Hulverscheidt, Marion; Dorgathen, Hendrik (Hrsg.): Raus Rein

Rezensiert von: Edgar Bierende, Museum der Universität Tübingen MUT

Geschichte kann bunt, lebendig und „ansprechend“ (17) sein. In der vorliegenden Publikation zur Geschichte der ehemaligen Deutschen Kolonialschule (DKS) für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe im nordhessischen Witzenhausen (1898 – 1944), die aus einem studentischen Projektseminar der Universität und der Kunsthochschule Kassel hervorging, beschreiten die beiden HerausgeberInnen Marion Hulverscheidt und Hendrik Dorgathen neue Wege. Ihr methodischer Ansatz im Umgang mit historischem Quellenmaterial fußt auf der „fiktive[n] historischen Narration“ (8).[1] Diese Methode erlaubt es, „Fakten in ein fiktives Szenario zu setzen“, so dass über diesen Zugriff die Quellen in einer differenzierten, den eigenen Blickwinkel thematisierenden Bild- und Schreibweise dargelegt werden können. Diese Chance „Geschichte zu (er-)finden, wie sie gewesen sein könnte, nutzt die Lücken im Material anstatt sie weg zu erklären“ (8). Auf diese Weise soll der – wohl meist junge – Leser neugierig gemacht und auf eine spannende Reise in die deutsche Vergangenheit mitgenommen werden, um an seine eigenen, oft aus kultureller Prägung resultierenden Vorurteile herangeführt zu werden – mit dem Ziel der „gesellschaftlichen Auseinandersetzung“ und „Aufarbeitung“ (17). Trotz der ungewohnten Kombination – quellenbasierte Fakten zur Geschichte der DKS und Fiktionen im Stil der bildbasierten Comic-Erzählung nebeneinander zu zeigen – ist dem Buch Wissenschaftlichkeit zu attestieren, da hier relevante Ergebnisse unter fach-, methoden- und quellenkritischer Perspektive zu Tage gefördert wurden. Explizit dargelegt werden diese von den HerausgerberInnen im Einführungskapitel „Wir haben es unterschätzt!“ (7).

Die Pop-Art der 50er Jahre machte den Weg frei für einen neuen Kunstbegriff. High und Low verloren ihre Gültigkeit. Ästhetik und Motive der Alltagskultur, etwa aus Comics und Werbung, gelangten in die Kunstsammlungen. Auf diese Weise fand die Frage, ob zeitgenössische Medien und deren Stile Teil der Gegenwartskunst sein könnten, Bejahung. Im vorliegenden Buch ist sie deshalb kein Thema mehr. So bedienen sich HerausgeberInnen, AutorenInnen und IllustratorenInnen ganz selbstverständlich des Comic-Stils in ihrer Publikation. Er scheint ihnen angemessen und zielführend zur Beantwortung der Frage: “Wie zeichne ich eine Schwarze, ohne in Vorurteilen verhaften zu bleiben?“ (7 und nochmals Stephanie Zehnle, 24). Die Antwort ist einfach und doch schlagend, denn mit der Entscheidung für den Comic nahmen AutorenInnen/ IllustratorenIennen ein Medium und Stilmittel afrikanischer KünstlerInnen der Gegenwart auf [2], wie etwa des südafrikanischen Künstlers Anton Kannemeyer (S. 33 und 35). Die Zweischneidigkeit dieser Entscheidung war den Autoren/Illustratoren bewusst, denn in der deutschen Kolonialzeit wurde oftmals auf das Mittel einer naiven Bilderzählung zurückgegriffen, um AfrikanerInnen reduziert auf ihre Körper im Sinne der europäischen Vorurteile vom „dummen, faulen und unhygienischen Schwarzen“ (24) darzustellen. Zugleich kann die Wahl des Comic-Stils als gezielte Strategie verstanden werden, weil so die Sprache und Ästhetik der Jugend aufgegriffen wird, die hierüber leichter – da intuitiver – an das schwierige Thema des deutschen Kolonialismus herangeführt werden soll.

Überall findet der Comic-Stil Anwendung, etwa beim Cover und der Buchrückseite (Florian Biermeier: vorne der ‚Kolonialist‘ im Boot ‚ganz oben auf‘ und hinten der ‚Afrikaner‘ auf einem Floss ‚ganz unten‘ am Boden liegend – Sinnbilder für Gewinner und Verlierer) und in der fiktiven Comic-Bildgeschichte basierend auf historischen Dokumenten zum Afrikaner Franz Seelemann, der wohl als eine Art Hausdiener in der DKS arbeitete und von dem sich nur ein historisches Foto und eine Liste mit seinen wenigen Habseligkeiten erhalten hat, die nach seinem Tod im Jahr 1940 von der DKS der Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt gespendet wurde (Florian Biermeier, 38 – 53).

