Heß, Regine (Hrsg.): Architektur und Akteure

Rezensiert von: Fabian Kröning, Universität zu Köln

Dass Architektur ein gesellschaftliches Phänomen ist, mag eine Binsenweisheit sein: Als solches beschränkt sie sich nicht nur auf den kreativen Entwurf des Architekten und dessen letztgültiges Resultat im gebauten Raum. Das Phänomen Architektur ist vielmehr bedingt durch eine Vielzahl individueller sowie kollektiver Handlungsweisen und eingebettet in umfassende gesellschaftliche Prozesse. Dies gilt für jede Epoche der Architekturgeschichte. Besonders augenscheinlich ist diese Feststellung aber für die Zeit nach 1945. Denn der europäische Wiederaufbau infolge der verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war weit mehr als nur ein Bauprojekt einzelner Architekten – er war von Beginn an eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der zahlreiche Akteure aus ganz unterschiedlichen Milieus beteiligt waren.

Ein kürzlich von der Kunsthistorikerin Regine Heß herausgegebener Tagungsband unter dem Titel „Architektur und Akteure. Praxis und Öffentlichkeit in der Nachkriegsgesellschaft“ nimmt diese gesellschaftliche Dimension der europäischen Nachkriegsarchitektur genauer in den Blick. Zurückgehend auf eine Tagung an der TU München im Juli 2017 spürt die Publikation verschiedenen am Bauen nach 1945 beteiligten Akteuren nach und versucht, die von ihnen ausgehenden Diskurse in „Praxis“ und „Öffentlichkeit“ innerhalb der Nachkriegsgesellschaft nachzuzeichnen. Dabei gilt es laut Heß, insbesondere auch solche Personengruppen und Disziplinen in den Blick zu nehmen, die jenseits der eigentlichen Architektenschaft Einfluss auf den Baubetrieb ausgeübt haben. Gerade die Nachkriegsarchitektur in Deutschland sei in dieser sozialgeschichtlich erweiterten Perspektive „ein kollektives und interdisziplinäres Projekt gewesen“ (10), das – verwiesen wird auf Veranstaltungen wie die Interbau in Berlin oder die Darmstädter Gespräche – die Architekten und Stadtplaner genauso mit einschloss wie Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Publizistik, Geistes- und Sozialwissenschaften, bis hin zu den „so genannten Laien“ (10). Paradigmatisch erscheint in diesem Zusammenhang der Vorschlag der Herausgeberin zu einer begriffsgeschichtlichen Verschiebung vom Terminus „Nachkriegsarchitektur“ hin zu einer „Architektur der Nachkriegsgesellschaft“ (12).

Mit dieser Programmatik knüpft der Tagungsband an jüngere Bestrebungen an, die wissenschaftliche Behandlung von Architektur von ihrer traditionellen Bindung an die Geistes- und Kunstgeschichte zu lösen und einer stärker gesellschaftswissenschaftlichen Betrachtungsweise zuzuführen. Kultursoziologen wie Heike Delitz oder Joachim Fischer versuchen hier seit einigen Jahren, eine größere Bandbreite soziologischer Theoreme für die Architekturbetrachtung fruchtbar zu machen und arbeiten mithin an der fachlichen Profilierung einer neuen Architektursoziologie [1]. Regine Heß nimmt diese theoretischen Bemühungen auf und überführt sie eine Reihe von konkreten Fallstudien mit Fokus auf der historischen Nachkriegsarchitektur und deren maßgebenden Akteuren. Mit dieser inhaltlichen Ausrichtung stellt sich die Publikation zugleich in eine Kontinuität mit Werner Durths wegweisendem Werk über die biografischen Verflechtungen deutscher Architekten im 20. Jahrhundert [2]. Dementsprechend nimmt der Tagungsband auch die Frage nach den personalen Kontinuitäten und Brüchen im Architekturschaffen vor und nach 1945 wieder auf, erweitert diese nun aber sowohl in geografischer wie soziologischer Hinsicht.

