REV Dec 13, 2007

Sachkultur und religiöse Praxis

Reviewed by Hecht Christian, Weimar
Editor: Philipp Zitzlsperger
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In der aktuellen Kunstgeschichtsschreibung ist ein gewisser Zwiespalt nicht zu verkennen: auf der einen Seite entstehen vielbeachtete Spekulationen, auf der anderen wird Material erschlossen; nur viel zu selten gelingt es, beide Pole zu verbinden. Der Rezensent freut sich daher besonders, eine Publikation behandeln zu können, in der es vielen Autoren gelungen ist, z.T. noch völlig unbekannte Objekte in einen großen Horizont zu stellen. Wie bereits die Einbindung in die „Studien zur Geschichte, Kunst und Kultur der Zisterzienser“ zeigt, handelt es sich weitgehend um Untersuchungen zu diesem Orden, mit einem gewissen Schwerpunkt in der Mark Brandenburg. Zentral für diesen Band sind wohl die fast am Ende stehenden Beiträge zu den sensationellen Funden aus dem im wahrsten Sinne des Wortes untergegangenen Zisterzienserinnenkloster Seehausen in der Uckermark. (Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Ort in der Altmark.) Über das uckermärkische Kloster war bisher ausnehmend wenig bekannt. Man kennt nicht einmal das Gründungsjahr, keine einzige Mauer der Anlage steht mehr aufrecht, denn die Klostergebäude wurden in nachreformatorischer Zeit abgerissen, um Baumaterial zu gewinnen. Und doch wird man Seehausen in Zukunft neben so bedeutenden Klöstern wie Wienhausen nennen müssen, wurden doch im Oberuckersee, vor allem in der Nähe eines ehemaligen Anlegesteges des Klosters eine fast unglaublich große Menge von Gegenständen gefunden, die in einer wohl einmaligen Weise die Sachkultur eines spätmittelalterlichen Frauenklosters repräsentieren. Dirk Schumann, der Herausgeber des Bandes, stellt diesen Fundkomplex in einem umfangreichen Aufsatz vor, in dem er auch Fragen zur Architektur des Klosters behandelt (S. 458-491). Die seit 1984 gemachten Funde, zu denen u .a eine enorme Menge an Messern, Nadeln, Perlen, Beschlägen, Schlüsseln, Schlössern, Spielzeug, Münzen und Pilgerzeichen zählen, befinden sich heute im Museum von Prenzlau, wo einige charakteristische Stücke in einer gelungenen Ausstellung präsentiert werden. Seehausen bietet, wenn man so sagen darf, die realienkundliche Ergänzung zu den kleinen Andachtsbildern, Brillen, Reliquien etc., die unter dem Wienhausener Chorgestühl entdeckt wurden und der Bibliothek des Nürnberger Katharinenklosters. Einige der Seehausener Funde bestätigen aber nicht nur schon bekannte Tatsachen, sie eröffnen auch neue Horizonte, etwa ein beidseitig benutzbares hölzernes Model, das offensichtlich in die Vorgeschichte der frühneuzeitlichen Reproduktionstechniken gehört.

Während die meisten Seehausener Funde noch weiter bearbeitet werden, liegt der Katalog der hier entdeckten Pilgerzeichen bereits vor. Er wurde von Carina Brumme bearbeitet und zusammen mit einer von ihr und Hartmut Kühne geschriebenen Abhandlung im vorliegenden Band veröffentlicht (S. 406-457). Zahlreiche der großen Wallfahrten des Spätmittelalters sind hier vertreten, etwa Einsiedeln oder Aachen. Zu den nähergelegenen Zielen gehören z.B. Wilsnack und Sternberg. Insgesamt erweisen die Funde die Uckermark, von der man das vielleicht nicht vermuten würde, als ein Wallfahrtsland, das für das Mittelalter keinen Vergleich mit dem barocken Süddeutschland zu scheuen braucht.

Von den übrigen Aufsätzen des vorliegenden Bandes können an dieser Stelle nur einzelne genauer erwähnt werden. Am Beginn steht die Untersuchung von Matthias Untermann über den „Platz der Laien in der Zisterzienserkirche“ (S. 11-19) – ein schwieriges Problem, das nicht eindeutig lösbar ist. Die diskutierbaren Orte dürften bisher noch nie in dieser Klarheit zusammengestellt worden sein wie hier: „der klausurferne Querarm mit dem dorthin führenden Seitenschiff, der Westteil dieses Seitenschiffs neben dem Konversengestühl sowie das Westende des Mittelschiffs“ (S. 17). Jens Rüffer behandelt sehr anschaulich die „Zeichensprache bei den Zisterziensern“ (S. 20-50). Er untersucht ferner den „Kapitelsaal als Begräbnisort“ (S. 51-86). Der Schwerpunkt seines sehr lebendig geschriebenen Textes liegt auf den Grablegen in Yorkshire. In eine ganz andere Gegend führt der nächste Aufsatz: Cornelia Oefelein stellt in ihm die „vergessene Bibliothek der Schwestern aus Egeln“ vor (S. 87-122). Das Zisterzienserinnenkloster Egeln gehörte zu den Konventen, die in den Gebieten des Erzbistums Magdeburg und des Bistums Halberstadt die Reformation überlebten und erst der Säkularisation des frühen 19. Jahrhunderts zum Opfer fielen. Die bemerkenswerte Bibliothek der Schwestern hat sich z.T. in der Bibliothek des jetzigen Benediktinerklosters Huysburg bei Halberstadt erhalten. Es handelt sich um immerhin 112 Bände, die eindeutig dem Konvent von Egeln zugewiesen werden können. Beachtlich ist das Spektrum der Literatur, zu der eine große Zahl von Geschichtswerken u.a. auch von protestantischen Autoren gehören. Auch ist die Auseinandersetzung mit der Philosophie des 18. Jahrhunderts gut dokumentiert.

