REV-CONF Dec 12, 2017

Das Bauhaus in der Provinz

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Oldenburger Schloss, Nov 2–03, 2017

Report by Mareike Lepszy, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg
Editor: Hans Georg Hiller von Gaertringen

Das zweitägige Symposium zum Thema „Das Bauhaus in der Provinz“ im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg wurde von Rainer Stamm, Direktor des Hauses, und Gloria Köpnick, wissenschaftliche Mitarbeiterin, organisiert und moderiert. Die Veranstaltung fand im Kontext des Ende 2016 gestarteten, von Pro*Niedersachsen und der Kulturstiftung des Bundes geförderten Forschungs- und Ausstellungsprojekts „Das Bauhaus in Oldenburg – Avantgarde in der Provinz“[1] statt. Das Projekt untersucht das Zusammenwirken des Landesmuseums Oldenburg mit dem Bauhaus in der Zeit der Weimarer Republik sowie das Wirken von vier Bauhäuslern aus Oldenburg und Ostfriesland – Hin Bredendieck, Hermann Gautel, Hans Martin Fricke und Karl Schwoon. Die Ergebnisse sollen 2019 in einer großen Ausstellung im Landesmuseum präsentiert werden.

Dem Tagungstitel entsprechend standen Fragen nach Einflüssen und Auswirkungen des Bauhauses auf die ‚Provinz‘ im Zentrum. Als Tagungsort diente den Veranstaltern der Schlosssaal des Oldenburger Schlosses, in dem Walter Gropius, der Gründer des Staatlichen Bauhauses in Weimar (1919), bereits 1928 einen Vortrag zur ‚Neuen Baukunst’ gehalten hatte. Das Hauptaugenmerk vieler Beiträge lag auf den Biografien vorwiegend unbekannterer Bauhäusler, die das Ideen- und Gedankengut, das sie am Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin erfahren und kennengelernt hatten, aus den Wirkorten in die Regionen transportierten und verbreiteten.

Personen-Netzwerke bildeten ein zentrales Thema des Symposiums, dem sich auch das eingangs von Anke Blümm (Bauhaus-Museum, Klassik Stiftung Weimar) und Magdalena Droste (BTU Cottbus-Senftenberg) vorgestellte DFG-Forschungsprojekt „Bewegte Netze. Bauhausangehörige und ihre Beziehungs-Netzwerke in den 1930er und 1940er Jahren“[2] widmete. Anhand sechs ausgewählter Beispiele wurden die zahlreichen Verbindungen zwischen einzelnen Bauhäuslern in bestimmten egozentrierten Netzwerken, in deren Fokus stets eine Person steht (Walter Gropius, Hannes Meyer und Gerhard Marcks), sowie in regional- bzw. berufsspezifisch orientierten Umkreisen zur Zeit des Nationalsozialismus und darüber hinaus auf Muster untersucht. Insbesondere der Vergleich zwischen den Netzwerken um Gropius und Marcks veranschaulichte zwei extrem konträre Funktionsweisen und Strukturen.

Im zweiten Beitrag der ersten Sektion, die „Das Bauhaus in der Provinz. Einfluss und Auswirkungen des Bauhauses in und auf die Region“ zum Thema hatte, präsentierte Gloria Köpnick ihre Forschungsergebnisse zur Zusammenarbeit der Oldenburger „Vereinigung für junge Kunst“ (1922-1933) und dem Landesmuseum Oldenburg mit dem Bauhaus Dessau. Der Verein organisierte insbesondere ab Mitte der 1920er-Jahre Ausstellungen, die bewusst auch Bauhaus-Positionen mit einbezogen oder sich auf diese konzentrierten. Die „Neue Baukunst“ (1928) und „Die billige Wohnung“ (1931), bei der das Bauhaus Dessau als Leihgeber fungierte, erfreuten sich großen Zuspruchs. Aus diesen Ausstellungen erwarb der Gründungsdirektor des Landesmuseums, Walter Müller-Wulckow, u.a. Werke von Otto Lindig, Marianne Brandt und Wilhelm Wagenfeld für die Oldenburger Sammlungen. Im Laufe der Tagung konnten die Symposiumsteilnehmer einen Blick auf die noch immer im Bestand des Hauses befindlichen Objekte in der neu eingerichteten Designsammlung des Museums werfen.