Lose gegliedert in vier Sektionen versammelt der Band insgesamt 15 Aufsätze in deutscher und englischer Sprache, die sich dem Thema aus sehr verschiedenen Perspektiven nähern. Drei Fallstudien exemplifizieren in der ersten Sektion („Akteure und Netzwerke“) die Heterogenität der mit dem Bauen nach 1945 befassten Akteursgruppen: Während Nicole de Togni anhand des Wiederaufbauprogramms der UNO einen Einblick in die personalen Verstrickungen von Wohnungsbau, Sozialwissenschaft, Politik und militärischer Besatzung im Italien der Nachkriegszeit bietet, beschäftigt sich Silke Langenberg mit dem Einfluss der Publizistik auf das Architekturgeschehen im Nachkriegsdeutschland. Das von ihr vorgestellte Forschungsprojekt verfolgt eine systematische Auswertung der Fachzeitschriften in Nordrhein-Westfalen zwischen 1946 und 1976 und liefert damit belastbare Erkenntnisse zu den publizistischen Rezeptionswegen der Nachkriegsarchitektur, den Abhängigkeiten zwischen Architekten und Journalisten und den damit entstehenden personalen Netzwerken. Kirsten Wagner führt mit Martin Heidegger und Henri Lefebvre schließlich zwei intellektuelle Schwergewichte ins diskursive Feld der Nachkriegsarchitektur und zeigt dabei eindrücklich, auf welche Weise die Philosophie und eine zunehmend ausdifferenzierte Soziologie in die Wohnungsbaudebatten der 1950er und 60er Jahre hineinwirken konnten: Während Heidegger als Redner auf dem Darmstädter Gespräch 1951 die existenziale Bedeutung des Wohnens selbst ergründete, erforschten die französischen Soziologen um Lefebvre in den 1960er Jahren die Figur des Bewohners und dessen Praktiken der Aneignung von moderner Architektur.

Zwei weitere Sektionen („Architekten in der Gesellschaft“ und „Berufsstand im Wandel“) kreisen, in unterschiedlicher Gewichtung, um das Berufsfeld der Architekten. Dabei werden diese teilweise als soziale Gruppierung bzw. als personales Netzwerk in der Gesellschaft behandelt; teilweise hinsichtlich der innerhalb dieses Berufsfeldes geführten Diskurse und ihrer spezifischen, auch individuellen Praktiken. Eine Netzwerkanalyse im klassischen Sinn ist Mark Escherichs prosopografische Studie zu 60 Architekturabsolventen an den Hochschulen in Stuttgart und Weimar, anhand derer sich die Bildung und Wirkungsgeschichte einer traditionalistischen Architekturschule in Deutschland konkret nachvollziehen lässt. Neben solchen gruppenbiografischen Untersuchungen finden sich aber auch Beiträge zu den Praxis- und Theoriediskursen in der Nachkriegsdenkmalpflege und den sie begleitenden gesellschaftlichen Implikationen (Carmen Enss, Johannes Warda). Einen interessanten Blick, nicht auf kollektive, sondern auf ganz individuelle Handlungsweisen im Architekturgeschehen wirft Ralf Liptau: Er untersucht die Prozesse und Medien des Entwerfens von Architektur, insbesondere das Phänomen des plastischen Modellierens und wie diese Praxis nach 1945 zum initialen Akt einer singulären Formfindung in der Produktion ‚moderner‘ Architektur stilisiert werden konnte.

Die letzte Sektion des Bandes („Jenseits des Nationalen“) widmet sich dann internationalen Transferprozessen in der Nachkriegsarchitektur. Der großen Bedeutung, die hierbei den transatlantischen Beziehungen zukam, tragen beispielsweise die Beiträge von Olaf Gisbertz und Rachel Julia Engler Rechnung. Sie beschäftigen sich mit dem Einfluss des Neu-Amerikaners Walter Gropius auf die Netzwerke des bundesrepublikanischen Architekturbetriebs sowie mit der Rezeption Frank Lloyd Wrights in den Niederlanden. Beschlossen wird der Band von einem theoretischen Beitrag der Herausgeberin Regine Heß, in dem diese knapp verschiedene neuere Ansätze aus kuratorischer Praxis sowie Gesellschaftswissenschaften – etwa Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie, aber auch die Thesen der Architektursoziologin Heike Delitz – umreißt und das Potential dieser Theorien für die Erforschung des Komplexes Architektur/Akteure/Gesellschaft in der Nachkriegszeit kurz vorstellt.

