Jensen, Lotte: Vieren Van Vrede

Rezensiert von: Anna Lisa Schwartz, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Verfasserin: Anna Lisa Schwartz, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg (Projekt „Repräsentationen des Friedens im vormodernen Europa“. Dissertationsprojekt „Vivat Oranje!“ – Die Darstellung des Friedens von Aachen (1748) in der Republik der Vereinigten Niederlande (Arbeitstitel)

Der vorliegende Band entstand am Ende der Projektlaufzeit von "Proud to be Dutch. The Role of War and Propaganda Literatur in the Shaping of an Early Modern Dutch Identity, 1648–1815".[1] Die Projektgruppe untersuchte darin die Entstehung und Entwicklung eines niederländischen Identitätsgefühls. In der modernen Nationalismusforschung steht vor allem das 19. Jahrhundert im Fokus, weshalb sich das Projekt zur Aufgabe gemacht hat, die Forschungslücke für die Vormoderne zu schließen. Hierfür wurde in drei Teilbereichen der Einfluss von Krieg und Propagandaliteratur auf das nationale Selbstbildnis untersucht. Lotte Jensen, Niederlandistin und Dozentin für niederländische Literatur an der Radboud Universität Nimwegen, betrachtete in ihrem Teilprojekt Gelegenheitsschriften, die nach der Unterzeichnung von Friedensverträgen entstanden. Der Band mit dem Titel (in Übersetzung) „Frieden feiern. Die Entstehung der niederländischen Identität“ synthetisiert nun die Ergebnisse, die die Autorin während der Projektlaufzeit bereits in Einzelstudien vorlegen konnte.

Das Thema ‚Krieg und Frieden‘ bildet in kulturwissenschaftlichen Disziplinen, besonders seit den 1980er-Jahren, einen eigenen Forschungsgegenstand. Neben der großen Europa-Ausstellung "1648. Krieg und Frieden in Europa" bedachten literaturwissenschaftliche Forschungen vor allem Gelegenheitsschriften und Aufführungen rund um den Frieden von Münster (1648). [2] Weiteren Friedensverträgen wurde bisher wenig bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt und die Frage nach einem niederländischen Identitätsbewusstsein kaum gestellt. [3]

Ausgehend von der Beobachtung, dass Krieg und Friede ein „perpetuum mobile“ der Vormoderne bilden (S. 7), widmet sich Jensen neun Friedensschlüssen, an welchen die Niederlande beteiligt waren. Gerade nach der Ratifizierung der Verträge begann eine Reflexion über die Rolle des eigenen Landes im europäischen Mächtegefüge. Besonders Friedensfeiern boten mit ihren Lobliedern Gelegenheit in eine positive Zukunft zu blicken, aber auch eine Plattform zur politischen Propaganda. Als multimediale Ereignisse beschränkten sich Friedensbilder nicht nur auf die Literatur. Vor allem in Reproduktionsmedien wie Druckgraphik und Medaillen entwickelte sich parallel eine eigene Bildsprache. Sie sollte nicht – wie bisher häufig – isoliert betrachtet werden. Erst in der Gegenüberstellung von Text- und Bildproduktion eröffnen sich die thematischen Schwerpunkte der Friedensfeiern, für die Jensen im Bereich der Literatur ihre Studie vorgelegt hat.

Die Untersuchungsspanne beginnt 1648, in dem Jahr, in dem sich der nördliche Teil der Niederlande vertraglich von der spanischen Herrschaft löste und damit die "Republik der Vereinigten Niederlande" ihr rechtliches Fundament erhielt. Knapp 170 Jahre später wurde 1815 auf dem Wiener Kongress das "Königreich der Vereinigten Niederlande" unter Führung König Willems I. geschaffen, welches den Norden und Süden wieder vereinen sollte. In diesem Zeitraum sind für Jensens Fragestellung folgende Verträge relevant: Westminster (1654), Breda (1667), Nimwegen (1678), Rijkswijk (1697), Utrecht (1713), Aachen (1748), Paris (1783) und Amiens (1802).

