Mittelstädt, Ina: Wörlitz, Weimar, Muskau

Rezensiert von: Michael Niedermeier, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

I. Die drei zum Weltkulturerbe zählenden Gartenanlagen von Wörlitz, Weimar und Muskau stehen im Zentrum der Studie von Ina Mittelstädt, die damit ihre am Institut für Germanistik der Technischen Universität Dresden verteidigte Dissertation im Druck vorgelegt hat. Mit ihrem Untersuchungsansatz verfolgt sie eine auf unsere unmittelbare Gegenwart zielende Wirkungsabsicht. Frau Mittelstädt orientiert sich damit direkt an dem amerikanischen Journalisten Chris Hedges. In „Empire of Illusion“ habe er gezeigt, dass die Demokratie in den USA „von der Macht der Konzerne“ unterhöhlt würde, „indem diese bis an den Persönlichkeitskern des Einzelnen rührende Illusionen“ erzeugten und dadurch die Öffentlichkeit ihren Interessen dienstbar machten (402). Mit ihrer Arbeit verfolgt Frau Mittelstädt ein vergleichbares Ziel. Denn auch Fürsten sei es gelungen, das Publikum bis heute mit Hilfe des Scheincharakters ihrer Gärten zu manipulieren. Die bürgerliche Aufklärung des 18. Jahrhunderts und die liberale Öffentlichkeit des 19. Jahrhunderts hätten sich von den Verheißungen, die die „Revolution“ in der Gartenkunst mit sich brachte, täuschen lassen, und die aristokratisch Legitimations- und Repräsentationsabsichten als Bestätigung ihrer eigenen Ideale und Freiheitssehnsüchte gänzlich missverstanden. Sie argumentiert „gegen den sonst üblichen Blick auf die Geschichte des Landschaftsgartens“ (14), dem allgemein eine „Fehlinterpretation von fürstlichen Parks in Deutschland als Gärten der Freiheit“ (46) zugrunde liege.

Indem die Autorin die drei sehr unterschiedlichen Gartenbesitzer beispielhaft als antidemokratische Aristokraten zu entzaubern sucht, erhält ihr Buch zwangsläufig den Charakter eines sehr langen Essays. Dem argumentativen Zugriff geht es nicht um die historisierende ausdifferenzierende Analyse von Gartenkunstwerken einer lang zurückliegenden Epoche unter Ausleuchtung der komplizierten privaten, dynastischen und politischen Konstellationen, in den sich die jeweiligen herrschaftlichen Protagonisten befanden. Die Autorin zielt mit ihrem Ansatz vielmehr auf aktuelle Anwendbarkeit, indem sie sich als Adressatin und Akteurin in den Prozess des Erforschens ihrer Gegenstände unmittelbar einbezieht. „Diese Studie ist kein Plädoyer gegen das Genießen von historischen Gärten. Die Parks von Wörlitz, Weimar und Muskau sind wundervolle Orte, an denen ich großartige und glückliche Tage verbracht habe. Leopold Friedrich Franz ist für mich immer noch faszinierend (…); Pückler durch die Auseinandersetzung mit ihm überhaupt erst interessant geworden. Die Beschäftigung mit dem Ilmpark hat mich Goethe ganz neu entdecken lassen.“ „Dass die drei Gärten lange dazu beigetragen haben, eine gerechte Gesellschaft mit Chancen für Menschen wie mich zu verhindern, ändert nichts daran, daß ich sie mit Begeisterung und Genuss besuche (…). Im Sinne einer wirklich freiheitlichen und demokratische Gesellschaft“ sei es jedoch notwendig, „die Inszenierungen und Suggestionen im Auftreten und in den Gärten der drei Fürsten zu hinterfragen“(409).

Es ist tatsächlich zutreffend, dass die von der Forschung in den 1970er und 1980er Jahren entwickelten, heute manchmal recht vereinfachend eindimensional, mitunter klischeehaft wirkenden Thesen von der „Gartenrevolution“ und den liberalen kleinen Aufklärungsfürsten als Vorläufern einer liberalen Gesellschaft noch heute von der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, aber auch manchen anderen Kunst- und Gartenhistorikern kaum hinterfragt zur öffentlichen Bewerbung der Gartenanlagen benutzt werden. Die Publikation der Kulturstiftung zum Themenjahr 2017 heißt von neueren Untersuchungen unbeeindruckt „Toleranz mit Franz“.

