REV-CONF 09.03.2006

Grab, Kult und Memoria

Berlin, 17.–19.02.2006

Bericht von Jeanette Kohl, University of California Riverside
Redaktion: Livia Cárdenas

Grab, Kult und Memoria. Tagung des DFG-Projektes „REQUIEM. Die römischen Papst- und Kardinalsgrabmäler der frühen Neuzeit“

Als Gottvater sich entschloss, Adam ein wenig Gesellschaft zu verschaffen, spaltete er die Frau dem Leib des Mannes ab. Schon bald erliegt das Paar allerdings den Versuchungen der Visualität. Das göttliche Erkenntnisverbot wird vom Weib durchbrochen, die Augenlust zwingt den Erkenntniswiderstand in die Knie: „Da sah die Frau (…), daß der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“ (Gen. 3,6f.).

Mit der Kausalkette von Augenlust, Erkenntnis und Scham sowie dem Verlust des Paradieses erhält der Blick auf das Schöne einen schalen Beigeschmack. Durch ihn kam der Tod auf den Menschen. Dass die Orte der Toten bisweilen selbst verführen wollen, sich als Augenweide präsentieren und allerlei Techniken der Persuasion aufbieten, mit diesem Umstand beschäftigt sich die Kunstgeschichte als Wissenschaft seit nunmehr über hundert Jahren. Sinnlichkeit, bildhafte Sinnfälligkeit und die ‚Erscheinung’ der Gräber werden hingegen von Vertretern der Geschichtswissenschaften oft als relative Unwägbarkeiten eher kritisch beäugt. Vielleicht ist es gar nicht so abwegig zu vermuten, dass die Sündenfallepisode ihre langen Schatten auch auf das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zur Kunstgeschichte geworfen hat. Die Kunstgeschichte beharrt darauf, dass Augenlust und Erkenntnis eng verwobene Phänomene von Visualität sind, dass optisches Blendwerk dank der Sensibilität des geschulten Blickes zerlegend erfasst werden muss. Eben auf diese Kernkompetenz im Rangstreit um die Deutungshoheit der Bilder beruft sie sich seit geraumer Zeit, und zu Recht. Im Schauen liegt nicht selten der Kardinalsweg zur Erfassung von Bedeutung. Die Geschichtswissenschaft hingegen meidet zu ausgedehnte Blicke auf die verbotene Frucht.

Um so bemerkenswerter ist aus dieser Perspektive der rein bidisziplinäre Ansatz des REQUIEM-Forschungsprojektes unter der Leitung von Prof. Horst Bredekamp (Berlin) und Prof. Volker Reinhardt (Fribourg), das sich der Erfassung römischer Papst- und Kardinalsgrabmäler der frühen Neuzeit aus kunsthistorischer und historischer Perspektive gleichermaßen widmet. Die Gattung soll, so scheint es, zwischen Visualität und Historizität gleichsam in die Schere genommen und rundumanalysiert werden. Man durfte deshalb gespannt sein auf den Verlauf einer Tagung, die ausschließlich WissenschaftlerInnen der beiden Disziplinen und ihres hier postulierten unterschiedlichen Verhältnisses zur Phänomenologie des Objektes zusammenbrachte. Zentrale Frage war daher: Würden sich Wege und Methoden einer gegenseitigen Befruchtung abzeichnen bzw. praktizieren lassen, im Sinne eines reziproken „The more you know, the more you see“ / „The more you see, the more you know“?

Die Tagung, die als thematisch (bisweilen etwas beliebig) gegliederte Präsentation von Fallstudien konzipiert war, war der Frage nach den Zusammenhängen von politischen, sozialen und künstlerischen Entwicklungen in der Grabmalskultur von Renaissance und Barock gewidmet. Phänomene bildlicher Evozierung von Gruppenidentität, sozialer Distinktion sowie familiärer, dynastischer und konfessioneller Konkurrenzen innerhalb verschiedener ‚europäischer’ Kontexte wurden anhand der Monumente in insgesamt 16 Einzelreferaten präsentiert und ausgesprochen rege diskutiert (wie der Zuspruch zur Tagung überhaupt erfreulich groß war). Dies war nicht zuletzt der aufmerksamen Diskussionsführung der Moderationen Horst Bredekamps, Arne Karstens, Philipp Zitzlspergers und vor allem Volker Reinhardts geschuldet, dessen pointiert-thesenhafte Kommentare zu reichlich Rede und Gegenrede einluden.

