Liturgical Life and Latin Learning at Paradies bei Soest, 1300-1425

Rezensiert von: Yvonne Arras, Tübingen

Aus dem ehemaligen Dominikanerinnenkloster Paradies bei Soest, 1252 gegründet und 1808 säkularisiert, sind mehrere illuminierte Chorbücher des 14. und 15. Jahrhunderts von herausragender Qualität erhalten geblieben. Da derart opulente Relikte von der musikalischen Kultur der mittelalterlichen Dominikanerinnen rar sind, weckten diese Bücher bereits vor Jahrzehnten das Interesse der Forschung.[1] Einer umfassenden, modernen wissenschaftlichen Ansprüchen Genüge leistende Untersuchung wurde das Ensemble indes noch nicht unterzogen. Das vorliegende Opus erfüllt nun dieses Desiderat in fulminanter Art und Weise.

Zehn Jahre hat das interdisziplinäre Autorenkollektiv die Codizes unter kunsthistorischen, musikwissenschaftlichen und theologischen Gesichtspunkten erforscht. Ergebnis ist ein wahrhaft gewichtiges Monument von 1417 überwiegend bebilderten Seiten im Großfolioformat verteilt auf zwei Bände, inklusive mehreren hundert Farbtafeln und umfangreichen Quelleneditionen. Kurz: Eine Publikation, die im Bereich der Forschungsliteratur zu Frauenklöstern bereits hinsichtlich der Ausstattung ihresgleichen sucht.

Gegenstand des Werks sind vor allem ein zweiteiliges Antiphonar aus dem frühen 14. Jahrhundert, ein Graduale aus dem Ende des 14. Jahrhunderts und ein um 1420 zu datierendes Graduale. Diese Bücher, die heute in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf aufbewahrt werden, stammen aus dem Kloster Paradies. Berücksichtigt wurde außerdem ein für den dominikanischen Brüderkonvent in Dortmund hergestelltes Graduale, welches sich noch heute in der dortigen, ehemaligen Klosterkirche, der heutigen Probsteikirche, befindet. Darüber hinaus flossen verstreute Fragmente aus unterschiedlichen Zeiträumen in die Studie ein, deren Provenienz aus Paradies vernutet wird. [2]

Der erste Band besteht aus 28 Kapiteln, die sich auf sechs Themenbereiche („parts“) verteilen. Zunächst (11-90) werden Gründung und Entwicklung („growth“) des Klosters Paradies geschildert. Infolge der Fragestellung der Studie bildet hierbei die Konturierung der „intellectual horizons“ der Klosterfrauen einen Schwerpunkt (43-90) der Darstellung. Diesen geistigen Horizont versuchen die Autoren und Autorinnen anhand der Ausbildung der Klosterfrauen in den „Convent Schools“, wie auch durch Analyse des aus dem unweit gelegenen Dominikanerinnenkloster in Lemgo erhaltenen Bibliothekskatalogs zu extrapolieren.

Teil zwei (93-207) widmet sich der ehemaligen Paradieser Klosterbibliothek. Neben einer aus archivalischen Quellen geschöpften Darlegung von deren Zerstreuung nach der Säkularisation (93-109), werden hier vor allem die fünf Chorbücher kodikologisch und inhaltlich beschrieben, die Gegenstand der Arbeit sind.

Die Teile drei bis sechs beschäftigen sich mit inhaltlichen Aspekten dieser Chorbücher, wobei freilich deren liturgische Funktion im Mittelpunkt des Interesses steht. So fokussieren die drei Kapitel des dritten Teils auf Lieder und Gesänge, die von den geistlichen Frauen dargeboten wurden. Ausführlicher diskutiert wird dabei unter anderem die Sequenz zum bekanntlich auf Thomas von Aquin zurückgehenden Fronleichnamsfest, deren Entstehung und Einführung im Sangesrepertoire der Dominikanerinnen. Da den sehr musikwissenschaftlich unterfütterten Ausführungen dieses Teils im Wesentlichen das Graduale zugrunde liegt, ruht der Schwerpunkt auf der dominikanischen Liturgie der Messe.

