Vittorio Magnago Lampugnani (Hg.): Vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg

Reviewed by: Ulrike Sturm

Die letzten Jahre haben eine Fülle von Anthologien hervorgebracht, die wesentliche theoretische Positionen zur Architektur zugänglich machen. So erschienen kurz hintereinander Fritz Neumeyers ‚Quellentexte zur Architekturtheorie’ [1], Ákos Moravánszkys ‚Architekturtheorie im20. Jahrhundert. Eine kritische Anthologie’ [2], Gerd de Bruyns ‚Architektur_theorie.doc. Texte seit 1960’ [3] und die von Vittorio Lampugnani, Ruth Hanisch u. a. herausgegebene Textsammlung ‚Architekturtheorie 20. Jahrhundert. Positionen, Programme, Manifeste’[4]. Nun hat die Welle der Texterschließung auch den Städtebau erreicht. Von Vittorio Lampugnani, Katia Frey und Eliana Perotti betreut, ist seit letztem Jahr der dritte Band der Anthologie zum Städtebau erhältlich,der den Zeitraum vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur zeitgenössischen Stadt abdeckt. Dabei ist der dritte Band eigentlich der erste: Band eins und zwei, welche die Textgeschichte bis Ende des 19. Jahrhunderts und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts umfassen sollen, sind noch in Arbeit.

Ziel des Gesamtvorhabens, eines Forschungsprojektes zur Geschichte der Städtebautheorie des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich, ist die kritische Sammlung von Quellentexten, die „programmatisch das Thema Stadt und Städtebau reflektieren; und die über Hinweise, Anregungen und Ideen hinaus den Rang einer Theorie beanspruchen können“ (Vorwort, S. 9). Anders als in der von Lampugnani u.a. herausgegebenen Textsammlung zur Architekturtheorie, in der die Texte chronologisch wiedergegeben werden, sind die Beiträge zur Städtebautheorie thematisch geordnet. Dabei wird eine lockere zeitliche Aufeinanderfolge der Diskussionsfelder beachtet, beginnend mit den unmittelbaren Nachkriegsdebatten auf internationaler (CIAM) wie nationaler Ebene (Deutschland, Frankreich, Italien), über die prägnanten Theorien der 50er und 60er Jahre (Situationismus, Megastrukturen und technologische Utopien, Metabolismus) bis hin zu Positionen, welche die Städtebau-Debatten der 80er und 90er Jahre prägten (Typologischer Ansatz, Postmoderne, Funktionsgemischte Stadt, Dekonstruktivismus). Der abschließende Themenblock versammelt unter der Überschrift ‚Der anthropologische Blick auf die Stadt’ Beiträge zur Stadtforschung, die von anderen, vorwiegend humanwissenschaftlichen Disziplinen inspiriert sind. Die Themenblöcke sind in sich chronologisch geordnet und mit einem kurzen Einleitungstext und Angaben zu grundlegender Literatur versehen. Den fast ausschließlich originalsprachlich wiedergegebenen Texten sind die genaue Quellenangabe und Hinweise zur Textgeschichte vorangestellt. Der Band wird zusätzlich durch eine chronologische Liste der Texte und einen Autorenindex erschlossen.

Die Anthologie zeichnet sich dadurch aus, Städtebautheorie in 'statu nascendi' zugänglich zu machen. So steht hinter der Textauswahl das Bemühen, den jeweils ersten Text eines Autors zum Thema ausfindig zu machen. Allein 17 der insgesamt 80 Texte gehen auf Interviews, Vorträge, Vorlesungen oder Tagungsdebatten zurück. Bei weiteren 39 Texten handeltes sich um Artikel, die meist in Fachzeitschriften publiziert wurden, darunter einige mit ausgesprochenem Manifestcharakter. Zeitlich früheren Artikeln wurde grundsätzlich der Vorzug gegeben vor den kanonisierten Fassungen späterer Standardwerke. Ergänzt wird das Panorama durch Auszüge aus Monographien, Sammelbänden oder Werkberichten (insgesamt 24).

