REV-CONF Aug 2, 2001

Ostmitteleuropäische Kunsthistoriographien

Humboldt-Universität zu Berlin, Jun 28–30, 2001

Report by Monika Wucher

Ostmitteleuropäische Kunsthistoriographien und der nationale Diskurs

Im Rahmen einer Tagung hatten es das Leipziger Geisteswissenschaftliche Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) und das Kunstgeschichtliche Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin unternommen, aktuelle fachspezifische Inhalte voranzutreiben. Bei der Organisation der Veranstaltung wurden zugleich wissenschaftspolitische Forderungen, die schon lange im Raum standen, zumindest exemplarisch in die Tat umgesetzt. Mit Blick auf ein zusammenwachsendes Europa lud man möglichst breit gestreut aus Berlin, Bratislava, Bucuresti, Budapest, Cluj-Napoca, Graz, Katowice, Kraków, Leipzig, Oldenburg, Poznan, Praha und anderen Orten fast dreißig Referentinnen und Referenten zu der Tagung ein. Der Call for Papers war an die ostmitteleuropäisch ausgerichteten Institute für Forschung und Lehre ergangen, so dass die Vortragenden schließlich eine institutionalisierte Infrastruktur des entsprechenden kunsthistorischen Sektors und Bezüge der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untereinander widerspiegelten.

Es zeigten sich - um es bereits vorweg zu nehmen - tiefgreifende Unterschiede bei den Forschungszielen und wissenschaftlichen Verfahren. Grob zusammengefasst ließen sich zwei Richtungen ausmachen: eine dekonstruktivistische, die die Geschichte des Faches selbst kritisch beleuchtete und eine, die vernachlässigte Gegenstände des Faches würdigte oder einst in Misskredit geratene rehabilitierte.

Die Statements zu Beginn der Tagung markierten deutlich die Positionen und Erwartungen der Veranstalter. Mit dem Anspruch, dass es sich explizit um ein wissenschaftskritisches Thema handelt, begrüßte Winfried Eberhard, Leiter des GWZO, die Tagungsteilnehmer. Hauptanliegen sei, einen Rückblick zu wagen auf nationale Funktionalisierungen der Kunst und Kunstgeschichte Ostmitteleuropas und ihren prägenden Anteil am nationalistischen „Zeitgeist“ verschiedener Epochen. Adam Labuda, Professor am Kunstgeschichtlichen Seminar der Humboldt-Universität, umriss in seiner Einführung die historische Entwicklung der Verbindungen zwischen Kunstgeschichte und nationalen Vorstellungen. Dabei betonte er, dass dies bei weitem kein abgeschlossenes Kapitel sei. Im Vergleich mit einigen Nachbardisziplinen würden in der Kunstgeschichte die Konstruiertheit nationaler Aspekte, die Konstruktionsmittel und -mechanismen sowie ihre Funktionsweisen zu wenig untersucht. Zu den in der Einführung anklingenden Thesen über die Historizität, Kontextualität und politische Relevanz kunstgeschichtlicher Aussagen durften in den nachfolgenden Tagungsbeiträgen Fallbeispiele und Stellungnahmen erwartet werden.

Insbesondere standen neue Erkenntnisse in Aussicht zu Schlüsselfragen wie: Verstellt die „frühere Tradition“ des Faches - damit zielte Labuda vor allem auf die deutsche Kunstgeographie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab - eine kritische Auseinandersetzung? Wie lässt sich heute eine kunsthistorische Perspektive entwickeln, die sowohl Differenzierung als auch Zusammenfassung der Kunstphänomene, Regionalisierung und Europäisierung ermöglicht? Und sind wir in der Lage, in einem mit einem geopolitischen Begriff belegten Fachgebiet außer nationalen auch andere Inhalte für die Kunstgeschichte zu ermitteln?

Die Tagungsbeiträge gliederten sich in vier aufeinander folgende thematische Blöcke, in denen nach der Begrifflichkeit der Kunstwissenschaft und der Beteiligung an der Konstruktion sowohl ethnischer, nationaler oder kunstgeographischer Einheiten, als auch national definierter Kunstgeschichten durch das Fach gefragt werden sollte. Eine fünfte Sektion wollte die nationale Tradition mit der des „Realsozialismus“ konfrontieren. (Dies blieb bis auf einige Beispiele aus der Denkmalpflege aber Desiderat der Veranstalter.)

Bei aller Breite der diskurstheoretischen Themenstellungen und Anliegen lassen sich die vorgetragenen Inhalte im Wesentlichen zweiteilig gliedern: Die eine Richtung verfolgte mehr oder weniger pointierte wissenschaftsgeschichtlich-dekonstruktivistische Ansätze. Hier wurden Kunstforscher wie Dehio (Stefan Muthesius), Dagobert Frey (Beate Stoertkuhl), Victor Roth und Hermann Phleps (Robert Born), Oskar Schuerer und Erich Wiese (Dusan Buran), verschiedene Mitglieder der Wiener Schule (Ján Bakos, Katharina Scherke), aber auch nationale Vereinnahmungen von Künstlern und Werken (Milena Bartlová, Ivan Gerát, Guido Hinterkeuser, Kristina Kaplanová, Erno Marosi, Evelin Wetter) kritisch untersucht.

