REV-CONF Apr 5, 2010

Gesichter – Faces

Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin, Mar 23–25, 2010

Report by Ulrich Pfarr
Editor: Livia Cárdenas

Gesichter – Faces.

Wenn eine Institution den 60. Geburtstag ihrer Direktorin begeht, darf man ein Programm erwarten, das auf die Interessen der Gefeierten zugeschnitten ist. Gerahmt durch eine launige Laudatio von Wilhelm Krull (Volkswagenstiftung) und Hanns Zischlers abschließende Lesung aus Texten Heinrich Heines, widmete das von Sigrid Weigel geleitete Zentrum für Literatur- und Kulturforschung vom 23. bis zum 25. März ein Symposion in der Berliner Akademie der Künste dem Gesicht, einem Thema, das in Anbetracht des aktuellen Projektes "Compassio" unmittelbar mit dem Gebiet der Affekte verknüpft scheint. Dass man aber keineswegs in Gesichtern "lesen" wolle, unterstrich Weigel durch ihre programmatische These, Paul Ekmans "Facial Action Coding System" (FACS), die Elektromyographie und digitale Systeme zur Gesichtserkennung seien, wenngleich von ihren Benutzern unerkannt, antiquierte Instrumente in der Tradition der Physiognomik. Hierüber war keinerlei Debatte vorgesehen, was sich auch in der Auswahl der Referenten widerspiegelte. Denn da sie historisch argumentiere, so Weigel, sei die Empirie für sie nicht relevant.
Von den Gesichtsmanipulationen durch Morphing und digitale Bildverarbeitung gingen vor allem Hans Belting (Karlsruhe) und Thomas Macho (Berlin) aus. Belting unternahm den Versuch, die Ernst Gombrichs berühmtem Text "Maske und Gesicht" zugrundeliegende Unterscheidung aufzuheben: auch das Gesicht werde als Bild wahrgenommen, und sei von daher artifiziell. Jede Maske sei die Exkarnation eines Gesichtes, jedes Gesicht die Inkarnation einer Maske. Noch dem nackten Gesicht könnten Masken der Verstellung entrissen werden; die spezifisch christliche Tradition, die Maske als Lüge anzusehen, klammerte Belting jedoch aus, und damit auch die von Nietzsche zur Rehabilitierung aufgegriffene Gegentradition, die Dimension der Heraustreibens von Wahrheit durch die Maske. In der Spätmoderne erkannte Belting stattdessen ein grundsätzliches Misstrauen gegen die Polarität von innen und außen, das Gesicht werde zum Signifikanten ohne Präsenz.

Damit leitete er zu Macho über, der sein Konzept des so komplex wie flüchtigen "Facialen Images" einerseits am Prinzip der Prominenz, andererseits an den Körperanalysen der Wiener Aktionskünstler und den Angriffen auf mediale Images durch Internetaktivisten erläuterte. Der dort mitschwingende Vorwurf der Bildmagie begleitete das neuzeitliche Porträt seit seiner Erfindung, wie der Vortrag Gottfried Boehms (Basel) erkennen ließ. Erneut auf Gombrich rekurrierend betonte Boehm, bereits ein primitives Schema aus drei Löchern für Augen und Mund genüge, um ein Gesicht zu evozieren; daraus gelange aber eine Kraft zum Durchbruch, die zunächst noch nichts Menschliches habe. In der frühneuzeitlichen Malerei werde die Person durch ein sichtbares Rechtsverhältnis konstituiert, das im Rahmen des Baseler Forschungsschwerpunktes "eikones" von Juristen untersucht worden sei. Das kontrollierte Selbstverhältnis der Figuren, die sich rundum zum Betrachterraum öffneten, während ihre Gesten in der die Potenzialität von Handlung verharrten, begründe demzufolge die juristische Anerkennung der Dargestellten.

Dagegen zeugen die Bilder digitaler Überwachungskameras, die in den von Thomas Levin (Princeton) vorgestellten künstlerischen Arbeiten subversiv umgenutzt werden, gerade von der institutionellen Missachtung des Individuums. Freilich offenbarten die verlangsamten Gesichtsbewegungen der "Durational Stills" in Josh Melniks "The 8 Train" nicht nur eine "zerstreute Wahrnehmung ohne Gegenüber", wie Katharina Sykora (Braunschweig) bemerkte; in der Diskussion wurde auch die mögliche Empirie eines Unbewussten eingeräumt. Zuvor hatte Sykora die symbolischen Ebenen von Jean Cocteaus Persiflierung des Todes im Kontext der Photohistorie ausgelotet.