Aber für die wissenschaftliche Forschung allgemein zu behaupten, sie hätte die herrschaftliche Dimension bisher kaum berücksichtigt, wirkt irreführend. Mit floskelhaften Bemerkungen wie „oft werde behauptet“ (z.B. 9, 49) o.ä. hilft sich die Autorin über die Notwendigkeit hinweg, die Forschungssituation präzise zu erfassen. Eine eingehendere Darstellung der Forschungslage hätte allerdings auch das Konzept der Autorin als nicht tragfähig offenbar werden lassen. Ohnehin offenbart das Literaturverzeichnis auffallende Lücken und einen stark selektiven Zugriff. Ein Großteil der bereits seit längerem vorliegenden Studien, die zentral die herrschaftlich-dynastischen und „privaten“ Strategien in den fürstlichen Landschaftsgärten nicht nur in Wörlitz, Weimar und Muskau, sondern auch Gärten der europäischen Hocharistokratie thematisieren, bleiben entweder ungenannt oder werden zwar beiläufig einmal kurz lobend erwähnt, nicht aber in ihrem grundlegenden Forschungsansatz ausgewertet. Das Unterkapitel „Zum bisherigen Forschungs- und Erkenntnisstand“ umfasst daher nur wenige Seiten, wobei die Autorin zur Darstellung der Forschungsliteratur der drei Gartenanlagen jeweils mit kaum mehr als einer Buchseite auskommt und hier nur kursorisch formuliert. So entsteht z.B. der völlig falsche Eindruck, als habe Ana-Stanca Tabarasi in ihrer umfassenden Studie „Der Landschaftsgarten als Lebensmodell. Zur Symbolik der 'Gartenrevolution' in Europa“ (2007) den politischen Charakter der Gärten gar nicht wahrgenommen und diskutiert. Der 1999 von Richard Saage und Eva-Maria Seng herausgegebene Band „Von der Geometrie zur Naturalisierung“ taucht in der Argumentation nicht auf, obgleich auch hier zentral Thematisches von Frau Mittelstädts Dissertation in den Blick genommen worden ist, nämlich Utopie und Macht im frühen herrschaftlichen Landschaftsgarten, insbesondere untersucht am Beispiel des Wörlitzer Gartens. Der Band wurde vom Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) an der Martin-Luther-Universität Halle publiziert, an dem auch die Dessau-Wörlitz-Kommission institutionell verankert ist. Die Kommission, die die Autorin nur einmal kurz erwähnt, gibt seit vielen Jahren insbesondere der Aufklärungs-, Garten- und Residenzforschung zum „Gartenreich Dessau-Wörlitz“ durch ihre Jahrestagungen und Publikationen viele grundlegende Impulse. Noch in jüngerer Zeit fanden, von Frau Mittelstädt unerwähnt, in Wörlitz Tagungen zum politischen Gehalt der Neugotik in den Gärten (2012) und zur „Politischen Gartenkunst“ (2013) statt. Der Name der Literaturwissenschaftlerin Jana Kittelmann, die zu Pücklers Selbstinszenierungen 2010 ihre herausragende Dissertation zur Literarisierung und Publikation privater Reisebriefe Hermann von Pückler-Muskaus und Fanny Lewalds publiziert hat und weitere auf der Auswertung umfangreicher, bis dato nicht gesichteter Quellenbestände fußende innovative Studien vorgelegt hat, taucht im Literaturverzeichnis ebenfalls nicht auf. Unerwähnt bleibt auch das von 2005 – 2012 an der Humboldt-Universität angesiedelte DFG-Teilprojekt „Angestammte Antiken. Die Erfindung des »englischen« Gartens und seine Voraussetzungen“, das dezidiert über die „Bild- und Gartenprogramme deutscher Fürstenhöfe des 18. Jahrhunderts“ und damit zu Gartenanlagen wie Wörlitz, Weimar, Gotha, Muskau und Branitz geforscht und publiziert hat, wobei insbesondere die genealogisch-herrschaftliche Ausrichtung der Gärten als eine gezielte politische Besetzung der Landschaft im Fokus stand. Mit essayistischer Großzügigkeit werden allerdings wesentliche Kernaussagen der Arbeitsgruppe oder der in den Publikationen der Dessau-Wörlitz-Kommission erschienenen Forschungen über die herrschaftliche Semantik einzelner Bauten und Inszenierungen dieser Gärten umstandslos als gegeben dargestellt (z.B. zum politischen Gehalt der Neugotik, zu fiktiven vor- und frühgeschichtliche Denkmälern, zum [geheimen] Fürstenbund oder zur Rolle der philanthropischen Pädagogik). Die Autorin macht dabei aber nicht wirklich kenntlich, dass diese Untersuchungsansätze nicht originär von ihr selbst stammen. Einem Essay darf man einen kursorischen Umgang mit der Forschungsliteratur nachsehen, einer wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeit nicht.