Ein städtebautheoretisches Kompendium dieser Art ist ein Novum, nicht nur im deutschsprachigen Raum, und schon allein deshalb ein willkommener Beitrag zur gegenwärtigen Städtebau-Debatte. Die getroffene Textauswahl umfasst wesentliche Stationen des städtebautheoretischen Diskurses der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und setzt das Vorhaben glaubhaft um, der „theoretische[n] Basis der Geschichte des Städtebaus [...] die Solidität zurückzugeben, die ihr gebührt“ (Vorwort, S. 9). Die Anthologie zum Städtebau darf deshalb in keiner einschlägigen Bibliothek fehlen.Ihre Verwendung sei allen, die sich mit dem Städtebau der Gegenwart und seinen Wurzeln bis zurück in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts auseinandersetzen möchten, ausdrücklich empfohlen. Die kurzen, sachkundigen Einleitungen bieten dafür eine gute Orientierungshilfe. Mit editorischer Genauigkeit werden Texte (wieder) zugänglich gemacht, die „abgelegen publiziert, fragmentarisch wiederaufgelegt und teilweise sogar fehlerhaft übersetzt“ sind (S. 9). Nur an wenigen Stellen hat der Fehlerteufel orthographische Flüchtigkeitsfehler eingestreut.

Für welche Leserschaft aber ist die Anthologie konzipiert? Wer neben Deutsch und Englisch nicht auch Französisch und Italienisch lesend beherrscht, wird einige der thematischen Blöcke kaum rezipieren können. Allein Kenntnisse des Japanischen werden dem Leser erlassen: bei den zweisprachig publizierten Texten der Metabolisten wurde die englische Version übernommen. Und der ursprünglich japanische Beitrag von Toyo Ito wurde als einziger im gesamten Band übersetzt. Gewiss liegen nicht alle Texte in Übersetzungen vor und das Misstrauen in vorhandene Übersetzungen ist oft berechtigt. Auch mag, neben dem Kostenargument, der Wunsch, die Rezeption nicht erneut durch den Filter der Übersetzung zu beeinträchtigen, gegen eine Neuübersetzung gesprochen haben. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Viersprachigkeit dem Anspruch einer Anthologie, die erklärtermaßen auch Nachschlagewerk sein soll, widerspricht. Eine Anthologie kann keine historisch-kritische Ausgabe sein, wenn sie nicht ihr wesentliches Anliegen, die Lesbarkeit, aufgeben will.

Eine weitere kritische Anmerkung sei erlaubt: die editorischen Hinweise zum Text und seiner Publikationsgeschichte umfassen zwar teilweise Übersetzungen (so im Falle der meisten Zeitschriftenartikel oder bei Rem Koolhaas´ Delirious New York), keinesfalls jedoch immer. Grundsätzlich fehlen die Verweise auf die Bände der Bauwelt Fundamente (so im Falle von Aldo Rossi, Phillipe Panerai/Jean Castex/Jean-Charles, Jane Jacobs, Kevin Lynch). Darüber, ob die Weglassung eine Übersetzungskritik impliziert, kann nur spekuliert werden.

Doch zurück zum Inhaltlichen: Die Nachkriegsdebatten über Städtebauwerden nicht nur anhand der Protokolle der letzten CIAM-Kongresse, sondern auch länderspezifisch für Deutschland, Frankreich und Italien aufbereitet.Die Beschränkung auf drei Länder ist dem Rahmen einer Anthologie durchaus angemessen, wenn auch gerade dies auf die entsprechenden Diskurse in anderen Ländern neugierig macht. Die Themenblöcke versammeln unterschiedliche Perspektiven und lassen das Anliegen von Lampugnani, Frey, Perotti erkennen, auch weniger rezipierte Strömungen zugänglichzu machen, wie z.B. die konservative Strömung des Wiederaufbaus in Frankreich (Pouillon) oder die Arbeiten des italienischen Neorealismus. Einige Themenblöcke enthalten Texte, die aus einer zeitlich späteren Perspektive die jeweilige Debatte kommentieren. Als Beispiel seien hier Wolf-Jobst Siedlers Kritik am deutschen Nachkriegsstädtebau oder – an spätererStelle – Bernard Huets (alias Max Alfred) Versuch, typologische Methodik über die Fixierung auf das architektonische Objekt hinauszuführen, genannt.

