REV-CONF 26.11.2003

Stil und Funktion im Mittelalter

Berlin, 01.11.2003

Bericht von Livia Cárdenas, Berlin
Stefan Trinks, Kunstgeschichtliches Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktion: Godehard Janzing

Stil und Funktion im Mittelalter: Internationales Kolloquium anläßlich des 60. Geburtstages von Robert Suckale

Den 60. Geburtstag von Robert Suckale beging die Technische Universität Berlin am 1. November mit einem internationalen Kolloquium [1]. Die Bandbreite der Vorträge, die allerdings nicht alle, wie es der Titel des Kolloquiums versprach, im Mittelalter angesiedelt waren, spiegelte zugleich das Interessensspektrum von Robert Suckale. In den Grußworten an den Jubilar immer wieder hervorgehoben wurden dessen Engagement für Projekte wie das Schinkel-Zentrum, das DFG geförderte Forschungsvorhaben „Malerei vor Dürer: Fränkische Tafelmalerei um Hans Pleydenwurff und Michel Wolgemut“ oder das am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Ostmitteleuropa in Leipzig angesiedelte interdisziplinäre Forschungsprojekt „Kunst und Kultur Mitteleuropas zur Zeit der Jagiellonen (ca. 1450 - 1550)“ sowie das Graduiertenkolleg „Kunstwissenschaft - Bauforschung - Denkmalpflege“, das zu gleichen Teilen an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und der TU Berlin angesiedelt ist.

In einer detailreichen, bauhistorischen Analyse stellte Manfred Schuller den 1502 begonnen, im Auftrag des spanischen Königspaares von Donato Bramante errichteten Tempietto in S. Pietro in Montorio in Rom vor. Als dorischer Rundtempel über der vermeintlichen Kreuzigungsstelle Petri erbaut, gehört er zu den Inkunabeln der Architekturgeschichte. Serlio wie auch Palladio stellten ihn in ihren Traktaten als Beispiel guter Architektur neben antike Werke. Manfred Schullers Ausführungen stützten sich auf die Ergebnisse eines Aufmaßes, das im Rahmen eines DFG Projektes durchgeführt wurde. Die Untersuchungen ermöglichten, Planwechsel im Bauprozeß und spätere Veränderungen sowie Restaurierungen zu bestimmen und dadurch völlig neue Ergebnisse zur Baugeschichte vorzulegen, die bis dato von idealisierenden Bauaufnahmen des 19. Jahrhunderts dominiert waren.

Paul Crossley führte aus, wie der neue Krönungs-Ordo der polnischen Könige von 1434 sich in die sakrale Topographie der Krakauer Kathedrale einschrieb. Er machte die Übernahme des Krönungs-Ordos deutlich sowie dessen spezifische Umformung auf die polnische Situation. Parallelen existierten u.a. in einer Wallfahrt am Vorabend der Krönung. Im Zentrum der Zeremonien stand das Grab des polnischen Nationalheiligen, des Bischofs Stanislaus von Krakau, der 1253 kanonisiert wurde. Sein, Thomas Beckett vergleichbares, Martyrium und die dazugehörigen Heiligenlegenden, wurde zum Ausgangspunkt einer von kirchlichen Interessen bestimmten Politik. Das in der Vierung der Jagiellonischen Krönungskathedrale befindliche Heiligengrab erlangte im Rahmen der Krönung des noch unmündigen Königs Wladislaw III. eine eminent politische Bedeutung.Roland Recht konnte aus gesundheitlichen Gründen seinen Vortrag über die Wiederentdeckung des mittelalterlichen Frankreichs nicht persönlich halten. Das übernahm Gabi Dolff-Bonekämper, die zuvor auch die Übersetzung des Textes besorgt hatte. Recht skizzierte die Bemühungen Ludovic Vitets (1802-1873) und Prosper Mérimées (1803-1870) um die mittelalterliche Bausubstanz heute widerspruchslos anerkannter, französischer Kunstdenkmäler. Der anhand von Briefauszügen konturierte Vortrag umriß die Anfänge der französischen, institutionalisierten Denkmalpflege, die untrennbar mit den beiden Personen Vitet und Mérimée verbunden sind. Vitet, der auf Empfehlung von François Guizot 1830 zum Inspecteur des Monuments historiques berufen wurde, überließ seinen Posten 1834 dem Literaten Mérimée. Dieser erreichte 1837 die Schaffung der Commission des Monuments historiques. Mérimées Bemerkungen über die Feinde der Denkmale - die Zeit ebenso wie die „Reparateure“ - müssen den gegenwärtigen Denkmalpflegern bisweilen bekannt vorgekommen sein, während die Debatte um die Umnutzung von Kirchengebäuden - Mérimée beklagte Cafés, Antiquitätenläden, Wein- und Kohlelager in den Monumenten - heute einen umgekehrten Weg nimmt.

