Escher, Cornelia: Zukunft entwerfen

Rezensiert von: Ralf Liptau, TU Wien, Institut für KG, Bauforschung und Denkmalpflege

Wenn eine architekturhistorische Publikation in ihren Abbildungen kaum ein einziges ausgeführtes Gebäude zeigt, dann ist irgendetwas anders als sonst. Beim Durchblättern der ersten umfangreichen Studie zur Architektengruppe ‚Groupe d’Études d’Architecture Mobile (GEAM)‘ ist genau das der Fall: Weit und breit kein Haus zu sehen, keine ‚Architektur‘ in der immerhin mehr als 400 Seiten umfassenden Analyse der Architekturhistorikerin Cornelia Escher. Sie stellt in ihrer nun publizierten Dissertationsschrift eine – ausschließlich männlich besetzte – Gruppe internationaler Architekten vor, die in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren nicht weniger im Sinn führten, als das ‚Zukunft Entwerfen‘ durch Architektur. Dabei haben sie keinen einzigen konkreten Bau aus der gemeinsamen Debatte heraus realisieren können. Doch: Weder das Fehlen von Abbildungen konkreter Architektur ‚in‘ der Publikation noch das Fehlen konkreter Architektur ‚für‘ die Publikation sind als Defizit zu lesen. Ganz im Gegenteil: Sowohl in der Zusammenarbeit der Gruppe zwischen 1958 und 1963 als auch in deren historischer Analyse Eschers geht es um viel Grundsätzlicheres. Es geht darum, was Architektur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt sein konnte bzw. musste. Denn zu dieser Zeit war in sozialer, technischer, politischer und nicht zuletzt ökonomischer Hinsicht einiges in Bewegung geraten. „Der Weg in die Zukunft“, so Escher, „erschien einerseits als radikal beschleunigt, andererseits von einer gesteigerten Komplexität oder gar Unvorhersehbarkeit der Entwicklungen geprägt“ (352). Vor diesem Hintergrund wurde Ende der 1950er Jahre zunehmend sichtbar, dass die ‚klassische‘ internationale Moderne, die traditionellerweise mit den 1928 initiierten Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM) in Verbindung gebracht wird, die Antworten auf die neuen Problemstellungen immer weniger zu liefern imstande waren.

In ihrer ursprünglichen Zusammensetzung ist die GEAM, entfernt vergleichbar mit dem heute weitaus bekannteren Team X, Ende der 1950er Jahre aus eben diesen sterbenden CIAM hervorgegangen. Dieses neue, eher lose geknüpfte Netzwerk vereinte junge Architekten, die den Grundannahmen ihrer Vorgängergeneration nicht weiter uneingeschränkt folgten. Das Ideal einer Beeinflussbarkeit bzw. Verbesserung der Gesellschaft, die bis dato vornehmlich als Masse verstanden worden war, wich der Vorstellung von Subjektivität und Pluralität als Basis, der sich die Architektur bzw. deren Konzeption (fortlaufend) anzupassen hätten. Waren die Grundvoraussetzungen für das architektonische Planen in der klassischen Moderne als gleichermaßen abstrakte und feste Größen also noch gegeben, wurde ab Ende der 1950er Jahre alles ein bisschen komplizierter und beweglicher, vielleicht schon etwas postmoderner.

Anders als bei den CIAM gründete die GEAM nicht auf regelmäßig stattfindenden Treffen, sie schaltete sich auch nicht durch offiziell verabschiedete Erklärungen oder Thesen in die architektonische Debatte ein. Gelegentliche Zusammenkünfte, (wenige) gemeinsame Publikationen, eine Wanderausstellung und briefliche Kommunikation waren die Formate, in denen die beteiligten Architekturschaffenden international agierten. Namhafte Mitglieder waren Yona Friedman, der in Israel studiert hatte und zur Zeit der GEAM in Paris lebte, sowie der ebenfalls in Haifa diplomierte und später in Paris und den USA tätige David Georges Emmerich. Aus Luxemburg war Camille Frieden in die Arbeit der Gruppe involviert, aus den Niederlanden kam Jan Trapman. Bundesdeutsche Architekten beteiligten sich in vergleichsweise großer Zahl und mit prominenten Vertretern, darunter vor allem Frei Otto, Eckhard Schulze-Fielitz und Werner Ruhnau. Mit Oskar Hansen aus Warschau und dem aus Polen stammenden Jerzy Sołtan (ab 1959 Harvard, USA) gelang der Gruppe sogar die Überwindung des Eisernen Vorhangs.