Von der künstlerischen Ausstattung handeln schließlich die Teile vier bis sechs. Aus kunsthistorischer Perspektive an die zuvor gebotene musikwissenschaftliche Erörterung anknüpfend, werden nun die annähernd 500 Miniaturen des Graduales und das aus floraler Ornamentik bestehende „visual framework“ (288) der einzelnen Seiten erläutert (285-497). Die stilistischen Überlegungen dienen auch zur Untermauerung der Datierungsthese des Buches auf 1375–1380. Die Reihenfolge dieser Darlegung ist der Chronologie des Kirchenjahres verpflichtet und beginnt daher mit der Adventszeit. Anschließend führt ein umfangreicher Abschnitt die im Kloster kultivierte Heiligenfrömmigkeit vor Augen (501–732). Das letzte Kapitel des Buches analysiert die künstlerische Ausgestaltung der Inschriften, die auf den Seiten in Form von „nomina sacra“, Schriftbändern, etc. erscheinen (735–766). Diese Inschriften – z.B. biblische Verse – sind deswegen bemerkenswert, weil sie von theologischen Kenntnissen der Nonnen zu zeugen scheinen. Eine konzentrierte Zusammenfassung aller Kapitel beschließt Band eins.

Band zwei des Werks beinhaltet Editionen der für die Ausarbeitungen des ersten Bandes herangezogenen Quellen (3–93) und Bildtafeln. Letztere beanspruchen den mit 432 Seiten weitaus größten Raum des 636 Seiten umfassenden zweiten Bandes, welcher auch eine Bibliographie und Indices umfasst.

Durchgängig spürt man die Ambitionen, die die Autoren und Autorinnen auf dieses Opus verwendet haben. Und zweifellos vermögen sie die Liturgie der mittelalterlichen Dominikanerinnen mit einer bisher nicht gekannten Detailgenauigkeit darzulegen. Deshalb liegt vor allem hierin der Wert des Werks: Es ist eine liturgische Fundgrube und kann in dieser Hinsicht sicherlich als neues Standardwerk bezeichnet werden.

Gleichwohl: Etwas weniger Pathos und mehr Rationalität hätten vielleicht auch den kritischen Blick geschärft. Zunächst ist festzustellen, dass die Vorstellung von hochgebildeten Klosterfrauen, welche die vorliegende Studie vermittelt, sehr genau die Auffassung reflektiert, zu der die internationale Frauenklosterforschung in den vergangenen Jahren gelangt ist. Indes beruht Vieles in dem Werk lediglich auf Hypothesen. Ob die Frauen tatsächlich alles selbst und aus eigenem Ermessen heraus geschrieben haben, ist ebenso wenig gesichert, wie die Ansicht, die Nonnen hätten die Illustrationen aus ihrem gleichermaßen nur vermuteten theologischen Wissensfundus heraus gemalt. Völlig außer Acht bleibt dabei die Rolle der Seelsorger, die für die Paradieser Nonnen zuständig waren. Der Hinweis auf den Anteil von Albert Magnus an der Gründung von Paradies ist wenig zweckmäßig, weil die Bücher teils mehr als hundert Jahre später entstanden sind. Die Dominikaner, die in jener Zeit für die cura der Schwestern verantwortlich zeichneten, hätte stärker berücksichtigt werden müssen – wenn es denn überhaupt Ordensleute waren.

Sodann staunen die Autoren offenbar darüber, wie sich der Konvent derart prachtvolle Bücher leisten konnte. [3] Doch muss hierzu festgestellt werden, dass liturgische Bücher in Klöstern schlicht notwendig waren; Instrumente, wodurch die Frauen überhaupt in die Lage versetzt wurden, den Chordienst zu verrichten. Die Anschaffung solcher Bücher ist also keine Frage des Sich-leisten-könnens, sondern sie betrifft die elementare Aufgabe einer monastischen Einrichtung.

Außerdem ist die Methodik problematisch. Das Buch zielt darauf, die Bildung der Nonnen anhand ihrer Bibliothek quasi abzulesen. Und die untersuchten Chorbücher werden dabei offenbar als klostereigenes Bibliotheksgut betrachtet. Jedoch stammt zum einen der herangezogene Bibliothekskatalog gar nicht aus Paradies, sondern aus dem benachbarten Lemgo. Zum andern gehörten liturgische Bücher nicht zur „Klosterbibliothek“, denn sie hatten im Chor des jeweiligen Konvents ihren festen Platz. Aufgrund von Größe und Gewicht dieser Bücher ist ein ständiger Transport zu den täglichen Chordiensten undenkbar.

