Liturgische Realien: Widmaier: Taufbecken | Mauss: Weihwasserbecken

Reviewed by: Christian Hecht

In den letzten Jahren sind – meist als Dissertationen – eine ganze Reihe kunsthistorischer Untersuchungen zu liturgischen Realien entstanden. Das ist sehr zu begrüßen. Und so wird man auch die drei vorliegenden Arbeiten von vornherein positiv beurteilen. Bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat der Jesuit Joseph Braun (1857–1947) seine grundlegenden Werke vorgelegt, in denen er die liturgische Gewandung (1907), den Altar (1924), das Altargerät (1932) und die Reliquiare (1940) behandelte. Braun verfügte über ideale Voraussetzungen, um seine Themen zu behandeln. Er war sowohl Theologe als auch Kunsthistoriker, und er hatte in Kindheit und Jugend eine Liturgie erlebt, deren Zelebranten von Lehrern ausgebildet worden waren, die ihre Prägung zum Teil noch im 18. Jahrhundert erfahren hatten. Vielleicht gerade deshalb besaß Braun – was man vielleicht nicht erwarten würde – wissenschaftliche Distanz zu seinen Themen. Ein Apologet des Barock war er jedenfalls nicht. Die distanzierte Haltung Brauns ergab sich schon aus der jesuitischen Tradition, in der die Pflege der Liturgie nicht zentral ist. Außerdem kannte Braun außerordentlich viele Quellen. Sprachschwierigkeiten im Umgang mit altsprachlichen Texten kannte er nicht. Mit anderen Worten: Braun bewegte sich in seinen Themenbereichen völlig problemlos. Er beherrschte sie geradezu. Noch ein Vorteil soll nicht verschwiegen werden: Braun hatte zwar einige Vorläufer, trotzdem war er auf seinem Feld eigentlich immer der erste. Er war auch kein Doktorand mehr, sondern hat sich als erfahrener Wissenschaftler „großen“ Themen zugewandt, für die er von vornherein genügend Schlüsselbeispiele aussagekräftige Quellen kannte. Das alles wurde hier dargelegt, weil Jörg Widmaier und Cordula Mauß die Bearbeitung ihrer „kleineren“ Themen unter ungünstigeren Voraussetzungen begonnen haben als Joseph Braun – und trotzdem zu überzeugenden Ergebnissen gelangt sind.

Bereits 2016 veröffentlicht wurde Jörg Widmaiers Dissertation zu figürlichen Taufbecken des Mittelalters. Die 2015 mit dem Promotionspreis der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen ausgezeichnete Arbeit behandelt nicht nur, wie der Titel besagt, Fragen zu einigen figürlichen Taufbecken, sondern stellt eine Reihe von Untersuchungen zu Taufe und Taufbecken zusammen, so werden etwa Darlegungen zur mittelalterlichen Taufe in Beziehung gesetzt mit den berühmten romanischen Taufbecken von Lüttich und Freckenhorst. Weiterhin gibt es Fallstudien zu den weniger bekannten Taufbecken in Dortmund-Brackel (St. Johannes der Täufer), Dortmund-Aplerbeck (St. Georg), Bochum (St. Peter) und Beckum-Vellern (St. Pankratius). Ein kurzer Exkurs widmet sich dem Bronzetaufbecken des Hildesheimer Doms. Das eigentliche Fundament der Arbeit sind jedoch die langen Listen der Blaustein-Taufbecken des Rhein-Maas-Schelde Gebiets – deutlich über 300 Objekte – und der Taufbecken des Bentheimer Typs – ungefähr 150 Objekte. Dieser Materialreichtum garantiert den bleibenden Wert der vorliegenden Studie, denn die letztgenannten Taufbecken werden in einer wirklich repräsentativen Weise zusammengestellt. Außerdem entsteht ein genaues Bild sowohl der sich ausprägenden Pfarrstrukturen des hohen Mittelalters als auch der Werkstätten, die in der Lage waren, derartige, oftmals durchaus anspruchsvoll gestaltete Taufbecken herzustellen und wohl auch zu transportieren. Eine Stärke der vorliegenden Arbeit resultierte aus der Benutzung der entscheidenden Quellen zur spätantiken und hochmittelalterlichen Tauftheologie und -liturgie. Doch besaß der Verfasser nicht mehr Joseph Brauns sichere Kenntnis des Lateinischen, wie etwa die Übersetzungen der Inschriften des Lütticher Taufbeckens zeigen. Als Beispiel sei auf die im Original schwer lesbare Inschrift zur Taufe des Johannes verwiesen. Diese ist am ehesten zu rekonstruieren als „HOS LAVAT HINC [?] MONSTRAT QVIS MVNDI CRIMINA TOLLIT [?]“. Schwierig sind „hinc“, das sicher für „hunc“ steht, und „tollit“, das auch als „tollat“ gelesen werden könnte, dennoch ist der Vers ungefähr zu übersetzen mit: „Diese wäscht er; [und] diesen zeigt er, der die Sünden der Welt hinwegnimmt.“ Tatsächlich bietet Widmaier auf S. 95 eine Übersetzung, die der hier vorgeschlagenen nahekommt, nachdem er aber auf S. 91 eine fehlerhafte Übersetzung abgedruckt hat: „Er wäscht jene; hier zeigt es sich, dass er die Sünden der Welt entfernt.“ (S. 91)

