REV-CONF 18.02.2026

10 Jahre Doktorand:innen-Workshop zu mittelalterlichen Sakralräumen

Zürich, 01.–02.11.2025

Bericht von Viktoria Imhof, Marburg
Nina Kunze
Redaktion: Livia Cárdenas

Tagungsbericht der Veranstalterinnen Viktoria Imhof und Nina Kunze

Seit nunmehr 10 Jahren trifft sich das Doktorand:innen-Netzwerk zu Mittelalterlichen Sakralräumen (MiSaR) regelmäßig. Es hat sich als Austauschplattform junger Wissenschaftler:innen etabliert. 2015 entwickelten die vier Mittelalter-Begeisterten Pascal Heß, Thomas Kaffenberger, Mareike Liedmann † und Verena Smit die Workshop-Idee. Der Gründungsanlass, ein institutionell unabhängiges Format zu schaffen, das frei von akademischen Zwängen Promovierenden die Möglichkeit bietet, eigene Forschungen in einer interdisziplinären Gruppe zu präsentieren und zu diskutieren, begeistert bis heute. Dank der großzügigen Förderung der Elisabeth und Helmut Uhl Stiftung konnte das Format seit seinem Bestehen acht Mal auf dem ruhig gelegenen Buchnerhof über dem Ort Leifers in Südtirol stattfinden. Pandemiebedingt wurde die Begegnung 2020 digital abgehalten, sodass bei den vergangenen neun Treffen insgesamt ca. 70 Wissenschaftler:innen in einen produktiven Austausch traten und das Netzwerk bereicherten.

Am 01. und 02. November 2025 fand in Zürich das 10-jährige Jubiläum mit 20 Teilnehmenden der unterschiedlichen Jahrgänge statt. Auf unterhaltsame Weise präsentierte Verena Smit die „Gründungslegende“ zum Auftakt der Tagung. Nina Kunze (aktuelles Organisationsmitglied) blickte anschließend thematisch in die letzten Jahre und zeigte anhand der Vortragstitel die Mannigfaltigkeit der Diskussionsthemen auf.

Da der Beitrag die „Thüringische Skulptur des Mittelalters“ von Aylin Seeboth (Universität Bonn) krankheitsbedingt ausfallen musste, machte Rena Dyx (Universität Greifwald) mit ihrem Vortrag „Das Katharinenkloster in Nürnberg. Die Ausstattung eines Dominikanerinnenkonvents im Spätmittelalter“ den inhaltlichen Aufschlag. Sie präsentierte eine Rekonstruktion des sog. Katharinengrabes, einem ungewöhnlichen retabelähnlichen Objekt, gestiftet von Georg Fütterer. Dabei diskutierte sie, wie eine doppelseitige Bemalung desselben Motivs auf drei Tafeln die didaktische Darstellung der Heiligenlegende beeinflusst. Die Bildszenen „Verbrennung der Gelehrten“, das „Radwunder“ und die „Enthauptung der hl. Katharina“ wären somit auch nach einem von ihr rekonstruierten Aufklappmechanismus nach unten, in der Alltags- und Festtagsansicht präsent. Daran anschließend wägte sie anhand von Beschreibungen des 18. und 20. Jahrhunderts den ursprünglichen Aufstellungsort des Ensembles ab.

Nachfolgend gewährte Nadja Lang (Universität Heidelberg) einen Einblick in ihre Dissertation mit dem Titel „Das Heiligkreuzmünster in Schwäbisch Gmünd und die monumentalen Stadtpfarrkirchen des 14. Jahrhunderts“. Sie fokussierte sich dabei auf einen Teilaspekt, der sich mit den Motivationen für gesteigerten Bauaufwand beschäftigte. Ähnlich wie in vielen Städten des 14. Jahrhunderts wurde auch in Schwäbisch Gmünd ein hoher Bau- und Kostenaufwand für den Neubau der Stadtpfarrkirche betrieben. Dies führte sie zu der Frage, welche Faktoren den besonderen Aufwand rechtfertigten: Platzbedarf für Kirchenbesucher oder Altäre? Repräsentation oder Demonstration von Zuständigkeit? Mit vergleichendem Blick auf andere Orte, wie dem Ulmer Münster, den Nürnberger Pfarrkirchen und den Esslinger Kirchen stellte sie den Konkurrenzdruck durch andere Sakralbauten innerhalb der Stadt als wichtigen Faktor heraus.