Einen guten Überblick vermittelt die Anthologie über die Theorienlandschaft der 50er und 60er Jahre, die bei aller Gesellschaftskritik vom Glauben an ein befreiendes Moment der Technik durchzogen ist. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist die technizistische Ocean City des Metabolisten Kikutake: Die Stadt im Ozean wird als Wegwerfprodukt konzipiert, das jedoch als Fischriff recycelt werden kann. Trotz der umfassenden Kontrolle, die durch den panoptischen Aufbau der Stadt gewährleistet ist, wird sie als Ort individueller Freiheit propagiert (S. 222ff.). Dass die Stadtutopien dieser Zeit immer noch faszinieren, zeigt eine Ausstellung der Londoner Barbican Art Gallery, in der unlängst etliche 'future cities' zu sehen waren und mit neueren experimentellen Arbeiten konfrontiert wurden.[5].

Die jüngsten Texte der Anthologie stammen, wie auch bei den anderen genannten Textsammlungen, aus der Mitte der 90er Jahre. Dass die Anthologie zum Städtebau dennoch beanspruchen kann, städtebautheoretisch die zeitgenössische Stadt zu erfassen, liegt einerseits an der Komplexität und Langlebigkeit des Objektes Stadt selbst, andererseits daran, dass die theoretische Halbwertszeit städtebaulicher Theorie länger zu sein scheint als diejenige architektonischer Moden. Dies belegen eindrücklich die Diskussionsbeiträge der letzten fünf Kapitel, deren Anliegen trotz länger zurückliegender Publikationsdaten keineswegs überholt sind. Der anthropologische Blick auf die Stadt, der den Band abschließt, hat als „neuer Humanismus“ (Gernot Böhme) in die Debatte um die Sinnlich- oder Leiblichkeit von (Stadt-)Architekturen Einzug gehalten.[6] Funktionsdurchmischung bildet den Kernbegriff der vom Europarat vor 30 Jahren zum Leitbild erhobenen Europäischen Stadt, deren Förderer sich2003 formell zusammenschlossen. [7] Der Vorwurf an die Postmoderne, ästhetisches Bild und ökonomische Realität fielen auseinander, setzt sich in Auseinandersetzungen im Umfeld des New Urbanism fort. Und der morphologisch-typologische Ansatz inspiriert neuere Stadtforschung.[8] Ausgehend von dekonstruktivistischen Denkmodellen hat sich der Diskurs um die Fragmentiertheit städtischer Phänomene stark ausgeweitet und findet in Rem Koolhaas nach wie vor einen seiner prominentesten Vertreter.[9]

Um die Aktualität der versammelten Texte ist es also gut bestellt. Als Desiderat ist jedoch anzumerken, dass diejenigen nicht zu Wort kommen, die sich nun schon seit längerem mit dem Problem verstädterter Landschaft beschäftigen. Gibt es in den USA bereits eigene Studiengänge in landscape urbanism, so ist auch in Deutschland oder der Schweiz die Beschäftigung mit „Zwischenstadt“ (Thomas Sieverts) nicht nur praktisch, sondern auch städtebaubautheoretisch relevant. Davon zeugen unter anderem das Forschungsprojekt 'Mitten am Rand. – Zwischenstadt'. Zur Qualifizierung der verstädterten Landschaft des Ladenburger Kollegs der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung [10], die Studie Die Schweiz. Ein städtebauliches Profil des ETH Studios Basel [11] oder das im Netzwerk Stadt und Landschaft an der ETH Zürich zur Zeit erarbeitete Handbuch für suburbane Gebiete.[12] Da letzteres von Vittorio Lampugnani mitbetreut wird, beruht die Auslassung dieses Themenkomplexes aus der Anthologie wohl auf bewusster Entscheidung, wenn sie auch zu bedauern ist.