Insgesamt fällt die große Heterogenität der einzelnen Beiträge ins Auge, sowohl in inhaltlicher als auch in methodisch-theoretischer Hinsicht. Dies macht einerseits den Reiz der behandelten Thematik aus. Denn eine umfängliche Betrachtung der Verflechtung von Architektur und gesellschaftlichen Akteuren in der Nachkriegszeit lebt nun einmal von der Vielzahl möglicher Perspektiven und Aspekte. Andererseits erschwert dieser Umstand einen stringenten diskursiven Zugriff auf das Thema. Regine Heß hat hierfür im Konzept des Bandes eine Reihe von Kategorien und Theorien vorgeschlagen. Unmittelbar sinnfällig erscheint der Schlüsselbegriff des „Akteurs“ und – daran gekoppelt – jener des sozialen „Netzwerks“ in Anklang an Bruno Latour. Beide tragen über weite Teile des Bandes und erweisen sich dabei als einigermaßen konsistent. Andere Leitbegriffe hingegen, wie „Praxis“ und „Öffentlichkeit“, aber auch „Transformation“ oder „Ethos“, werden theoretisch kaum diskutiert und bleiben somit merkwürdig diffus und inkonsistent. Insgesamt wäre eine stärkere Rückbindung der Beiträge an die eingeführten Kategorien und Vorschläge zur Theoriebildung bei gleichzeitiger Fokussierung auf wenige Schlüsselbegriffe wünschenswert gewesen. Somit aber bleiben die Autorinnen und Autoren das von Regine Heß im Schlusswort ausgelobte Ziel – „die Gewinnung avancierter Forschungsansätze im Bereich der Architekturgeschichte“, genauer: eines „multipleren Ansatz[es], der viele Akteure miteinschließt“ (232) – vorerst noch schuldig.

Trotz dieser Einwände ist ein lesenswerter Sammelband entstanden, dessen Beiträge zum Teil verblüffend neue Perspektiven auf das Baugeschehen der Nachkriegszeit eröffnen. Auch die grundsätzliche Ausrichtung der Publikation kann überzeugen. Verdienstvoll ist insbesondere der schwierige, aber notwendige Versuch, den abstrakten Apparat sozialwissenschaftlicher Theoriebildung auf eine konkrete Epoche der Architekturgeschichte zu übertragen und daran weiter zu schärfen. Mit der Kombination aus gesellschaftstheoretisch geleiteter Architekturbetrachtung und der historischen Erforschung der sogenannten Nachkriegsmoderne hat die Publikation zudem ein wichtiges und vielversprechendes Thema besetzt, welches unbedingt lohnt, weiterverfolgt zu werden und dem eine große Resonanz in der historischen Architekturwissenschaft zu wünschen ist.

Anmerkungen
[1] Joachim Fischer / Heike Delitz (Hg.), Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld 2009.
[2] Werner Durth, Deutsche Architekten. Biographische Verflechtungen 1900–1970, Braunschweig / Wiesbaden 1986.

Empfohlene Zitation:
Fabian Kröning: [Rezension zu:] Heß, Regine (Hrsg.): Architektur und Akteure. Praxis und Öffentlichkeit in der Nachkriegsgesellschaft (= Architekturen; 43), Bielefeld 2018. In: ArtHist.net, 16.07.2018. Letzter Zugriff 14.08.2018. <https://arthist.net/reviews/18714>.

Creative Commons BY-NC-NDThis work is licensed under a Creative Commons Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 4.0 International License. For the conditions under which you may distribute, copy and transmit the work, please go to https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

Click to enlarge

Heß, Regine (Hrsg.): Architektur und Akteure. Praxis und Öffentlichkeit in der Nachkriegsgesellschaft (= Architekturen; 43), Bielefeld: Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis 2018
ISBN-13: 978-3-8376-4094-6, 252 Seiten, 29,99 EUR

Rezension veröffentlicht am: 16.07.2018

Redaktion: Steffen Haug

Empfohlene Zitation

Zu Facebook hinzufügen