Im Anschluss an die Begrüßung durch Horst Bredekamp im illustren Tagungsdomizil des Berliner Domes hielt Volker Reinhardt ein engagiertes, bisweilen provokantes Plädoyer für einen genauen Blick auf die individuellen Ausprägungen der Gedächtniskultur und ihrer Monumente, weg von schwachen Oberbegriffen à la kollektives Gedächtnis hin zu einer panoramatischen Er- und Umfassung des Phänomens anhand differenzierter und kontextualisierender Einzelanalysen. Als erkenntnisleitende Fragestellungen des REQUIEM-Projektes formulierte er aus seiner Sicht neben den Strategien der päpstlichen Erinnerungskultur auch die Bemessungskriterien des Erfolges und Misserfolges sorgfältig kalkulierter Memoria, ein Nachdenken über die Zielgruppenorientierung sowie das Problem der Rechtfertigung individueller Tugend- und Ruhmespropaganda in Bild und Text vor dem allwissenden Auge Gottes. Die für Reinhardt besonders interessante Frage der Asymmetrie von ursprünglicher Intention und tatsächlicher Rezeption von Grabmonumenten lässt sich allerdings, so steht zu befürchten, nur sehr schwer im Einzelnen nachweisen und auf ihre Gründe hin abklopfen.

Die erste Sektion widmete sich verschiedenen Spielarten der „Konstruktion der Erinnerung“. Nach einem Streifzug durch die Geschichte der politischen Instrumentalisierung von Begräbnisanlagen zur Legitimierung von Herrschaft durch Olaf B. Rader (Berlin) und einer Fallstudie zum memorialen self-fashioning eines karrierefrustrierten venezianischen Patriziers des Cinquecento von Benjamin Paul (Florenz), befasste sich Stefan Bauer (Rom) mit der Frage, inwieweit Grabmäler in der Papstgeschichtsschreibung der Renaissance eine Rolle gespielt haben. Dabei ließ sich exemplarisch anhand der Papstviten des Humanisten Platina nachweisen, dass die Monumente eine in aller Regel nur marginale Rolle in der Papsthistoriographie spielten. Da die Viten selbst Monumentcharakter hatten und Platinas paragonales Verständnis der storia als Lehrmeisterin gegenüber der ‚stummen’ Bildhauerkunst und der ‚eitlen’ Malerei den Primat des geschriebenen Wortes propagierte, verwundert dies wenig. Andererseits kann das völlige Verschweigen eines Grabmals in der Papstvita Züge einer damnatio memoriae annehmen, wie im Falle Pauls II. Interessant für diese Analyse des Verhältnisses von geschriebener Geschichte und gebauter Memoria könnte in Zukunft sicher auch der Einbezug des Genres der Grabreden sein, die nicht selten die Ikonographie von Memorialbauten aufgreifen, sie paraphrasieren und performativ verstärken.

