jede;r Forscher:in schnell und ohne weiteres Vertun seine ‚eigenen‘ Kopien und Nachbildungen anschließen kann. Die Qualität der Abbildungen ist auch in diesem Band exzellent und es ist mehr als gerechtfertigt, dass Bryony Bartlett-Rawlings und Rachel Hapoienu, in deren Händen die Bild-Recherche lag, namentlich erwähnt sind.

Wie werden wir das Buch künftig zitieren? Haskell – Penny 2.0? Oder Haskell – Penny 2025? Haskell – Penny – Aymonino – Dodero 2025 oder nur Aymonino – Dodero 2025? Letztlich kann diese Frage nur jede:r für sich selbst beantworten. Wichtig ist: dies ist ein neues Werk, das fußend auf grundlegenden Untersuchungen mit großer Wahrscheinlichkeit selbst zu einer Studie wird, von der hoffentlich viele weitere Forschungen ausgehen werden.

Haskell, Francis; Penny, Nicholas: Taste and the antique. The lure of classical sculpture 1500-1900. Revised and Amplified Edition by Adriano Aymonimo and Eloisa Dodero, Turnhout: Harvey Miller Publishers 2024
ISBN-13: 978-1-909400-25-2, 3 Bde., 395,00 EUR

Empfohlene Zitation:
Charlotte Schreiter: [Rezension zu:] Haskell, Francis; Penny, Nicholas: Taste and the antique. The lure of classical sculpture 1500-1900. Revised and Amplified Edition by Adriano Aymonimo and Eloisa Dodero, Turnhout 2024. In: ArtHist.net, 12.10.2026. Letzter Zugriff 12.10.2026. <https://arthist.net/reviews/54605>.

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