REV-CONF Dec 20, 2005

Women at the Burgundian Court

Mechelen, Nov 26–27, 2005

Report by Ariane Mensger
Editor: Livia Cárdenas

Women at the Burgundian Court: Presence and Influence. Kolloquium anlässlich der Ausstellung „Women of Distinction: Margaret of York and Margaret of Austria“ (17. September bis 18. Dezember 2005)

Die Rolle der Frau am burgundisch-habsburgischen Hof war das Thema eines internationalen Kolloquiums in Mechelen, das im Rahmen der Ausstellung „Women of Distinction: Margaret of York and Margaret of Austria“ stattfand. Organisiert wurde die zweitägige Veranstaltung von Dagmar Eichberger (Universität Heidelberg), Anne-Marie Legaré (Université de Lille 3) und Wim Hüsken (Stedelijke Musea Mechelen). Der inhaltliche Rahmen wurde abgesteckt von Bertrand Schnerb (Université de Lille 3), der zu Beginn der Tagung in die Thematik einführte, und Werner Paravicini (Paris, Deutsches Historisches Institut), welcher in seiner Schlussbetrachtung die Ergebnisse zusammenfasste und weitere Perspektiven aufzeigte.

Die burgundisch-habsburgischen Prinzessinnen, die Töchter, Schwestern, Gemahlinnen und Witwen der herrschenden Männer, waren bedeutende Persönlichkeiten im politischen und gesellschaftlichen Leben ihrer Zeit. Ziel der Tagung in Mechelen war es, die genaueren Lebensumstände dieser Frauen, ihre Präsenz, Funktion und ihren Einfluss bei Hofe und im Land zu beleuchten. Dabei galt es zu klären, wie und wo die Frauen in Erscheinung und in Aktion traten und welche Möglichkeiten des weiblichen Einflusses auf das politische, religiöse und gesellschaftliche Leben überhaupt gegeben waren.

Thérèse de Hemptinne (Universiteit Gent) hob in diesem Zusammenhang einen Katalog besonderer Merkmale hervor, die wesentliche Faktoren hinsichtlich ihres Einflusses bzw. ihrer Präsenz der Frauen am burgundisch-habsburgischen Hof dargestellt haben dürften: ihr dynastischer Status, ihr Vermögen, ihre Religiosität und Ausbildung sowie ihre Persönlichkeit. Eine besondere Rolle kam den Witwen zu. Von der Pflicht entbunden, Kinder zu gebären, konnten sie sich anderen Aufgaben - etwa der Kindererziehung - zuwenden und dabei größere Handlungsspielräume erlangen. Ansonsten war das Leben von Frauen und Männern bei Hofe nicht nur streng reglementiert, sondern verlief auch in strikt getrennten Bahnen. Während der männliche Teil der Herrscherfamilie von einem männlichen Hofstaat umgeben war, waren den Frauen entsprechend Frauen zugeordnet. Nur bei bestimmten, zeremoniell genau geregelten Anlässen konnten sich die beiden Sphären durchdringen. Spezielle historische Umstände sorgten jedoch bisweilen dafür, dass den Frauen Funktionen zufielen, die traditionellerweise Männern vorbehalten waren - wie im Fall der Statthalterinnen und Regentinnen Margarethe von Österreich und Maria von Ungarn. Geschlechterrolle und Herrscherrolle waren nun nicht mehr deckungsgleich, wobei sich die dynastische Realität in diesen Fällen als zwingender erwies als das gesellschaftliche Ideal.

Ebenso wie für die männlichen Vertreter des burgundischen Hofes stellten religiöse Stiftungen auch für Frauen einen wichtigen Aspekt nicht nur ihrer Frömmigkeit, sondern auch ihres gesellschaftlich-kulturellen Lebens dar. Eine solche Stiftung durch ein Mitglied der Herrscherfamilie hat sich vermutlich in einer Kasel aus St. Peter in Mechelen erhalten. Die mit dem Datum 1483 versehenen, äußerst qualitätvollen Stickereien waren Gegenstand einer lebhaften Diskussion. Ausgehend von diesem Datum stellte Bart Stroobants (Stedelijke Musea Mechelen) zwei mögliche Kontexte für den Auftrag dar: So könnte die Kasel einerseits von Margarethe von York ihrer benachbarten Gemeindekirche gestiftet worden sein. Andererseits könnte das Datum auf den 23. April 1483 verweisen, als die junge Margarethe von Österreich als Verlobte des französischen Thronfolgers nach Frankreich zog, so dass die Kasel womöglich im Auftrag ihres Vaters Maximilian I. entstand.