Die Hybridität der Gruppe, die sich eben vor allem im Fehlen konkreter Organisations- und Diskussionsformate zeigt, ist wohl die wesentliche methodische Herausforderung für die von der Architekturhistorikerin Cornelia Escher vorgelegte Forschungsarbeit. Die Analyse nimmt einen monografischen Ansatz für sich in Anspruch, dem sich der Forschungsgegenstand – die Gruppe – natürlicherweise immer wieder entzieht. Weil die beteiligten Architekten ‚als Gruppe‘ keine konkreten gemeinsamen Entwürfe herausgearbeitet haben, ist Escher bei der Analyse und Verortung des GEAM und seiner Anliegen immer wieder auf die Entwurfsarbeiten einzelner Gruppenmitglieder zurückgeworfen, die dann nicht immer in den Gesamtzusammenhang der gemeinsamen Zielsetzungen zurückgebunden werden. Was die Arbeit vielmehr leistet, ist die Beschreibung und Analyse eines allgemeinen architektonischen bzw. auch stadtplanerischen Klimas in einer Umbruchphase, das sich am Beispiel der GEAM in sehr konzentrierter und fokussierter Form darstellen lässt. Die Forschungsarbeit, so die eigene Formulierung Eschers „führt […] durch unterschiedliche Zusammenhänge, in denen der GEAM seine Projekte der mobilen Architektur formulierte und präsentierte“ (16). Die Arbeit weist in diesem Sinne über das Beispiel des GEAM und dessen monografische Behandlung hinaus.

Die Untersuchung wird im Wesentlichen entlang von drei Hauptlinien präsentiert, die zugleich die drei zentralen Kapitel des Buchs bilden. Nach einer knappen Einleitung verortet Escher in ihrem ersten Hauptkapitel den GEAM in der architektonischen und planerischen Debatte der Zeit und betont dabei das erklärte Ziel der Gruppe, sich von bis dato gültigen Annahmen der architektonischen Moderne zu lösen und eine „neue, offenere und pluralere Konzeption von Architektur“ (16) zu entwerfen. Individuum statt Masse. Ergebnis dieser veränderten Grundannahme sei eine „auf das Provisorische ausgerichtete, pragmatische Architekturkonzeption“ (17). Das Gebaute wird dabei als etwas ständig neu Verhandel- und Anpassbares verstanden. Bewegliche Grundrisse (Emmerich), Megastrukturen mit variabel einsetzbaren Wohneinheiten (Schulze-Fielitz, Friedman) oder mobile Zeltkonstruktionen (Günschel, Otto) stehen prototypisch für diese Konzepte.