Im zweiten Vortragsslot folgte Emma Leidy (Columbia University) mit dem Vortrag „Gnadenbilder im Alpenraum: mittelalterliche Wallfahrtsorte, Transitrouten und Künstleraustausch“. Sie gab einen Überblick über Gnadenbilder auf der Wallfahrtsroute nach Rom durch den Alpenraum des 14. bis 16. Jahrhunderts. Dabei stellte sie innerhalb der behandelten fast dreihundertjährigen Spanne Vergleiche zwischen den vorhandenen Madonnenfiguren (Maria Lactans, Pietà) in den Orten St. Georgenberg, Riffian, Einsiedeln, Bozen und Nonsberg an. So konnte sie den Künstler- und kunsthandwerklichen Austausch entlang vergessener Wallfahrtsorte und Transitrouten nachzeichnen.

Anschließend trug Sophie Morawitz (Alumna Universität Wien) ihre Ergebnisse zu einer Fensterausstattung der Steyr Stadtpfarrkirche vor. Unter dem Titel „Gläserne Zeugen. Die frühneuzeitliche Fensterneuausstattung der Stadtpfarrkirche in Steyr (Oberösterreich)“ rekonstruierte sie u.a. anhand der Architekturrahmung in Scheibenfragmenten zwei Fensterkompositionen der frühneuzeitlichen Glasmalereiausstattungen der Stadtpfarrkirche, die im 19. Jahrhundert zu einem neu verbauten Fenster vereinigt worden waren. Dabei konnte sie Rückschlüsse auf zwei Stifter:innenbildnisse ziehen, die bisher unbekannte Einblicke in die vielschichtigen Motivationen und Hintergründe der Stiftung gewähren.

Die Einheit abschließend präsentierte Marie-Luise Kosan (Universität Bamberg) unter dem Thema „Funktion(en) des Vegetabilen in Wurzel-Jesse-Darstellungen“ exemplarisch die Wurzel Jesse am Westportal des Freiburger Münsters. Sie zeigte auf, dass es sich bei dieser um eine einzigartige, mehrere zentrale Bauteile des Portals rahmende Konzeption handelt. Die unterschiedlich gestalteten Ranken dienen hierbei nicht nur als Verbindungselement, sondern stehen mit ihrem Wachstum – so die These – sinnbildlich für das innere Streben nach Gotteserkenntnis.

Während sich der erste Teil der Tagung mit laufenden oder im Abschluss befindlichen Doktoratsthemen befasste, gewährten Marlene Kleiner (Universität Köln) und die promovierte Johanna Beutner (Alumna Universität Bonn) Einblicke in ihre aktuellen beruflichen Tätigkeitsfelder. Marlene Kleiner präsentierte unter dem Titel „Kleine Denkmale – Große Heimatgeschichte. Das Kleindenkmal-Inventarisierungsprojekt als Schnittpunkt zwischen Denkmalpflege und Heimatforschung“ das im Rhein-Neckar-Kreis (Baden-Württemberg) einmalige Projekt zur Erfassung von Kleindenkmalen. Sie berichtete vom Aufbau, von der Struktur und dem Vorgehen bei der Erfassung und stellte erste Forschungsergebnisse zu den sog. Wegsteinen aus dem 19. Jahrhundert vor.

Johanna Beutner referierte über „Nutzen und Umnutzen: Die Kirche(n) des Frauenkonvents Vilich“ (Bonn). Sie untersuchte den Sakralraum in seinem „gesamten Lebenszyklus“, also in den unterschiedlichen Zeitschichten und Baustilen, aus denkmalpflegerischer Sicht und stellte die Frage, wie Sakralräume gegenwärtig aber auch zukünftig genutzt werden können, um ihre Erhaltung zu sichern. Die bereits während der Promotion entwickelte Forschungsfrage hat sie im Rahmen ihrer Tätigkeit beim Denkmalamt des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) um denkmalpflegerische Aspekte erweitert.

