Longolius, Sonja: Performing Authorship

Rezensiert von: Janneke Schoene, Graduate School "Practices of Literature", WWU Münster

In den 1960er Jahren rief Roland Barthes den ‚Tod des Autors‘ aus.[1] Die Literaturwissenschaft hat allerdings unlängst eine Rückkehr und Auferstehung des Autors attestiert,[2] und steht nun vor der vertrackten Situation, dass Autoren – und Künstler – nicht nur Werke, sondern gewissermaßen auch ‚sich selbst‘ hervorbringen. Diesen Umstand macht Longolius zum Ausgangspunkt ihrer Dissertation. Um das „mysteriöse Andere“ zu erfassen (19), das eben nicht mit dem empirischen, realen Autor gleichzusetzen ist und das sich in Texten und Aufführungen zeigt, führt sie ausgehend von Arbeiten der Schriftsteller und Künstlerinnen Paul Auster, Candice Breitz, Sophie Calle und Jonathan Safran Foer das Konzept der ‚performativen Autorschaft‘ ein. Die Gemeinsamkeiten dieser Beispiele fasst Longolius wie folgt zusammen: „All four authors have performed their authorship within the larger framework of reflexive postmodernism and post-postmodernism. All have engaged in autopoetic processes, embracing the aesthetics of performative.“ (50) Sie verdeutlicht somit nachdrücklich, dass zwar der mimetische Autor tot sein mag, der ‚repräsentative‘ es allerdings noch lange nicht ist (43). Longolius knüpft damit auch an jüngere Tendenzen der Kunstwissenschaft an, die eine Bewegung weg vom Personenkult hin zur Funktionsbeschreibung vollziehen und sich der Konstruktion und den Modellen von Autor-/Künstlerschaft sowie den Konstitutionsformen von Autoren/Künstlern zuwenden,[3] etwa unter Rückbezug auf die Systemtheorie.[4]

Die Theoriedebatte wird von Longolius vor allen dadurch vorangetrieben, dass sie sich für eine interdisziplinäre Annäherung an die Beispiele entscheidet, in denen die genannten AutorInnen „authorial selves“ erschreiben (11). Die theoretischen Grundlagen und Begrifflichkeiten der Studie stammen vor allem aus dem Bereich der Literaturwissenschaft, aber auch der Soziologie: Neben Roland Barthes, Wayne Booth und Wolfgang Iser spielen auch Gilles Deleuze und Pierre Bourdieu sowie Erika Fischer-Lichtes Ästhetik des Performativen eine Rolle für die Beschreibung performativer Autorschaft.Longolius greift also eine breite theoretische Debatte auf, weshalb ihr Fokus weniger auf der historischen Entwicklung der Autor-/Künstler-Figur liegt.

Der Aufbau des Buches ist unterteilt in drei Strategien des Hervorbringens, des Performens von Autorschaft, die Longolius ausmacht: das ‚Positionieren‘ („Positioning“), das ‚Aufführen‘ („Staging“) und das ‚Spielen‘ („Playing“). Dabei handelt es sich um zentrale Aspekte performativer Autorschaft, allerdings sind die Grenzen zwischen den einzelnen Strategien fließend und eine Zuordnung nicht zwingend. Dass die Untersuchung nicht nach AutorInnen gegliedert ist, macht sie vor allem für jene Leser interessant, die sich für das generelle Thema der Autor- und Künstlerschaft sowie der Selbst-Inszenierung interessieren. Für jene, die sich auf die einzelnen AutorInnen konzentrieren möchten, ist der Aufbau womöglich etwas unübersichtlich.

