REV-EX Oct 15, 2004

Schrumpfende Städte / shrinking cities

KW Institute for Contemorary Art, Berlin, Sep 4–Nov 7, 2004

Reviewed by Christian Forster
Editor: Rainer Donandt

Während die Metropolen in den ärmeren Regionen der Welt dank eines stetigen Zustroms von Landflüchtigen immer noch wachsen und wachsen, sind viele Städte in den klassischen Industrienationen vom gegenteiligen Trend betroffen: Schrumpfung. Der Begriff bezieht sich auf ein demografisches Phänomen, nämlich den merklichen Rückgang der Einwohnerzahl, und bezeichnet eine städtebauliche Situation. Eine schrumpfende Stadt behält ihre flächenmäßige Ausdehnung bei, aber die Dichte tatsächlich genutzter Bebauung hat abgenommen; Leerstand, Verfall und Brachflächen sind ihre Kennzeichen. Ihre gewachsenen Strukturen sind überflüssig geworden.

Die Ausstellung „Schrumpfende Städte/shrinking cities“ der Kulturstiftung des Bundes in der Berliner Galerie „KunstWerke“ illustriert die architektonische Gestalt von vier betroffenen Städten: Detroit, Manchester, Leipzig und Ivanovo. Der Blick geht dabei auch in die Vororte Detroits, nach Liverpool, Halle, Wolfen und Juscha. Die Beispiele sind so gewählt, dass sich an ihnen die verschiedenen Ursachen von Stadtschrumpfung zeigen lassen. In Detroit ist es eine anfangs rassistisch motivierte Suburbanisierung, die Abwanderung der weißen Bevölkerung und der Produktionsstätten in die Vororte. Automobile werden in Amerikas „rustbelt“ nach wie vor gebaut, nur eben jetzt an peripheren Standorten. In Manchester, auch in Leipzig und Ivanovo, ist es die Deindustrialisierung, die aber im Geburtsland der Massenproduktion schon nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte, während sie in Sachsen und in der Sowjetunion an das Ende des sozialistischen Staates gekoppelt war. 1989/90 haben etwa 16000 Einwohner Leipzig in Richtung Westen verlassen. Mittlerweile ist die Abwanderungsquote zurückgegangen, doch Geburtenrückgang und Suburbanisierung haben dazu geführt, dass heute mehr als ein Viertel aller Leipziger Wohnungen leersteht, seien es Altbauten aus der Gründerzeit oder Plattenbauten in der Großsiedlung Grünau. Ivanovo, 350 km östlich von Moskau, hat, trotz der gemeinsamen sozialistischen Vergangenheit, andere Probleme. Die Abwanderung nach Moskau wurde durch den Migrationszuwachs vom Land, aus den unwirtlicheren Regionen Russlands und ehemaligen Sowjetrepubliken weitgehend kompensiert. Aber 82 % der Bevölkerung leben unter dem Existenzminimum, und das benachbarte Juscha, wie Ivanovo monostrukturell von Textilindustrie geprägt, hat die höchste Arbeitslosenquote Russlands,
offiziell 39 %.

Die Ausstellung, die auf fünf Stockwerke verteilt ist, bietet eingangs Statistiken und Tafeln zur historischen Entwicklung und überlässt jedem der vier Stadtporträts eine Etage. Gezeigt wird, wie die Zurückbleibenden mit ihrer veränderten urbanen Umwelt umgehen. Um ihre Lage einschätzen zu können, soll der Besucher, so scheint das methodische Konzept der Ausstellung zu lauten, vor allem die ästhetische Dimension ihres Alltags erfahren. Obwohl die Medien der Dokumentation - Foto, Film und Tonbandaufnahmen - gegenüber Gemälden oder Objekten überwiegen, sind es fast ausnahmslos bildende Künstler, Fotografen und Architekten, die diesen Zugang herzustellen versuchen. Die Stärke der Schau liegt in ihrem Hinweisen auf oft überraschende, dann aber konsequent erscheinende Details, die das Leben in einer Schrumpfstadt auszeichnen. Aus Detroit zieht es die Bewohner in die Vorstädte? Also werden auch die Toten nachgeholt. Gebäude stehen leer? Sie werden von „scrappers“ nach Altmetall durchsucht, von Jugendlichen oder Versicherungsbetrügern in Brand gesteckt, vorzugsweise in der so genannten „Devil's Night“ am Vorabend von Halloween, oder in Kunstobjekte verwandelt wie in der Heidelberg Street. Aus Manchester wurde das „migrant office“ geholt, ein temporäres Büro für Künstler, die in ein für den Abriss vorgesehenes Hochhaus ziehen können, man hört Telefoninterviews mit Angestellten von Call Centern und lernt, die Zeichen zu lesen, die das Leben in einer auf Abbruch wartenden Wohnsiedlung in Liverpool regeln. Gegenstände des Alltags, hergestellt aus Zivilisationsmüll, lassen die schwierigen Lebensbedingungen im postsowjetischen Ivanovo nur erahnen. Die Menschen müssen, um zu überleben, Kartoffeln anbauen, und dafür nutzen sie auch die innerstädtischen Freiflächen - eine zynische Umdeutung des Bildes von den blühenden Landschaften drängt sich auf. Die ostdeutsche Abteilung zeigt Plattenbauabrisse in Wolfen-Nord, einen Comic, der die ökonomischen Hintergründe solcher „Rückbau“-Maßnahmen erläutert, und den Pressespiegel zu den Vorgängen rund um ein Jugendzentrum in Leipzig-Grünau, das von Rechtsradikalen annektiert wurde. Ein Gemälde von Konrad Knebel aus dem Jahr 1981, in dem nüchterne Plattenbauscheiben hinter Berliner Altbaugerippen aufragen, führt in die Vorwende-Zeit zurück und erinnert an die ideologisch motivierte Denkmalvernichtung in der DDR, gegen die neben Knebel nur wenige protestierten. Leider wird dieser historische Vorlauf der Schrumpfung in Ostdeutschland nicht weiter thematisiert ebenso wenig wie die Folgen, die daraus für den heutigen Denkmalschutz resultieren.

