REV-CONF 30.11.2001

Bildkompetenz und Wissensvernetzung

Stuttgart, 25.10.–23.11.2001

Bericht von Michael Scheibel

[Den nachfolgenden Tagungsbericht sendet uns ein Mitarbeiter des
Forschungsprojekts "Visuelle Kompetenz im Medienzeitalter", d.Red.]

"Bildkompetenz und Wissensvernetzung"
Fachtagung am 25./26.10.2001 und 22./23.11.2001
Staatliche Akademie der Bildenden Kuenste Stuttgart
http://www.visuelle-kompetenz.de

Das Forschungsprojekt "Visuelle Kompetenz im Medienzeitalter" an der
Akademie der Bildenden Kuenste veranstaltete die Fachtagung
"Bildkompetenz und Wissensvernetzung". Vertreter unterschiedlicher
Fachrichtungen wurden zu einem interdisziplinaeren und absichtlich sehr
heterogenen Diskurs eingeladen, um den Begriff der "Visuellen Kompetenz"
in Bezug auf einen aktuellen Bildbegriff unter Netzbedingungen kritisch
zu hinterfragen. Die drei Schluesselbegriffe Bildkompetenz - Visuelles
Wissen - Wissensnetzwerke bildeten in ihrer wechselseitigen Verknuepfung
einen geeigneten Diskussionsrahmen. Fuenfzehn Vertreter
unterschiedlicher Fachrichtungen trugen ihre wichtigsten Thesen und
Argumente vor, die im Anschluss ausgiebig diskutiert wurden. Ziel der
Arbeitstagung ist eine Buchpublikation im Herbst 2002.

