Deschan, André: Im Schatten von Albert Speer

Rezensiert von: Ralf Dorn, TU Darmstadt, FB Architektur

Es gab in der Geschichte der modernen Architektur immer wieder symbiotische Beziehungen zwischen Architekten, die sich mit ihren Talenten komplementär ergänzten und bei denen der eine im Rampenlicht stand und der andere mehr oder weniger im Hintergrund agierte. Als ein solches Duo gilt beispielsweise der öffentlichkeitsaffine Bauhaus-Gründer Walter Gropius und sein Büropartner Adolf Meyer. Ein vergleichbares Team bildeten in der NS-Zeit auch Rudolf Wolters, der Mann im Schatten, und Albert Speer, der Mann im Licht der Öffentlichkeit und selbst gefangen in der berüchtigten Aura seines „Führers“ Adolf Hitler. Mit Rudolf Wolters und implizit auch mit Albert Speer hat sich der 2013 an der Bauhaus-Universität Weimar zum Dr.-Ing. promovierte Architekt und Architekturhistoriker André Deschan in seiner nun vorliegenden Dissertation beschäftigt.

Wer sich mit der Architektur der NS-Zeit auseinandersetzt, kommt um den 1937 berufenen Generalbauinspektor Speer und die von ihm geleitete Generalbauinspektion (GBI) in Berlin nicht herum. Die Planungen für die Reichshauptstadt Germania, zu der Berlin umgebaut werden sollte, oder die Bauten für das Nürnberger Reichsparteitagsgelände sind Ausdruck einer menschenverachtenden Hybris. Folgt man Wolfgang Schäches Vorwort, so erwiesen sich die Studien der vergangenen Jahre über NS-Architekten als „auffällig eindimensional“ und „allein auf die kunsthistorische Ausdeutung der ästhetischen Dimension von Architektur und Städtebau im Nationalsozialismus verengt“, ohne dass sie einen „profunden Beitrag zur Entschlüsselung des fragilen Verhältnisses von Politik, Ideologie und Architektur zu leisten vermochten“. (7)

Das Leben und Werk des Architekten gliedert Deschan in drei Kapitel. Das erste und ergiebigste, weil man viel Neues erfährt, ist der Herkunft, Jugend und Studienzeit des jungen Wolters gewidmet. Das zweite beschäftigt sich mit dessen Karriere im „Dritten Reich“ von 1933 bis 1945. Das dritte Kapitel reicht von der Nachkriegszeit bis hin zu Wolters’ Tod 1983. Im vierten Kapitel liefert Deschan eine abschließende Betrachtung zeitgenössischer Persönlichkeiten sowie NS-Architekten und ihr Auftreten während und nach der nationalsozialistischen Diktatur. Seit den Forschungen Anna Teuts und Werner Durths wissen wir einiges über Speers Duzfreund und engsten Mitarbeiter. Deschan hält eine Untersuchung dennoch für „gewinnbringend“, liefert sie doch vertiefte Einblicke in die „Geschäfte und Vorgänge“ (9) des GBI. „Nicht zuletzt fügt die wissenschaftliche Aufarbeitung der bis dato vernachlässigten und in ihrer Wirkung unterschätzten Person Rudolf Wolters’ neue Erkenntnisse zur Geschichte des so genannten Dritten Reiches im Allgemeinen wie auch zur Sicht auf Albert Speer hinzu.“ (10) Deschan folgt einem biographischen Ansatz, der sich eng an Wolters’ schriftlichem und zeichnerischem Nachlass orientiert und zeichnet dessen Lebensweg anhand seiner Tagebuchnotizen nach.

