Berghorn, Frauke: Kontrast oder Verschmelzung? Bauen mit Ruinen heute

Rezensiert von: Ralf Dorn, TU-Darmstadt

„Kontrast oder Verschmelzung?“, diese Frage stellte sich Frauke Berghorn in ihrer gleichnamigen, an der TU Dortmund eingereichten Dissertation, die die Ruine als Gegenstand der zeitgenössischen Architektur zum Thema hat. In ihrer Einleitung nennt sie sogleich mögliche Motive für den Umgang mit Ruinen in heutiger Zeit: Ist es das „Wachhalten oder Erneuern von Erinnerungen“, der „Modernen-Verdruss“, oder handelt es sich gar einzig und allein um „Prestigebauten“ (1), die keinerlei Motive einer Identitätsbildung verfolgen? Berghorn geht der Frage nach, auf „welche Art und Weise Architekten in der letzten Dekade in Deutschland mit Ruinen umgegangen sind“ (2) und führt drei Untersuchungsbeispiele an, die erst vor wenigen Jahren einem weitreichenden Umbau unterzogen wurden: die Kunsthalle St. Annen in Lübeck, das Kolumba Kunstmuseum des Erzbistums Köln sowie das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel.

Drei Ruinen und zugleich drei Museumsbauten nimmt Berghorn in den Blick, wobei der Bautyp des Museums offensichtlich auch ein Auswahlgrund war, aber nicht begründet wird. Zudem weisen alle drei Fallbeispiele eine unterschiedliche Denkmalwerdung auf. Bei der Kunsthalle St. Annen ist es die Brandzerstörung einer Klosterkirche im 19. Jahrhundert, die bald darauf zur Einbindung in einen Museumskomplex führte, während das Kölner Museum Kolumba aus einem berühmten Kapellenbau der Nachkriegszeit (Gottfried Böhms Madonna in den Trümmern) innerhalb eines im Zweiten Weltkrieg zerstörten mittelalterlichen Klosterkomplexes hervorging und schließlich das Neue Museum Friedrich August Stülers, das, als Kriegsruine durch die DDR-Regierung nur notdürftig gesichert, ein jahrzehntelanges Schneewittchendasein führte und erst vor wenigen Jahren seine spektakuläre Auferweckung erfuhr.

Doch bevor sich Berghorn mit den Untersuchungsbeispielen beschäftigt, beleuchtet sie die bisherigen Strategien im Umgang mit Ruinen, ein Problem, dass sich seit Anbeginn der Baukunst und der Tatsache ihrer mutwilligen oder natürlichen Zerstörung im Laufe der Jahrhunderte stellt. Dabei spielt der Erhalt wichtiger Teile zerstörter Baudenkmäler eine wesentliche Rolle für deren (Bau-)Geschichte. Vier Kategorien sollen den heutigen Umgang mit Ruinen beleuchten: auf der einen Seite steht der konservatorische Erhalt der Ruine, auf der anderen deren kompletter Abriss, womit die beiden äußeren Extreme benannt sind. Dazwischen liegen zwei Kategorien, die zum einen die Ergänzung und zum anderen die Rekonstruktion des historischen Gebäudes zum Ziel haben. Sind Alt und Neu, wie es die Charta von Venedig fordert, in kontrastierender Weise voneinander abzusetzen, oder neigt man heute stärker zu einer Abmilderung derartiger Kontraste, hin zu einer Verschmelzung historischer Schichten und einer „Ästhetisierung der Ruine“ (5)? Für alle vier Kategorien findet Berghorn in ihren Ausführungen entsprechende Fallbeispiele.

Die Strategien im Umgang mit Ruinen, jenseits der „gepflegten Ruine“ oder ihres Abrisses, die Berghorn mit Beispielen erläutert, sind die Ergänzung der Ruine durch Neubau sowie deren Rekonstruktion. Für eine Ergänzung durch Neubau unterscheidet sie die titelgebenden Begriffe ästhetischer „Kontrast“ und ästhetische „Verschmelzung“. Die durch die Charta von Venedig festgelegten Grundsätze des Wiederaufbaus fordern eine Ergänzung in zeitgenössischen Formen, die jedoch Nachteile mit sich bringen, indem Alt und Neu deutlich voneinander getrennt werden und die Ruine stark isolieren (27). Das Gegenstück bietet die ästhetische Verschmelzung, was jedoch den Wiedererkennungswert der Ruine schmälert. Nachfolgend kommt Berghorn auf das neuralgische Thema der Rekonstruktion zu sprechen, für die sie die schlichte Unterteilung „in alten Formen“ sowie „in neuen Formen“ findet (43ff.). Das herausragende Exempel der ersten Kategorie bildet die Dresdner Frauenkirche, das der zweiten der in historisierenden Formen wiederaufgebaute Prinzipalmarkt in Münster. „Nach diesem theoretischen und summarischen Überblick der Strategien“ (56) folgen die genannten Fallbeispiele.