Den Auftakt des zweiten Panels, das dem Thema der „Gebrochenen Biografien“ gewidmet war, bildete der Beitrag von Heike Wernz-Kaiser (Universität Trier), die die in Oldenburg geborene Malerin und Weberin Margarete Willers vorstellte. Die individuellen und oftmals ambivalent verlaufenden biografischen Entwicklungslinien einiger Bauhäusler während der Zeit des Nationalsozialismus waren auch Gegenstand weiterer Vorträge. So erläuterte Joachim Tautz (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) die institutionelle Einbindung des Landesleiters der Reichskammer der bildenden Künste im „Gau Weser-Ems“. Dieses Amt bekleidete von 1935 bis 1942 der in Oldenburg geborene Hans Martin Fricke, der am Bauhaus in Weimar studiert hatte. Auch hier kam die Frage nach Netzwerkstrukturen zum Tragen, als Tautz die verworrenen Kooperations- und Konfliktlinien aufzeigte, die den Leiter der Reichskammer, die eine Zwangsorganisation für alle ‚künstlerischen’ Berufszweige vom Maler über den Grafiker bis hin zu Gartenarbeitern war, mit anderen kulturellen Institutionen der NSDAP verbanden.
Anhand einer Auswahl nationaler und internationaler Ausstellungen und Messen, auf denen während der NS-Zeit einige Bauhäusler erfolgreich mit ihren Werken vertreten waren, stellte Frank Werner (Technische Universität Berlin) seine Untersuchungen zur Repräsentationsfunktion sowie Anpassung und Autonomie der Bauhaus-Mitglieder im „Dritten Reich“ vor. Diskussionsbedarf seitens des Publikums bestand im Anschluss an den Vortrag im Hinblick auf die gewählte Methodik der Untersuchung, da nicht verdeutlicht werden konnte, inwieweit die Bauhaus-Ausbildung bei der Auswahl der Künstler und deren Ausstellungsteilnahmen ein entscheidendes Kriterium war.

Christiane Lange und Christopher Oestereich (beide Projekt MIK Krefeld[3]) eröffneten Einblicke in das Forschungsprojekt „map 2019 Bauhaus-Netzwerk-Krefeld“, das die Beziehungen des Bauhauses zur (Seiden-)Industriestadt Krefeld untersucht. Zwischen den über 30 Bauhäuslern, die von 1922 bis in die 1960er-Jahre in Krefeld wirkten, und der Seidenindustrie, dem Werkbund sowie der lokalen Kunstszene lassen sich wiederum komplexe Netzwerkverbindungen finden. So galten die Künstler für die Industrie als interessante Partner. Ein weiterer Untersuchungsgegenstand sind die Einflüsse einiger Bauhäusler wie Johannes Itten, Georg Muche und Gerhard Kadow auf die Krefelder Gestaltungsschulen, die im Hinblick auf bildungs-, wirtschafts- und kulturpolitische Faktoren analysiert werden.

Die Einflüsse des Bauhauses auf eine Kunstschule waren auch Gegenstand des Vortrags, in dem Carina Burck (Bauhaus-Archiv Berlin) die Pläne Fritz Wicherts für die Frankfurter Kunstschule vorstellte, die Anfang der 1920er-Jahre im Zuge der kulturpolitischen Bestrebungen des „Neuen Frankfurt“ aus der Zusammenlegung der Städtischen Kunstgewerbeschule mit der Städelschule entstanden war. Wichert, Gründungsdirektor der Frankfurter Kunstschule, suchte bei seiner Arbeit an einem Konzept für Kunsterziehung Kontakt zu Walter Gropius. Überdies konnte er einige Bauhäusler für den Lehrkörper der Schule gewinnen.

