Wolfgang Pehnt: Die Plangestalt des Ganzen

Reviewed by: Ralf Dorn (TU-Darmstadt), Darmstadt

Interpretierender Denkmalpfleger, Theoretiker des Bauens, Kölner Generalplaner und deutscher Kirchenbauer, dies sind nur einige Aspekte, unter denen sich der Architekt Rudolf Schwarz (1897-1961) betrachten läßt. Schwarz steht im Zentrum von Wolfgang Pehnts Buch „Die Plangestalt des Ganzen“. Es gibt Aufschluß über die schwierige und faszinierende Persönlichkeit des „Baumeisters“ (8) in neun aus Vorträgen und Aufsätzen hervorgegangenen Kapiteln. Der erste Teil des Buches ist übertitelt mit „Aufgaben“, darin behandelt Pehnt in vier chronologisch aufeinander folgenden Kapiteln wichtige Stationen im Werk des Architekten. Der zweite Teil ist überschrieben mit „Vorbilder, Freunde und Begleiter“. In fünf ebenfalls chronologisch angeordneten Kapiteln berichtet Pehnt über wichtige Wegbegleiter des Kölner Architekten, so Hans Poelzig, Dominikus Böhm, Emil Steffann, Walter Gropius und das Dessauer Bauhaus sowie Oswald Mathias Ungers.

Bereits in seiner ersten Baumaßnahme ab 1924, der Burg Rothenfels, die Schwarz für die katholische Jugendbewegung „Quickborn“ umbaute, erregte der „Burgbaumeister“ große Aufmerksamkeit. Die „Gralsburg der Neuen Zeit“ (Romano Guardini) wird „von oben bis unten durchentworfen“ (12), so Schwarz in einem Brief an seine Mutter. Der Umbau geriet zu einer purifizierenden Maßnahme, die aus heutiger Sicht nur wenig denkmalgerecht erscheint. Dazu Pehnt: „Die moderne Bewegung in Architektur und Design war überall von Reinigungsakten und Verzichtserklärungen begleitet; hier wurden sie moralisch und theologisch begründet.“ (13)

Im Gegensatz zur Baupraxis blieb Schwarz in seinen theoretischen Schriften oftmals unverstanden. Erratische Neologismen wie „Edelkeit“, „Wesenswissen“ oder „Wunschgewalt“ (36) erschweren dem Leser den Zugang zu seinem Denken. Auch Pehnt muss bekennen: „Das macht die Lektüre seiner Texte nicht leicht.“ (36) In jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Thema entwickelte Schwarz in „Wegweisung der Technik“ (1928) einen zu seiner humanistisch-katholischen Herkunft konträren Technikbegriff. „Für ihn nahm Technik die Gestalt einer autonomen Macht an, einer neuen Welt, die sich nach eigenen Gesetzen organisierte. Ihr kann sich der Mensch nicht entziehen, sondern mit ihr muss er sich ins Benehmen setzen.“ (21) Die Wirkung seiner Schriften blieb begrenzt, fand jedoch neben anderen in Mies van der Rohe einen glühenden Verehrer. Der letzte Bauhaus-Direktor „besaß alle wichtigen Bücher von Schwarz“. (35)

Von November 1946 bis März 1952 bekleidete Rudolf Schwarz das Amt des Kölner „Generalplaners“, wo er seine später berühmte Innenstadtplanung in kleinräumig gegliederten Kirchspielen durchführte. Seine städtebaulichen Kenntnisse hatte sich Schwarz als „dienstverpflichteter Planer im deutsch besetzten Lothringen, und zwar überwiegend in Diedenhofen (Thionville)“ (43) erworben. Der in Köln ansässige Pehnt versieht dieses Kapitel mit viel Lokalkolorit. Dabei gelingt es ihm, Schwarz´ Thesen immer wieder in die Gegenwart zu holen. Ein Thema – damals wie heute – ist die „konfliktreiche Enge des Bahnhofsareals“ (56), die auch Schwarz nicht gefiel. „Aber große Städte müssen solche Konflikte aushalten können. Letzten Endes machen solche Karambolagen auch einen Teil ihres katastrophalen Reizes aus – zu schweigen vom praktischen Vorteil einer Verkehrsanbindung der City, wie sie unmittelbarer nicht gedacht werden kann.“ (56f.) Heutige Konflikte um Verkehrsbauten der Deutschen Bahn klingen in solchen Sätzen gleich mit an. Auch die Leidenschaft des Architekturhistorikers Pehnt für die Probleme der heutigen Kölner Stadtplanung wird offenbar: „Man wäre ja schon zufrieden, wenn in der Stadtplanung – und ich meine nicht nur die zuständige Fachbehörde, sondern auch und vor allem die Bürgerschaft und ihre gewählten Vertreter – überhaupt eine stadträumliche, landesräumliche, bildhafte Vorstellung vom Kölner Lebensraum vorhanden wäre, die über die Bereitstellung von Bauflächen für fällige Wirtschaftsinvestitionen hinausginge.“ (63)