Anschließend behandelt Gisbert Porstmann Bildprogramme zisterziensischer Chorgestühle (S. 123-150). Das Thema ist daher besonders bemerkenswert, da sich der hl. Bernhard gegen einen zu reichen Bildschmuck in Klosterkirchen ausgesprochen hat. Die Fabelwesen, die man etwa in Scharnebeck findet, können ihm eigentlich nicht gefallen haben. Dieses Hauptproblem, wie die Schmuckkritik Bernhards mit dem tatsächlichen Schmuckgebrauch in Übereinstimmung gebracht werden kann, ist keineswegs leicht lösbar. Der Verfasser verweist in diesem Zusammenhang völlig zurecht auf die allegorische Deutung des Chorgebets als Kampf gegen das Böse, das hier den Mönchen vor Augen gestellt wird. Ebenso überzeugend ist der Verweis auf den Schmuck zisterziensischer Handschriften. Wie so oft erweist sich die Praxis des Reformordens als nicht so verschieden von der Praxis der älteren Benediktiner. Es wurden aber vor dem Hintergrund der Ermahnungen Bernhards andere Begründungen benötigt und gegeben. Ein ähnliches Problem untersucht Ernst Badstübner in seinem Aufsatz „Typologische Bildkunst im Münster zu Doberan“ (S. 151-176). Der Verfasser betont die bildlegitimierende Bedeutung der Typologie, die zweifellos im Zentrum der christlichen Theologie steht. Nicht ohne Grund wurde sie auch zu einem „Grundgesetz der christlichen Ikonographie“. Man findet daher typologische Bilder nicht nur bei Zisterziensern. Allerdings benötigten sie wohl stärker als andere Orden legitimierende Gründe für den Bildgebrauch. Badstübner unterstützt deshalb die Theorie, der anonyme Verfasser des „Pictor in carmine“ sei Zisterzienser gewesen. Tatsächlich enthält dieser umfangreichste typologische Text des Mittelalters Angaben, die Malern als Vorlage für typologische Zusammenstellungen dienen sollten. Allerdings wollte der Pictor, der Argumente Bernhards verwendet, gerade nicht für Mönche schreiben. Wie Karl-August Wirth, der Editor des Pictors, betonte, gibt es kaum eine Möglichkeit, die direkten Einflüsse des Werkes zu erkennen, denn der Pictor schöpft aus dem Bestand der üblichen Typen und will keine Neuerungen bieten. Man würde seine direkte Wirkung nur dann erkennen, wenn einer seiner Verse verwendet worden wäre. Das scheint aber fast nie geschehen zu sein. Dennoch bleibt die besondere Vorliebe der Zisterzienser für Typologie ein Faktum, dessen Bedeutung Badstübner u.a. durch den Hinweis auf die Concordantiae caritatis des Zisterziensers Ulrich von Lilienfeld unterstreicht. Gleichzeitig gab es auch eine gewisse theoretische Zurückhaltung dem Bild gegenüber – und natürlich eine Betonung der traditionellen Bilderlehre, wie sie das Konzil von Nizäa II. formuliert hatte. Für Doberan ist ein entsprechender, als Inschrift verwendeter Vers überliefert, den auch Durandus in seinem Rationale divinorum officiorum (Lib. I, Cap. III) nennt. (Vgl. Ragne Bugge: Effigiem Christi, qui transis semper honora […]. In: Acta ad archaeologiam et artium historiam pertinentia 6 (1975), S. 127-140).

Das Doberaner Münster, genauer das „Paradiespförtchen“ im Mittelschrein der Christusseite des Kreuzaltares beschäftigt auch Johannes Voss (S. 177-196). Besonders gelungen sind seine Verweise auf die geistlichen Spiele des Mittelalters. Während das Doberaner Münster den seltenen Eindruck einer Zisterzienserkirche bietet, deren Ausstattung zu großen Teilen noch erhalten ist, ist die Klosterkirche von Dargun seit einem Brand in den letzten Kriegstagen nur noch eine Ruine, deren Sicherung allerdings schon erhebliche Forschritte macht. Gerade angesichts des Zustands der Anlage ist man erstaunt über die vielen erhaltenen Objekte, die Christine Kratzke in ihrem Artikel vorstellt (S. 197-222). Besonders beachtlich ist ein Terrakotta-Relief, das einen knienden Mönch vor der Gottesmutter zeigt. Der Bildtypus erinnert ein wenig an den Maria verehrenden hl. Bernhard.