Von einer kirchlichen Stiftung im Dienste herrscherlicher Repräsentation handelte der Vortrag von Marie-Françoise Poiret (Versailles, Monuments Français) über die Fensterverglasung im Südquerhaus der Grabkirche Margarethes von Österreich in Brou bei Bourg-en-Bresse. Die alttestamentarische Geschichte der Susanna wird hier im Typus eines Gerechtigkeitsbildes wiedergegeben, das beispielhaft das Verhalten des guten und des schlechten Richters vorführt. Das Glasfenster wird damit zum Programmbild, in dem das Selbstverständnis Margarethes als Bestätigung und Selbstverpflichtung vor Augen geführt wird.

Eine weiterer Anlass für die herrscherliche Selbstdarstellung waren die „Joyeuses entrées“, die feierlichen Einzüge in eine Stadt, die mit reichen Dekorationen und „tableau viavants“ inszeniert wurden. Die Einzüge dienten auf der einen Seite der Huldigung des Herrschenden, auf der anderen der Vergabe bzw. Bestätigung von Privilegien. Wim Hüsken (Stedelijke Musea Mechelen) gab einen kurzen historischen Abriss der feierlichen Einzüge seit 1356, dem Jahr, in dem der erste, offiziell auch so genannte feierliche Einzug stattgefunden hat.

Eine eingehende Analyse einer solchen Inszenierung erfolgte durch Anne-Marie Legaré (Université de Lille 3), die über den feierlichen Einzug der Johanna von Aragon-Kastilien in Brüssel am 6. Dezember 1496 anlässlich ihrer Hochzeit mit Philipp dem Schönen referierte. Das Ereignis ist in einer mit 63 aquarellierten Federzeichnungen illustrierten Handschrift dokumentiert. Legaré untersuchte die bildlichen Wiedergaben der „tableau vivants“, von denen sie exemplarisch die „Neuf Preuses“, das „Urteil des Paris“ sowie eine ungewöhnliche Gesellschaftsszene, betitelt „Domus delicie et jocunditatis“, vorstellte. Sie stellte die These auf, dass für den Einzug der Johanna von Aragon-Kastilien ein gleichsam feminisiertes Programm aufgeführt wurde - dass also dem weiblichen Geschlecht der zu ehrenden Person Rechnung getragen wurde.

Ein komplexes dynastisches Bildprogramm im kleinen Format präsentieren die Außenseiten eines Brettspiels aus dem Jahr 1537. Die 32 Spielsteine und 16 Szenen auf den Brettinnenseiten sind hingegen moralischen Themen gewidmet. Sie stellen einen umfassenden Katalog weiblicher und männlicher Verhaltensweisen auf, die als positive bzw. negative Exempla gedeutet werden können. Dagmar Eichberger (Universität Heidelberg) legte dar, dass das Brett mitsamt seinen Spielsteinen nicht allein für Ferdinand I. von Österreich, sondern gleichermaßen für seine Gemahlin Anna von Ungarn-Böhmen konzipiert worden sei. Sie stützte sich dabei auf die Auswertung der Wappen und eine ikonographische Analyse der Bilder, wobei sie die prinzipielle Angemessenheit erotisierender Darstellungen auch für weibliche Rezipienten betonte.

Die Rolle von Stundenbüchern als Ausdruck einer dezidiert weiblichen Frömmigkeit und Lesekultur war Thema von Andrea Pearson (Bloomsburg University of Pennsylvania). Im Besitz und Vererben von Stundenbüchern ebenso wie im gemeinsamen Lesen sah Pearson den Ausdruck einer generationenübergreifenden Lese- bzw. Sehgemeinschaft. Diese soll die weibliche Identität bei Hofe nachhaltig geprägt und es den Frauen ermöglicht haben, in der religiösen Praxis eine relative Autonomie von patriarchalen Strukturen zu entwickeln.

