Buchmann/Draxler/Geene (Hg.): Film, Avantgarde, Biopolitik

Rezensiert von: Bettina Klix

Das Leben lebt nicht

Der Sammelband „Film Avantgarde Biopolitik“ ist Ergebnis eines schon länger andauernden Produktions-Prozesses, betonen die Herausgeber/innen Sabeth Buchmann, Helmut Draxler und Stephan Geene in ihrem Vorwort. Der „Reader“ stellt nicht nur eine abgeschlossene Arbeit dar, sondern bildet einen Ausgangspunkt für weiterführende Diskussionen. Der Prozess begann mit einem Symposium über „Das Gespenstische Soziale des Kinos“, es folgten zwei Konferenzen zu den Themen Film und Biopolitik, die die Herausgeber/innen an der Jan van Eyck Academie in Maastricht durchführten. Schon hier waren Vertreter/innen verschiedener Disziplinen beteiligt. Dabei ging es nicht nur um traditionelle interdisziplinäre Forschung, sondern um ein politisches Projekt, zu dem Autor/innen am Rand oder außerhalb des akademischen Bereiches hinzugezogen wurden. Der Journalist, die Künstlerin, der (Kunst)-Historiker, die Medienwissenschaftlerin, der Literaturwissenschaftler, die Filmemacherin, der Filmwissenschaftler, die Kuratorin, der Kritiker – sie alle schreiben aus ihrer Sicht und in ihrer (meist nicht-akademischen) Sprache - und sind oft in mindestens zwei Sparten tätig.

Sabeth Buchmann, Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und Nachmoderne (Wien) erklärt in ihrer Einleitung, dass einer der Schwerpunkte des Readers sei, die „zeitgenössische Biopolitik der Medien“ zu analysieren. Leider ist sie nicht selbst mit einem Beitrag vertreten wie die beiden anderen Herausgeber. Ihre Ansagen mögen für manche hilfreich sein, um sich im Reader besser zurechtzufinden und den Kurs zu bestimmen, für andere könnte es sich anbieten, einfach zu blättern und sich direkt in die mehr als 400 Seiten hineinzuwagen.

„Avantgarde ist zu ihrem Gegenteil, ist zum Anachronismus geworden.“
Was Hans Magnus Enzensberger 1962 in „Die Aporien der Avantgarde“ glaubte, diagnostizieren zu müssen, ist für die Autor/innen offenbar zu den Akten gelegt. Man hält die Arbeit der Begriffsklärung (militärische Herkunft des Wortes) für getan. „Film Avantgarde Biopolitik“ vermeidet es, heutigen Produkten das Label „Avantgarde“ anzuheften. Es werden zwar auch zeitgenössische Filme besprochen, die nicht dem Mainstream zuzurechnen sind, aber sie werden dann z.B. als „independent“ oder experimentell bezeichnet. Insofern sagt der Titel nichts darüber aus, für wie tauglich man einen Begriff wie „Avantgarde“ überhaupt noch hält. Er wird retrospektiv benutzt, denn viele Texte blicken auf die frühe Avantgarde zurück, etwa der Text von André Rottmann, der sich mit Maschinen-Zeichnungen von Francis Picabia beschäftigt. Oder sie behandeln die Zeit der „Kulturrevolution der 1960er Jahre“ und die Folgezeit, wie es Eric de Bruyn auf den Begriff bringt in seinem Text über zwei Filme von Lawrence Weiner. Klug insistierend folgt de Bruyn dem Konzeptkünstler in der filmischen Verweigerung von Handlung, die „Wörter in Körper legt“(de Bruyn), geleitet von einer Anekdote von Jean-Paul Sartre zum Thema der Unmöglichkeit gemeinsamer Lektüre.

Das Buch ist in vier Sektionen aufgeteilt. In der ersten Abteilung „Politik der Biopolitik“, sorgen drei Autorinnen für eine theoretische (bio-)politische Grundlage. Dabei zeigt Astrid Deuber-Mankowskys Beitrag „Nichts ist politisch. Alles ist politisierbar.“, schon im Titel eine Geste, die sich im Reader immer wieder findet. Aporien, wohin das Auge blickt.