Trotz der positiven Bewertung des vorliegenden Werkes sind einige Punkte kritisch anzumerken, an erster Stelle der etwas unübersichtliche Aufbau: Das Problem, die drei unterschiedlichen Bereiche – Massenstudie, exemplarische Analysen und Textuntersuchungen – zwischen zwei Buchdeckeln unterzubringen, ist jedenfalls nicht vollständig bewältigt worden. An zweiter Stelle sei die schwere Lesbarkeit des Textes erwähnt, denn leider wurde auf eine sprachliche Endredaktion verzichtet, sonst wären Sätze wie der folgende sicher nicht stehengeblieben: „An besagtem Feldzug nahm gleichsam der Lütticher Bischof Otbert teil, der mit großer Wahrscheinlichkeit Beutekunst in den Norden wandern ließ.“ (S. 84).

2018 veröffentlichte Cordula Mauß ihre 2012 in Bonn vorgelegte Dissertation über Weihwasserbecken. Diese Arbeit soll hier an zweiter Stelle genannt werden, da sie sich thematisch gut an die eben genannte anschließt. Weihwasserbecken gibt es in unüberschaubarer Menge. Daher war es nötig, Abgrenzungen vorzunehmen. Die Verfasserin beschränkt sich auf italienische Arbeiten des 15. und 16. Jahrhunderts. Von den ungefähr 20.000 Objekten, die Cordula Mauß „gesichtet“ hat (S. 148), verzeichnet ihr Katalog 372. Einen gewissen Schwerpunkt bilden die Stücke aus Florenz und der übrigen Toskana. Der Katalog ist der Kern der Arbeit und wird sicher für lange Zeit die wichtigste einschlägige Zusammenstellung sein. Besonders hervorzuheben ist die Transkription der allerdings nicht sehr zahlreichen Inschriften, die in wenigen Einzelfällen, sogar Aussagen zum Gebrauch des Weihwassers machen.

Die Arbeit beginnt mit Ausführungen zur Geschichte des Weihwassergebrauchs. Das war nicht leicht zu bewerkstelligen, denn einerseits ist die heidnische Vorgeschichte, die die Verfasserin nicht übergehen wollte, sehr unübersichtlich, andererseits fehlen für die frühchristliche Zeit wirklich aussagekräftige Quellen. Für die frühe Neuzeit sind jedoch genügend liturgische Texte vorhanden, die vielleicht direkt hätten zitiert werden sollen statt aus der Sekundärliteratur. Die entsprechenden Abschnitte (bes. S. 18f.) sind leider etwas unübersichtlich ausgefallen und werden in einem nachgeschobenen Kapitel (S. 142–146) ergänzt. Der Weihwassergebrauch in der lateinischen Kirche ist nicht leicht zu systematisieren, da Wasser zur Taufe, zu allen Segnungen sowie zur Aspersion beim Eintreten in den Kirchenraum verwendet wird. Mit dieser Selbstaspersion verwandt ist die vor dem sonntäglichen Hochamt vom Priester zu vollziehende Aspersion, zu der die Antiphon „Asperges me“ gesungen wird. Für die vorliegende Arbeit hätte es genügt, die Selbstaspersion am Kircheneingang zu erwähnen sowie die Aspersion von Grabstätten, denn einige der hier betrachteten Weihwasserbecken sind für diesen Zweck bestimmt. Eine ausführliche historische Darlegung zu Theologie und Praxis des Weihwassers konnte jedoch nicht geleistet werden. Trotzdem enthalten die betreffenden Passagen wichtige Bemerkungen sowie einige schöne Funde. So erwähnt die Verfasserin etwa einen 1624 im zweiten Band der „Bavaria sancta“ veröffentlichten Kupferstich Raphael Sadelers d.J. (S. 25) Das Blatt, das die Vita der seligen Richildis illustriert, zeigt einen Kirchenraum, in dem eine Frau offensichtlich gerade dabei ist, einem Kind den Gebrauch des großen Weihwasserbeckens zu erklären.