Lange kursierte in der Forschung die Ansicht, der Nationalismus sei ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass gerade die Schaffung gemeinsamer Ursprungslegenden und die Kultivierung nationaler Symbole bereits vor dem genannten Jahrhundert ihren Beitrag zum nationalen Identitätsbewusstsein lieferten. Symbole und Metaphern kursierten neben Bildmedien vor allem in der Literatur. Zwei Grundthesen der modernen Nationalismusforschung bilden den Ausgangspunkt für Jensens Untersuchung. Eric Hobsbawm und Terence Ranger prägten den Begriff der "Invented Tradition", der die Schaffung eines historischen Bewusstseins durch gemeinsame Rituale und Ursprungsmythen konstatiert. Das von Benedict Anderson eingeführte Konzept der "Imagined community" spricht den Medien eine entscheidende Rolle bei der Genese eines nationalen Gemeinschaftsgefühls zu: Es entstehe ab jenem Moment, in dem eine Gruppe auf die gleiche literarische Quellen, etwa Bücher und Zeitungen, zurückgreifen könne. [4]

In vielen Texten, die anlässlich des Münsteraner Friedens entstanden, spielt das Motiv des goldenen Zeitalters eine zentrale Rolle. Dies gilt besonders für Joost van den Vondels Schauspiel "Leeuwendalers" (Amsterdam 1647), in welchem er arkadische Symbole mit ebendiesem Motiv verknüpfte. Er lieferte somit ein Idealbild der Niederlande, welches später durch andere Autoren wieder aufgegriffen werden sollte. Eng damit verbunden, prägten zwei weitere Motive das nationale Selbstbild dieser Zeit: die Konstruktion einer vaterländischen Vergangenheit, in der das Herrscherhaus Oranien eine zentrale Position einnimmt, und die Religion. Jensen zeigt hier, wie vor allem calvinistische Autoren Vergleiche zum auserwählten Volk Israel anstellen und somit die Befreiung aus der spanischen Herrschaft göttlicher Verantwortung zuschrieben.

Der Friede von Breda (1667) beendete den zweiten Englisch-Niederländischen Krieg, der für die Republik wieder neue See- und Handelswege öffnete. So feiert ein Großteil der in diesem Kontext entstandenen Texte den neuen Wohlstand und die Helden der Seeschlachten. Vor allem Michiel de Ruyter, dessen Führung den entscheidenden Sieg in der Schlacht von Chatham brachte, wurde etwa in Joannes Antonides van der Goes’ "Bellone aen Bant" (Amsterdam 1667) bedacht. Jensen stellt aber auch den provokanten Ton vieler Schriften fest. 1650 hatte die erste statthalterlose Periode begonnen, welche durch einen geheimen Zusatzartikel im Vertrag von Breda bestätigt wurde. So spiegeln auch die Texte die inländische Spannung zwischen Befürwortern der oranischen Statthalterschaft und den Republikanern auf Seiten Johan de Witts.

Die schockierenden Ereignisse des "Rampjaar" 1672, in dem die Republik durch französische Belagerungen stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, dominieren die Schriften anlässlich des Friedens von Nimwegen (1678). Jensen veranschaulicht weiterhin das Wiederaufgreifen von Inhalten aus dem Umfeld des Friedens von Münster. Auf diese Weise wurde auf ein besonderes Wir-Gefühl rekurriert, das positiven Einfluss auf die Bildung einer niederländischen Identität ausübte. Dies bot sich vor allem durch die neue politische Führung an, denn seit 1672 hatte das Land mit Willem III. wieder einen Statthalter aus dem Hause Oranien. Zwar konzentriert sich auch hier die literarische Produktion hauptsächlich auf Amsterdam, doch Jensen konnte bereits leichte Begriffsverschiebungen nachweisen. So ist in Gover Bidloos Stück "Vertooningspel op de Vreede" (Amsterdam 1678) zwar die Personifikation der Provinz Holland Wortführer, spricht aber für „gantsch Neerland“ (S. 66).

Die zwei folgenden Friedensschlüsse weisen laut Jensen einen eher europäischen Blickwinkel auf. Besonders durch die osmanische Bedrohung und die Gründung der Heiligen Allianz nach der Belagerung von Wien spielten Europa und der christliche Glaube eine zentrale Rolle in den Friedenstexten von Rijswijk (1697). Die „pax christiana universalis“ tauchte bereits in anderen Friedenstexten auf, rückte nun aber in eine deutlich europäische Perspektive (S. 73). Jensen kann hier – unabhängig von Republikanern und Oraniern – drei verschiedene Verwendungen des Europabegriffs nachweisen, wobei einige Autoren die „pax christiana“ lediglich im Protestantismus erfüllt sahen.