Neben kunsthistorischen Analysen gab es auch Beiträge, die auf der Auswertung schriftlicher Quellen basierten. Anhand von Rechnungen und anderen Einträgen des Chambre de Comptes konnten die besonderen Beziehung Margarethes von York mit den Bewohnern der Inseln von Voorne, die fast die Hälfte der Einkünfte ihres Witwenguts beisteuerten, genauer beschrieben werden (Mario Damen, Universiteit Leiden). Über Margarethes Mittelsmänner wurden Abgaben geregelt, während die Bewohner von Voorne im Gegenzug ihre Privilegien bestätigt sahen. Margarethe von York stiftete außerdem verschiedene Glasfenster in Kirchen und unterstützte das Klarissen-Kloster in der Stadt Brielle.

Über die Auswertung des Briefverkehrs von Isabella von Portugal, der dritten Frau Philipps des Guten, konnte ein genaueres Bild der politischen Aktivitäten der Herzogsgattin gezeichnet werden (Monique Sommé, Université d'Artois). Ihre Einflussnahme erfolgte auf ganz verschiedenen Wegen: über direkte Anweisungen, die Isabella in Abwesenheit des Herzogs und gleichsam als seine Stellvertreterin oder im diplomatischen Auftrag verfügte, sowie als indirekte Intervention in der persönlichen Korrespondenz mit dem Herzog und anderen Familienmitgliedern.

Am Beispiel der Maria von Ungarn wurde über Rechnungen und Korrespondenzen die Zusammensetzung und verschiedenen Funktionen des Hofstaats rekonstruiert (Jacqueline Kerkhoff, Museum Catharijneconvent Utrecht). Das um die 300 Personen umfassende Gefolge war klar in verschiedene Tätigkeitsbereiche (chapelle, chambre, hôtel) und Hierarchien gegliedert (z.B. chambre des dames: grande dame d'honneur, dames d'honneur, demoiselles d'honneur, femmes et filles de chambre).

Die Frauen am Hof waren auch selbst literarisch tätig. Aus der Feder Margarethes von Österreich hat sich beispielsweise die „Complainte de Marguerite d'Autriche“ erhalten. Die 400 Verse sind in der Tradition der französischen höfischen Dichtung des 15. Jahrhunderts verfasst und bedienen sich der literarischen Stilmittel des „Planctus“ (der Wehklage) und der Allegorie (Catherine Müller, Université de Fribourg). In einer diskursive Auseinandersetzung werden die positiven und die negativen Seiten des Lebens und der Liebe einander gegenübergestellt. Obwohl die Initialen ALCH in den Seitenrahmungen des Manuskripts auf Antoine de Lalaing, compte de Hoogstraeten, als Adressaten der „Complainte“ verweisen, betonte Müller die Qualitäten des Textes als literarisches Werk, das auch ohne biographischen Hintergrund in einem universalen Sinn gelesen werden könne.

Dass Frauen am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit unter misogynen Vorurteilen zu leiden hatten, kann man ex post auch aus den Stellungnahmen lesen, die sich der Verteidigung der Frau verschrieben hatten. Einen wichtigen Beitrag zur „querelle des femmes“ - der Diskussion über die Über- bzw. Unterlegenheit der Frau - leistete der deutsche Arzt und Humanist Heinrich Cornelis Agrippa von Nettesheim. Aus dem Jahr 1509 stammt sein Traktat „De nobilitate et praecellentia foeminaei sexus“, (über die göttliche Bevorzugung und Überlegenheit des weiblichen Geschlechts), welches der Humanist Margarethe von Österreich gewidmet hatte. Eine zweite interessante Quelle in dieser Hinsicht stellt die Grabrede auf Margarethe dar, die Agrippa von Nettesheim im Januar 1531 in St. Rombaut gehalten hat. Henri Installé (Stadsarchief Mechelen) interpretierte die beiden Texte in Hinblick auf das Bild der Frau einerseits und das Bild der Fürstin andererseits und inwiefern sich diese decken bzw. voneinander abweichen. Es zeigt sich, dass sich die ideale Frau vor allem durch ihrer Schönheit und fromme Gesinnung auszeichnete, während der Fürstin darüber hinaus universale herrscherliche Eigenschaften wie die Stärke des Charakters und Ausdauer, ja sogar Intelligenz und Popularität zugesprochen wurden.

Der breitere kulturgeschichtliche Kontext wurde beleuchtet durch einen Beitrag über die Entdeckung der Neuen Welt und ihre Rezeption am niederländischen Hof (Joris Capenberghs, Universiteit Antwerpen). Die Verflechtung von profanem und sakralem Denken war Thema Hugo Van der Veldens (Harvard University), der das komplexe System der Namensgebung bei Hofe mit all seinen dynastischen, politischen und religiösen Faktoren nachzeichnete.