Strategien der „Vereinnahmung des Raumes“ wurden in der anschließenden Sektion untersucht, wobei sich die Beiträge nicht zuletzt durch ihre geographische Streuung gut ergänzten. Steffen Krämer (München) erläuterte anhand des spektakulären Chorneubaus der ehemaligen Stiftskirche in Bristol die raumstrukturierende und architekturtypologische Formulierung eines weltlichen Herrschaftsanspruches des Adelsgeschlechtes der Lords of Berkeley. Kilian Heck (Frankfurt) beschäftigte sich in einem spannenden und thesenreichen Vortrag mit dem räumlich expansiven Charakter der Grablegen des deutschen Hochadels in der frühen Neuzeit. Er plädierte dabei methodisch für ein Abrücken von rein typologischer Kategorisierung der Grabstätten hin zu einem sphärischen oder konzentrischen Modell, anhand dessen „Körpergebiete“ (im Sinne Helmuth Plessners) in ihrem Herrschaftsanspruch analysiert werden können. Die Verräumlichung von Herrschaft durch die Besetzung des Raumes mit vom Körper abgelösten Zeichen genealogischer Identität spielt gerade bei den lutherischen Fürstengräbern eine herausragende Rolle, anhand derer Heck sein Paradigma der gleichermaßen raumschaffenden wie identitätsstiftenden Sphärenbildung erläuterte. Die hier aufgeworfene Grundsatzfrage, wo denn das Grab beginne und wo es aufhöre, wurde – unter den in vieler Hinsicht anders gearteten Vorzeichen des römischen Hochbarock – auch im Vortrag von Peter Stephan (Jena) aufgegriffen. In einer erhellenden Interpretation der genitilizischen Kodierung der urbs eterna durch die Grabmäler Sixtus V. und Alexander VII. gelang ihm eine interessante Rekonstruktion päpstlicher Strategien der Aneignung und ‚Überschreibung’ von Emblemata und ihrer sinnfälligen Positionierung innerhalb des römischen Stadtraumes. Die Ortswahl der Monumente und Wappenembleme markierte dabei, wie Horst Bredekamp bemerkte, regelrechte ‚Heilsitinerare’ der Päpste und ihrer Nepoten.

Um Fragen von „Status und Legitimation“ ging es in der dritten Sektion, an deren Beginn ein Beitrag von Carolin Behrmann (Berlin) stand. Sie lenkte den Blick von Rom nach Paris, um anhand zweier Fallstudien der Frage nachzugehen, wie römische Kardinäle, angesichts ihrer engen Beziehungen zum französischen Königshaus, in der Gestaltung ihrer Grablegen von römischen Repräsentationsstandards abwichen und ihren Status in einem anderen kulturellen Kontext verdeutlichten. Birgit Emichs (Freiburg i.Br.) Untersuchung der Gräber römischer Staatssekretäre des 17. und 18. Jahrhunderts unternahm den Versuch einer entwicklungsgeschichtlichen Einordnung dieser bislang noch nicht als Gruppe erfassten Monumente auf breiter Datenbasis. Zwar konnte festgestellt werden, dass sie primär als Zeichen der erfolgreichen Amtsführung des Individuums jenseits seiner klientelären Bindungen konzipiert sind; die Geschichte der Entwicklung des Amtes jedoch spiegelt sich nicht immer in der Gestaltung der Grabmäler wieder. Hier konnte Volker Reinhardt die Berechtigung seiner Forderung nach differenzierter Fallanalyse dann bestätigt sehen. Der Vortrag von Martin Gaier (Basel) ging auf die Gründe der Entstehung und Popularität des Bildformulars der halberhobenen Liegefigur im oberitalienischen Cinquecento ein, das einerseits auf etruskische Grabbilder rekurriert, zum anderen ein dezidiert humanistisches Anspruchsdenken und die Zugehörigkeit zum hohen Klerus dokumentiert. Oberitalienische Protonotare konnten sich hier auf römische Kardinalsgrabmäler beziehen, um ihren Status zu signalisieren. Der demi-gisant geriet so zu einer propagandistischen Chiffre des Erfolges und der gelebten virtutes der Verstorbenen.