Das Ziel der Dissertation sei es nicht gewesen, eine form-, stil-, motiv- oder ideengeschichtliche Systematisierung der drei Anlagen zu liefern, sondern „die Rekonstruktion des konkreten Inhalts und Sinns dreier einzelner Parks“ (44). Um einen spezifisch „literaturwissenschaftlichen“ Zugang zur Gartenthematik zu begründen, postuliert sie, dass den Gartenlandschaften ein Code-System zwischen Sender und Empfänger zugrunde läge, das bestimmte verborgene Botschaften der Erbauer und Besitzer beinhalte. Vereinzelt eingestreute Metaphern von einem „Parktext“ der Anlagen, dessen „Gewebe“ und „Fäden“ durch literaturwissenschaftliches Herangehen zu entschlüsseln wären (100), lassen allerdings kein überzeugendes methodisches Konzept erkennen, die Komplexität der politischen und kulturellen Situation der mindermächtigen Herrschaften in den Blick zu bekommen. Die Autorin stützt sich bei ihrer Untersuchung vor allem auf die kaum dokumentierten Erziehungsbiographien der drei Protagonisten. Aber auch sie vermag es nicht, hierzu neue Quellen vorzulegen oder ein belastbares narratives Verfahren aufzuzeigen, um Inhalt und Sinn der Gärten in einem „literarischen Text“ zusammenziehen. Sie behilft sich daher auffallend häufig mit Adjektiven wie „wahrscheinlich“, „vermutlich“, „denkbarerweise“, „möglicherweise“. Die Gärten selbst, ihre Bauten, Ausstattungen und räumlichen Inszenierungen werden, anders als es der Bildteil des Buches erwarten lässt, nicht systematisch auf ihre sich im historischen Entstehungsprozess immer wieder verändernden Bedeutungsebenen hin befragt und analysiert. Es werden nur einzelne statisch erscheinende „Sinnebenen“ herausgearbeitet.

