Yvonne Spielmann: Hybridkultur

Reviewed by: Stefanie Rentsch

Mit dem Begriff des Hybriden ist es eine Crux: Einerseits bietet er sich an und hat sich in den letzten Jahren etabliert, um kulturelle Phänomene der Vermischung und Durchkreuzung zu benennen, andererseits entgleitet er seinen Nutzern während der Verwendung häufig wieder, weil er in seinen Definitionen so vielgestaltig ist wie die Objekte und Praktiken, die er zu greifen sucht. Die aus Deutschland stammende Yvonne Spielmann (jetzt Research Professor, Chair of New Media an der University of the West of Scotland) unternimmt mit dem Band „Hybridkultur“ denn auch nicht den Versuch, ein einziges Verständnis des Hybriden festzuschreiben, sondern nutzt vielmehr sein dynamisches Potential. Hierzu verbindet sie zwei Diskussionsstränge, die ansonsten zumeist getrennt voneinander verlaufen: Zum einen bezieht sie sich auf die Perspektive des medienwissenschaftlichen Diskurses, in dem ästhetische Verbindungen (z.B. zwischen Text und Bild, Ton und Bewegung etc.) sowie die durch die neuen Medien veränderte Wahrnehmung des Rezipienten diskutiert werden, und zum anderen auf die kultursoziologische und postkoloniale Verwendung des Hybridbegriffes.

Wie sinnvoll eine solche Engführung von Hybriden als ästhetischen Grenzüberschreitungen und kulturellen Reisebewegungen im Einzelnen ist, hängt sehr vom Blickwinkel einer Untersuchung und vom konkreten Untersuchungsgegenstand ab und lässt sich schwer verallgemeinern. Für Spielmanns Überlegungen erscheint sie jedoch geradezu zwingend und weist auf eine deutliche Lücke in der westlichen Kunstrezeptionhin. Der Ausgangspunkt von Spielmanns Thesen liegt nämlich in der neuesten Kunstproduktion in Japan, wo im Bereich der Netzwerkkünste und von Internetprojekten, also an der „Schnittstelle von Ästhetik und Technologie“ (7) in den letzten Jahren avancierte, für die Medienentwicklung äußerst relevante Kunstwerke entstanden sind. Japan ist für die Autorin, die dort längere Forschungsaufenthalte verbracht hat, ein aktuelles Beispiel für einen „Hybridzustand“, da dort auf „engstem Raum in hoher Verdichtung“ (39) traditionell-japanische und westliche kulturelle Praktiken interagieren und zugleich hochtechnologische Kommunikationsformen (interaktive Medien, Computeranimationen, Cyberspace etc.) weit verbreitet und hoch entwickelt sind. Die dortige (künstlerische) Situation stellt sich für Spielmann als Laboratorium für die Zukunft der Hybridkultur im Zeichen von globalen Vernetzungen, transkulturellen Verbindungen und Durchmischungen dar, die durch die neuen technischen Verknüpfungsoptionen in dieser Form erst ermöglicht werden. Diese Fokussierung auf die Situation in Japan erschließt sich dem Leser/der Leserin allerdings erst bei der Lektüre der Einleitung, denn weder der Titel, noch das Inhaltsverzeichnis erlauben hierauf Rückschlüsse – zu sehr soll der Band eine allgemeine Untersuchung zum Themengebiet des Hybriden sein.

Die drei Hauptkapitel des Bandes („Mediale und kulturelle Vielfalt“; „Diskurse der Hybridation“ und „Interaktivität und Virtualität“) umkreisen das theoretische Anliegen Spielmanns, die Theoriestränge des Hybriden zu verbinden, und können auch unabhängig voneinander gelesen werden. Hierbei setzt die Autorin zwar unterschiedliche Schwerpunkte, kommt aber immer wieder auf die zentralen Kennzeichen des Hybriden, das Unscharfe, den Zwischenraum und die Vermischung, zurück. Dabei verfährt sie ganz klassisch nach dem Prinzip der Referenz auf bekannte Schlagworte und Konzepte, die dann in einem zweiten Schritt in Frage gestellt und weiterentwickelt werden. Methodisch wichtig ist dabei ihre Reflektion des eigenen Standpunkts: die Position der europäisch geprägten Beobachterin, welche die Objekte und Phänomene mit kultureller Distanz und in Relation zum hiesigen Diskussionsstand betrachtet. Zurecht weist die Autorin in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die postkoloniale Auseinandersetzung mit Hybriden die Situation in der japanischen Medienpraxis praktisch nicht berücksichtigt, denn diese zeugt eben von einem „nichtwestlichen und nichtpostkolonialen Entwicklungsstand“ (24), ist aber zugleich angesichts der technologischen Entwicklungen auch für westliche Theoriedebatten von großem Interesse.

Zunächst nähert sich die Autorin der definitorischen Vielfalt des Hybridbegriffs und referiert hierbei im Wesentlichen die angloamerikanischen und europäischen medienwissenschaftlichen Debatten. Unter der Überschrift „Hybride Verhältnisse“ bezieht sich Spielmann auf die von der Mainstream-Kulturindustrie homogenisierten medialen Verhältnisse und stellt diesen Modelle und Kunstwerke entgegen, die vereinheitlichende Tendenzen bloßlegen und umgehen wollen (z.B. die Feldstudien von Masaki Fujihata; 75ff.). Parallel dazu verhandelt sie summarisch die Positionen der Cultural Studies („Medien- und Kulturkritik“), die ebenfalls die bewegliche Hybridisation an die Stelle von Glättung und Vereinnahmung setzen, und plädiert gleichzeitig für ein weiterentwickeltes Verständnis der seit den 1970er Jahren bekannten Konzepte im Zeichen der medialen Neuerungen. Mit ihrem dialogischen Modell der „in-between zones“ baut Spielmann zwar auf den Postcolonial Studies auf, trägt aber gleichzeitig der komplexen heutigen Medienstruktur und ihrer vielschichtigen Rezeption Rechnung (98ff.). Entscheidend für ihre Argumentation ist hierbei wiederum Japans historische Vorreiterstellung in der Entwicklung der Medienindustrie sowie die selbstverständliche Rolle, die interaktive/virtuelle Medienelementen im japanischen Alltag (z.B. bei Kindersendungen, 138) spielen.

