REV-EX Apr 18, 2004

Ficcions documentals | Dokumentarische Fiktionen

CaixaForum, Barcelona, Mar 10–Jun 27, 2004

Reviewed by Susana Angela Sáez de Guinoa Waltinger
Editor: Godehard Janzing

Dokumentarische Fiktionen. Eine Gratwanderung zwischen Kunst und politisch-sozialem Diskurs

Ein alter Mann mit buschigen weißen Augenbrauen und ergrautem Haar sitzt auf einem Picknick-Stuhl unter einem Baum und blickt um sich. Mal streicht er sich mit seinen wulstigen Fingern durch die Haare, mal gähnt er, mal kratzt er sich im Ohr. Drei-, viermal sagt er einen Satz. Eine ungeschickte Mischung aus Italienisch und Englisch, die man kaum versteht. Die Vögel zwitschern. Fischmarkt in Tokio. Die Händler schreien. Menschen drängen sich um die Stände. Walfischfleisch, Lachse, Thunfische landen mit einem dumpfen Knall auf großen Steinplatten und werden professionell mit zwei Handgriffen auseinander genommen. Unmengen an feuchtem, fast noch lebendigem Fleisch, das in Sekundenschnelle in Stücke gehackt wird. Blut, das in Rinnsälen fließt. Straßen rund um Bagdad. Ein Gerät registriert jedes Gebäude, misst jede Erhebung am Boden. Schnitt. Eine Wüstenlandschaft aus Vogelperspektive. Der Sucher, der einen undefinierbaren Punkt in der Ferne anvisiert. Drei, vier Sekunden vergehen, bevor abgedrückt wird. Dann verschwindet das Bild. War da vor kurzem nicht etwas Ähnliches? Sind die Angriffe auf Okwui Enwezor und seinem waghalsigen Kasseler Vorhaben, Kunst und politisch-sozialen Diskurs auf einem der bedeutendsten europäischen Parkette für zeitgenössische Kunst zusammenfließen zu lassen, bereits in Vergessenheit geraten?

Vom 10. März bis zum 27. Juni 2004 zeigt das Kunstzentrum CaixaForum in Barcelona 22 dokumentarische Filme und Videos von 21 international renommierten Künstlern, die der Direktor des Festival International de Documentaire (FID) Jean Pierre Rehm und Marta Gili, Leiterein der Abteilung für Fotografie und visuelle Kunst der Stiftung La Caixa, zusammengestellt haben. Der Besucher betritt eine Film- und Videowelt, die sich von Bukarest und Sankt Petersburg über Dubrovnik und Helsinki bis Datung und Quito erstreckt und den feinsinnigen Umgang der Künstler mit einer Wirklichkeit unter Beweis stellt, die vom rasanten Tempo der Globalisierung und der Nachrichtenübertragung übersehen worden sind.

In dem Film "Wait, it's the soldiers, I have to hang up now" (2002) erlebt der Betrachter den israelischen Künstler und Friedensfilmpreisträger der Berlinale 2002 Avi Mograbi bei einem Telefongespräch mit einem palästinensischen Freund, Minuten bevor dieser von israelischen Soldaten abgeführt wird. Der chinesische Künstler Jia Zhang Ke hielt 45 Tage lang die öffentlichen Plätze in dem ehemaligen Minendorf Datung fest und liefert das feinfühlige Porträt eines vergessenen Städtchens im chinesischen Niemandsland, dem - so sehr es sich auch bemüht - der Anschluss an den Kapitalismus nicht gelingen mag. Florence Lazar hält in ihrem Film "Les femmes en noir" die Selbstvorwürfe und Hinterfragungen von Frauen im Nachkriegsserbien fest, ihre Zweifel, ihre Geständnisse, ihre Hoffnungen. Hätte man die Barbarei nicht verhindern können? Hätte man nicht lauter aufschreien, sich stärker zur Wehr setzen müssen, anstelle Kuchen und Brot für die Soldaten an der Front zu backen, fragen sie sich.