Die Interessen und Motive der herrschaftlichen Besitzer, die sich in jeweils unterschiedlichen privaten, politischen, dynastischen, ökonomischen und regionalen Konstellationen bewegten, bricht sie letztlich herunter auf eine angeblich intendierte antidemokratische Funktion einer bewusst inszenierten Erzeugung von Illusionen. Sie ignoriert in ihrer Betrachtung zudem die wichtige Tatsache, dass die Wörlitzer Anlagen zum Landsitz eines Fürsten an der Grenze zum mächtigen Nachbarn Preußen gehörten, und daher anderen Bedingungen und Funktionssetzungen gehorchen musste als der Weimarer Ilmpark, der vor der Residenzstadt Weimar entstand und den dortigen, sich über die Zeiten hin immer wieder wandelnden lokalen Rahmenbedingungen angepasst worden ist. Kaum beachtet bleibt zudem der Umstand, dass die beiden kleinen Reichsfürsten Franz von Anhalt-Dessau und Carl August von Sachsen-Weimar nicht mit dem eine Generation jüngeren Standesherren Pückler auf einer sozialen Ebene standen, und dass die jeweiligen Gärten immer wieder neu auf unterschiedliche dynastische, politische und historische Bedingungen reagierten, die sich eben nicht auf einen abstrakt festgeschriebenen Gegensatz Aristokratie/Bürgertum, reaktionärer Absolutismus und bürgerliche Emanzipationsbewegung reduzieren lassen. Die jeweiligen, von standestypischer Heiratspolitik mitbestimmten privaten und zuweilen erotischen Intentionen eines herrschaftlichen Besitzers, die dann in einzelnen Gartenszenerien ihren Niederschlag gefunden haben, werden an keiner Stelle in ihrer durchaus verallgemeinerbaren epikuräischen Aussage benannt oder in Bezug gesetzt zu gelegentlich damit verfolgten politischen Absichten des Erbauers (z.B. die gezielte Einflussnahme von Fürst Franz auf den preußischen Thronfolger Friedrich Wilhelm). Erotische Sujets erscheinen allein als Belege für aristokratische Libertinage als Rechtfertigungsversuche für die „tierische“ Triebhaftigkeit der Herrscherpersönlichkeiten (bes. 114ff., 141). Dominieren in den frühen 1770er Jahren in Wörlitz beispielsweise kathartisch-empfindsame Tugend- und Lasterkonzepte, werden unter den sich wandelnden privaten, dynastisch-familiären und politischen Rahmenbedingung der folgenden Jahrzehnte ganze Teile der Anlage neu gestaltet oder neu semantisiert.

II. Die Autorin geht in jedem der drei Hauptkapitel, die sich den Wörlitzer Anlagen, dem Park an der Ilm und Muskau bzw. ihren herrschaftlichen Erbauern widmen, nach dem gleichen Schema vor. Sie betrachtet den jeweiligen Erziehungsweg der drei gartengestaltenden Protagonisten Fürst Franz von Anhalt-Dessau, Herzog Carl August von Sachsen-Weimar und Hermann von Pückler-Muskau und versucht ihren, angeblich von „bürgerlichen“ Werten geprägten Erziehungshintergrund an den politischen Realitäten ihrer späteren Herrschaft zu messen. Das Ergebnis scheint dann bei allen drei Fürsten – wenn auch mit Abstufungen – ähnlich: Alle drei hätten trotz ihrer „bürgerlichen Erziehung“ (z.B. 239) nur vorgegeben, sich an aufklärerisch-emanzipatorischen Werten zu orientieren. „Um Forderungen nach einer institutionalisierten und professionellen Regierung abzuwenden, musste er [Fürst Franz von Anhalt-Dessau - M.N.] jedoch selbst glaubhaft, die von ihm entworfene Rolle des ‚Landesvaters‘“ auszufüllen versuchen, „doch zu einem Muster für andere Fürsten im bürgerlichen Zeitalter konnte diese Rolle wegen ihrer enorm hohen Anforderungen an die persönliche Disziplin nicht werden. Auch Carl Augusts und Pücklers ambitionierten Erziehern gelang es nicht, die beiden zu solchen Persönlichkeiten zu formen – obwohl sie sich an den Ideen und Anleitungen des Philanthropismus orientiert haben (…).“ (397) Die Autorin ist dabei einem älteren Emanzipations- und Verbürgerlichungskonzept verhaftet, bei dem historische Textzeugen und kulturelle Bildfindungen nivellierend als Folien eines abstrakten gesellschaftlichen Fortschrittsverlaufs betrachtet wurden. Als unterkomplex stellt sich ihr Herangehen heraus, wenn sie die Leistung eines Fürsten nach den pädagogischen Ansätzen der sie einst erziehenden Lehrer zu bewerten versucht, beim Anhaltischen und Sachsen-Weimarer Fürsten kann dabei ein Einfluss des Philanthropismus schon aus rein chronologischen Gründen ausgeschlossen werden.

Dafür, dass der Philanthropismus den Fürsten Franz später persönlich irgendwie geprägt haben könnte, gibt es jedoch ebenfalls keinerlei belastbare Anhaltspunkte. Eine durchgehende aufgeklärt-bürgerliche Sinnebene des Wörlitzer Gartens lässt sich ebenfalls nicht quellenfest mit dem Einfluss der Philantropen auf den Fürsten begründen.