Nach den Vortragseinheiten führte Dr. Iris Hutter die Gruppe in einem Rundgang zu ausgewählten Architekturhighlights der Universität Zürich. Stationen waren die Rämistrasse 59, ein Schulbau des Architekten Gustav Albert Wegmann 1839–1842, das Institut für Rechtswissenschaft mit der spektakulären Bibliothek des Architekten Calatrava und die beiden Hauptgebäude der Universität Zürich und ETH in klassizistischem Stil.

Das Abendprogramm begann Dr. Verena Smit mit dem öffentlichen Vortrag „Die Hersfelder Abteikirche des 11. Jahrhunderts. Schon damals ganz schön ,retro‘!“. Sie zeigte, dass die salierzeitliche Basilika wie bereits ihr karolingerzeitlicher Vorgängerbau in ihrer Grundrissgestalt auf den Bau der Fuldaer Ratgar-Basilika des 9. Jahrhunderts rekurrierte und damit mutmaßlich eine Anciennität evozierte. Dem Verständnis nachgehend, Architektur sei Kommunikation, verdeutlichte sie neben den Traditionsmotiven auch den innovativen Anspruch der Architektur. Denn Hallenkrypta und Langchor erwiesen den Bau des 11. Jahrhunderts als bewusste Steigerung gegenüber dem Vorgänger.

Den kreativen Abschluss des Abends machten Nina Kunze (Universität Passau), Carmen Baggio (Universität Zürich) und Dr. Iris Hutter (Universität Zürich), die ihre Forschungsprojekte in einem Science Slam vortrugen. Während Nina Kunze reimend das Machtgefüge und die Einflussnahme des Passauer Frauenstifts in der mittelalterlichen Stadtpolitik („Weibliche Akteurinnen im Passauer Frauenstift“) verdeutlichte, konnte Carmen Baggio mit ironischer Wortgewandtheit die „spätmittelalterliche Bilderbuchkarriere: Vom Soldatus zum Beatus" vorstellen, die sich rund um das Einsiedlergrab und das umliegende Bildprogramm im Camposanto in Pisa gesponnen hatte. Dr. Iris Hutter machte in ihrem Beitrag „Architekturmodelle. (K)ein Fall fürs Mittelalter“ klar, dass es solche Modelle bereits im Mittelalter gegeben haben muss, auch wenn sie in der Forschung bisher kaum beachtet bzw. bisher keine Überlieferung eines Gebäudemodells aus dem Mittelalter bekannt ist.

Der zweite Tag des Workshops (Exkursionstag) begann mit einer Führung durch Dr. Andreas Motschi (Stadtarchäologie Zürich) und führte die Gruppe zu drei ausgewählten „Archäologischen Fenstern“ der Stadt (Lindenhof-Keller, Wasserkirche, Ehgraben). Nachmittags schlossen zwei Führungen im Grossmünster und im Fraumünster an. Damit fand die Jubiläumstagung zum 10-jährigen Bestehen des Doktorand:innenworkshops zu mittelalterlichen Sakralräumen thematisch passend seinen Abschluss. Für das nächste Treffen im September sowie für alle zukünftigen Workshops wünschen wir den aktuellen Organisatorinnen und zukünftigen Teilnehmenden weiterhin einen offenen, kollegialen und konstruktiven Austausch zu ihren Forschungsthemen. Denn es hat sich wieder gezeigt, dass eine Vielzahl an Nachwuchswissenschaftlerinnen ein breites Spektrum an Forschungsthemen zu mittelalterlicher Sakralarchitektur erarbeitet und mit den anstehenden Veröffentlichungen den Forschungsstand erweitert.

Empfohlene Zitation:
Viktoria Imhof, Nina Kunze: [Tagungsbericht zu:] 10 Jahre Doktorand:innen-Workshop zu mittelalterlichen Sakralräumen (Zürich, 01.–02.11.2025). In: ArtHist.net, 18.02.2026. Letzter Zugriff 18.02.2026. <https://arthist.net/reviews/51787>.

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