Die Erinnerung an die Documenta 11 und Enwezors Bestreben, "den Horizont der kritischen Diskussionen im gegenwärtigen Kunstdiskurs zu erweitern" und "den Ort der Kultur und ihre Schnittstellen mit anderen komplexen globalen Wissenssystemen zu beschreiben", sind nahe liegend. Die Ausstellung "Ficciones Documentales" tritt in die Fußstapfen von Enwezors postkolonialem Kunst-Event, wenn sie die Grenzen zwischen künstlerischem Anliegen und historisch-dokumentarischer Motivation bewusst von sich stößt. Auch dem CaixaForum geht es in dieser Ausstellung weniger um den derzeitigen Standpunkt der Kunst, als um die Sichtbarmachung der politischen und sozialen Probleme in den Brennpunkten unserer gegenwärtigen Weltgesellschaft. Wie leben Transsexuelle im heutigen Istanbul? Wie überlebt ein unschuldiges Mädchen in einem palästinensischen Flüchtlingslager? Wie schlagen sich illegale Einwanderer in Europa durch? Oder, anders ausgedrückt: Was haben wir übersehen? An welchem Punkt schlagen reale Geschehnisse in subjektive Bilder um, wo hört die erfahrbare Wirklichkeit auf und geht in die Bildersprache der Massenmedien über? Was ist die tatsächliche Lage der Welt?

Allesamt Fragen, für die Enwezor und sein Documenta-11-Konzept heftig kritisiert wurden. Was die politische und soziale Lage der Welt mit der Kunst zu tun habe, war die eine Frage. Inwiefern die Documenta ein relevantes Deutungsmodell der Gegenwart sein könne, lautete die andere. Inwiefern es legitim sei, dass Kunst zur kulturellen Vergangenheitsbewältigung mutiere. Doch was bleibt der Kunst heute anderes übrig, nachdem die Grenzen des Ästhetischen, des Experimentellen, des Konzeptionellen und des Provokativen ausgereizt worden sind, als sich vorsichtig dem Realen wieder zuzuwenden? Aktuelle Kunst funktioniert nicht mehr, wenn man sich auf das "Ausstellen" von Kunst beschränkt. Mehr denn je ist Kunst heute darauf angewiesen, auf kulturellem Gebiet das nachzuholen, was im militärischem, wirtschaftlichem und politischem Bereich bereits geschehen ist.

Der künstlerische Leiter der Documenta 1 Arnold Bode sprach 1955 von der Verpflichtung der Kunst, über das Ästhetische hinauszugehen. Damals bereits. Fast ein halbes Jahrhundert später formuliert es Enwezor ausführlicher: Zeitgenössische Kunst könne sich keine Berührungsängste zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und politischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Diskursen mehr leisten. Wir leben nun einmal in einer transnationalen, globalisierten, interdisziplinären Welt. Auch in der Kunst. Vor dem Verlassen des CaixaForums stoße ich auf den Kurzfilm "Lettre à Roberto" von Jean-Claude Rousseau. Ein Mann, der alleine auf einer Bettkante sitzt und aus dem geöffneten Fenster schaut. Ich sehe nicht, was er sieht. Ich sehe nicht, welches Schauspiel sich vor seinen Augen im Fensterausschnitt noch hinter seinen Augen in seiner Seele abspielen. Ich spüre nur seine unerträgliche Einsamkeit. Und seine Hilflosigkeit den Bildern gegenüber, die vor ihm vorüberziehen. Bildern, denen nur mit Bildern abgeholfen werden kann. Mit Bildern, die sich zwangsläufig zwischen Dokument und Fiktion bewegen. Dokumentarische Fiktionen eben.

Recommended Citation:
Susana Angela Sáez de Guinoa Waltinger: [Review of:] Ficcions documentals | Dokumentarische Fiktionen (CaixaForum, Barcelona, Mar 10–Jun 27, 2004). In: ArtHist.net, Apr 18, 2004 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/487>.

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