Auch bei Herzog Carl August von Sachsen-Weimar wird eine philanthropische Erziehung unterstellt, die Erziehung zu bürgerlichen Werten wie Disziplin, Fachwissen, Fleiß und Tugend habe aber auch bei den wenig ausgeprägten Talenten Carl Augusts wenig gefruchtet. Selbst die Einflussnahme von Geistesgrößen wie Wieland oder Goethe hätten seinen Hang zu Vagabundismus, Abenteuer- und Jagdlust, Ruhelosigkeit und Vergnügungssucht nicht mildern können. Dieser Gegensatz zwischen Fürst und aufgeklärten bürgerlichen Geistern wird mit selektiv herangezogenen Textstellen von Goethe und anderen zu belegen versucht. Als entscheidenden Zeugen für die Krise des Landschaftsgartens als einer Inszenierung des bloßen Scheins von Naturfreiheit und des drastischen Illusionsverlusts in die Verbesserungsfähigkeit des Fürsten Carl August führt die Verfasserin schließlich Karl Ludwig von Knebel ins Feld. In seinem Gedicht „Die Wälder“ (1799) habe er eine „Kampfansage“ gegen eine „korrumpierte Gesellschaft“ (271) durch seinen vollzogenen Rückzug in die ursprüngliche Natur formuliert. Er, der einst selbst in die Parkgestaltung in Tiefurt und Weimar einbezogen war, habe schließlich dem Scheincharakter des inszenierten Landschaftsgartens – dem „besuchteren Park“ – eine entschiedene Absage erteilt. Wenn Knebel in dem Gedicht „Die Wälder“ von „Knechtschaft“ spricht, meinte er allerdings nicht, wie von der Autorin unterstellt, die Fürstenherrschaft in Deutschland, sondern er hält die alte Freiheit der Germanen der Gefahr einer möglichen Franzosenherrschaft entgegen. In dem Nachsatz zu der auch von Frau Mittelstädt benutzten Textausgabe des Gedichtes im „Neuen Teutschen Merkur“ gibt Knebel nämlich unmissverständlich seinem Gedicht die Deutungsrichtung: „Gegenwärtiges Gedicht wurde vor mehr als dritthalb Jahren, zu einer Zeit verfertiget, wo die französische Nazion, die so viel von sich erwarten gemacht (…) von einer häßlichen Herrschaft zur noch schlechtern überzugehen schien, und, durch die trefflichen Friedenshändler zu Rastadt, die teutsche Nazion mit verachtendem Uebermuth verhöhnen ließ.“ (S. 165) Der Wald Knebels ist der 'teutsche' Wald, der aus der Erinnerung an die germanische Vorzeit in der größten Not dem Reich Kraft und Hoffnung stiften soll. Sogar das gesamte „Rastatter Cogreß Taschenbuch für 1799“ ist ganz den alten Germanen und Hermann, „dem Keruskischen Fürsten“ gewidmet, „dem Teutschland es zu danken hat, daß es ein von dem Römer unabhängiger Staat blieb“ (Vorbericht, S.11).