Als weiteres Beispiel ambivalenter Entwicklungswege von Bauhaus-Mitgliedern während der Zeit des Nationalsozialismus stellte Gerda Breuer die Biografien der beiden Wuppertaler Bauhäusler Werner Graeff und Max Burchartz einander gegenüber. Auch sie transformierten die Bauhausideen und trugen sie aus den Wirkorten des Bauhauses heraus, etwa an die Folkwang Schule nach Essen. Während Graeff in der Zeit des Nationalsozialismus nach Spanien emigrierte, blieb Burchartz in Deutschland und konnte, der NS-Ideologie angepasst, weiter als Werbegrafiker tätig sein.

Der zweite Tag des Symposiums wurde von Rainer Stamm eröffnet, der in der Sektion „Bauhaus im Exil“ den Weg Hin Bredendiecks von Aurich über das Bauhaus Dessau, Berlin und die Schweiz bis nach Atlanta nachzeichnete. Als ausgebildeter Tischler und in ein enges Kollegen- und Freundesnetzwerk eingebetteter Mitarbeiter der Dessauer Metallwerkstatt entwickelte Bredendieck neben Leuchten für Kandem etwa auch den „Arbeitsstuhl me 1002“. Im Zuge seiner Emigration nach Amerika (Bredendieck war mit der amerikanischen Bauhäuslerin Virginia Weisshaus verheiratet), wo er Kurse am New Bauhaus in Chicago gab, avancierte Bredendieck zu einem der Hauptexporteure der Bauhausgedanken und war ein zentraler Akteur in der Industriedesignausbildung in den USA.

Sehr anschaulich und praktisch orientiert gestaltete sich der Beitrag von Klaus Struve über Schreibtisch- und Arbeitsplatzleuchten der Firma Körting und Mathiesen (Kandem). Mit großer Kennerschaft zeigte Struve anhand funktionstüchtiger Originale die Entwicklung der Leuchten ausgehend von der Lampe ‚Midgard‘, die ihrerseits am Bauhaus eingesetzt wurde, auf. Struve identifizierte mehr als 20 Leuchten, an deren Formfindung Hin Bredendieck und Hermann Gautel beteiligt waren.

„Das Nachwirken der Bauhaus-Idee nach 1945“ bildete das Thema des letzten Panels, das anhand des Vortrags Michael Siebenbrodts (ehem. Klassik Stiftung Weimar) behandelt wurde. Siebenbrodt erläuterte u.a. das Wirken der Bauhäusler Hubert Hoffmann, Hans Hoffmann-Lederer, Rudolf Ortner, Gustav Hassenpflug, Peter Keler und Konrad Püschel in Weimar sowie deren Engagement für die Neuformierung und den Wiederaufbau einer am Bauhaus orientierten Kunstschule in der sowjetischen Besatzungszone. Zuletzt vollführten Rudolf Fischer (Archiv der Avantgarden, Dresden) und Bernd Dicke (FH Dortmund) eine „Forschungsimprovisation für zwei Sprecher“. In ihrer anschaulichen und kurzweiligen Darbietung mit dem Titel „Stahl(-rohrmöbel) überall: Celle, Hannover, New York“ diskutierten sie die Verbreitung und Produktion von Stahlrohrmöbeln in der Provinz.

Die vielseitigen Vorträge, die im Laufe des Symposiums präsentiert wurden, lieferten zahlreiche neue Erkenntnisse zum Einfluss des Bauhauses abseits der Kernorte Weimar, Dessau und Berlin. Mit einer lebendigen und konstruktiven Diskussionsatmosphäre bot die Tagung einen fruchtbaren Boden des wissenschaftlichen Austausches und leistete einen substantiellen Beitrag zur Vorbereitung des Bauhaus-Jubiläums im Jahr 2019.

Recommended Citation:
Mareike Lepszy: [Conference Report of:] Das Bauhaus in der Provinz (Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Oldenburger Schloss, Nov 2–03, 2017). In: ArtHist.net, Dec 12, 2017 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/16973>.

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