Rudolf Wolters wurde 1903 als Sohn des Architekten Hermann Wolters und seiner Frau Katharina im münsterländischen Coesfeld geboren. Das strenge Regiment des Vaters bedrückte den Jungen, der mit elf Jahren mit dem Tagebuchschreiben begann. Auslöser war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den Wolters in einem „revanchistischen Umfeld“ erlebte und auf dem sich „die politische Grundhaltung, bzw. das politische Selbstverständnis dieser Generation“ (24) gründete. Detlev Peukerts Deutung dieser nach 1900 Geborenen als „überflüssige Generation“, von der einige in die politische Radikalität abdrifteten, böte hier einen Interpretationsansatz.[1] Nach einem schwachen Abitur begann er, auch auf Wunsch des Vaters, ein Architekturstudium an der TH München, wo er sich für die kunstgeschichtlichen Vorlesungen Heinrich Wölfflins und Wilhelm Pinders begeisterte. (31) Die ebenfalls dort studierenden Friedrich Tamms und Albert Speer wechselten fast zeitgleich mit ihm im Herbst 1925 an die TH Berlin, wo Lehrer wie Hermann Jansen, Hans Poelzig und Heinrich Tessenow die Studierenden lockten.

Begeistert studierte er bei Jansen Städtebau, vor allem aber bei Heinrich Tessenow, dessen „Sachlichkeit“ und „Nüchternheit“ im Entwurf ihn tief beeindruckten und sein Leben lang begleiten sollten. (34) „Tessenow hatte ungefähr 60 Studenten angenommen, unter anderem auch Albert Speer und Friedrich Tamms, die, soeben aus München gewechselt, in den letzten beiden Semestern zu Freunden von Wolters wurden.“ (34) Darüber wüsste man gerne mehr. Im November 1927 bestand Wolters sein Diplom mit der Note „genügend“ (36). Tessenow übernahm nach seinem ersten Semester an der TH Berlin 1927 zwei seiner Absolventen in seine Meisterklasse: Albert Speer und Rudolf Wolters. (38) In seinem Atelier am Steinplatz arbeiteten die jungen Architekten „ehrfürchtig“ seine Entwürfe zum Ehrenmal in Schinkels Neuer Wache durch. (38) Die Weltwirtschaftskrise 1929 führte zu Wolters Kündigung. Unterstützt von seinen Verwandten, überbrückte er die Beschäftigungslosigkeit und promovierte über das Thema „Vom Grundriß der Empfangsgebäude großer Fernbahnhöfe“. Speer trat 1931 der NSDAP bei, Wolters begann eine unbezahlte Tätigkeit bei der Berliner Reichsbahn. Im Mai 1932 wurde er entlassen und ergriff die einzige ihm sich bietende Chance einer Tätigkeit in der Sowjetunion. Er ging für ein Jahr und berichtete über diese schwierige Zeit in dem 1933 erfolgreich publizierten Buch „Spezialist in Sibirien“. Dafür wurde er vom kommunistischen ehemaligen Bauhaus-Leiter Hannes Meyer als „Spion“ tituliert. (73)

Mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 begann Speers atemberaubender Aufstieg, während sich Wolters nach seiner Rückkehr mit diversen Arbeiten für Speer und die Berliner Reichsbahn durchschlug. Am 1. Januar 1937 trat er schließlich in Speers Dienste und widmete sich fortan den Planungen des GBI und der Pressearbeit. Als persönliche Höhepunkte seiner Tätigkeit empfand er die Besuche auf dem Obersalzberg, wo er in Gegenwart des „Führers“ arbeiten durfte. (106f) Durch seine Tätigkeit als Publizist gewann Wolters stark an Einfluss und trat von 1940 bis 1943 als Ausstellungskommissar für die Propagandaausstellung „Neue Deutsche Baukunst“ ins öffentliche Rampenlicht (123ff). In der GBI-Chronik dokumentierte er ab 1941 die „Entjudung“ ganzer Stadtviertel Berlins. Wolters letzte Arbeiten für das Regime waren Planungen für den Wiederaufbau. 1943 übertrug ihm Speer die Leitung des Arbeitsstabs für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte und beauftragte ihn mit der Gründung privater Architekturbüros für die Nachkriegszeit. Es kam bekanntlich anders: Speer wurde verhaftet und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, während Wolters sich um ihn und seine Familie kümmerte (157ff). Auch privat gelang Wolters ein Neustart gemeinsam mit seinem GBI-Kollegen Karl Berlitz im Coesfelder Büro seines Vaters. Das Büro etablierte sich schon bald und gewann – durch ehemalige Kollegen aus dem GBI unterstützt – Architektur- und Städtebauwettbewerbe. Da er nicht in der Partei war, galt Wolters als entlastet, doch fürchtete er die Verfolgung durch die Justiz. Sein Verhältnis zu Speer zerbrach nach dessen Entlassung und publizistischer Selbstinszenierung als geläuterter Nazi.