Mit den Beiträgen von Sigrid Weigel (ZfL), "Tränen im Gesicht", Albrecht Koschorke (Konstanz), "Zur Kulturgeschichte der Nase" und Helmut Lethen (Wien), "Das Lächeln der Höflichkeit" waren Themen angesprochen, die in der Bildkultur mit mimischen Zeichen einhergehen. Als Pathosformel im Warburgschen Sinn, als Zeichen der Humanität und zugleich als Artefakt interpretierte Weigel die Tränen, die sie als einzig nicht tabuisierte Körperflüssigkeit bezeichnete. Dies erstaunt in Anbetracht ihrer Feststellung, dass Aby Warburg die Tränen, die sogar in den für seinen Mnemosyne-Atlas ausgewählten Werken präsent sind, nicht beachtete. Warburgs Interesse an extremen Ausdrucksformen allein kann diese Fehlleistung erklären. Mit Beispielen aus der Malerei und Plastik des 13. bis 15. Jahrhunderts, die Tränen und verschiedene Gesten des Weinens als Spektrum alternativer und simultaner Möglichkeiten vorführten, korrigierte Weigel den berühmten Aufsatz Moshe Baraschs, der 1987 einen linearen Prozess von der Wiederentdeckung antiker Trauerformeln zur direkten Darstellung von Tränen aufgezeichnet hatte. Nicht alle Tränen rühren von Trauer her, dennoch unerwähnt blieben die neun verschiedenen Ursachen des Weinens, die Leonardo in seinem Malereitraktat beschrieben hatte. Als vermeintlich vernichtenden Einwand gegen Darwins "Expression of the Emotions" verwies Weigel stattdessen auf biologische Forschungen, die in der Tränenflüssigkeit emotionsspezifische Hormone nachweisen. Überzeugender war die an Joseph Roths "Hiob" gewonnene Differenzierung der Funktionen von Tränen in der jüdischen Tradition. Dass die Tränen in der Sprache der jüdischen Trauer aufgehoben seien, wie Heine bemerkte, erkläre auch, weshalb sich die Psychoanalyse nur der Stimme, nicht aber dem Gesicht zugewandt habe.