Die gegenseitige Durchdringung von Fiktion – hier den narrativen Comic-Bildern – und historischem Quellenmaterial trägt zum assoziativen und lebendigen Verstehen des Lesers bei. Zudem erlaubt diese Art der Gestaltung den Autoren ihren ganz persönlichen Blick auf Geschichte und Quellenmaterial wiederzugeben, worüber erst die persönliche Aneignung der Vergangenheit und die individuelle Auseinandersetzung mit selbiger geschehen kann (17). Der Verzicht auf die akademischen Fußnoten erschwert den Nachvollzug an manchen Stellen und im Detail, so dass die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit teilweise nur schwer zu erkennen sind. Am Ende des Buches findet sich der Abschnitt „Fußnoten & Quellenangaben“ (166 – 169), doch lassen sich die dortigen Angaben nicht immer mit den konkreten Zitaten aus den Beiträgen verbinden, wie etwa im fiktiven Zeitungsartikel „Die Kolonialschule ist da!“ (Laila-Marie Busse, 54 – 61). Zwar sind die Zitate in roten Lettern im schwarzen Text deutlich hervorgehoben, aber die Zuordnung derselben an die neun Literaturangaben am Ende des Buches gleicht einem Puzzle-Spiel mit ungewissem Ausgang (168).

Auch der Beitrag „Deutschland über den Meeren“ (Adrian Richter, 62 – 65) weist philologische Fallen auf. Das Gedicht „Deutschland über den Meeren“ aus dem Jahr 1858 von Dranmor (Pseudonym von Ludwig Ferdinand von Schmidt) lag für die Publikation im Abdruck des Jahres 1902 vor. [3] Dagegen wurde für den Text des Comics eine heutige Schreibweise gewählt. Doch ein paar Abweichungen zwischen Original und Abschrift lassen sich so nicht erklären. Beim dritten Bild liest man „UMRAUCHT VOM OZEAN“; obgleich im Original „umrauscht vom Ozean“ geschrieben steht; statt „WERTE HALL“ (achtes Bild) müsste es heißen „Aexte Hall“. In den schwarz-weißen gehaltenen Bildern könnte sich der Comic-Zeichner Adrian Richter an den Graphiken des Buchillustrators „F. Borian“ (keine Lebensdaten bekannt) orientiert haben, nicht jedoch an dessen dem Jugendstil verpflichteten Bildgestaltung, die auf dem Stil japanischer Holzschnitte basiert. Die Gegenüberstellung des Gedichtes von Dranmor, dessen Verse fortlaufend in die Comic-Bilder intrigiert sind, mit Szenen aus dem Leben der DKS-Schüler zeigt nicht nur die Diskrepanz zwischen Dichtung und Realität, sondern zugleich auch die emotionale Verklärtheit und den träumerischen Grundton einer deutsch-nationalen Generation auf, die sich mit ihrem eigenen Tun – nach dem Erwachen aus der politischen Propaganda und der gesellschaftlichen Hybris von der ‚Vormachstellung der Weißen‘ und des Deutschen Reiches ‚über alles in der Welt‘ – erst im Angesicht der Gräber aus zwei verlorenen Weltkriegen konfrontiert sah.

Ein Foto aus einem historischen Atlas oder von einer alten Schautafel (65), die wohl aus der Zeit vor dem Ende des Ersten Weltkrieg stammen könnte,[4] schließt dieses Kapitel ab und leitet zum folgenden über. Es ist eine Afrika-Karte, die als historische Quelle – neben der Information über die damaligen politischen Grenzen – für das Bild eines deutschen Traums steht, dem Wunsch zu den anderen großen europäischen Kolonialmächten aufzuschließen, Anteil am erträumten Reichtum aus den Kolonien zu haben. Diese gesellschaftliche Fiktion entbehrte jeder Grundlage, wie die historischen Biographien von Schülern der DKS belegen, etwa von Hans Anton Aschenborn (Stephanie Zehnle, 66 – 69), Otto Gärtner (Marion Hulverscheidt, 82 – 87), Hanns Bagdahn (Elena Seubert, 88 – 105) und Heinrich Hüttenhain (Julian Rösner, 106 – 113). Sie wurden in Afrika nicht reich.