Ein Vergleich der beiden fürstlichen Gärten mit der zeitlich eine Generation später begonnenen Anlage und nur in Anfängen ausgeführten Muskauer Parks hätte grundsätzlich mit der ins Auge fallenden und von der Forschung diskutierten Tatsache konfrontiert werden müssen, dass Pückler schon sehr früh, nämlich um 1825, seine Überlegungen zur Anlegung einer großen Parkanlage in Muskau konzeptionell der Einrichtung einer großen Kuranlage, dem „Hermannsbad“, untergeordnet hatte. Pückler-Muskau wollte sein „Hermannsbad“ zu einem hochmodischen Treffpunkt der europäischen Prominenz, insbesondere der russischen Oberschicht entwickeln, und so seinem Ländchen und seiner Standesherrschaft Wohlstand und Ansehen bringen. Die Begründung für das Scheitern der hohen Pläne des Fürsten Pückler wird vor allem in seinen, für einen Adligen standestypischen Charakterschwächen gesucht: Anders als allgemein behauptet, habe er nie liberale, soziale oder demokratische Überzeugungen entwickelt (365). Pücklers labilem Charakter sei es zuzuschreiben, dass auch in literarischen Texten nicht „die in der bürgerlichen Gesellschaft so zentralen Werte des Fleißes und der Selbstdisziplin“ (383) favorisiert erscheinen, sondern der Kultivierung seiner schwierigen und exzentrischen Charakterzüge und einem adligen Genussstreben der Vorzug eingeräumt worden sei. „Ausdruck davon ist auch die Anlage eines repräsentativen Parks.“ (392) Dabei stellt die Verfasserin die Selbstaussagen von Hermann von Pückler-Muskau, dass er durch die permanente Vernachlässigung durch seine Eltern nie eine eigentlich kontinuierliche Erziehung genossen habe, als Selbststilisierung und Legende dar. Immerhin habe er ja Unterricht von sehr aufgeklärten Pädagogen genossen und war an fortschrittlichen Schulen wie der Stadtschule in Dessau unterrichtet worden. Zum Hofmeister des jungen Pückler sei sogar Johann Andreas Tamm berufen worden, „der sich völlig der Aufklärung verschrieben hatte“ und sogar gegen Leibeigenschaft und Erbuntertänigkeit der Untertanen angekämpft habe. Der Autorin entgeht dabei allerdings der nicht unwichtige delikate Umstand, dass dieser tugendhafte, den bürgerlichen Werten verpflichtete aufgeklärte Geistliche Tamm seinen Dienst in Muskau deshalb hatte quittieren müssen, weil er ein intimes Verhältnis mit Pücklers junger Mutter eingegangen war. Ulf Jacobs kluge Analysen von Pücklers Auseinandersetzung mit dem Saint-Simonismus zur Erhellung seiner gartenkünstlerischen Unternehmungen werden leichthin abgefertigt und auch nur als Versuch einer Selbstlegitimation Pücklers interpretiert. Pücklers Kritik der kapitalistisch-technologischen Fortschrittsgläubigkeit wird ebenfalls nur als eigensüchtiger Versuch gewertet, seine eigenen Standesprivilegien zu erhalten.

So richtig es ist, ein breiteres öffentliches Bewusstsein dafür zu befördern, dass die von Zeitgenossen und Aufklärern hymnisch gefeierten frühen Landschaftsgärten zwar ein Versprechen der kleinen Fürsten auf die Wiederkunft eines zu erwartenden „goldenen Zeitalters“ (Goethe) zu transportieren schienen, sie aber in erster Linie die Ideen ihrer herrschaftlichen Erbauer repräsentierten, so wenig hilfreich ist eine klischeehaft wirkende Entgegensetzung von bürgerlicher Emanzipationsbewegung und rückwärtsgewandter Adelslegitimation. Gärten sind hochkomplexe kulturelle Zeugnisse ihrer Zeit. Neben der Notwendigkeit, die Forschung künftig auf eine breitere Quellenbasis zu stellen, bedarf es eines unvoreingenommenen interdisziplinären Zugangs zu diesen historischen Landschaftsentwürfen, um ihre semantische Vielschichtigkeit in den Blick zu bekommen.

Empfohlene Zitation:
Michael Niedermeier: [Rezension zu:] Mittelstädt, Ina: Wörlitz, Weimar, Muskau. Der Landschaftsgarten als Medium des Hochadels (1760–1840), Köln, Wien 2015. In: H-ArtHist, 30.05.2017. Letzter Zugriff 23.06.2017. <https://arthist.net/reviews/15675>.

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Mittelstädt, Ina: Wörlitz, Weimar, Muskau. Der Landschaftsgarten als Medium des Hochadels (1760–1840), Köln, Wien: Böhlau Verlag 2015
ISBN-13: 978-3-412-22481-3, 470 S., 69.90 EUR, Inhaltsverzeichnis

Rezension veröffentlicht am: 30.05.2017

Redaktion: Livia Cárdenas

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