Die verschiedenen Vorträge boten jeweils ganz unterschiedliche, immer jedoch aufschlussreiche Einsichten in die Thematik. Als ein immer wieder auftauchender Diskussionspunkt erwies sich die adäquate Beurteilung der historischen Geschlechterrollen. Am Beispiel von zwei Widmungsminiaturen stellte sich beispielsweise die Frage, ob die dargestellten Räume - das Empfangszimmer mit Thronbaldachin bzw. die Außengalerie des Palastes - als typisch männliche bzw. typisch weiblich Aktionsräume zu deuten seien. Ob also die wiedergegebenen Räume geschlechtliche Differenzen in der herrscherlichen Repräsentation widerspiegelten. Es stellte sich heraus, dass bei der Interpretation der Bilder die Baugeschichte und die Kenntnis des Hofzeremoniells eine wichtige Hilfestellung geben können. So ergab die Diskussion, dass die Galerie keinen privaten - und damit angeblich weiblichen - Raum darstellte, sondern in ihrem halböffentlichen Charakter und ihrer repräsentativen Funktion mit dem Empfangszimmer durchaus zu vergleichen war. Die klassische Verknüpfung: weiblich = privat versus männlich = öffentlich ging in diesem Fall nicht auf. Die Diskussion verdeutlichte auch, dass das Geschlecht nicht für jedes historisch greifbare Phänomen die relevante Kategorie der Analyse sein muss.

Als eine weitere, damit zusammenhängende Schwierigkeit erwies sich die historische Definition von „privat“ und „öffentlich“ im Gegensatz zum heutigen Sprachgebrauch. So ist die Beschränkung der Frauenaktivitäten auf den so genannten privaten Bereich aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen, da es in der adeligen Gesellschaft, zumal in der Fürstenfamilie, einen privaten Bereich praktisch nicht gab: Weder die Geburt eines Kindes, noch dessen Erziehung oder Verheiratung waren wirklich privat im modernen Sinne. Entsprechend können die weiblichen Aktivitäten in diesen Bereichen als per se hoch politisch und verantwortungsvoll und damit sozusagen öffentlich bezeichnet werden.

Die aufgezeigten Diskussionsfelder dokumentieren deutlich den nach wie vor bestehenden Klärungsbedarf in diesen Fragestellungen. Gleichzeitig verdeutlichen sie den großen Verdienst der Tagung in Mechelen, ein überaus breites Diskussionsforum geboten zu haben. Neben den qualitätvollen Vorträgen lag eine besondere Stärke der Veranstaltung in ihrem interdisziplinären Ansatz, der auf eine universale Erfassung des Gegenstands abzielte und daher auch historische und literaturwissenschaftliche Fragestellungen mit einbezog. In dieser Ausrichtung schloss sich die Tagung an das von Werner Paravicini 1998 in Dresden abgehaltene Kolloquium „Das Frauenzimmer. Die Frau bei Hofe in Spätmittelalter und früher Neuzeit“ an [1], wo man eine vergleichbare Fragestellung - allerdings in europäischer Perspektive und mit Schwerpunkt auf baulichen Aspekten - verfolgte.

Die Tagung in Mechelen in ihrer Konzentration auf die burgundisch-habsburgische Herrscherfamilie bot eine Erweiterung und Vertiefung der Themen, die bereits im Ausstellungskatalog „Woman of Distinction: Margaret of York and Margaret of Austria“ ausgebreitet worden waren [2]. Während im Katalog überblicksartige Zusammenfassungen des augenblicklichen Forschungsstandes gegeben werden, bot das Kolloquium konkrete Einzelanalysen, mit denen die Historiker, Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler Einblick in ihre aktuellen Forschungen gaben und auf diese Weise den Weg für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema vorzeichneten.

Anmerkungen

[1] Jan Hirschbiegel & Werner Paravicini (Hg.), Das Frauenzimmer. Die Frau bei Hofe in Spätmittelalter und früher Neuzeit, Stuttgart 2000. [2] Dagmar Eichberger (Hg.), Woman of Distinction: Margaret of York and Margaret of Austria, Ausst. Kat. Mechelen, Turnhout 2005.

Recommended Citation:
Ariane Mensger: [Conference Report of:] Women at the Burgundian Court (Mechelen, Nov 26–27, 2005). In: ArtHist.net, Dec 20, 2005 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/411>.

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