Schenk, Andreas: Fritz Nathan - Architekt

Rezensiert von: Ralf Dorn, TU-Darmstadt

Die Beschäftigung mit dem Leben und Werk in der Weimarer Republik bekannter, aber heute weitgehend vergessener jüdischer Architekten, die die Moderne in Deutschland maßgeblich prägten, läuft oftmals auf ein Wechselbad der Gefühle hinaus. Auf der einen Seite ist man froh, das Oeuvre wichtiger Vertreter des modernen Bauens dem Vergessen entrissen zu sehen. Auf der anderen Seite steht eine maßlose Erschütterung über das Schicksal vieler dieser Architekten und ihrer Familien, denen die Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime oftmals alles nahm.[1] Ein wichtiger Vertreter dieser Generation deutsch-jüdischer Architekten war Fritz Nathan, mit dessen Leben und Werk sich der Kunsthistoriker und Mitarbeiter des Mannheimer Stadtarchivs Andreas Schenk in einer verdienstvollen Monographie beschäftigte. Mit ihm zusammen arbeitete der Fotograf Roland Behrmann, der sich in seinem Beitrag mit der Bedeutung der Fotografie für Fritz Nathan auseinandersetzte.

Schenk waren als Erstes Nathans Mannheimer Bauprojekte begegnet, die ihn schließlich zur Beschäftigung mit dem Frankfurter Architekten anregten (8). Überregional bekannt wurde Nathan in 1920er Jahren durch den Bau des Neuen Jüdischen Friedhofs in Frankfurt am Main, der – im Gegensatz zu vielen anderen seiner Werke – glücklicherweise erhalten geblieben ist. Im Hauptkapitel seines Buches arbeitet Schenk das gesamte Leben und Werk Nathans konsequent chronologisch ab, beginnend mit dessen Geburt 1891 in Bingen, bis zum Tod Nathans 1960 in New York. Das Architekturstudium begann Nathan in Darmstadt und setzte es in München fort. Es ist die Zeit des Jugendstils, der Reformarchitektur und der Schöpfungen des berühmten Münchner Architekten Theodor Fischer, dem „fortschrittlichsten unter seinen Lehrern“ (11). Nach seinem Vordiplom 1911 begab sich Nathan zurück an die Darmstädter TH, wo er vor allem bei Friedrich Pützer und Georg Wickop seine abschließende Ausbildung und wesentliche Prägung erfuhr.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und seine Einberufung verhinderten vorerst den Berufseinstieg. Nach Kriegsende begann Nathan mit einer Ausbildung zum Regierungsbaumeister in München und Darmstadt. Die wirtschaftlichen Krisen der Nachkriegszeit machten eine Anstellung im Staatsdienst jedoch unmöglich. Auf Vermittlung seines ehemaligen Darmstädter Professors Karl Hofmann gelangte er 1920 schließlich in das Baubüro der Jüdischen Gemeinde in Berlin. An der Seite des Gemeindebaumeisters Alexander Beer wirkte er an dem Entwurf eines Ehrenfeldes für gefallene jüdische Soldaten mit. Daneben entwarf er Grabanlagen, eine Gestaltungsaufgabe, die ihn Zeit seines Lebens immer wieder beschäftigte. Von Arbeitslosigkeit bedroht empfahl er sich 1921 dem „Centralverband deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ in Berlin und bat „um Vormerkung bei eventuellen Anfragen nach einem Architekten für baukünstlerische und kunstgewerbliche Fragen des jüdischen Kultus“ (18). Seine wirtschaftliche Lage gestaltete sich jedoch weiterhin schwierig, es blieb bei kleineren Umbauprojekten.