Am schwierigsten erscheint der Umgang mit der Kölner Kapelle „Madonna in den Trümmern“ von Gottfried Böhm, der mit ihr bereits eine Lösung für das Ruinenthema in der frühen Nachkriegszeit lieferte. Doch der 1997 ausgeschriebene Architekturwettbewerb nahm von dieser Lösung, trotz der Erhaltung der Kapelle, Abstand. Denn Zumthors „Integration“ der Kapelle gelang schlussendlich nicht, so dass deren Innenraum und seine bekannten Glasfenster heute das Tageslicht entbehren und als Erinnerungsort nunmehr „aus dem städtebaulichen Umfeld verschwunden“ (141) sind. In Lübeck befleißigte man sich der Ästhetisierung einer Ruine, ähnlich wie in Berlin. Dort gelang, trotz eines uneinheitlichen Konzepts seitens des Architekten (201f.), die Rekonstruktion des Neuen Museums. Berghorn findet für diese Uneinheitlichkeit nüchterne Worte wie „schwierig zu erkennen“ und „zu undifferenziert“. Trotz der an einigen Stellen mangelnden Transparenz seines Konzepts gelang Chipperfield die Erhaltung der Gesamtstruktur des Gebäudes und seiner einzelnen Fragmente. Erst zum Ende des Kapitels verweist Berghorn auf den für dieses Thema so wichtigen Erinnerungsdiskurs. Dieser spielte in den letzten Jahren eine immer wichtigere Rolle und findet in der Denkmalpflege im Zusammenhang mit der Rekonstruktionsdebatte verstärkt Aufmerksamkeit. [1]

Dass die Lektüre zuweilen ein wenig ermüdend ist, liegt nicht an den behandelten Bauten, sondern vielmehr an der Tatsache, dass die Autorin zu sehr an deren Wettbewerbsgeschichte klebt. Müssen denn tatsächlich alle preisgekrönten Entwürfe ausführlich diskutiert werden? Sie besitzen im Zusammenhang mit Berghorns Fragestellung nur einen geringen Mehrwert. Darüber geht der Fokus der Arbeit ein wenig verloren. Hinzu kommt, dass die Abbildungen – formatbedingt – wenig aussagekräftig sind. Die Schwerpunktsetzung auf den Begriff der Ruine verschleiert zudem die Tatsache, dass Berghorn, wenn sie über dieselbe schreibt, in einem Atemzug die Rekonstruktion mitzudenken hat. Man kann sich fragen, ob die Arbeit ausschließlich an der Ruine festgemacht werden sollte, oder eigentlich ein Beitrag zum kontroversen Thema der Rekonstruktion darstellt? So hätte der Untertitel beispielsweise auch „Rekonstruktionen heute“ lauten können.

Hinsichtlich des Haupttitels ist ebenfalls zu fragen, ob der Wandel im Bauen mit Ruinen sich im Laufe der Jahrzehnte nicht immer weiter weg vom Kontrast und hin zu einer Verschmelzung entwickelt hat und damit auch hin zur reinen Rekonstruktion? Berghorn spricht angesichts dieser Tatsache von „symbiotischen Lösungen“ (211). Und überhaupt: Müssen es zwangläufig immer Ruinen sein, wo heutzutage doch immer mehr historische Bauten ohne Zerstörungen derartige Ergänzungen und Umbauten erfahren? Die Um- und Nachnutzung historischer Gebäude als Gegenstand der zeitgenössischen Architektur ist ja keineswegs allein nur auf die Ruine beschränkt. Somit bleibt das Thema also weiterhin in der Diskussion und könnte zudem eine Ausweitung vertragen.

Anmerkung
[1] Kappel Kai; Müller, Matthias (Hrsg.): Geschichtsbilder und Erinnerungskultur in der Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts. Regensburg 2014.

Empfohlene Zitation:
Ralf Dorn: [Rezension zu:] Berghorn, Frauke: Kontrast oder Verschmelzung? Bauen mit Ruinen heute, Berlin 2016. In: ArtHist.net, 04.11.2017. Letzter Zugriff 24.11.2017. <https://arthist.net/reviews/16658>.

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Berghorn, Frauke: Kontrast oder Verschmelzung? Bauen mit Ruinen heute, Berlin: Logos Verlag 2016
ISBN-13: 978-3-8325-4341-9, 220, XXXVIII S., EUR 44,50

Rezension veröffentlicht am: 04.11.2017

Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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