REV-EX Mar 2, 2005

Invito a Palazzo Chigi Saracini | Oltre la Scuola Senese

Siena, Jan 22–Jun 15, 2005

Reviewed by Ulf Sölter, Berlin
Editor: Philipp Zitzlsperger

Palazzo Chigi Saracini (22 Jan - 15 Jun 05 Siena) Invito a Palazzo Chigi Saracini [Siena] – Le stanze e i tesori della collezione und die angeschlossene Ausstellung: Oltre la Scuola Senese – Dipinti del Seicento e del Settecento nella collezione Chigi Saracini.

Am 22. Januar 2005 öffnete der Palazzo Chigi Saracini in Siena, heute Sitz der über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Accademia Musicale Chigiana, seine Türen der Öffentlichkeit. Erstmals können einige Privaträume im Piano nobile des gotischen Baus, der auf halben Weg zwischen Campo und Duomo gelegen ist, ohne Voranmeldung eingesehen werden. Der Besuch lohnt sich, da in den Sälen ein Teil einer der bedeutendsten Privatsammlungen Italiens präsentiert wird. Im Erdgeschoß ist überdies die Sonderausstellung Oltre la Scuola Senese – Dipinti del Seicento e del Settecento nella collezione Chigi Saracini zu sehen, die an die frühere Ausstellungsreihe Collezione Chigi-Saracini anknüpft, in der schon seit Mitte der achtziger Jahre Teilbereiche des Bestands vorgestellt und untersucht wurden [1]. Die Ausstellung soll die Vielfältigkeit der Sammlung auch abseits des umfangreichen Bestands an Werken von Sieneser Künstlern demonstrieren. Dem Besucher wird demgemäß eine Auswahl an Sammlungshighlights quer durch alle Bildgattungen präsentiert. Durch beide Bereiche wird geführt und man muß in gut 90 Minuten alles gesehen haben. Die Zeit reicht freilich nicht aus, so daß von so manchem Exponat in den 18 Räumen und dem Sonderausstellungsbereich nur ein vager Eindruck bleibt.

Im 13. Jahrhundert wurde der Palazzo Chigi Saracini von der adligen Sieneser Familie Marescotti erbaut. Zu Beginn des 16.Jahrhunderts erwarb die Familie Piccolomini del Mandolo den Bau und sie ließen ihn dem „gusto rinascimentale“ entsprechend abändern. Als Marcantonio Saracini und dessen Bruder Bernardino, die bereits einen Grundstock der Sammlung zusammengetragen hatten, den Palazzo Chigi Saracini um 1770 kauften, veranlaßten sie erneut große Umbaumaßnahmen, die zum einen der Erweiterung des Gebäudes dienten, zum anderen sollte der mittelalterliche Charakter der Architektur wieder hervorgehoben werden, da es dem Zeitgeschmack entsprach und mit den neogotischen Bauformen an die kulturelle Blütezeit Sienas erinnert wurde [2]. Galgano Saracini beauftragte Ende des 18. Jahrhunderts Antonio Casteletti und Tommaso Paccagnini mit der Ausmalung der Säle des Piano nobile mit glorifizierenden Darstellungen der Familie. Auch im 19. und 20. Jahrhundert wurden wiederholt Veränderungen am Gebäudeäußeren und –inneren vorgenommen. Die Modifikationen wurden stets gemäß dem Zeitgeschmack, aber auch abhängig von dem intendierten Nutzen des Gebäudes ausgeführt.

Das Arrangement und die Auswahl der Objekte, so wie sie heute dem Besucher präsentiert werden, entspricht bis auf die Sala Pergolesi weitgehend dem Geschmack des letzten Familienmitglieds, dem Conte Guido Chigi Saracini (1880-1965), der auch die Musikakademie gründete (Ausst.führer, S. 8). Der öffentliche Zutritt zur Sammlung wurde indes schon vor rund zweihundert Jahren durch die Sammlerpersönlichkeit Galgano Saracini möglich gemacht, der dem interessierten Publikum im August des Jahres 1806 die Tore zu seinem „vago, e superbo Museo“, so die Bezeichnung der Ausstellungsräume in dem einige Jahre später erschienenen Vademekum, öffnete [3]. Mit Hilfe einer Datenbank, in der mehr als 11.000 Exponate aus der Sammlung Chigi Saracini erfaßt wurden, konnte jedoch schon vor einigen Jahren deutlich gemacht werden, daß sich die heutige Aufstellung erheblich von der damaligen unterscheidet [4]. Galgano sprach mit seiner Sammlung neben Kunstliebhabern vor allem auch die Studenten des Istituto di Belle Arti in Siena an, die in den Räumen des Palazzos die Kunstwerke ausgiebig studieren und kopieren konnten [5]. Als Präsident der Kunstakademie war er den angehenden Künstlern besonders verbunden.