Ähnlich verfährt Spielmann mit den Begriffen „Interrelation“ und „Intermedialität“. Vor dem Hintergrund der digitalen Medien denkt die Autorin das Hybride nochmals neu und ersetzt die erprobte Formel, dass nur getrennt vorliegende Medien nach dem Prinzip „1+1=3“ vermischt werden können, durch ein Hybridverständnis, dass auch Verknüpfungen des Dazwischen im Datenraum denkbar werden lässt (153ff.). So seien die hybriden Formen, wie sie beispielsweise bei Performances und audiovisuellen Installationen vom „Duo Granular Synthesis“ verwendet werden, plurimediale Verknüpfungen, die allein auf der digitalen Reorganisation von Bild- und Tonmaterial basieren. Die Datenverarbeitung des Computers ermögliche dabei, die traditionellen Vermischungstypen der Intermedialität zu potenzieren. In Anlehnung an McLuhan verweist Spielmann mit Blick auf Mensch-Maschine-Interaktionen (Interfaces) darauf, dass „die zur Steigerung des menschlichen Vermögens konstruierte Maschine namens Computer im Kern hybrid ist.“ (163). In ihre Argumentation schließt die Autorin auch eine, in der Forschung bereits mehrfach vorgeschlagene, Weiterentwicklung des „third space“ ein, die auf die Verflüssigung des Raumgedankens zielt: „Der Begriff des Mediums […] ist infolge der Vernetzung selbst in Auflösung begriffen. Digitale Medien, die nichtdigitale emulieren, tendieren dazu, die Unterscheidbarkeit der Form aufzuheben. […] Mit Hybridation ist deshalb nicht einfach eine neue Variante des Multimedialen, Intermedialen oder der Mixed Media gegeben. Stattdessen muss ein Statuswechsel in der Beschaffenheit des Medialen konzediert werden […].“ (194f.)

Die große Stärke des Bandes liegt in der Präsentation wichtiger hybrider Kunstwerke, insbesondere von japanischen Künstlerinnen und Künstlern. Leider rücken sie unter der Theorielast des Bandes oftmals in den Hintergrund. Eine zukünftige intensivere Auseinandersetzung mit ihnen wäre sicherlich gewinnbringend, denn erst ausgehend von der Analyse der z.T. sehr starken künstlerischen Positionen erschließt sich Spielmanns methodisch-theoretisches Anliegen in seiner ganzen Tragweite. Immer wieder zieht die Autorin hierzu im Laufe ihrer Argumentation einzelne Fallbeispiele heran, im dritten Teil des Bandes („Interaktivität und Virtualität“) werden diese Betrachtungen dann schließlich nochmals vertieft. Dabei hätte allerdings die künstlerische Auseinandersetzung zwischen japanischer Tradition und westlichen Einflüssen im Einzelnen ausführlicher analysiert werden können. Insgesamt hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang vor allem Spielmanns eingehende Interpretationen der Arbeiten von Takuro Osaka, Tatsuo Miyajima und Fiona Tan. An dieser Stelle lässt sie ihren Beschreibungen einigen Raum, in dem auch ihre eigene Faszination angesichts der Neuentdeckungen spürbar wird. Zugleich aber wird gerade durch das Schreiben über diese künstlerischen Auseinandersetzungen mit den Möglichkeiten interaktiver Medien, das spielerische Ausprobieren des Neuen und die vernetzten Kulturen deutlich, welche sprachlichen Herausforderungen Hybride mit sich bringen. Die komplexen Auswirkungen der jeweiligen Interaktionen und die unüberschaubar vielen Variablen und Geschehensabläufe lassen sich im Textverlauf oft nur erahnen. Und auch die Grenzen der Intermedialität im Sinn einer Kombination von Text und Bild werden angesichts der kleinen Schwarz-Weiss-Abbildungen, die in einem angehängten Bildteil gebündelt werden, sehr deutlich. Die für den Leser mit den Kurzbeschreibungen und Minimalabbildungen einhergehende Unsicherheit über das „Funktionieren“ der Kunstwerke begleitet damit letztlich eine kreative Desorientierung, wie sie einer selbstreflexiven Verwendung des Hybridbegriffs im Sinne Spielmanns notwendigerweise innewohnt.

Recommended Citation:
Stefanie Rentsch: [Review of:] Spielmann, Yvonne: Hybridkultur (suhrkamp taschenbuch wissenschaft), 2010. In: ArtHist.net, Dec 9, 2011 (accessed Jun 26, 2019), <https://arthist.net/reviews/458>.

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Spielmann, Yvonne: Hybridkultur (suhrkamp taschenbuch wissenschaft), Suhrkamp Verlag 2010
ISBN-13: 978-3-518-29572-4, 293 p., EUR 12,00

Review published: Dec 9, 2011

Editor: Rainer Donandt

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