Entsprechend der in der Literatur vorherrschenden Vorstellung einer geschlossenen Konventsbibliothek, die alle im Kloster befindlichen „Bücher“ beherbergte, findet in dieser Studie eine Verquickung von Lektürestoff und Liturgie statt. Fraglich ist, ob diese Konstruktion den realhistorischen Sachverhalten tatsächlich gerecht wird. Es mag in den im 19. Jahrhundert angelegten Inventarverzeichnissen von Klosterbibliotheken die Rede sein. Doch steht deswegen noch lange nicht fest, dass dies im Mittelalter so war. Diesbezüglich sollte nicht einfach zurückprojiziert werden.

Problematisch ist schließlich auch, dass entschieden wurde, die einzelnen Beiträge nicht mit dem jeweiligen Autornamen zu versehen. Grund dafür ist die enge Kollaboration des Kollektivs, weswegen mehrere Kapitel von mehreren Autoren geschrieben wurden. Der Verzicht auf Namen führt indes dazu, dass der Leser ständig in der Einleitung (die sehr ausführlich ist) nachschlagen muss, um in Erfahrung zu bringen, von wem die jeweilige Passage stammt – bei einem Buch dieser Größe und diesen Umfangs ein durchaus aufwändiges Verfahren. Es ist auch deswegen unglücklich, weil die Verweise darüber hinaus fehlerbehaftet sind. Susan Marti beispielsweise hat nicht etwa in Part II die Kapitel 2 und 3 geschrieben, wie es auf S. XI heißt, sondern die Kapitel 4 und 5. Überhaupt weist das Buch zahlreiche Orthographiefehler auf.

Zwar hätte gerade dieses Projekt Raum geboten, um einige Fragen der Frauenklosterforschung kritischer zu reflektieren. Aber insgesamt wird das Werk seinem Anspruch gerecht, denn es bietet der Forschung zur Liturgie der Dominikanerinnen umfangreiches, neu erschlossenes Material sowie Reflexionen und damit eine Anlaufstelle, derer sie bisher ermangelte.

[1] Brigitte Berkenkamp: Zwei Bände eines Antiphonars aus dem Kloster Paradies bei Soest: Ein Beitrag zur westfälischen Buchmalerei um 1300, (Diss.) München 1967.
[2] Über die in der Houghton Library der Harvard University befindlichen Fragmente publizierte Hamburger bereits, vgl. etwa Leaves from Paradise: The Cult of John the Evangelist at the Dominican Convent of Paradies bei Soest, hg. von Jeffrey Hamburger, Cambridge/Ma. 2008 (Houghton Library Studies 2).
[3] Vgl. dazu auch Eva Schlotheuber: Bücher aus Frauenhand. Die Chorbücher der gelehrten Dominikanerinnen aus Paradiese [!] bei Soest, in: „Das Paradeis fanden wir…“ Streifzüge durch die Bücherwelten der ULB Düsseldorf, hg. v. Irmgard Siebert, Frankfurt am Main 2017 (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Sonderband 121), S. 219-235, hier S. 221.

Empfohlene Zitation:
Yvonne Arras: [Rezension zu:] Hamburger, Jeffrey F.; Schlotheuber, Eva; Marti, Susan; Fassler, Margot (Hrsg.): Liturgical Life and Latin Learning at Paradies bei Soest, 1300-1425. Inscription and Illumination in the Choir Books of a North German Dominican Convent, Münster 2016. In: ArtHist.net, 28.11.2017. Letzter Zugriff 12.12.2017. <https://arthist.net/reviews/15005>.

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Hamburger, Jeffrey F.; Schlotheuber, Eva; Marti, Susan; Fassler, Margot (Hrsg.): Liturgical Life and Latin Learning at Paradies bei Soest, 1300-1425. Inscription and Illumination in the Choir Books of a North German Dominican Convent, Münster: Aschendorff Verlag 2016
ISBN-13: 978-3-402-13072-8, 1.441 S., 178,00 EUR

Rezension veröffentlicht am: 28.11.2017

Redaktion: Livia Cárdenas

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