Kunstwerke anderen Charakters haben sich im Rostocker Zisterzienserinnenkloster zum Heiligen Kreuz erhalten. Kristina Hegner, die vor einiger Zeit ein entsprechendes Inventar vorgelegt hat, stellt in ihrem Aufsatz einige charakteristische Reliquiare und Kleinbildwerke vor (S. 223-240). Einem ähnlichen Thema widmet sich Marius Winzeler, der „Reliquien und Reliquiare des Mittelalters im Kloster St. Marienstern“ (S. 241-264) vorstellt. Es handelt sich fast ausnahmslos um Spitzenstücke, die erhalten geblieben sind, weil Marienstern zu den wenigen Klöstern Europas gehört, die seit ihrer Gründung ununterbrochen bestehen. Auch wenn es etwa im Fall des Klosters Zinna, das von Peter Knüvener behandelt wird (S. 265-289) völlig anders aussieht, lassen sich doch auch diesem Ort eine Reihe bedeutender Werke zuordnen. Überhaupt besitzt nicht nur die Mark eine erstaunliche Menge sakraler mittelalterlicher Kunst, sondern auch die angrenzenden Gebiete – mit einem zisterziensischen Schwerpunkt. So behandelt Sarah Romeyke in einem Aufsatz ein ikonographisch schwieriges Tuch, das dem Zisterzienserinnenkloster St. Marien in Bergen gehörte (S. 290-319). Zu den besonderen Glanzpunkten des vorliegenden Bandes gehört der umfangreiche Beitrag von Christa-Maria Jeitner (S. 320-383), in dem die Autorin drei Hauptwerke der textilen Handarbeit aus Zisterzienserinnenklöstern der Mark Brandenburg untersucht: das Brandenburger Hungertuch, die Zehdenicker Altardecke und ein Hungertuch aus Heiligengrabe, das im letzten Krieg verlorengegangen ist. Jedes der drei Werke wird ausführlich vorgestellt; besonders zu erwähnen sind dabei die genauen Zeichnungen der Autorin. Sehr überzeugend ist die Annahme der Verfasserin über die Herkunft des Brandenburger Tuches. Die detektivische Argumentation setzt bei den eindeutig nachweisbaren verschiedenen Händen der Stickerinnen an, die z.T. mit differierenden Techniken gearbeitet haben. Das Tuch dürfte also in einem neu gegründeten Konvent entstanden sein, der mit Nonnen aus unterschiedlichen Klöstern besetzt war und der deshalb noch keine eigene Textiltradition besaß. Als ein solcher Konvent kommt im möglichen Entstehungszeitraum nur das Frauenkloster von Jüterbog in Frage. Ebenso ausführlich behandelt die Autorin die bedeutende Altardecke aus Zehdenick mit ihren 76 Rundbildern.
Der abschließend zu nennende Artikel (S. 382-400) ist ein von Wolfgang Erdmann hinterlassener Aufsatz über den großen, heute der Berliner Marienkirche gehörenden Kelch. Mit guten Gründen erkennt der Verfasser in diesem Stück eine askanische Stiftung für die Zisterzienser Abtei von Chorin.

Insgesamt lesen sich alle Artikel sehr gut – mit kleinen Unterschieden natürlich. Vor allem aber ist zu bemerken, wie gut die realienkundliche Herangehensweise funktioniert. Man merkt, wie sehr die Methoden der Bauarchäologie auch in anderen Bereichen nützlich sein können. Allen Autoren ist dabei gemeinsam, erst nach möglichster und weitgehendster Klärung des Bestandes ihre Interpretationen zu beginnen. Zweifellos gibt es aber gerade auf dem Gebiet der Bestandsklärung noch einen nicht geringen Nachholbedarf.

Das Buch ist zwar keine große bunte Prachtausgabe, sondern ein sachlich auftretender Sammelband. Dennoch sind die Schwarz-Weiß-Abbildungen insgesamt von einer eher überdurchschnittlichen Qualität, und die typographische Gestaltung ist ausnehmend gelungen. Sehr angenehm berührt auch die Verwendung der alten Rechtschreibung. Wenn man so will: ein traditionsverpflichtetes Buch von zisterziensischer Strenge.

Schumann, Dirk (Hrsg.): Sachkultur und religiöse Praxis, Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte 2007
ISBN-13: 978-3-931836-33-7, 544 S., 192 Abb., EUR 36.00

Recommended Citation:
Hecht Christian: [Review of:] Schumann, Dirk (Hrsg.): Sachkultur und religiöse Praxis, 2007. In: ArtHist.net, Dec 13, 2007 (accessed Apr 16, 2024), <https://arthist.net/reviews/19>.

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