Nach dem Frieden von Utrecht (1713) stammen mehr als zwei Drittel der Gelegenheitsschriften nicht mehr aus Amsterdam. Jensen belegt durch eine Verschiebung in der Semantik etwa zu „Neerlandts Staatendom“ oder „de Zevenstaat“, dass die Autoren hier aus einer nationalen Perspektive sprechen. Neben etablierten Topoi entstehen nun auch pastorale Schriften, wie etwa Johanne Schróders "Leeuwendal herders-zang op den vrede" (Leiden 1713), der sich mit dem Titel explizit auf Joost van den Vondel bezog. Wenn auch nur in geringer Anzahl, konnte Jensen erstmals kritisch-satirische Gelegenheitsschriften ausfindig machen.

Im Österreichischen Erbfolgekrieg richtet sich die Perspektive wieder auf die landesinternen Konflikte und erhält ein oranisches Couleur. 1742 verfasste Willem van Haren das Gedicht "Lof der Vrede" (Den Haag), in dem er nicht nur für Friedenssicherung, sondern auch für den Kriegseintritt der Republik auf Seiten Österreichs plädierte. Zugleich forderte er die Unterstützung des friesischen Statthalters Willem Karel Hendrik Friso. Van Haren konstruierte in seinem Werk den Begriff des „wahren Friedens“ (S. 117), der sich nur durch den Einhalt der ruhmessüchtigen europäischen Herrscher gewährleisten ließe. Van Harens Propaganda zeigte 1743 schließlich Wirkung, in dem die Generalstaaten nach England auf Seiten Maria Theresias in den Krieg eintraten.

Ein Jahr vor dem Frieden von Aachen (1748) erhielten die Niederlande mit Friso – seit Regierungsantritt Willem IV. – wieder einen Oranier zum Statthalter, dessen Amt damit auch erblich wurde. Im „Wonderjaar“, wie es einige Autoren nannten, fielen die Säkularfeier des Friedens von Münster, das Ende des Österreichischen Erbfolgekrieges und die Geburt des Erbprinzen zusammen. Jene Ereignisse führten zu einer Schwemme von Lobgedichten und damit patriotischer Literatur (S. 127). Jensen legt in diesem Kapitel dar, wie eine Parallelisierung der vaterländischen Geschichte mit Etappen des Achtzigjährigen Krieges erfolgte. Explizit nutzten Schriftsteller das Motiv des goldenen Zeitalters, womit sie auf die Blüte der Republik nach 1648 verwiesen.

In den letzten beiden Kapiteln verzeichnet Jensen einen Wechsel im nationalen Selbstbild. Der Friede von Amiens (1802) beendete den Krieg mit England und brachte für die "Batavische Republik" wieder freien Seehandel. Jensen begegnet in den Texten allerdings kein etabliertes Vokabular – im Gegenteil: Vermehrt griffen die Verfasser auf französische Revolutionsparolen zurück. Den größten Bruch sieht sie in dem völligen Ausbleiben von Verweisen auf die vaterländische Vergangenheit, wohingegen nun Napoleon Bewunderung findet.

Mit dem Wiener Kongress (1815) hatte sich die politische Situation in den Niederlanden erneut verändert. Willem Frederik war im März dieses Jahres zum König gekrönt worden. Unter seiner Herrschaft wurde das "Vereinigte Königreich der Niederlande" aus den ehemals nördlichen und südlichen Provinzen wieder zusammengeführt. Jensen kann zwei Zeiträume herausarbeiten, in denen das nationale Gemeinschaftsgefühl neue Impulse erhielt: nach der Königsproklamation und der Schlacht von Waterloo. Eine Auswertung der Texte zeigte, dass nach Waterloo zwar die niederländische Freiheit besungen, seltener jedoch auf die südliche Gebietsaneignung eingegangen wird. Jensen konstatierte hier eine klare Diskrepanz im Nationalgefühl. Während Schriftsteller der ehemals nördlichen Provinzen den Sieg der Belgier und Bataver (gemeint ist der ehemalige Norden) in Lobgesängen feiern, sprechen die südlichen Autoren vor allem von den heldenhaften Taten der belgischen Soldaten.