Da auch die städtebautheoretische Auseinandersetzung seit Mitte der 90er Jahre nicht stillstand, seien hier noch einige Themen angemerkt, deren sich ein leider nicht projektierter vierter Band der Anthologie annehmen könnte. Neben der Fortschreibung der oben erwähnten Themenbereiche ließe sich die Liste weiter ergänzen. Die Stadt als Event, wie ein Sammelband der Edition Bauhaus aus dem Jahr 2002 betitelt ist [13], stünde ebenso auf der Traktandenliste wie computergenerierte Stadtmodelle [14] und die Versuche, sich den Phänomenen Stadtschrumpfung [15] oder Mega-Cities, welche im Zentrum der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig stehen [16], theoretisch anzunähern.

Leider wird Band vier warten müssen, bis das 21. Jahrhundert historisch genug geworden ist. Man kann sich indes auf die theoretische Vor-Geschichte der zeitgenössischen Stadt freuen: Band eins und zwei der Anthologie werden in absehbarer Zeit vorliegen. Nur sollte jeder Interessierte die Zeit nutzen, bis dahin sein Schulfranzösisch oder Ferienitalienisch ernsthaft aufzubessern.

[1] Neumeyer, Fritz: Quellentexte zur Architekturtheorie, München, 2002, 607 S.

[2] Moravánszky, Ákos (Hrsg.): Architekturtheorie im 20. Jahrhundert:Eine kritische Anthologie, Wien, 2003, 591 S.

[3] de Bruyn, Gerd: Trüby, Stephan (Hrsg.): Architektur_theorie.doc. Texte seit 1960, Basel, 2003, 351 S.

[4] Vittorio Magnago Lampugnani, Ruth Hanisch u. a. (Hrsg.): Architekturtheorie 20. Jahrhundert. Positionen, Programme, Manifeste, Ostfildern-Ruit, 2004, 320 S.

[5] Alison, Jane (Hrsg.): Future City – Experiment and Utopia in Architecture 1956-2006. London, 2006, 326 S.

[6] siehe arch+ 178, 6/2006

[7] Council for European Urbanism: www.ceunet.de

[8] siehe DifU: Die Zukunft von Stadt und Region, Bd. III: Dimensionen städtischer Identität. Wiesbaden, 2006, 305 S.

[9] siehe arch+ 174/175, 11/12 2005

[10] siehe www.daimler-benz-stiftung.de

[11] Diener, Roger; Herzog, Jaques; Meili, Marcel; de Meuron, Pierre; Schmidt, Christian: Die Schweiz. Ein städtebauliches Porträt, Basel, 2006, 3 Bd., 1015 S.

[12] siehe www.nsl.ethz.ch

[13] Bittner, Regina (Hrsg.): Die Stadt als Event. Zur Konstruktion urbaner Erlebnisräume, Frankfurt, 2002, 512 S. (Edition Bauhaus Bd. 10)

[14] so z.B. NRW-Forum Kultur und Wirtschaft (Hrsg.): RheinRuhrCity – Die unentdeckte Metropole. The Regionmaker – MVRDV, Ostfildern-Ruit, 2002, 352 S.

[15] siehe das von Philipp Oswalt betreute Projekt der Bundeskulturstiftung unter www.shrinkingcities.com sowie die entsprechenden Publikationen

[16] siehe www.labiennale.org/en/architecture

Recommended Citation:
Ulrike Sturm: [Review of:] Magnago Lampugnani, Vittorio (Hrsg.): Vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur zeitgenössischen Stadt, Berlin 2005. In: ArtHist.net, Sep 30, 2006 (accessed Oct 22, 2019), <https://arthist.net/reviews/133>.

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Magnago Lampugnani, Vittorio (Hrsg.): Vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur zeitgenössischen Stadt, Berlin: Gebr. Mann Verlag 2005
ISBN-10: 3-7861-2510-4, 564 S, 78.00 Euro

Review published: Sep 30, 2006

Editor: Claudia Sedlarz

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