Koschorkes Ausführungen zur Nase basierten auf der Dreiteilung der Seele in der griechischen Philosophie, die in die Scholastik und die frühen Physiognomie-Traktate eingegangen war. In Entsprechung zum Körper teilte man das Gesicht in drei unterschiedlich bewertete Zonen; eine Vorstellung, die zugleich mit dem Säftemodell von der Medizin der Aufklärung verabschiedete wurde. Mit dieser Zerstörung der Codes habe auch die Nase ihre Lesbarkeit verloren. Zuvor schon hob das Lachen, indem es vom Zwerchfell ausgeht, welches die Körperhöhlen trennt, die Grenzen zwischen Animalität und Geistigkeit auf und musste bei Frauen durch die Korsettmode unterbunden werden. Ausgespart blieb bei Koschorke die Mimik der Nase, die bei dem mehrfach zitierten Lavater, aber auch in der Kunst des 18. Jahrhunderts eine signifikante Rolle spielt, indem sie mit dem Lachen, besonders aber den virulenten Affekten des Ekels und der Verachtung assoziiert ist. Vermisst wurde ebenso die poetische Dimension der Nase, etwa bei Gogol oder Giacometti.
Keine affektive Bedeutung kam auch bei Lethen dem Lächeln der Höflichkeit zu, durchaus in Übereinstimmung mit Ekman. Lethen stellte Walter Benjamins zeitdiagnostischen Aphorismus "Höflichkeit" von 1926 und Helmuth Plessners Verhaltenslehre der Kälte in den Mittelpunkt. Ist das höfliche Lächeln bei Benjamin ein Kompromiss zwischen Sittlichkeit und Überlebenskampf, der als schöner Schein über die Grausamkeit des Kampfs gelegt wird, so sieht Plessner die Verstellung als impliziten Teil des Ausdrucksvermögens an. Das Lächeln zeuge vom gemeinsamen Wissen um die Getrenntheit. Nur illustrativ blieb dabei der Hinweis auf Desmond Morris, der das höfliche Lächeln morphologisch als asymmetrische Kompromissform bestimmte. Lethens häufiger Kommentar "schön wär's" hätte vor dem Hintergrund des Kampfplatzes der heutigen Ökonomie einer Präzisierung bedurft. Wie A.R. Hochschilds Forschungen gezeigt haben, genügt ein Kompromisslächeln in Dienstleistungsberufen nicht mehr; beansprucht wird vielmehr die ganze Person, die keine privaten Rückraum behält und etwa als Stewardess echte Freude entwickeln muss.
Subtile Feinanalysen lieferten Georges Didi-Huberman (Paris) anhand der photographischen Menschenbilder von Philippe Bazin, dessen in Pflegeheimen geschulter und mit Foucault bewusst gemachter ärztlicher Blick eine eigene Bildsprache hervorgebracht hat; Carlo Ginzburg (Pisa), der in Briefen Macchiavellis im Umkreis der Anghiari-Schlacht Leonardos dem Verhältnis von Gesichtsreaktionen und geschriebenen Worten unter Aspekten der Ekphrasis und der Mantik nachspürte, und Gerhard Neumann (Berlin/ Wien), der Heines kulturdiagnostische Reflexionen in den "Florentinische Nächten" untersuchte. Neumann vermochte Monika Wagners (Hamburg) Ausführungen vom Vortag zur Bedeutung des Materials für die Geschlechterdifferenz in der Skulptur zusätzlich zu erhellen, denn das weibliche Gesicht, im Klassizismus nur in reinstem weißen Marmor denkbar, erwies sich bei Heine als Ort der Projektionen des Gesichtslesers Maximilian; männliche Gesichter, die in der Bronzeplastik - man denke nur an Houdon - Seelenregungen offenbaren durften, waren diesem verleidet. In der Figur des Maximilian erkannte Neumann das mit psychoanalytischer Sensibilität beschriebene Dilemma eines obsessiven Entzifferers, der aufgrund traumatischer Kindheitseindrücke, die sein aktuelles Erleben überformen, immer wieder an der Lektüre scheitert. Im Gesicht erscheinen folglich stets gebrochene Zeichen, laute Heines auf das 20. Jahrhundert vorausweisende Diagnose. Somit wurden im letzten Vortrag nochmals kunsthistorische, literaturwissenschaftliche und psychoanalytische Perspektiven auf das Gesicht gebündelt.

Weigels Fundamentalkritik des FACS freilich, die den kunstgeschichtlich bedeutsamen Unterschied zwischen Lavaters Physiognomik und Lichtenbergs Pathognomik negiert, zielt letztlich nur auf eine Chimäre. Mit dem FACS gewonnene Daten haben mit zu den neueren Affekttheorien geführt, die emotionsrelevante Bewegungen nicht mehr als Symptom eines verborgenen Inneren betrachten, sondern als eine nur teilweise bewusste Komponente des Affektsystems selbst, die adaptiv und beziehungsregulierend nach außen wirkt. Auch die kulturelle Konditionierung und persönliche Prägung, der die mimischen Bewegungen unterliegen, wird wohl kein Grundlagenforscher heute bestreiten. Es ist fraglich, ob eine Strukturierung der Forschung durch Paradigmen, die immer nur noch bestätigt werden können, wie es den Verfechtern des Konzepts der Primäremotionen vorgeworfen wird, aber durchaus auch bei dem hier besprochenen Symposion zu beobachten war, mit den empirischen Wissenschaften zu vereinbaren ist. Die Emotionsforschung profitiert jenseits des ideologisch aufgeladenen Streits um Kulturalismen und Universalien von einer Kumulation des Wissens, zu der Anatomen, Künstler, Literaten und Universalgelehrte des 18. Jahrhunderts ebenso schon beigetragen haben, wie später Darwin und Ekman. Deren Befunde gilt es historisch-kritisch zu reflektieren, aber nicht einfach zu verwerfen, sondern im Licht aktueller Methoden und Modelle auch wieder neu zu befragen.

Recommended Citation:
Ulrich Pfarr: [Conference Report of:] Gesichter – Faces (Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin, Mar 23–25, 2010). In: ArtHist.net, Apr 5, 2010 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/288>.

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