Jensen konnte mit ihrer Untersuchung erstmals flächendeckend in einer literarischen Gattung zeigen, dass sich die „imagined communities“ nicht erst nach 1800 ausbildeten. Nach beinahe jedem Friedensschluss wurden positive Zukunftsvisionen durch Autoren transportiert, die das Gemeinschaftsgefühl stärkten (S. 187). In Anbetracht der Fülle des Materials schafft es Lotte Jensen ein leicht lesbares Überblickswerk zum Thema vorzulegen, das die Bezeichnung als Handbuch verdient. Die Einleitung zur Nationalismusforschung ist kurz und prägnant gehalten, liefert aber die wichtigsten Forschungsthesen, die sie in ihren Kapiteln aufgreift und auf ihre Untersuchungsergebnisse anzuwenden versteht. Alle Kapitel bieten eine Einführung, klar strukturierte Hauptthesen und eine Zusammenfassung, die Rückbezüge auf vorangehende Ausführungen gestattet. Zudem meistert sie den Umgang mit politisch-historischen Fakten und Informationen zu den einzelnen Autoren, was bei der Spanne von beinahe 170 Jahren Untersuchungszeitraum keine Selbstverständlichkeit ist. Einziger Kritikpunkt ist die Präsentation des Bildmaterials, das meist zusammenhangslos bis illustrativ den Kapiteln beigefügt oder hinten angestellt ist.

Im Rahmen des Projekts "Proud to be dutch" lieferte Jensen bereits zahlreiche Publikationen zu den einzelnen Friedensverträgen, sodass dieser Band nicht als tiefgreifendes Abschlusswerk, sondern vielmehr als Überblick über das gesamte Forschungsfeld zu verstehen ist. Für die "Peace Studies" ist "Vieren van Vrede sowohl auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft als auch für alle kulturwissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit nationaler Identitätsbildung beschäftigen, eine Bereicherung. Umso erfreulicher ist es, dass der Band in diesem Frühjahr auch in englischer Übersetzung erscheinen wird.

[1] http://www.proudtobedutch.org/ [zuletzt aufgerufen am 28.12.16].
[2] Bußmann, Klaus; Schilling, Heinz (Hg.), 1648, Krieg und Frieden in Europa, 3 Bde., Europarat-Ausstellung 26, München 1998. Lademacher, Horst; Groenveld, Simon (Hg.), Krieg und Kultur, Die Rezeption von Krieg und Frieden in der Niederländischen Republik und im Deutschen Reich 1568–1648, Münster 1998. Gier, J. de (1998), „Den krijg is uitgebannen“, De Vrede van Munster in de poëzie, in: Henk van As und C. R. van den Berg (Hg.), Vrede, vrijheid, vaderland, Nederlandse protestanten en de Vrede van Munster. Rotterdam 1998, S. 150–171.
[3] Ausgenommen sind die aktuellen Studien zum Frieden von Utrecht, etwa Bruin, Renger E. de; Haven, Cornelis van der; Jensen, Lotte; Onnekink, David (Hg.) (2015): Performances of Peace, Utrecht 1713, Leiden, Boston 2015. Haks, Donald (2013), Vaderland en vrede, 1672–1713, Publiciteit over de Nederlandse Republiek in oorlog, Hilversum 2013.
[4] Hobsbawm, Eric; Ranger, Terence, The Invention of Tradition, Cambridge 1983. Anderson Benedict, Imagined Communities, London 1983.

Empfohlene Zitation:
Anna Lisa Schwartz: [Rezension zu:] Jensen, Lotte: Vieren Van Vrede. Het onstaan van de Nederlandse identiteit, 1648–1815, Nimwegen 2016. In: H-ArtHist, 14.02.2017. Letzter Zugriff 19.02.2017. <https://arthist.net/reviews/14776>.

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Jensen, Lotte: Vieren Van Vrede. Het onstaan van de Nederlandse identiteit, 1648–1815, Nimwegen: Vantilt, Uitgeverij 2016
ISBN 9789460042874, 232 Seiten, 19,90 €

Rezension veröffentlicht am: 14.02.2017

Redaktion: Hans Georg Hiller von Gaertringen

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