Der zweite Teil des Buches handelt von einflußreichen Wegbegleitern. Nach seiner Promotion an der Berliner TH Charlottenburg arbeitete Schwarz von Mai 1923 bis Februar 1924 im Potsdamer Büro von Hans Poelzig. Wie einige seiner Zeichnungen belegen, zeigte sich Schwarz in den zehn Monaten seiner Tätigkeit bei dem berühmten Architekten vom barocken Überschwang und monumentalen Zikkuratstil des Meisters beeinflußt. Ungleich symbiotischer, wenn auch nicht ohne Konflikte, war sein Verhältnis zu Dominikus Böhm. Die zeitweilige Büropartnerschaft mit Böhm führte ein ungleiches Paar zusammen. „Das Schwarz´sche Formulierungstalent stieß auf Böhms milde Spottsucht.“ (111) Gegenseitige Unterstützung durch hilfreiche Kontakte nutzten beide Architekten gehörig aus, was Pehnt zu der süffisanten Bemerkung veranlasst: „Den Beteiligten würde es heute ein berufsständisches Ehrengerichtsverfahren eintragen.“ (105)

Auf den ersten Blick erscheint Schwarz´ Verhältnis zu dem mehr als eine Generation jüngeren Architekten Oswald Mathias Ungers ungewöhnlich. Beide Architekten waren, wenn auch nur für wenige Jahre, Nachbarn in Köln-Müngersdorf. 1958/59 erbaute sich Ungers wenige hundert Meter von Schwarz´ Anwesen entfernt sein erstes, spektakuläres Domizil. Das von Ungers gemeinsam mit Reinhard Gieselmann verfaßte Manifest „Zu einer neuen Architektur“ (1960) lag dem Gedankengut von Rudolf Schwarz sehr nahe. Dies unterstreicht bereits die Eröffnungssequenz: „Schöpferische Kunst ist ohne geistige Auseinandersetzung mit der Tradition nicht denkbar. Sie muß die bestehende Form zertrümmern, um reinen Ausdruck ihrer eigenen Zeit finden zu können.“ [1] Beide Architekten durchlaufen in ihrer Karriere eine expressionistische Phase, und auch für ihr bildhaftes Denken (174ff.) findet Pehnt sinnfällige Entsprechungen. Faszinierend ist der Blick auf das gebaute Werk beider Architekten. Das Haus Ungers III in Köln-Müngersdorf weist geradezu hommagehafte Bezüge zu Schwarz´ Wohnhaus auf. Baulich finden beide Architekten durch das neue Wallraf-Richartz-Museum zueinander. Über das historische und von beiden Architekten effektvoll inszenierte „Gelenkstück“ von St. Alban gelingt Ungers der Anschluß an den fünfzig Jahre alten Neu- und Wiederaufbau des Gürzenich von Rudolf Schwarz und Karl Band.

In ihrer Zusammenstellung zeichnen die homogenen Kapitel des Buches ein kompaktes und zugleich dichtes Bild des Architekten Rudolf Schwarz. Auch wenn der Autor Schwarz vielen fremd blieb, kommt doch der Baumeister bis heute vielen nahe. Die Bebilderung des sorgfältig edierten Bandes ist auf das Notwendige beschränkt und dokumentiert lediglich die Ausführungen Pehnts. Bereichert wird der Band vor allem durch den Abdruck von 32 bisher unveröffentlichten Zeichnungen, gedruckt auf tonigem Munken Print cream. Die bis auf wenige Ausnahmen in Originalgröße wiedergegebenen Skizzen gewinnen dadurch eine lebhafte Nähe. Auch Schwarz-Seher kommen so auf ihre Kosten.

Anmerkungen
[1] Conrads, Ulrich (Hrsg.): Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. (Bauwelt-Fundamente; 1), Berlin/Frankfurt am Main/Wien 1961, S. 158

Recommended Citation:
Ralf Dorn (TU-Darmstadt): [Review of:] Pehnt, Wolfgang: Die Plangestalt des Ganzen. Der Architekt und Stadtplaner Rudolf Schwarz (1897-1961) und seine Zeitgenossen; mit 32 bisher unveröffentlichten Zeichnungen von Rudolf Schwarz, Köln 2011. In: ArtHist.net, Aug 30, 2011 (accessed Jun 5, 2020), <https://arthist.net/reviews/1412>.

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Pehnt, Wolfgang: Die Plangestalt des Ganzen. Der Architekt und Stadtplaner Rudolf Schwarz (1897-1961) und seine Zeitgenossen; mit 32 bisher unveröffentlichten Zeichnungen von Rudolf Schwarz, Köln: Verlag Walther König 2011
ISBN-10: 3-86560-969-4, 222 S, EUR 48.00

Review published: Aug 30, 2011

Editor: Philipp Zitzlsperger

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