Die zweite Richtung bemühte sich umgekehrt um eine Darstellung bestimmter Schulen des Fachs oder einzelner Wissenschaftler als für die Kunstgeschichte Ostmitteleuropas zu reaktivierende Bezugspunkte. Die Aufmerksamkeit galt beispielsweise Bereichen der Kunstgeographie (Marina Dimitrieva), der Architektur von Nationalstilen (Wojciech Balus, Corina Popa) oder den Anfängen nationaler Kunstgeschichten und ihrer Betätigungsfelder (Alena Janatková, Arno Parík, János Végh). Allerdings barg dieser Enthusiasmus vielfach die Gefahr der lediglich rekapitulierenden Würdigung kunsthistorischer Arbeit. So wurde beispielsweise Coriolan Petranu unhinterfragt in seiner „Bedeutung“ als moderner siebenbürgischer Kunstwissenschaftler der 1930er Jahre vorgestellt, „dessen besonderes Engagement der Sache seines Volkes galt“ (Nicolae Sabau). Die Kunstgeschichte im Nationalsozialismus blieb dabei gänzlich ausgeblendet, so etwa die Rolle Strzygowskis, des Lehrers von Petranu. Ähnlich neutralisierend wurde auch in anderen Beiträgen mit Repräsentanten des Faches wie Pinder oder Strzygowski selbst verfahren. Dazu gesellten sich unreflektiert hin und wieder einschlägige Bezeichnungen für die untersuchten Regionen, so dass Teile der Slowakei wieder zu „Oberungarn“ oder bestimmte tschechische als „ehemals deutsche Gebiete“ charakterisiert wurden.

Steven Mansbach hielt als einer der Diskussionsleiter der Kongresssektionen abschließend fest, die „breadth of viewpoints“ und die Fülle an Darstellungen von Einzelphänomenen habe die Erprobung adäquater Methoden für das Fachgebiet überlagert. Zukünftige Unterfangen, die an die Tagung anschließen wollten, müssten deshalb im Sinne methodischer Fragestellungen weiterentwickelt werden. Die konstruktive Kritik schien auch bedingt durch die teilweise schwer nachvollziehbare Zuordnung mancher Vorträge zu den Sektionsthemen. Auffallend war vor allem aber die Zögerlichkeit, Vorsicht, Diplomatie und Undeutlichkeit in der Stossrichtung vieler Beiträge. Einen herausragenden Weg, die Kontextualität von Kunsthistoriographien zu analysieren und dabei weitgehend unbekanntes Material und regionale Besonderheiten vorzustellen, hatte Robert Born in seinem Beitrag über Victor Roth und Hermann Phleps gefunden. Er stellte die zeitgleichen, auf dasselbe kunsthistorische Terrain gerichteten Forschungen zweier Antagonisten dar. Durch diesen Vergleich wurde ein Spektrum der politischen Möglichkeiten eröffnet, in dem die Exponenten aktiv waren und ihre kunsthistorischen Aussagen fällten.

Dem Netzwerk der Referentinnen und Referenten zufolge dominierten auf der Tagung die Forschungsschwerpunkte der jeweiligen Institute. So konnte u.a. die moderne bis zeitgenössische Kunst keine Berücksichtigung finden. Insgesamt war bemerkenswert, dass die gegenwärtig in den für die ostmitteleuropäische Kunsthistoriographie bedeutenden Regionen allenthalben spürbare politische Relevanz nationaler Konstruktionen geradezu ausgeklammert blieb. Referenten von der Ungarischen Katholischen Universität in Piliscsaba beispielsweise behandelten ihr Material zur Historienmalerei und zur Fotodokumentation nationaler Kulturdenkmäler ohne jeglichen Bezug zu den nationalistischen Tendenzen an ihrer eigenen Institution, an der rechtsgerichtete Populisten wie der Historiker Erno Raffay lehren. Bei der Arbeit an den „Grundlagen und Voraussetzungen eines erweiterten Europas“ (so der Titel der die Tagung unterstützenden Foerderinitiative der VolkswagenStiftung) wäre eine Verbindung der Geschichte mit der Gegenwart Voraussetzung. Insbesondere ein Bewusstsein für den aktuellen Kontext der eigenen Forschungen und ihr Potential, funktionalisiert zu werden und zu funktionalisieren.

Recommended Citation:
Monika Wucher: [Conference Report of:] Ostmitteleuropäische Kunsthistoriographien (Humboldt-Universität zu Berlin, Jun 28–30, 2001). In: ArtHist.net, Aug 2, 2001 (accessed May 6, 2021), <https://arthist.net/reviews/395>.

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