Dem spannenden Feld der „Familienkonkurrenzen“ und seiner Auswirkung auf die Sepulkralkunst widmete sich die vorletzte Sektion. Konkurrenzen, genealogische Defizite und Legitimationsdruck sind, dies wurde auf der Tagung erneut klar, die mächtigsten Schubkräfte zur Aufwandssteigerung an Grabmälern. Einen solchen Fall defizitärer Abkunft und der damit verknüpften Nobilitierungsversuche führte anschaulich Leon Lock (London) am Beispiel der Brüsseler Grablege des Lamoral des Tassis (Thurn und Taxis) vor. Mit ihr offenbart sich ein Anspruchsdenken, das sich über die Rückbindung an barocke römische Grabkapellen (allen voran der Cappella Chigi) bewußt deviant und international gibt, um das Prestige der Familie zu erhöhen. Eine Rechnung, die aufging, da Lamorals Sohn zum Reichsfürsten avancierte. Als Paradefall einer politischen Instrumentalisierung des Grabmals für dynastische Ansprüche präsentierte Julian Blunk (Dresden/Paris) die spektakuläre Doppeldecker-Grablege Ludwigs XII. und seiner Frau Anne de Bretagne in Saint-Denis. Blunks These, der für das französische Kronland bis dahin ungewöhnliche Typus des Grabmals sei weniger zeitgenössischen Staatslehren geschuldet als einer bewußten Aneignung der Formen des Grabmals Gian Galeazzo Viscontis in der Certosa di Pavia, wurde ausführlich diskutiert. Wenig Zweifel dürfte daran bestehen, dass sich für die Valois in ihrem von Gian Galeazzo abgeleiteten Anspruch auf das Herzogtum Mailand das Paradegrabmal der verfeindeten Sforza als typologischer Ausgangspunkt anbot. Ihr ambitioniertes Konkurrenzprojekt trägt somit Züge der Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln und stellt sich, wie Horst Bredekamp zu Recht hervorhob, als „Zitat im Sinne Hans-Jochen Kunsts“ dar. Ob man jedoch aufgrund des Fehlens von Herrscherinsignien auf dem oberen Teil des Doppeldeckergrabes in St. Denis zwingend die mittlerweile bei diesem Grabmaltypus übliche Kantorowicz-Schelte betreiben muss, dies wurde kontrovers in der Diskussion thematisiert. Tanja Michalskys (Frankfurt) Beitrag, der eine Topologie der Erinnerung im Stadtraum Neapels nachzeichnete – und den man vielleicht lieber in der Sektion zu Vereinnahmung des Raumes gesehen hätte –, operierte methodisch erfreulich reflexiv mit einer Problematisierung des statischen zugunsten eines relationalen Raumbegriffes in historischer Perspektive. Sie konnte zeigen, dass trotz der Querelen und Konkurrenzen innerhalb der engmaschigen Netzwerke des neapolitanischen Adels im 16. Jahrhundert eine Gruppenidentität über die Wahl der Begräbnisorte, ihrer Typik und Ikonographie gesucht wurde, die sich im Bild der Stadt kartieren lässt. Almut Goldhahn (Venedig) beschloss die Sektion mit einem genauen Blick auf das Grabmal Clemens XIII. Rezzonico (1758-1769) in Sankt Peter vor dem Hintergrund der sich wandelnden Formen des Nepotismus im 18. Jahrhundert. Die Abschaffung des Amtes des Kardinalnepoten im Jahre 1692 führte keineswegs zu einem Versiegen der Vetternwirtschaft. Aus Kardinalnepoten wurden Nepotenkardinäle, die im Falle Clemens XIII. durch ein aufwändiges, bei Antonio Canova in Auftrag gegebenes Grabmonument ihre Dankbarkeit bezeugten.

Bettina Braun (Paderborn) eröffnete die Schlusssektion „Nation und Konfession“ mit einem Beitrag zu den Gründen und Strategien der Wahl des Begräbnisortes von Bischöfen in der Germania Sacra der frühen Neuzeit. Diese Wahl, so das Fazit, motivierte sich vor allem aus der jeweils bevorzugten memorialen Selbstdarstellung in bischöflicher, landesherrlicher oder dynastischer Perspektive. Ein interessanter Einblick in Aspekte der historischen Körpergeschichte erfolgte über einen Exkurs zur Praxis der Leichenteilung und der bischöflichen Herz- und Eingeweidebestattungen der frühen Neuzeit. Naima Ghermani (Amiens) untersuchte die Grabmäler der sächsischen Kurfürsten in Wittenberg (1527, 1533) unter dem Aspekt konfessioneller Identitätsbildung. Innerhalb des letztlich gescheiterten Projekts der Etablierung einer wettinischen Nekropole in Wittenberg „überlebten“ die beiden Monumente in situ, vor allem aber durch ihre Verbreitung in Kupferstichen, als Ikonen des reinen Luthertums. Das ambitionierte Vorhaben verwandelte sich so in medialer Verschiebung zu einem symbolträchtigen Bild. Last not least befasste sich auch Alexander Markschies (Aachen) mit einem französischen Herrschergrabmal von hohem Anspruchsniveau und dezidiert politischer Aussageabsicht. Das von Anne de Bretagne in Auftrag gegebene Monument François II. und der Marguerite des Foix in Nantes wurde als Monument der Unabhängigkeit von Frankreich neu gedeutet und als Ort der Inszenierung der Königsgleicheit der bretonischen Herzöge ikonographisch aufgeschlüsselt. Markschies’ kunsthistorische Analyse der Grabanlage, der Auftraggebermotivation und der Strategien zur Herstellung eines historischen Anspruchsniveaus schlossen ganz trefflich den Bogen zur ersten Rednerin der Sektion – in der Geschichte des Herzreliquiars der Anne de Bretagne – sowie zum ersten Referat der Tagung – in der Herausarbeitung politischer Instrumentalisierung von Begräbnisanlagen zur Herrschaftslegitimierung in Zeiten der Krise.