Prof. Dr. Kunibert Bering, Kunstdidaktiker an der Kunstakademie
Duesseldorf, erarbeitete in seinem Vortrag die Grundlagen der
Vermittlung Visueller Kompetenz in einem Zeitalter, in dem Neue Medien
im Alltag selbstverstaendlich werden. Sein Beitrag eroerterte die
vielfaeltigen kognitiven und analytischen Faehigkeiten Visueller
Kompetenz, die sich nicht auf die elektronischen Medien beschraenken
darf, sondern auch traditionelle Bereiche einbeziehen muss. Als Basis
fuer eine theoretische Reflexion der vorgestellten Thesen wurden
konstruktivistische Ansaetze herangezogen. Ein fundamentales Ziel der
Vermittlung Visueller Kompetenz liegt nach Bering in der Faehigkeit,
bedeutungsstiftende Kontexte zu konstituieren.
Dr. Sigmar-Olaf Tergan vom Institut fuer Wissensmedien Tuebingen
berichtete ueber das Lernen mit Multimedia-, Hypertext- und
Hypermedia-Systemen. Die neuen Technologien gelten als geeignet, um der
zu beobachtenden Explosion des Wissens in vielen Wissensdomaenen, der
Notwendigkeit zur Darstellung multimedialer Informationen und
Wissensinhalte, dem dynamischen Wandel des Wissens, der engen
Wechselbeziehung zwischen Wissen und Wissensressourcen, der
Kontextgebundenheit von Wissen und der Notwendigkeit zum kompetenten
Umgang mit Wissen und Wissensressourcen gerecht zu werden. Erkenntnisse
aus den Ergebnissen empirischer Untersuchungen zum Lernen mit
Hypermedien wurden dargestellt und mit Blick auf das Potenzial von
Hypermedien fuer die Unterstuetzung von Lernprozessen kritisch
eroertert.
Die Preistraeger des diesjaehrigen Internationalen Medienkunstpreises
Dragan Espenschied und Alvar C.H. Freude stellten in einer sehr
lebhaften und gleichzeitig nachdenklich stimmenden Praesentation ihr
Projekt insert_coin vor. Mit einfachen, aber ueberzeugenden Mitteln
gelang es den beiden Absolventen der Merz-Akademie in Stuttgart den
Hochschulserver derart zu manipulieren, dass Netzadressen automatisch
vertauscht wurden oder die abgerufenen Nachrichten verfaelscht wurden.
Nicht zuletzt beweist diese konzeptuelle Arbeit, wie schutzlos der
"User" den Vorgaben der Computerbranche und diktatorischen Systemen
ausgeliefert ist.
Ueber Audiovisualistik und die Darstellung von Wissen berichtete Prof.
Gui Bonsiepe, Professor fuer Hypermedien und Interface Design an der FH
Koeln. Ausgangspunkt dieses Beitrages war die Hypothese, dass das Design
fuer die Wissenschaften ein Potenzial bietet, um die kommunikative
Effizienz der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zu erhoehen
und neue wissenschaftliche Fragestellungen aus der Perspektive des
Design zu ermoeglichen. Das Ziel des sehr anschaulichen Beitrags bestand
zum Einen darin, den instrumentellen Wert des Design fuer den
gesellschaftlichen Metabolismus der von den Wissenschaften erbrachten
Erkenntnisse aufzuzeigen, was am Beispiel multimedialer Lernsoftware
dargestellt wurde. Zum Anderen wurde der kognitive Wert des Design fuer
die Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse aufgezeigt.
Dr. Joseph Imorde aus der Muensteraner Forschungsgruppe KultBild ging in
seinem Vortrag dem schwierigen Verhaeltnis von Bilddiskurs und
Wahrheitsdiskurs nach. Mit der Frage, ob visuelle Kompetenz auch
Empfindungskompetenz ist und anhand der Theorie und Debatte ueber die
Gegenstandslosigkeit bei Wassily Kandinsky, wurde die Kopplung des Bild-
und Wahrheitsdiskurses eroertert.
Ein Plaedoyer fuer Komplexitaet hielt Dr. Kai-Uwe Hemken, Kustos am
Kunstgeschichtlichen Institut/Kunstsammlungen der Ruhr-Universitaet
Bochum. In der neumedialen Kultur sei vom Schwinden der Sinne, von der
ikonischen Wende oder von der paradoxen Logik des Bildes die Rede. Vor
diesem Problemhorizont wurde im Vortrag an Beispielen entlang die
Geschichte der visuellen Kultur thematisiert. Bezogen auf das moderne
Medienzeitalter wurden Reflexionen der Avantgarde-Kunst auf die
Mediatisierung beleuchtet, um Antworten auf die Frage nach einer
visuellen Kompetenz in der Gegenwart zu formulieren. Denn die Kunst,
verstanden als ein Sonderfall des Visuellen, stellt eine Spiegelung und
einen Austragungsort der visuellen Kultur dar.
Prof. Dr. Karl. R. Gegenfurtner, Leiter der Abteilung Allgemeine
Psychologie an der Universitaet Giessen, stellte neueste Erkenntnisse
ueber die Visuelle Verarbeitung im Gehirn vor. In seinem Vortrag wurde
ein UEberblick ueber die Verarbeitung externer Reize im visuellen System
gegeben. Im Vordergrund stand dabei der Aspekt, dass unser visuelles
System sehr stark auf unsere natuerliche Umwelt ausgerichtet ist und
fuer derartige Reize optimiert wurde. Die verschiedenen Komponenten sind
dabei optimal aufeinander abgestimmt. Waehrend die ersten
Verarbeitungsschritte bereits gruendlich erforscht sind, ist es immer
noch ein Raetsel, wie Objekte im Gehirn repraesentiert sind und schnell