Mit der provokanten These, das mittelalterliche Bild habe seinen sekundären Status nie überwunden, leitete Jeffrey Hamburger aus Harvard, seit Jahren Suckales Mitstreiter auf dem Gebiet der Frauenklöster und instruktiver Ikonographie-Studien, seinen Vortrag ein. „Body vs Book: The trope of visibility in images of Christian-Jewish Polemics“ widmete sich dem theologischen Dauerbrenner der menschlichen und göttlichen Natur Christi, also Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit seines Bildes und damit auch dem Verhältnis des jüdisch-alttestamentarischen „deus absconditus“ im Buch und dem in einem Körper inkarnierten „deus novus“ des neuestamentarischen Christentums. Seine wohl prägnanteste Bildformel findet das Thema im Diptychon der Benning-Kreuzigung, wo das symbolisch „zerrissene“ Fleisch des Gekreuzigten nach einer Stelle des paulinischen Hebräer-Briefs mit dem zerrissenen Tempelvorhang gleichgesetzt wird, sowie im aus der Bundeslade steigenden Christus in der Jungfrauen-Kapelle der Burg Karlstein. Hamburger betont das Motiv der das Buch zur Seite legenden Maria in Verkündigungen als piktoriale Erinnerung daran, daß sich in diesem Moment die geschriebene Offenbarung erfüllt sowie als Repräsentation des Bildstatus. In ein Bild gebracht zeigt dies Gerard David in einer Variante seiner Maria mit Kind, wo im Hintergrund Soldaten die Heilige Familie verfolgen, im Mittelgrund ein Esel den vorgeblichen jüdischen Starrsinn verkörpern muß und im Vordergrund auf einem Kissen eine geöffnete Handschrift mit der schwarz verhüllten Synagoge und dem Dekalog liegt. Zugespitzt auf die Antithese Buch-Körper wurde im Mittelalter laut Hamburger im Sinne anti-jüdischer Propaganda immer wieder verdeutlicht, daß nur der inkarnierte Körper Christi, nicht das Buch gen Himmel auffährt.

Lieselotte Saurma widmete Suckale als stetem Hinterfrager von Stillagen ihren Vortrag zu Matthias Eberler. Dieser jüdische „Zugereiste“, dessen größter Schuldner Bischof Johann von Pfählingen war, ließ sich als Junker vor 1500 am Rande Basels Schloß Hilterlingen errichten. Mit diesem „Musenhof“ mit ausgedehntem Baumgarten, eiferte er nicht dem Ritterwesen, sondern dem burgundischen „Habitus“ nach. Das „Haus zum Engel“ wurde von Ruman (Remigius, Romely) Faesch, der seit 1503 Werkmeister des Baseler Münsters war, mit einer Engelsfigur auf Eber-Konsole versehen und zeigte damit erstmals unübersehbar Eberlers Wappen. Mit seinem generellen Verzicht auf Ämter präsentiere sich Eberler laut Saurma als gelehrter Müßiggänger in frühneuzeitlicher Humanistenart. Dies zeigt sich auch in der prachtvoll illustrierten deutschen (!) Bibel von 1464, wo nicht nur über dem Initial mit der Erschaffung Evas ein Zweierwappen zu finden ist, sondern auf der zweiten Seite formatfüllend das Eber-Wappen mit Eberkopf als Zier darüber. Sein Repräsentationswollen gipfelt schließlich in der an St. Peter angebauten Grabkapelle, die er selbst in einer Supplik an Innozenz VIII. als „sehr aufwendiges Werk“ lobt, wo sich zwischen sehr hohen Fenstern eine Nische mit seinem Wappen findet. Mit seinem Schloß als eine Art frühneuzeitlichem Musenhof, seiner Bibel-Kennerschaft, seiner Kühnheit am „Engel-Hof“ und insbesondere dem weitausgreifenden ikonographischen Programm, alles in Auftrag gegebene mit Ebern zu überziehen zeige sich die Adels-Aspiration eines frühneuzeitlichen Humanisten, der sich sehr wohl der feinen Balance zwischen „richtigem“ und „falschem“ Stil bewußt war.