Die größten Schwierigkeiten hat man sich schon mit dem Thema der Biopolitik eingehandelt und mit dem Gewährsmann Michel Foucault. Der französische Philosoph hatte erkannt und beschrieben, wie der moderne bürgerliche Staat sich um die Reproduktion seiner Bevölkerung (z.B. Arbeitsfähigkeit, Gesundheit) auf eine Weise kümmert , die seinen politischen und wirtschaftlichen Zwecken entspricht. Die Herausgeber/innen bezeichnen den Begriff der Biopolitik in den Debatten dieser Tage als „schillernd“, - ungeschützt davor, auch unpolitisch oder reaktionär gebraucht zu werden . Das aber liegt auch daran, dass Foucaults Werk nicht dagegen immun ist, auch wenn er selbst sich eindeutig positionierte. Foucault verpflichtet zu sein, einem früh Verstorbenen – gemessen an dem, was er noch vorhatte - , der nichts mehr revidieren kann, scheint es aber zu erschweren, sein Denken auch zu kritisieren, - was doch nötig wäre. Da hält man sich lieber an Giorgio Agamben. Dass der italienische Philosoph im Reader so stark vertreten ist, obwohl seine Fortschreibungen oft sehr misstrauisch untersucht werden, liegt auch daran, dass er noch verfügbar ist. Er kann noch selbst erklären, was er gemeint hat. Auf YouTube kann man ihn sehen, wie er nicht nur doziert, sondern auch sehr freundlich Fragen beantwortet.

Ich erwähne Agambens Internet-Verfügbarkeit auch deshalb, weil sich Thomas Elsaessers fulminanter Beitrag: „Konstruktive Instabilität oder: Das Leben der Dinge als Nachleben des Kinos?“ mit dem Thema der Web-Präsenz und den neuen Verbindungen befasst, die dort ständig entstehen - und wieder verschwinden. Sein Text ist in jeder Hinsicht auf der Höhe der Zeit, ist sprachlich originell nachforschend. Und er bezieht die Wege der Erarbeitung seines Beitrages in die Erörterung mit ein. Wege, auf denen heutzutage fast alle recherchierend ins Netz hineingehen, sich verirren und hoffentlich wieder hinausfinden. Auf sehr komische Weise beschreibt Elsaesser, wie er die Bezüge zwischen „Honda Cog“ – einem Werbefilm für den Honda Accord und dem Kunstvideo „Der Lauf der Dinge“ von Peter Fischli und David Weiss (Everybody’s Darling auf der documenta 1987) „aufdeckt“, wie seine Internetrecherche ihn hin- und herschickt und sich ihm dabei neue Welten eröffnen. Elsaessers Text befindet sich im zweiten Teil des Readers „Avantgarde – Leben als ästhetische und politische Kategorie“, dieser und der dritte Teil „Lebens-Formen des Kinos“ enthalten die interessantesten Texte.

Im zweiten Abschnitt findet sich auch der Beitrag des Literaturwissenschaftlers Peter Bürger, Es war eine glückliche Idee, den Autor eines Standardwerkes über eines der drei Themen einzuladen, seine neuen Überlegungen vorzustellen, statt ihn nur zu zitieren. Bürger hatte 1974 seine „Theorie der Avantgarde“ veröffentlicht. Hier äußert er sich nun über „Lebensbegriffe der Avantgarden“, so der Titel des lesenswerten Textes, der aber nicht nur zurückblickt, sondern mit einem Appell endet, der von einer (An-)Klage ausgeht. Da es sich ursprünglich um einen Vortrag handelte, hat der Text tatsächlich schon etwas ausgelöst, nämlich kontroverse Reaktionen. Bürger ist – bestimmt nicht zufällig als ältester Beitragender - eine Ausnahme in dem Band, indem er nicht nur konstatiert, beklagt, sondern auch appelliert. Und er beschwört eine Hoffnung herauf, auf diejenigen, die noch fähig seien, den ökonomischen Zerstörungskräften Einhalt zu gebieten: das intellektuelle Prekariat (ohne es so zu nennen). Und da Exemplare dieser Spezies auch als Leser/innen in den Reader hineinschauen werden, ist der Text - nach der Tagung - noch genau genug „adressiert“, wenn Bürger folgende Formulierung wählt: „Nicht die Manager, die mehrere Millionen Euro im Jahr verdienen, sind die Vorreiter dieser Zukunft, sondern diejenigen, die am Rande des Existenzminimums leben, um sich die Freiheit des Denkens zu bewahren, die die Bedingung dafür ist, dass die Zukunft gedacht werden kann.“ (S. 84)