Ein erfreulicher Erkenntnisgewinn, der aus der Eigendynamik der Veranstaltung hervorging, liegt in der Feststellung, dass die Kategorie des Raumes – historisch, dynamisch und relational begriffen – ein offenbar sehr starkes, tragfähiges und erkenntnisleitendes Paradigma zur Bewertung der Manifestationen und Orte der Memoria darstellt. ‚Kontextualisierung’ muss daher das zentrale Schlagwort jenseits rein ikonographischer, typologischer und biographischer Monumentanalyse heißen. Dies ist auch vom Team des REQUIEM-Projektes als wegweisender Output der Tagung mit Begrüßung aufgenommen worden. Was allerdings quasi als Kehrseite dieses Zugewinns auffiel, war das weitgehende Ausblenden produktionsästhetischer Fragestellungen sowie solcher des Materials, des Stils und der spezifischen Ästhetik der Objekte im Horizont ihrer historischen Wirkung und Wahrnehmung. Aber auch der im Titel der Tagung geführte „Kult“ kam zu kurz. Insgesamt war die Mehrzahl der Beiträge stark sozial- und motivationsgeschichtlich eingefärbt bzw. auf Repräsentationsstrategien und Rezeptionswege von Fallbeispielen hin konzipiert – aber dies war ja im Konzept zur Tagung auch so vorgesehen. Hier orientierten sich die kunsthistorischen Beiträge ganz offenkundig stärker zur Nachbardisziplin hin als dies umgekehrt der Fall war.

Daher sei als Anregung für die Historiker erlaubt, sich – wo möglich – auch einmal differenzierter auf die visuellen, ästhetischen und spezifisch inszenatorischen Phänomene, die sich mit Grabanlagen verbinden, einzulassen. Eine Sensibilisierung für die Objekte, die mehr sind als die Summe ihrer Teile und auch mehr sind als die Bilder zum Text, sowie für den methodischen Zugriff, der sich aus ihnen ableiten und problematisieren lässt, wünschte man sich hier durchaus manchmal. Auch wenn die Deutungshoheit in Sachen Visualität der sinnlichkeitsempfänglicheren Eva-Disziplin zukommt, so sollte man doch hoffen, dass ein wenig der Bildsensibilität auf die Adam-Disziplin übergeht, wie dies im umgekehrten Falle der historischen Verortung und Erschließung von Kunstobjekten durch die Kunstgeschichte bereits der Fall ist. Wenn sich innerhalb des REQUIEM-Projektes dieser Weg der gegenseitigen Befruchtung und des Abfärbens von Kernkompetenzen ausgeglichen entwickeln ließe, so wäre dies ein guter Weg, für dessen Beschreitung die anregende Berliner Tagung wichtige Impulse geliefert hat.

Empfohlene Zitation:
Jeanette Kohl: [Tagungsbericht zu:] Grab, Kult und Memoria (Berlin, 17.–19.02.2006). In: ArtHist.net, 09.03.2006. Letzter Zugriff 14.06.2021. <https://arthist.net/reviews/403>.

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