Dem Verhältnis zwischen Israhel van Meckenem und Hans Holbein d.Ä. widmete Fritz Koreny seinen Vortrag. Israhel van Meckenem ist der Kupferstecher der Zeit vor und um 1500 mit dem größten überlieferten Kupferstichcorpus. Lange war er neben Martin Schongauer und Albrecht Dürer der meist gerühmte Stecher, bis Max Lehrs Zweifel an seinem Rang als Künstlerpersönlichkeit äußerte, als er Stiche von Meckenem auf Vorlagen von Holbein zurückführte.[2] Koreny griff erneut die Frage auf, welcher der beiden Künstler formal wie inhaltlich ideengebend tätig war. Arbeitete Meckenem nach Vorlagen von Holbein oder nicht, ausschlaggebend hierfür ist und bleibt die zeitliche Einordnung der undatierten Stiche Meckenems bzw. der zugrundeliegenden Kompositionen. Seine Hauptargumente stützte er auf die vergleichende Analyse einer 1988 von der Albertina erworbenen, unsignierten Zeichnung des näheren Holbein Umkreises mit den Apostelstichen Meckenems. Mit seinen Ausführungen antwortete Koreny auf die jüngst erschienene Monographie zu Hans Holbein d.Ä. von Katharina Krause.[3]

Abschließend sei noch auf die von Peter Schmidt und Gregor Wedekind herausgegebene und am Abend des Kolloquiums überreichte Festgabe: „Robert Suckale. Stil und Funktion. Ausgewählte Schriften zur Kunst des Mittelalters“ hingewiesen. Sie versammelt Aufsätze aus zweieinhalb Jahrzehnten zu Aufgabe und Gestalt des Bildes im Mittelalter, Form und Funktion des gotischen Kirchenbaus sowie Rhetorik und Theologie der frühen niederländischen Malerei, die, so die Herausgeber, zusammen ein Kompendium neuer Ansätze zur Erforschung der mittelalterlichen Kunst ergeben. [4]

[1] Veranstaltet wurde das Kolloquium vom Graduiertenkolleg „Kunstwissenschaft - Bauforschung - Denkmalpflege“, dem Institut für Geschichte und Kunstgeschichte der Technischen Universität Berlin sowie dem dortigen Schinkel-Zentrum für Architektur, Stadtforschung und Denkmalpflege.

[2] Max Lehrs: Katalog der im germanischen Museum befindlichen deutschen Kupferstiche des XV. Jahrhunderts, Nürnberg 1887, S. 39, Kat. Nr. 204 und ausführlicher Max Lehrs: Über einige verschollene Werke Hans Holbeins des Älteren, in: Zeitschrift für christliche Kunst, Jg. 4/ 1891 Sp. 361-377.

[3] Katharina Krause: Hans Holbein der Ältere, München, Berlin 2002, S. 32ff.

[4] Peter Schmidt und Gregor Wedekind (Hg.): Robert Suckale „Stil und Funktion“. Ausgewählte Schriften zur Kunst des Mittelalters, erschienen im Deutschen Kunstverlag, Berlin, München 2003, ISBN 3422064273.

Empfohlene Zitation:
Livia Cárdenas, Stefan Trinks: [Tagungsbericht zu:] Stil und Funktion im Mittelalter (Berlin, 01.11.2003). In: ArtHist.net, 26.11.2003. Letzter Zugriff 06.07.2022. <https://arthist.net/reviews/432>.

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