Die anderen Texte analysieren und kritisieren ohne eine solche Hoffnung. Eine Autorin weist sogar den Begriff Biopolitik zurück. Auch in dieser Hinsicht ist der drastische Text der Künstlerin Marina Grzinic ein Extrem. In „Frühe Werke der Ex-Jugoslawischen Avantgarde-Filmproduktion“, geht sie davon aus, dass wir es heute längst nicht mehr mit Biopolitik, sondern „Nekropolitik“ zu tun hätten. Meistens aber wird mit biopolitischen Begriffen operiert, auch da, wo es mühsam ist. Selbst ein versierter Autor wie Bert Rebhandl befindet sich wie in einem Streckverband. Trotzdem ist sein Text „Die biopolitische Ästhetik. Was zeigt sich im nackten Leben?“ sehr eindringlich, was sich wohl den drei intensiven Filmnacherzählungen darin verdankt, neuere, eher unbekannte Werke, die von an den Rand gedrängten Menschen handeln, z.B. „Martha…Martha“ von Sandrine Veysset.

In seinem interessanten und komischen Beitrag „Die Wörter und die Dinger. Requiem für das Entfremdungskino“ behandelt Stephan Gregory unter anderem den Film“ „Themrock“ von Claude Faraldo. Gregory hat in diesem Zusammenhang – dem Ausbruch aus dem „Gefängnis der Sprache“ - auch eine großartige Anekdote zu bieten, die von Jacques Lacan und einem Störer seiner Vorlesung handelt.

Noch immer in der Sektion „Lebensformen des Kinos“ – ist Stephan Geenes Beitrag unter den vielen guten noch einmal hervorzuheben. Der Autor und Filmemacher beweist mit seinem Text „1967, Zeit und X-beliebige Filme“ nicht nur eine glückliche Hand bei der Auswahl der Filme, die er zusammen behandelt, er entdeckt auch unheimliche Verbindungen, etwa zwischen Godards „La Chinoise“ und „Porcile“ von Pasolini. Und er formuliert so pointiert, dass es geradezu entlastend wirkt. Nachdem Geene Agambens Überlegungen zu den situationistischen Filmen Guy Debords dargelegt hat - darin spielt die Annahme eine wichtige Rolle, geschichtliche Zeit sei unterbrechbar, was eine andere Ordnung möglich mache, eine „messianische“ - , konstatiert er: „Es gehört zu den vielen Provokationen Agambens, dass er von der messianischen Zeit redet, als handle es sich um die Einführung der Fünf-Tage-Woche.“ –

Der Band ist schön gestaltet, reich und aufregend bebildert, sehr nutzerfreundlich: Die Seiten haben viel Platz für Randbemerkungen des Bleistifts, sind übersichtlich, auch durch blau abgesetzte Zwischenüberschriften und Fußnoten. Und das Buch hält auch größter Beanspruchung bei ständigem Transport stand.

Empfohlene Zitation:
Bettina Klix: [Rezension zu:] Buchmann, Sabeth; Draxler, Helmut; Geene, Stephan (Hrsg.): Film, Avantgarde, Biopolitik, Wien 2009. In: ArtHist.net, 23.11.2009. Letzter Zugriff 10.12.2018. <https://arthist.net/reviews/262>.

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Buchmann, Sabeth; Draxler, Helmut; Geene, Stephan (Hrsg.): Film, Avantgarde, Biopolitik, Wien: Schleebrügge Editor 2009
ISBN-13: 978-3-85160-134-3, 428 S.

Rezension veröffentlicht am: 23.11.2009

Redaktion: Claudia Sedlarz

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