Im ersten Teil geht Longolius der Frage nach, wie sich die AutorInnen ‚im Feld der kulturellen Produktion positionieren‘ (51). Als Formen des Positionierens beschreibt Longolius die Autobiographie, genauer „auto/biography“, und das Selbstportrait („self/portrait“). Dabei bezieht sie sich unter anderem auf Bourdieu sowie Phillipe Lejeunes’ ‚autobiographischen Pakt‘ und Deleuzes’ Konzept von Differenz und Wiederholung. Im Bereich der ‚auto/biography‘ untersucht Longolius Arbeiten von Auster, in denen es ganz direkt um die Identität des erzählenden, schreibenden Ichs sowie um den performativen Aspekt und Prozess des Schreibens geht (71). Als Beispiel für Formen des ‚self/portraits‘ dienen Arbeiten von Breitz und Foer sowie Calles Projekt „True stories“: Sie erfand kurze Geschichten zu privaten Fotografien und reflektierte Paradigmen des Autobiographischen, etwa Authentizitätsparadigmen (195), ganz direkt.
Als weiteres Beispiel fungiert Breitz’ Videoarbeit „Factum“, in der identische Zwillinge interviewt werden. Wie Longolius verdeutlicht, spielt Breitz mit dem Moment der (In)Differenz (nach Deleuze/Iser) in Bezug auf die individuelle Identität. Allerdings stellt sich hier die Frage, inwiefern es sich dabei tatsächlich um ein Selbstbild der Künstlerin und damit ein Moment des Hervorbringens von Autorschaft handelt (119). Breitz ist zwar Interviewpartner der Zwillinge, sie tritt aber weder selbst in Erscheinung, noch thematisiert sie ihre eigene Autorschaft.

Deutlicher ist Longolius Argumentation im zweiten Teil der Untersuchung anhand von Arbeiten von Auster und Foer, in denen das ‚Ich‘ des Textes sich selbst als Autor imaginiert, und die mit Zuschreibungen von Identität (und Differenz) spielen. Diese Beispiele werden von Longolius entsprechend als Formen des ‚Staging‘ beschrieben. Sie betont in Bezug auf diesen Begriff die Unterschiede zwischen ‚Aufführung‘ und ‚Konstitution‘ (141), und grenzt sich somit von der bestehenden Forschung ab.
Außerdem untersucht Longolius die Arbeit „The Detective“ von Calle, für die die Künstlerin einen Detektiv engagierte, der sie ausspionieren sollte, während sie ihn selbst ausspionieren ließ. Calle schuf so einerseits einen anderen Blick auf das inszenierte Selbst (‚staged self‘), andererseits einen Blick auf den Moment des Betrachtens dieses inszenierten Selbst durch den Detektiv. Ausgehend von dem Blick des Anderen verfasste sie ‚autobiographische‘ Texte und erweiterte so das Spiel mit Subjekt- und Objektrollen, wie Longolius verdeutlicht. Mit Rekurrenz auf den Begriff der ‚Individuellen Mythologien‘ (nach Szeemann bzw. Barthes) diskutiert Longolius zudem Aspekte von Fakt und Fiktion. Sie deutet so eine Aktualisierung des Begriffes des Autobiographischen in der Kunst an und erweitert die theoretische Debatte.[5]

Im dritten und letzten Teil erfasst Longolius, vor allem ausgehend von Deleuzes Begriff der (In)Differenz, Methoden des ‚Playings‘. In diesem dritten Analysekapitel geht es nicht zuletzt auch um Verzahnungen von Kunst und Literatur, Aufführung und Text sowie um Intermedialität: Die Künstlerin Calle ‚lebte‘ eine Zeit lang auf der Basis eines Skripts von Auster. Wie Longolius beschreibt, geht es dabei nicht nur um die Produktion einzelner Arbeiten, sondern auch um etwas ‚Größeres‘, um Partizipation der AutorInnen als ‚Spieler‘ („player“) im Feld der kulturellen Produktion (209). So zeigt Longolius, dass eine Auflösung der strikten Abgrenzungen der Disziplinen ertragreich ist. Allerdings bleibt fraglich, ob sich die Beispiele aus Kunst und Literatur nicht doch grundlegend unterscheiden, etwa in ihrer Materialität, Körperlichkeit und (Auto)Medialität.[6] Schließlich wird der Begriff der Aufführung bzw. des Staging und Playing recht weit gefasst – und auch der Text als ‚staged play‘ verstanden (209).