Im zweiten Hauptkapitel werden die Möglichkeiten und Grenzen der Planbarkeit einer solchen Architektur debattiert. Die neue Maßstäblichkeit der baulichen Strukturen sowie deren massiv erweitertes Formenrepertoire, das sich unter anderem durch die Analyse konstruktiver Eigenschaften lebender und toter Organismen ergeben hatte, machte neue Entwurfsmethoden und -medien nötig. Der architektonische Entwurfsprozess wandelte sich dadurch vom traditionell eher als künstlerisch aufgefassten Formfindungsprozess mit Papier und Zeichenstift zum Formfindungsprozess auf der Grundlage anderer Medien wie etwa dem Modell oder der Fotografie. So beschreibt Escher: „Verglichen mit der geometrischen Entwicklung des architektonischen Objekts auf dem flächigen Papier lässt sich die Räumlichkeit der konzipierten architektonischen Objekte am dreidimensionalen Modell unmittelbarer nachvollziehen“ (181). Der produktive Beitrag der GEAM-Mitglieder zur architektonischen Kultur ihrer Zeit liegt, so zeigt Escher, eben weniger in der Realisierung konkreter Bauten, als vielmehr in der Fokusverschiebung weg von der ausgeführten Architektur hin auf die völlig neuartige Konzeption von Architektur. Die „architektonische Materialität“ (162), also das fertige Bauwerk, ist damit nicht mehr das wesentlichste Ziel architektonischer Innovation, sondern nun vielmehr das „Ergebnis einer Interaktion von Mensch, Natur und Technik“ (162). Das Choreografieren dieser Interaktion ist die eigentliche innovative Leistung der Beteiligten GEAM-Mitglieder und damit völlig zu Recht der eigentliche Analysefokus des beschriebenen Kapitels in Eschers Untersuchung.

Eng verbunden mit dem Fokus auf das Konzipieren als dem eigentlichen Ort der architektonischen Leistung folgt der Schwerpunkt des dritten Hauptkapitels. Hier werden weniger die Medien der Produktion als vielmehr die der Rezeption architektonischer Konzepte aus dem Kreis des GEAM thematisiert. Die Wanderausstellung ‚L’Architecture mobile‘, die in den Jahren 1961 und 1962 in Frankreich, der BRD, Luxemburg, Warschau, London und Amsterdam zu sehen gewesen ist, stellt das einzige konkrete, von der Gruppe selbst organisierte Format dar, in dem sie ihre Ideen zur Diskussion stellte. Seit Beginn der 1960er Jahren sind einzelne – vornehmlich als utopisch verstandene – Entwürfe der Architekten zudem in Fachzeitschriften und öffentlichen Zeitungen präsentiert worden, hier aber wohl vornehmlich wegen eines erhofften ‚Wow-Effekts‘ und weniger, um die Konzepte ernsthaft und ausführlich zu diskutieren. Escher sieht genau in dieser neuartigen Art der Kommunikation eine wesentliche Errungenschaft der Gruppe: „Interessanter […] als [eine] direkte Wechselwirkung mit der Baupraxis ist die Herausbildung eines eigenen utopischen Genres, in dem das architektonische Projekt vor allem die Funktion eines bildlichen Arguments einnahm“ (352).

Unter anderem wegen dieser hohen Bedeutung des Bildlichen für die Konzepte der Gruppen und ihrer einzelnen Mitglieder wäre eine engere Verzahnung von Bild und Text in der Forschungsarbeit wünschenswert. Die Abbildungen sind in der Regel sehr klein gehalten und werden argumentativ nur sporadisch in den Fließtext eingebaut. Gerade weil es nicht ausgeführte Bauten, sondern die erhaltenen Plan- und Bildmedien sind, die heute das Erbe des GEAM bilden, hätten sie als Medien stärker berücksichtigt und gewinnbringender mit der Argumentation verflochten werden können. Oder anders formuliert: Die vorliegende, sehr grundlegende und umfassende Arbeit zum GEAM motiviert dazu, die Werke der Gruppe und ihrer Mitglieder in der Folge auch aus bildwissenschaftlicher Perspektive eingehend zu untersuchen.

Empfohlene Zitation:
Ralf Liptau: [Rezension zu:] Escher, Cornelia: Zukunft entwerfen. Architektonische Konzepte des GEAM 1958–1963 (= Architektonisches Wissen), Zürich 2017. In: ArtHist.net, 12.02.2018. Letzter Zugriff 24.10.2018. <https://arthist.net/reviews/17352>.

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Escher, Cornelia: Zukunft entwerfen. Architektonische Konzepte des GEAM 1958–1963 (= Architektonisches Wissen), Zürich: gta-Verlag 2017
ISBN-13: 978-3-85676-365-7, 427 Seiten, Broschur : EUR 60.00

Rezension veröffentlicht am: 12.02.2018

Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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