Die Sammlung ist in ihrem Bestand sehr vielfältig. Größte Bedeutung jedoch beanspruchen vor allem die Werke aus der Sieneser Malerschule, die Galgano Saracini aus sienesischen Kirchen und Palästen erwarb. Darunter Gemälde von Domenico Beccafumi (1484-1551) (auch ein Bozzetto aus Terrakotta: San Gerolamo penitente), Andrea del Brescianino (1485?-1525), Rutilio di Lorenzo Manetti (1571-1639), Bernardino Mei (um 1615-1676) und einer Vielzahl von Bildern unbekannter Sieneser Künstler. Darüber hinaus werden in den Sälen neben weiteren Tafeln, Statuetten, Flachreliefs, etruskischen und römischen Antiken, Majolika, Elfenbeinarbeiten und andere Preziosen gezeigt. Man bescheinigte der Sammlung bislang einen „carattere ecleticco dipendente alla cultura enciclopedica di matrice illuminista del suo proprietario“ [6], obschon der qualitative Sammelschwerpunkt auf den Werken der Sieneser Malerschule liegt. Galgano Saracini öffnete, wie ein aufgeklärter Herrscher, den Sienesen sein „Museum“, war aber auch darauf bedacht, sich selbst und seiner Familie mit der Sammlung und dem Palazzo einen Platz in der Stadtgeschichte zu sichern. Die Gestaltung und Innenausstattung der ersten Ausstellungsräume auf dem Rundgang durch den Palazzo, deren Namen sich von den gezeigten Künstlern ableiten, sind verschiedenen historistischen Stilen verpflichtet, die den Raumeindruck bestimmen: Der Salotto Botticelli (das Tondo ‚La Madonna col bambino e angeli‘ wird dem Umfeld Botticellis zugeschrieben) und der Salotto Strozzi (die Bilder ‚Ritratto di gentiluomo‘ und ‚San Francesco in preghiera‘ hängen zur Zeit in der Sonderausstellung) sind weitestgehend neobarock, der Salotto Brescianino neogotisch und die Camera della Regina klassizistisch (mit einem neoägyptischen Sekretär nach einem Entwurf von Agostino Fantastici). In den Sälen im zweiten Teil der Ausstellung, die die Namen italienischer Komponisten tragen, treten die Einzelobjekte auf Grund der neutraleren Raumgestaltung wieder mehr in den Vordergrund.

Gegenstand der Sonderausstellung im Erdgeschoß des Palazzos sind Bilder aus dem 17. und 18. Jahrhundert von nichtsienesischen Künstlern aus dem In- und Ausland. Die Auswahl der über hundert gezeigten Werke, die zum Teil eigens für die Ausstellung restauriert wurden, soll erneut die Vielfältigkeit und die Bedeutung der Sammlung demonstrieren (Ausst.Kat., S.11). So wurden sowohl Bilder aus den Sälen als auch aus den Depots versammelt, die in Gruppen nach Bildgattungen geordnet sind. Ungeachtet der Verschiedenartigkeit der Exponate sind zwei bild-thematische Schwerpunkte in der Ausstellung auszumachen. Zum einen ist die Schlachtendarstellung, zu Wasser und auf dem Lande, mit mehreren Bildern vertreten. Auf Grund neuer Erkenntnisse durch die vorgenommene Reinigung der Bilder und angesichts stilistischer Übereinstimmungen gelangen einige neue Zu- und Umschreibungen. Zum anderen bilden Landschaften und Veduten neben der Sektion Stilleben einen weiteren Mittelpunkt der Ausstellung. Zwei spiegelbildliche Scheiben des toskanischen Steins „pietra paesina“, die aneinandergelegt nicht nur den Malgrund, sondern mir ihren natürlichen Strukturen gleich drei Bilder (Ausst.Kat., Nr. 15a, 15b, 16) maßgeblich mitgestalten, gehören zu den auffälligsten Arbeiten. Zu den populärsten Werken der Ausstellung gehören Bernardo Strozzis Bildnis ‚Ritratto virile‘ und die Tafel ‚San Franceso in preghiera‘ (Ausst.Kat., Nr. 30, 33) und Salvator Rosas Bildnisse ‚Uomo d’arme di profilo‘ und ‚Autoritratto in veste di guerriero‘ (Ausst.Kat., Nr. 31,32). Zu der letztgenannten Arbeit gelang die Klärung der Frage nach der Provenienz (Ausst.Kat., S. 75f.).