Der ergiebige Nachlass verführt Deschan dazu, sich oftmals zu nah an den Quellen zu bewegen, dadurch verliert sich seine Analyse manchmal im Deskriptiven und Anekdotischen. Er fördert eine Menge Informationen zutage und geht quellenkritisch mit ihnen um, doch vermisst man manchmal den Kontext seiner Ausführungen. Der knappe Literaturapparat des Buches überrascht, der aktuellste Titel stammt aus den Jahr 2012. Die Einarbeitung aktueller Forschungen ist für die Drucklegung offensichtlich nicht erfolgt. So fehlen für die Betrachtung zeitgenössischer NS-Architekten hilfreiche Arbeiten der letzten Jahre.[2] Auch die Tatsache, dass Deschan lediglich eine Auswahl der Entwürfe und Schriften von Rudolf Wolters aufführt, ist für eine monographische Arbeit schwer nachvollziehbar. Dagegen existiert eine unnötige Doppelung bei Wolters Schriften und dem Literaturapparat.

Wolters stand nicht nur im Schatten Albert Speers sondern auch unter dessen Protektion. Diese ermöglichte ihm, die fehlende Mitgliedschaft in der NSDAP zu kompensieren und in der Liga der NS-Architekten mitzuspielen. Auch Speers Normenbeauftragter Ernst Neufert konnte so eine beachtliche Karriere hinlegen. Ihre Parteilosigkeit bot diesen Architekten nach dem Krieg die Möglichkeit, übergangslos am lukrativen Projekt des Wiederaufbaus mitzuarbeiten. Architekten wie Wolters hielten sich in der Nachkriegszeit vornehm im Hintergrund und blieben so unbehelligt. Doch als führende Spezialisten waren sie Teil des NS-Systems. Als einen „Prototyp des unpolitischen Technokraten“, ja geradezu als dessen „Idealtyp“, bezeichnete Gerd Hortleder den Architekten Albert Speer bereits 1970.[3] In ihrer Dissertation über den Architekten Konstanty Gutschow spitzte Sylvia Necker dieses Urteil weiter zu und bezeichnete Gutschow als einen „Archikraten“. [4] Derartige Begriffe vermisst man in Deschans Arbeit, denn auch Wolters war ein Technokrat.

Anmerkungen:
[1] Peukert, Detlev J. K.: Die Weimarer Republik. (edition suhrkamp N. F.; 282), Frankfurt/M. 1987, S. 26.
[2] Früchtel, Michael: Der Architekt Hermann Giesler. Leben und Werk (1898-1987). Tübingen 2008; Necker, Sylvia: Konstanty Gutschow 1902-1978. Modernes Denken und volksgemeinschaftliche Utopie eines Architekten. München/Hamburg 2012; Nüßlein, Timo: Paul Ludwig Troost (1878-1934). (Hitlers Architekten; 1), Wien u.a. 2012; Sollich, Jo: Herbert Rimpl (1902-1978). Architekturkonzern unter Hermann Göring und Albert Speer – Architekt des deutschen Wiederaufbaus. Berlin 2013.
[3] Hortleder, Gerd: Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs. Zum politischen Verhalten der Technischen Intelligenz in Deutschland. (edition suhrkamp; 392), Frankfurt/M. 1970, S. 121.
[4] Necker 2012, Gutschow, S. 14f.

Empfohlene Zitation:
Ralf Dorn: [Rezension zu:] Deschan, André: Im Schatten von Albert Speer. Der Architekt Rudolf Wolters, Berlin 2016. In: H-ArtHist, 14.09.2016. Letzter Zugriff 28.04.2017. <https://arthist.net/reviews/13657>.

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Deschan, André: Im Schatten von Albert Speer. Der Architekt Rudolf Wolters, Berlin: Gebr. Mann Verlag 2016
ISBN-13: 978-3-7861-2743-7, 288 Seiten, Gb. : ca. EUR 79.00

Rezension veröffentlicht am: 14.09.2016

Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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