erkannt werden koennen.
Dr. Christiane Heibach von der Universitaet Erfurt praesentierte
Visualisierungsstrategien von Netzwerken, die im Grenzbereich zwischen
Kunst und Wissenschaft entwickelt werden. Das Internet ist ein
unsichtbares, instabiles Gebilde, das sich stetig veraendert. Es ist
einerseits ein technisches Netzwerk, jedoch gleichzeitig auch ein
soziales Netzwerk. Die technische Dynamik, mit der taeglich neue Server
ans Netz angeschlossen werden, andere wieder verschwinden, wird mit
neuen Visualisierungsstrategien dargestellt, die auf Prozessualitaet
ausgerichtet sind. Auf die Struktur dieser Visualisierungen wurde im
Vortrrag eingegangen, um daraus Folgen fuer eine visuelle Darstellung
instabiler sozialer Beziehungsnetze und anderer prozessualer und
dynamischer Phaenomene ableiten zu koennen.
Der Grafiker und Kuenstler Holger Friese, der u.a. an der documenta X
beteiligt war, stellte seine Net-Art-Projekte vor, die unter
http://www.fuenfnullzwei.de
praesentiert sind. Eine Besonderheit dieser
Arbeiten ist, dass Friese stets mit minimalen Mitteln arbeitet, um
Strukturen des Internets und Computers sichtbar zu machen.
Prof. Dr. Gabi Reinmann-Rothmeier, Medienpaedagogin an der Universitaet
Augsburg, und Frank Vohle referierten paedagogisch-didaktische Ideen zur
Repraesentation und Kommunikation von Wissen im Netz. Um den Aufbau von
Wissen mit Hilfe der Netztechnologie zu foerdern, sind aus
paedagogisch-psychologischer Sicht Kriterien und Standards fuer eine
lernfreundliche Informationsgestaltung im Netz zu entwickeln. Zudem sind
Ideen erforderlich, wie man die Nutzer in ihren Faehigkeiten
unterstuetzen kann, Informationen im Netz besser und schneller zu
verstehen sowie eigene Formen der Informationsgestaltung zu verbessern.
Angesichts der besonderen Potenziale der neuen Medien erschienen den
ReferentInnen hierzu ein narrativer Ansatz mit einem systematischen
Einsatz von Analogien und Geschichten zusammen mit bildhafter Begleitung
geeignet.
Der Kunsthistoriker Dr. Stefan Roemer an der Kunsthochschule fuer Medien
Koeln gab einen kurzen typisierenden Ueberblick ueber die Bilder, mit
denen wir es vornehmlich im kuenstlerischen Diskurs der 1990er Jahre zu
tun haben und fragte: Wie wird das Medium Bild, insbesondere die
Fotografie im kuenstlerischen Feld eingesetzt? Was ist aus den
kuenstlerischen Fotografien fuer andere Bilder abzuleiten? Und vor
allem: Wie ist das Problem der technischen Lehre an Kunstakademien zu
loesen? Aus den Erfahrungen, die aus dem kuenstlerischen Gebrauch von
Bildern gewonnen werden, liessen sich Schluesse fuer eine
kunstakademische Ausbildung ziehen.
Prof. Dr. Helmut Spinner, Philosoph an der Universitaet Karlsruhe,
stellte den Karlsruher Ansatz der integrierten Wissensforschung vor.
Dieser Ansatz umfasst drei Hauptprojekte: Das Wissensarten-Projekt ist
ein modularisiertes Wissenskonzept fuer Wissen aller Arten, in jeder
Menge und Guete, Zusammensetzung und Repraesentation. Das
Wissensordnungs-Projekt rekonstruiert die ordnungstheoretischen
Leitvorstellungen und ordnungspolitischen Rahmenbedingungen (kurz: die
Wissensordnung) fuer gesellschaftliche Qualitaets-, Schutz- und
Verteilungszonen des Wissens. Im Mittelpunkt des
Wissensverhaltens-Projekts steht ein Funktionsmodell der
gesellschaftlichen Wissensarbeitsteilung. Die Frage war, ob diese auf
propositonales Wissen geeichte Begrifflichkeit auf visuelles Wissen
uebertragbar ist.
Urs Hirschberg, Assistant Professor an der Harvard Graduate School of
Design, sprach von einem veraenderten Berufsbild des Architekten, in dem
Visuelle Kompetenz auf neue Weise gefordert wird. Die vernetzte Welt
wird als Raum wahrgenommen. Unter Architekten waechst das Bewusstsein,
dass dieser Informationsraum als Instrument, Infrastruktur und
Entwurfsumgebung verstanden werden muss und dass auch die Schnittstelle
zwischen physischem und virtuellem Raum ein wichtiges architektonisches
Thema ist. Der Beitrag beschrieb Projekte an der ETH Zuerich und an der
Harvard Design School, in denen die Moeglichkeiten des virtuellen Raumes
sowohl zu neuen Unterrichtskonzepten, als auch zu einer Neuausrichtung
der Infrastrukturplanung gefuehrt haben.

Abstracts der ReferentInnen und naehere Infos im Archiv unter:
http://www.visuelle-kompetenz.de

Forschungsprojekt "Visuelle Kompetenz im Medienzeitalter"
Staatliche Akademie der Bildenden Kuenste Stuttgart
Am Weissenhof 1
70191 Stuttgart
Fon 0711-28440-277 o. -275
Fax 0711-28440-225
email: infovisuelle-kompetenz.de
http://www.visuelle-kompetenz.de

Empfohlene Zitation:
Michael Scheibel: [Tagungsbericht zu:] Bildkompetenz und Wissensvernetzung (Stuttgart, 25.10.–23.11.2001). In: ArtHist.net, 30.11.2001. Letzter Zugriff 06.07.2022. <https://arthist.net/reviews/24729>.

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