Durch Collage, Kombination und Gegenüberstellung von historischen Quellen bzw. Objekten, die den „wahren Kern“ aller Beiträge bilden (17), mit frei erfundenen und gestalteten Comic-Bildern zeigt sich das zentrale Prinzip dieser wissenschaftlichen Publikation. Die hieraus hervorgehende „fiktive, historische Narration“ macht kulturgeschichtliche und gesellschaftliche Brüche deutlich, die sowohl in den individuellen Sichtweisen der DKS-Schüler der damaligen Zeit bestanden als auch heutigen Tags in den historischen Einschätzungen und Bewertungen vorliegen. Erst durch diese formalen und inhaltlichen Paradoxien wird die damalige Diskrepanz zwischen gelebter Realität und erträumten Zielen kenntlich, die im deutschen Kolonialismus ‚Normalität‘ waren. Genau dieses Moment macht den besonderen Wert dieser wissenschaftlichen Publikation aus.

Dass die hier gewählte Gestaltung für eine wissenschaftliche Publikation eher ungewöhnlich ist, zeigt die bibliographische Aufnahme der Deutschen Nationalbibliothek [5]. Hier findet man unter „Art des Inhalts“ nur das formale Schlagwort „Comic“ und unter „Sachgruppe(n)“ lediglich den Eintrag „741.5 Comics, Cartoons, Karikaturen“. Ergänzende, den Inhalt beschreibende Einträge [6] wären hier hilfreich und zielführend, damit die wissenschaftlichen Erträge der Publikation nicht übersehen werden.

Anmerkungen:
[1] Vergleichbar ist dieser methodische Ansatz mit künstlerischen Positionen der Gegenwart, wie dem Reenactment. Hierbei reichen sich Fiktion und Wissenschaft auf der Grundlage von Objektwissen und historischer Quellenkenntnis während eines Live-Ereignisses oder dokumentiert in Fotos die Hände.
Sven Lüttiken (Hg.): Life, Once More: Forms of Reenactment in Contempora Art. Rotterdam 2005.
Wolfgang Brückle: Jeremy Dellers Battle of Orgreave. Realismus und Realität im Reenactment. In: Authentizität und Wiederholung: Künstlerische und kulturelle Manifestationen eines Paradoxes, Hrsg. von Uta Daur. Bielefeld 2013, S. 121 – 146.
[2] Seit der Documenta XI (2002) unter der Leitung von Okwui Enwezor findet die außereuropäische Kunst aus Afrika, Asien und Lateinamerika – immer wieder im Stil von Comics gestaltet – vermehrt Eingang in die öffentliche deutsche Wahrnehmung.
[3] Abgedruckt in: Der deutsche Kulturpionier. Nachrichten aus der deutschen Kolonialschule. Wilhemshof für die Kameraden, Freunde und Gönner. Hrsg. von Ernst Albert Fabarius. Witzenhausen 1902, Jg. 2, Nr. 4, S. 73 – 74. Abgedruckt in: Der deutsche Kulturpionier. Nachrichten aus der deutschen Kolonialschule. Wilhemshof für die Kameraden, Freunde und Gönner. Hrsg. von Ernst Albert Fabarius. Witzenhausen 1902, Jg. 3, Nr. 1–2, S. 122 – 124. Das Gedicht „Deutschland über den Meeren“ war anfänglich nicht eigenständig. Es stammte aus Danmors „Eine Nachtwache“ (1858). Somit ist es ein späterer Auszug: Doch von wann und von wem initiiert?
[4] Leider findet sich für dieses Foto kein Abbildungsnachweis, womit der Funktionskontext – ob Atlas oder Schautafel – sowie die Datierung der Afrika-Karte spekulativ bleibt.
[5] Deutsche Nationalbibliothek: http://d-nb.info/1099714176 (Zugriff am 13.07.2016).
[6] Regeln für den Schlagwortkatalog RSWK, Stand: Mai 2010. http://files.dnb.de/pdf/rswk_gesamtausgabe_stand_7el_2010.pdf (Zugriff am 18.07.2016).

Empfohlene Zitation:
Edgar Bierende: [Rezension zu:] Hulverscheidt, Marion; Dorgathen, Hendrik (Hrsg.): Raus Rein. Texte und Comics zur Geschichte der ehemaligen Kolonialschule in Witzenhausen, Berlin 2016. In: H-ArtHist, 10.09.2016. Letzter Zugriff 24.03.2017. <https://arthist.net/reviews/13628>.

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Hulverscheidt, Marion; Dorgathen, Hendrik (Hrsg.): Raus Rein. Texte und Comics zur Geschichte der ehemaligen Kolonialschule in Witzenhausen, Berlin: avant-verlag 2016
ISBN-13: 978-3-945034-50-7, 173 Seiten, circa EUR 25.70 (AT), circa EUR 24.95 (DE)

Rezension veröffentlicht am: 10.09.2016

Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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