Den theologischen Ausführungen schließt sich ein kurzer Abschnitt zu den Grundformen der Weihwasserbecken. Die Verfasserin begnügt sich sinnvollerweise mit einer Dreiteilung: freistehende Becken, Wandweihwasserbecken sowie Mischformen. Danach behandelt sie „Dekorationen und Ikonographien“ sowie „Material und Materialikonologie“. Die Stärke dieser Abschnitte liegt in der Darbietung bisher kaum beachteter Kunstwerke. Gelungen sind dabei insbesondere die genauen Ornamentbeschreibungen. Ein wichtiges Kapitel behandelt die Inschriften, die sicherheitshalber meistens nur paraphrasiert und nicht übersetzt wurden. Generell bemüht sich die Verfasserin um eine Kontextualisierung des Weihwasserbeckens, weshalb sie sich ausführlich den räumlichen Verhältnissen widmet, und zwar unter der Überschrift „Das Weihwasserbecken im und als Raum“, wobei man gern noch genauer erfahren hätte, wie „als Raum“ zu verstehen ist. Zu den gelungensten Passagen gehören schließlich die Darlegungen über das Weihwasserbecken als Stiftungsobjekt. In diesen Zusammenhang stehen auch einige Bemerkungen zu Weihwasserbecken, die zu Grabdenkmalen gehören. Hier hätten allerdings einige kurze Bemerkungen zum reichem Weihwassergebrauch in der Totenliturgie erklären können, wieso diese Kombination so sinnvoll ist. Etwas abrupt schließt sich das achte Hauptkapitel an, das in exemplarischer Weise einige Fragen behandelt, die den künstlerischen Stellenwert von Weihwasserbecken tangieren. Es geht u.a. um Erwähnungen in der Kunstliteratur, um Vertragsformulierungen und um lombardische Künstler, die vom Friaul bis nach Sizilien einige Weihwasserbecken gefertigt haben. Noch abrupter ist dann der Übergang zum bereits erwähnten letzten Kapitel, in dem nochmals Fragen des Gebrauchs thematisiert werden.

Cordula Mauß hat schwieriges Neuland erschlossen. Das kann ihr gar nicht hoch genug angerechnet werden. Aber weil sie keine gebahnten Wege gehen konnte, kam es hin und wieder zu kleineren Schwierigkeiten, die aber den Wert der vorliegenden Arbeit nicht schmälern können. Man wird auf jeden Fall der Verfasserin zustimmen, wenn sie ihr Resümee beendet mit den Worten: „Für zukünftige Forschungen mag diese Studie nun eine Grundlage bieten.“

Recommended Citation:
Christian Hecht: [Review of:] Widmaier, Jörg: Artefakt - Inschrift - Gebrauch. Zu Medialität und Praxis figürlicher Taufbecken des Mittelalters (= Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie; 7), Büchenbach 2016; Mauß, Cordula: Weihwasserbecken des 15. und 16. Jahrhunderts in Italien. Gestaltung, Funktion, Bedeutung (= Römische Studien der Bibliotheca Hertziana; 42), München 2018. In: ArtHist.net, Feb 25, 2020 (accessed Sep 21, 2020), <https://arthist.net/reviews/14194>.

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Widmaier, Jörg: Artefakt - Inschrift - Gebrauch. Zu Medialität und Praxis figürlicher Taufbecken des Mittelalters (= Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie; 7), Büchenbach: Verlag Dr. Faustus 2016
ISBN-13: 978-3-946387-02-2, 408 Seiten, 59.00 EUR, Inhaltsverzeichnis

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Mauß, Cordula: Weihwasserbecken des 15. und 16. Jahrhunderts in Italien. Gestaltung, Funktion, Bedeutung (= Römische Studien der Bibliotheca Hertziana; 42), München: Hirmer Verlag 2018
ISBN-13: 978-3-7774-3053-9, 328 S., EUR 98.00, Inhaltsverzeichnis

Review published: Feb 25, 2020

Editor: Livia Cárdenas

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