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der fast alle Exponate abbildet, sie aber nicht nummernweise erläutert, sondern in den Kontext essayistischer Betrachtungen zu den soziologischen, wirtschaftlichen und ästhetischen Besonderheiten der schrumpfenden Stadt stellt. Alle Daten des empirischen Teils sind hier nachzulesen. Man vermisst allerdings einen historischen Ansatz, der aufzeigt, dass es entleerte Siedlungen auch in der Vergangenheit gegeben hat, etwa Römerstädte in der Zeit der Völkerwanderung, Wüstungen des Spätmittelalters, Konstantinopel im 15. Jahrhundert. Ein Beitrag immerhin widmet sich den Ruinenfantasien Piranesis und Hubert Roberts und schlägt den Bogen zu dem amerikanischen Land Art-Künstler Robert Stephenson. Versuche zu einer Ikonographie der schrumpfenden Stadt wurden ferner im Bereich Schallplattencover und Kino gemacht, doch ist die Auswahl manchmal willkürlich; was hat die berühmte Explosion am Ende von Antonionis „Zabriskie Point“ mit Schrumpfstädten zu tun? Vor allem fehlt die jüngste Vergangenheit der betroffenen Städte und mit ihr ein Maßstab für den Verlust, den die Bewohner empfinden müssen. Und die Perspektive? Teil 2 von „Schrumpfende Städte“ mit dem Untertitel „Handlungskonzepte“ wird 2005 in Leipzig zu sehen sein. Schon heute verweisen die Ausstellungsmacher, bemüht, den entmutigenden Fakten etwas Positives gegenüber zu stellen, auf das kreative Potenzial der Schrumpfstädte, vor allem im Bereich Musikkultur mit Detroit und Manchester als einschlägig bekannten Zeugen. Leider bewirkte bisher nur in wenigen Fällen die Existenz einer innovativen Jugendsubkultur mehr als einen Imagewandel, gab sie den Anstoß zur Re-Urbanisierung von Straßenzügen und Stadtvierteln, holte sie die Stadtsanierung zurück und vergrößerte die Einwohnerschaft. Manchester-Hulme und Leipzig-Connewitz sind hier Ausnahmen auf weiter Flur.

Das Veranstaltungsprogramm ist unter www.shrinkingcities.com zu finden.

Oswalt, Philipp (Hrsg.): Internationale Untersuchung. [anlässlich der Ausstellung Schrumpfende Städte. Internationale Untersuchung, Ausstellungsstationen (Planungsstand Juli 2004) ; KW Institute for Contemporary Art, Berlin 4. September bis 7. November 2004, Spike Island, Bristol (GB), 2005, Schusev State Museum of Architecture, Moskau (RUS), 2005, Stadtmuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf, 2006 ...], Ostfildern: Hatje Cantz Verlag 2004
ISBN-10: 3-7757-1481-2, 735 S.

Recommended Citation:
Christian Forster: [Review of:] Schrumpfende Städte / shrinking cities (KW Institute for Contemorary Art, Berlin, Sep 4–Nov 7, 2004). In: ArtHist.net, Oct 15, 2004 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/480>.

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