REV Jan 26, 2026

Nathalie Dietschy: Glaciers alpins sous toiles. Une histoire photographique

Reviewed by Melissa Rérat, Basel
Editor: Livia Cárdenas
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„Es herrscht völliges Chaos, es ist schlimm. Es ist nicht einmal beschreibbar, es übersteigt alle Worte. Fotografie kann dies besser wiedergeben als Worte oder sogar Malerei.“[1] Mit diesen Zeilen beschreibt der Künstler Bernard Garo den Zustand vieler Gletscher. Wie Nathalie Dietschy betrachtet er die Fotografie als besonders geeignetes Medium, um diese sich rasant verändernden Landschaften zu dokumentieren und ihre Besonderheiten auf unterschiedlichen Maßstabebenen sichtbar zu machen.

Nathalie Dietschy – assoziierte Professorin für zeitgenössische Kunstgeschichte an der Universität Lausanne – widmet ihr neuestes, auf Französisch erschienenes Buch einer besonderen Landschaftsform: den bedeckten Alpengletschern („glaciers alpins sous toiles“). Gemeint sind Gletscherabschnitte, die seit Mitte der 2000er Jahre mit weißen Geotextilien abgedeckt werden, um das Abschmelzen des Eises in den warmen Monaten zu verlangsamen. Trotz ihrer Wirksamkeit wirft diese Praxis zahlreiche Fragen auf. Die hohen Kosten der Planen und ihrer Installation machen einen großflächigen Einsatz unmöglich. Ferner verfärben sie sich mit der Zeit grau und beinträchtigen das Landschaftsbild. Hinzu kommen ökologische Belastungen durch Fetzen, die in Seen und Flüsse gelangen. Kritische Stimmen bezeichnen diese Maßnahmen als unzureichend oder gar gefährlich und hinterfragen ihre tatsächlichen Ziele.[2] Am Rhonegletscher dienen die Schutzplanen etwa primär kommerziellen Zwecken, da sie die Lebensdauer der Eisgrotte als touristische Attraktion verlängern sollen. Die fotografierten Darstellungen der bedeckten Gletscher ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, weil sie die menschlichen Auswirkungen auf das Klima direkt an den Bergen ablesbar machen, die Macht der Tourismusindustrie offenlegen und die Beharrlichkeit auf punktuelle Rettungsmaßnahmen verkörpern, statt die Ursachen der globalen Erwärmung anzugehen. Zugleich fügen sie sich in eine lange Tradition der Bergfotografie ein und erinnern an Bilder, die tief im kulturellen und spirituellen Erbe der betroffenen Regionen verankert sind. Dies erwähnt eine aktuelle Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, die prognostiziert, dass bis zum Ende des Jahrhunderts weltweit zwischen 50 und 90 % der Gletscher verschwunden sein könnten.[3]

Dietschy widmet sich damit einer hochaktuellen und heiklen Problematik. Sie weist darauf hin, dass das Verschwinden der Gletscher bereits Gegenstand von Publikationen und Ausstellungen war, die durch die Anbringung von Decken entstandenen Landschaften jedoch bislang nicht aus kunsthistorischer Perspektive untersucht wurden.[4] Zwar könnte man einwenden, dass andere Arbeiten zum Gletscherschwund nicht ausführlicher vorgestellt werden, um die ausgewählten Werke zu kontextualisieren. Angesichts der großen Zahl von Fotograf:innen, die sich mit bedeckten Gletschern auseinandergesetzt haben, sowie der Vielfalt ihrer Ansätze erscheint die Konzentration auf diese besondere Landschaft jedoch gerechtfertigt.

Die Publikation von Dietschy überzeugt zunächst durch ihre ansprechende Gestaltung. Das von Anne-Catherine Boehi El Khodary entworfene Layout ermöglicht im Querformat eine luftige Präsentation der 130 Werke, die abwechselnd ganzseitig oder neben dem Text gezeigt werden. Die fotolithografische Arbeit von Karim Sauterel gewährleistet Reproduktionen von hoher Qualität, die eine detaillierte Betrachtung der Fotografien erlauben. Die blaue Farbe, die den Text durchzieht, findet sich auch in dem Buchfalz wieder, als würden die blauen Vorsatzblätter in die Zwischenräume der Seiten fließen.

Dietschy stellt Projekte von 26 Fotograf:innen vor, die sich mit Gletschern in der Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien befasst haben.[5] Bei der Auswahl lag der Fokus auf der Vielfalt der Herangehensweisen, Inhalte und Techniken. Das so entstandene Korpus ist völlig neuartig und einige Werke – darunter die Serie „Ultimate Landscapes 9” von Claudio Orlandi, die 2021 am Stilfser Gletscher in Italien entstand – werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Die Autorin verbindet monografische und thematische Ansätze, um sowohl die Eigenheiten der einzelnen Positionen als auch ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Die von ihr geführten Interviews mit den Künstler:innen liefern dabei wertvolles Quellenmaterial, das ihre Analysen differenziert und vertieft.

Im ersten Kapitel verortet Dietschy den Einsatz von Geotextilien in der kulturellen und visuellen Geschichte der Alpengletscher seit dem 18. Jahrhundert bis heute und erläutert anschließend ihre Einbindung in die kommerzielle Nutzung der Bergwelt. Das folgende Kapitel befasst sich mit den ersten Werken des Korpus, die die Umwandlung der Berge in touristische Räume beleuchten. Dietschy unterscheidet zwei fotografische Arbeitsweisen: die Dokumentation der Infrastrukturen einerseits und die Entwicklung einer ästhetischen Dimension der Stoffe andererseits. Letztere wird im dritten Kapitel weitergeführt, indem sie mit der Ikonografie von Draperie und Schleier in Beziehung gesetzt wird. Es folgen Analysen anderer visueller Motive, die von Verletzung, Trauer und Leichentüchern über Land Art bis hin zu Flüchtlingslagern reichen. Das abschließende Kapitel greift den von dem Umweltphilosophen Glenn Albrecht geprägten Begriff der Solastalgie auf, der das Gefühl der Verzweiflung angesichts des Verlusts unserer Umgebung beschreibt, der nicht durch eine physische Verlagerung, sondern durch eine Veränderung des Ortes verursacht wird, gegenüber der wir uns machtlos fühlen.[6] Auch eine mögliche militante Dimension einzelner Werke wird diskutiert.