Longolius legt in ihrer Studie dar, dass und wie in den gewählten Beispielen Identitäts- und Autorschaftsfragen expliziter Gegenstand sind und die Figur des Autors/der Autorin somit geradezu hervorgebracht wird. Sie betont, dass es sich – im Sinne einer performativen Autorschaft – immer um Momente des Werdens („becoming an author“) handelt (272), und setzt dies in Kontrast zum ‚Tod des Autors‘ nach Barthes. Diese Schlussfolgerungen knüpfen zugleich an dessen Ausführungen an: Schon Barthes wählte den Begriff des ‚Schreibers‘ (scripteurs), um eine Autorfigur zu kennzeichnen, die nicht einer empirischen entspricht, sondern beständig im Werden begriffen ist. Zu einer Beurteilung der gewählten Beispiele kommt es nicht, da die historische Einordnung fehlt, die von Longolius allerdings auch nicht beabsichtigt ist und sicher den Umfang ihrer Arbeit sprengen würde. So kann ihrer ausblickenden Überlegung, ob die jüngere Generation (Breitz und Foer) nicht ‚absichtsvoller‘ (270) agiert als die ältere (Auster, Calle) leicht mit einem Hinweis auf Beispiele für „authorial strategies of self-inventions“ aus früheren Jahrhunderten entgegnet werden, auf die Longolius letztlich selbst hinweist (272). Insofern hat Longolius einen Grundstein gelegt, dem eine weitere Auseinandersetzung mit den Beispielen in historischer Hinsicht folgen sollte.

[1] Roland Barthes: La mort de l’auteur. In: Manteia (1968). S. 12-17, vgl. auch Fotis Jannidis u. a. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart 2000.
[2] Vgl. Fotis Jannidis u. a. (Hg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen 1999.
[3] Vgl. Beatrice von Bismarck: Auftritt als Künstler. Funktionen eines Mythos. Köln 2012; Dies. und Matthias Michalka (Hg.): The artist as… Nürnberg 2006; Amelia Jones: Self/Image. Technology, Representation, and the Contemporary Subject. London 2006.
[4] Vgl. Sabine Kampmann: Künstler sein. Systemtheoretische Beobachtungen von Autorschaft: Christian Boltanski, Eva & Adele, Pipilotti Rist, Markus Lüpertz. München 2006.
[5] Vgl. dazu Theresa Georgen und Carola Muysers (Hg.): Bühnen des Selbst. Zur Autobiographie in den Künsten des 20. und 21. Jahrhunderts. Kiel 2006.
[6] Vgl. etwa Jörg Dünne und Christian Moser (Hg.): Automedialität. Subjektkonstitution in Schrift, Bild und neuen Medien. München 2008.

Empfohlene Zitation:
Janneke Schoene: [Rezension zu:] Longolius, Sonja: Performing Authorship. Strategies of 'Becoming an Author' in the Works of Paul Auster, Candice Breitz, Sophie Calle, and Jonathan Safran Foer (= Culture & Theory), Bielefeld 2016. In: ArtHist.net, 22.11.2016. Letzter Zugriff 13.12.2017. <https://arthist.net/reviews/13524>.

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Longolius, Sonja: Performing Authorship. Strategies of 'Becoming an Author' in the Works of Paul Auster, Candice Breitz, Sophie Calle, and Jonathan Safran Foer (= Culture & Theory), Bielefeld: Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis 2016
ISBN-13: 978-3-8376-3460-0, 284 Seiten, Kt : circa EUR 46.30 (AT) (freier Preis), circa sf

Rezension veröffentlicht am: 22.11.2016

Redaktion: Stefanie Stallschus

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