Konzeptuell wird die Ausstellung durch den Grundsatz der Veranschaulichung der Vielfältigkeit der Sammlung getragen. Ob die Schlachtenbilder oder die Landschaften und Veduten auch im Gesamtbestand der Sammlung einen Schwerpunkt ausmachen bleibt unklar. Offenkundig wurden publikumswirksame Arbeiten ausgewählt, die durch Technik, Sujet und auch Bekanntheitsgrad des Künstlers einen Ausstellungserfolg garantieren sollen. Der beschriebene Erkenntnisgewinn basiert nicht auf einer Eingrenzung des Sammlungsbestandes unter einer entwickelten Fragestellung, sondern ergab sich vielmehr im Anschluß an die Auswahl. Ein Verdienst ist die Erschließung vieler Arbeiten, die im Rahmen der Ausstellung erstmals gezeigt werden. Um so unverständlicher ist die Entscheidung, daß man auch die Sonderausstellung nur geführt besuchen kann.

Der erschienene Führer durch die Ausstellungsräume präsentiert keine neuen Forschungsergebnisse, sondern listet summarisch die Exponate auf, angelehnt an das vor fast zweihundert Jahren erschienene Äquivalent, aus dem leider allzu oft und langatmig zitiert wird. Unerwähnt bleiben die vielen, oft mit einer Widmung an den Gründer der Musikakademie versehenen Fotos bekannter Musiker in den Sälen des Palazzos, obschon gerade diese den Sälen die Atmosphäre eines privaten Raums verleihen. Das Klavier im Salotto Sano di Pietro, das ehemals Franz Liszt gehörte und das die Aura des bekannten Künstlers anschaulich verkörpert, wurde dokumentiert (Ausst.führer, S. 52), wenngleich der umfangreiche Bestand der ebenso zur Sammlung zählenden Musikinstrumente, so nicht zu erahnen ist.

In Ausstellungen und Publikationen wurden die Sammlung oder Teilbereiche derselben wissenschaftlich erschlossen. Wenig Beachtung fand der Palazzo Chigi Saracini bislang in Hinblick auf seine Nutzung als Ausstellungsarchitektur und seine dadurch bedingten baulichen Veränderungen. Heute, wie schon vor zweihundert Jahren, als Galgano der Öffentlichkeit den Zugang in seine Privaträume ermöglichte, ist die Rede von einem Museum. Privater Raum wird (zeitweise) zu einem öffentlichen Ort des Diskurses und des Studiums. Der Palazzo Chigi Saracini als öffentlicher Ausstellungsraum zu Beginn des 19. Jahrhunderts bedarf nach wie vor einer entwicklungsgeschichtlichen Positionierung.

Anmerkungen:

[1] In den Jahren 1986 bis 1992 sind folgende Kataloge in der Reihe Collezione Chigi-Saracini erschienen: Bd. 1: Sassetta e i pittori toscani tra XIII e XV secolo, Firenze 1986; Bd. 2: Bernardino Mei e la pittura barocca a Siena, Firenze 1987; Bd. 3: Da Sodoma a Marco Pino – Pittori a Siena nella prima metà del Cinquecento, Firenze 1988 & Da Sodoma a Marco Pino – Addenda, Siena 1991; Bd. 4: La scultura : Bozzetti in terracotta, piccoli marmi e altre sculture dal XIV al XX secolo, 2 Bde., Siena 1989; Bd. 5: Maioliche italiane, Firenze 1992.
[2] Ausstellungskatalog Mantua: La collezione Chigi Saracini di Siena, Florenz 2000, S. 21.
[3] Relazione in compendio delle cose più notabili nel Palazzo e Galleria Saracini di Siena, Siena 1819, S. 15f.
[4] In der 1996 angelegten Datenbank wurde die ursprüngliche Aufstellung der Exponate, sofern sie bekannt war, dokumentiert. Schon in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wurden mehrere hundert, seit 1925 mehr als tausend Ausstellungsstücke umgestellt. Miriam Fileti Mazza / Giovanna Gaeta Bertelà: Un progetto di classificazione. La Banca dati della collezione Chigi Saracini, Firenze 1996, S. 71.
[5] Relazione 1819, S. 16.
[6] Aust.Kat. Mantua 2000, S. 22f.

Colle Carlo Sisi, Enrico: Invito a Palazzo Chigi Saracini. Le stanze e i tesori della collezione, Silvana Editoriale 2005
ISBN-10: 88-8215-855-1, 144 p.

Spinelli, Riccardo (Hrsg.): Oltre la scuola senese. Dipinti del Seicento e del Settecento nella collezione Chigi Saracini ; [Siena, Palazzo Chigi Saracini, 22 gennaio - 15 giugno 2005], Firenze: self-published 2005
ISBN-10: 88-7242-311-2, 227 S, 52.00 EUR

Recommended Citation:
Ulf Sölter: [Review of:] Invito a Palazzo Chigi Saracini | Oltre la Scuola Senese (Siena, Jan 22–Jun 15, 2005). In: ArtHist.net, Mar 2, 2005 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/478>.

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