Die Analyse bezieht sich u.a. auf das von Edmund Burke und Immanuel Kant im 18. Jahrhundert theoretisierte Sublime, auf die romantische Malerei sowie auf die zeitgenössischen Schriften über Fotografie von Abigail Solomon-Godeau und Roland Barthes. Ebenso wird das Konzept des Anthropozäns herangezogen, das Anfang der 2000er Jahre aufkam, um eine neue geologische Epoche zu bezeichnen, die durch den Einfluss des Menschen auf den Planeten geprägt sei. Durch diese interdisziplinäre Verankerung entwickelt die Autorin eine fundierte Interpretation der Werke, ohne in Pessimismus oder Moralismus zu verfallen. Denn diese Fotografien tun weit mehr, als nur einen Sachverhalt anzuprangern. Sie eröffnen neue Perspektiven. Dietschy zögert nicht, von Resilienz und einer anderen Art des Zeugnisses zu sprechen. Sie thematisiert die abstrakte, plastische und sogar ästhetische Dimension bestimmter Werke und stellt die Frage nach einer „begehrenswerten Landschaft” und einer merkwürdigen und ambivalenten Schönheit. (S. 112, 153)

Die von Dietschy zusammengestellten Fotografien haben über die Gletscherabdeckungen hinaus eine Gemeinsamkeit: die Zeitlichkeit. Sie vereinen zwei Zeitperspektiven, die lange geologische Zeit der Gletscher mit der kurzen Zeit des Menschen. Die Geotextilplanen werden so zum Symptom des menschlichen Eingriffs in geologische Zeit, des Einflusses eines Lebens in rasantem Tempo und einer Langsamkeit im Reagieren. Mit dem Verschwinden der Gletscher werden auch diese bedeckten Landschaften verschwinden. Umso dringlicher erscheint es, sie fotografisch festzuhalten und ihre Geschichte zu dokumentieren – ein Anliegen, das Nathalie Dietschy in ihrem Buch auf hervorragende Weise umsetzt.

[1] „C’est le chaos total, c’est grave. Ce n’est même pas descriptible, ça dépasse les mots. C’est la photographie qui peut rendre compte de cela, plus que les mots, voire que la peinture.“, in: Dietschy 2025, S. 125.
[2] Kürzlich wurde in der Schweiz eine Unterschriftensammlung initiiert, um die Walliser Regierung dazu zu bewegen, den Rhonegletscher „zu befreien und schützen”: https://act.campax.org/petitions/liberer-et-proteger-le-glacier-du-rhone?bucket=2025-12-17-sb (20.12.2025).
[3] Lander Van Tricht, Harry Zekollari, Matthias Huss et al., „Peak Glacier Extinction in the Mid-Twenty-First Century“, Nature Climate Change, 2025: https://doi.org/10.1038/s41558-025-02513-9 (20.12.2025).
[4] Erwähnenswert sind auch die Forschungen von Matthew H. Birkhold über Eisberge (insbesondere „Chasing Icebergs“, New York: Pegasus/Simon & Schuster, 2023) sowie künstlerische Arbeiten, die sich mit anderen Folgen der globalen Erwärmung befassen, z. B. Waldbrände, die Catherine Gfeller in ihrer Fotoserie „Firelands” (2021-2024) thematisiert (https://www.catherinegfeller.com/fr/photo/view/74/firelands/ [20.12.2025]).
[5] Tonatiuh Ambrosetti, Nicolas Crispini, Stefan Daniel, Nicolas Faure, Matthieu Gafsou, Bernard Garo, Lois Hechenblaikner, Frederike Kijftenbelt, Gian Paul Lozza, Francesco Merlini, Arthur Miffon, Jürgen Nefzger, Walter Niedermayr, Simon Norfolk, Claudio Orlandi, Laurence Piaget-Dubuis, Jacques Pugin, Hansjörg Sahli, Gregor Sailer, Anna Katharina Scheidegger, Bertrand Stofleth, Joël Tettamanti, Klaus Thymann, Ester Vonplon, Thomas Wrede und Stephan Zirwes. Ein Teil der in diesem Buch abgebildeten Werke wurde vom 24.6. bis zum 17.8.2025 in der Ausstellung „Glaciers sous couvert. Une histoire de préservation” im Schweizer Kameramuseum präsentiert. Nathalie Dietschy kuratierte den zweiten Teil der Ausstellung: https://www.cameramuseum.ch/evenement/glaciers-sous-couvert/ (20.12.2025).
[6] Siehe u.a.: Glenn A. Albrecht, „Earth Emotions. New Words for a New World“, Ithaca/London: Cornell University Press, 2019.

Nathalie Dietschy: Glaciers alpins sous toiles. Une histoire photographique, Gollion: Infolio 2025
ISBN-13: 978-2-88968-187-7, 240 S., 47.76 EUR

Recommended Citation:
Melissa Rérat: [Review of:] Nathalie Dietschy: Glaciers alpins sous toiles. Une histoire photographique, Gollion 2025. In: ArtHist.net, Jan 26, 2026 (accessed Jan 26, 2026), <https://arthist.net/reviews/51550>.

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