Ende 1922 folgte Nathan einem Angebot des Frankfurter Architekten Fritz Epstein, der ihm eine Büropartnerschaft vorschlug, die jedoch nach wenigen Wochen wieder zerbrach (21). Daraufhin gründete Nathan 1923 ein eigenes Büro in Frankfurt. Schon bald gelang ihm die Akquise privater Bauaufträge. Davon zeugen die erhalten gebliebenen Villen des Fabrikanten Moritz May und des Kaufmanns Max Hirsch (22ff). Die beiden Villen lassen bereits seine Vorliebe für eine starke plastische Gliederung seiner Bauten erkennen. 1925 widmete er sich erstmals dem Entwurf für den Neuen Jüdischen Friedhof in Frankfurt, von Schenk ausführlich analysiert (28-30). Wohl auf Vermittlung des hinzugerufenen Münchner Architekten und Dozenten an der dortigen TH Hans Grässel wurde Nathan an den Beratungen beteiligt. Im Januar 1925 präsentierte er selbstbewusst einen eigenen Entwurf, der die Gemeinde überzeugte. Die um einen Hof konzipierte Anlage erinnert mit ihren anfänglich mit Parabelbögen gestalteten Arkadengängen an Bauten und Entwürfe der Architekten Hans Poelzig und Erich Mendelsohn. Die bereits genehmigte Ausführung verhinderte der 1925 neu gewählte Frankfurter Stadtbaudezernent Ernst May in letzter Minute, da das Projekt mit seiner Siedlungsplanung kollidierte (30). Unter Protest stellte die jüdische Gemeinde den Bau ein und musste ein neues Gelände suchen.

Erst 1927 nahm Nathan die Planungen zum Friedhof wieder auf und veränderte dessen Erscheinungsbild radikal (38-44). Die Parabelbögen der erst verputzt und dann in Werkstein geplanten Anlage entfielen zugunsten einer streng kubischen Formgebung der Bauten und Kolonnaden, die nun in rot-violettem Klinker ausgeführt wurden (38). Das strenge Erscheinungsbild des Außenbaus weicht im Inneren einer feinsinnig durchdachten Raumgestaltung. Mehrfarbige Linoleumböden und edle Holzvertäfelungen, umlaufende Gesimse und gerundete Ecken kontrastieren zur monumental wirkenden Härte des Außenbaus. Die Anlage wurde Nathans Meisterwerk, für die er vom Fachpublikum viel Lob erhielt (43). Auch außerhalb Frankfurts gewann er nun Auftraggeber. In Mannheim schuf er von 1928 bis 1931 das Israelitische Altersheim, dessen Dreiflügelanlage geradezu herrschaftlichen Charakter ausströmte, trotz der Tatsache, dass es in weiten Teilen ganz im Stil des Neuen Bauens errichtet worden war. Das Changieren zwischen Tradition und Moderne (37) kennzeichnet fast das gesamte Werk Fritz Nathans (102). Mit dem Geschäftshaus der „Samt und Seide GmbH“ von 1926 bis 1927 und dem direkt daran anschließenden „Deutschen Beamtenwarenhaus“ von 1928 bis 1929 spielte er fortan in einer Liga mit den Hauptprotagonisten des modernen Bauens in Deutschland. Trotz aller Eigenständigkeit konnte das Beamtenwarenhaus eine Auseinandersetzung mit Erich Mendelsohns populären Kaufhaus-Bauten nicht verleugnen (59).

Durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 und das Erstarken der Nationalsozialisten geriet sein florierendes Büro allmählich in wirtschaftliche Bedrängnis. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war Nathan nunmehr ausschließlich auf jüdische Auftraggeber angewiesen, doch auch deren Situation verschlechterte sich beständig. Sowohl seine wirtschaftliche Lage als auch seine private Situation wurden 1938 zunehmend prekär. Ende September gab Nathan seine Heimat schweren Herzens auf (89) und floh mit seiner Familie nach Holland, wo er schneller an ein Visum zu gelangen hoffte. Doch erst im Januar 1940 gelang der Familie die Einschiffung in die USA. Bereits zuvor hatte sich Nathan auf die neue berufliche Situation in Amerika vorbereitet, hatte 1938 New York besucht und sich Referenzen von Kollegen besorgt. Doch der berufliche Neuanfang des fast Fünfzigjährigen war schwer (95). Durch eine Büropartnerschaft mit dem jüdischen Architekten Eugene Schoen konnte sich Nathan trotz vieler Rückschläge im Synagogenbau etablieren. Die amerikanischen Projekte und Bauten der beiden letzten Lebensjahrzehnte Fritz Nathans bis zu seinem Tod 1960 sind von Schenk ebenfalls erfasst und chronologisch nach Bauaufgaben geordnet worden. Sie zeigen die Entwicklung des Architekten weg vom Neuen Bauen und hin zu einer gemäßigten Moderne. Seine in den letzten Lebensjahren gebauten Gemeindezentren und Synagogen erinnern an vergleichbare Kirchenbauten der Nachkriegszeit in Deutschland.

Führt man sich die Qualität der von Fritz Nathan in Deutschland ausgeführten Bauten vor Augen, so wird deutlich, welch großes baukünstlerisches Können dem Land durch die nationalsozialistische Terrorherrschaft verloren ging. Dagegen wirken die Bauten und maßstabslosen Architekturvisionen der durch den Nationalsozialismus hochgespülten Architekten wie reine Makulatur. „Hitlers Architekten“ wurde bereits viel wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil, unter anderem mit Monographien und sogar Reihen [2], während den zumeist jüdischen Exil-Architekten noch immer zu wenig Beachtung geschenkt wird. Hier besteht weiterhin Forschungsbedarf, um die Namen und Werke weiterer deutsch-jüdischer Architekten dem Vergessen zu entreißen, ohne die das Bild der Moderne in Deutschland unvollständig bleibt.

Es ist Schenks unbestrittenes Verdienst, das bereits stark fragmentierte Werk Fritz Nathans als einen Teil der deutschen Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts wieder sichtbar gemacht zu haben. Ein konzeptioneller Mangel des Buches besteht jedoch in dessen überaus strenger Chronologie, die sowohl biografische und zeitgeschichtliche Ausführungen als auch unausgeführte Entwürfe und realisierte Bauprojekte des Architekten in ein einheitliches Korsett schnürt. Das macht die Lektüre ermüdend und bietet wenig Möglichkeiten zur Kontextualisierung sowie für Vergleiche mit konkurrierenden Architekten, auf die Schenk nur kursorisch hinweist. So sucht man in dieser Monografie auch vergeblich Vergleichsbauten. Zudem bleibt Schenk eine ausführliche architekturhistorische Einordnung und Bewertung des Oeuvres von Fritz Nathan schuldig. Darüber kann auch das sorgfältig zusammengestellte Werkverzeichnis des Architekten nicht hinwegtäuschen.

Anmerkungen:

[1] Häufig verliert sich die Spur vieler Architekten in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, so dass zumeist nicht einmal Sterbedaten überliefert sind. Vgl. Warhaftig, Myra: Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933 – Das Lexikon. Berlin 2005, passim.

[2] Vgl. die Reihe „Hitlers Architekten“ im Böhlau-Verlag. URL: http://www.boehlau-verlag.com/newbuchliste.aspx (24.05.2016).

Empfohlene Zitation:
Ralf Dorn: [Rezension zu:] Schenk, Andreas: Fritz Nathan - Architekt. Sein Leben und Werk in Deutschland und im amerikanischen Exil, 2015. In: H-ArtHist, 23.06.2016. Letzter Zugriff 23.08.2017. <https://arthist.net/reviews/13242>.

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Schenk, Andreas: Fritz Nathan - Architekt. Sein Leben und Werk in Deutschland und im amerikanischen Exil, Birkhäuser - De Gruyter 2015
ISBN-13: 978-3-03821-088-7, 176 p., EUR 89,95

Rezension veröffentlicht am: 23.06.2016

Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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