Sigrid Brandt: Stadtbaukunst

Rezensiert von: Stephanie Herold, Technische Universität Berlin

Die Stadt als facettenreiches Wesen, bietet viele Ansatzpunkte für eine wissenschaftliche Untersuchung. Jede Auseinandersetzung mit ihr ist daher „stets nur als Annäherung zu begreifen, als ein modellhaftes Umkreisen einer äußerst vielfältigen Erscheinung“ (S. 9). Eine dieser Möglichkeiten des Umkreisens, die gleichzeitig viele in sich vereint, ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Städtebaus. Die Autorin Sigrid Brandt, die sich 2013 mit der vorliegenden Schrift an der Universität Salzburg habilitierte, betont dabei besonders die enge Verbindung zwischen der Städtebaugeschichtsschreibung und dem jeweils aktuellen Verhältnis zu und den Umgang mit Stadt. Beides, so wird in dem gesamten Buch immer wieder überzeugend dargestellt, steht in engem Zusammenhang, weswegen eine Geschichte der Stadtgeschichtsschreibung immer auch eine Geschichte der Auseinandersetzung mit der jeweils gegenwärtigen Stadt ist.

Das Konzept und die Zielsetzung des Buches werden im Vorwort dargelegt. „STADT BAU KUNST. Methoden ihrer Geschichtsschreibung“ – hinter diesem Titel verbirgt sich ein ambitioniertes Konzept, dass dem Leser abverlangt, zunächst einige gedankliche Sprünge zu unternehmen. Geht es doch nicht um die Stadtbaukunst selbst, auch nicht um die Geschichte der Stadtbaukunst, sondern in einem weiteren Abstraktionsschritt um die wissenschaftlichen Methoden, die in den unterschiedlichen, an der Städtebaugeschichtsschreibung beteiligten Disziplinen (Architektur, Kunstgeschichte, Soziologie und Geographie) zum Einsatz kamen und kommen.

Dazu werden größtenteils in chronologischer Ordnung maßgebliche Texte zur Städtebaugeschichte analysiert und ausgewertet, die repräsentativ für die einzelnen Etappen der Disziplingeschichte stehen.[1] (S. 10) Der Schwierigkeit der damit automatisch einhergehenden Periodisierung ist sich die Autorin durchaus bewusst. Sie setzt sich sowohl mit der vorgenommenen Eingrenzung des Untersuchungszeitraumes (beginnend mit der Arbeit Camillo Sittes aus dem Jahr 1889 und endend mit der politischen Wende 1989) als auch mit der Suche nach möglichen Orientierungshilfen wie historischen Zäsuren kritisch auseinander. Ergebnis ist der Vorschlag einer Periodisierung der Städtebaugeschichtsschreibung in fünf Phasen, dem man zwar nicht an jeder Stelle bis ins Detail folgen muss, die aber in sich durchaus schlüssig und in ihrem strukturierenden Charakter tragfähig ist.[2] Die erste dieser Phasen ab den 1890er Jahren sieht die Autorin unter anderem geprägt von einem biologistisch gefärbten Suchen nach Grundformen der Stadt, denen durch die Untersuchung von Grundrissen nachgespürt wurde. Eine zweite Phase macht sie ab den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts aus, während derer die Stadt als Ausdruck einer ‚Kulturseele‘ betrachtet wird, eine Phase die mit der politischen Instrumentalisierung dieses Gedankens im nationalsozialistischen Kontext in den 30er Jahren in die Phase 3 überging. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (Phase 4) zeichnet sich vor allem durch die Rückkehr zu Fragen aus Phase eins und zwei aus, mit der Fokussierung auf Überlegungen zum Raum und seiner Wahrnehmung, die angesichts eines konstatierten Verständnisverlusts gegenüber der alten Stadt diskutiert werden. Die fünfte Phase schließlich ist weniger zeitlich als von ihrem Ansatz her eingegrenzt, stellt sie doch mit einem verstärkt soziologischen Augenmerk (ca. ab den 60er Jahren) neu ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückte Aspekte des Städtischen auch in ihren historischen Dimensionen in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Dieser kurze, in der Einleitung gegebene Überblick, spiegelt sich überraschenderweise nicht im Aufbau der folgenden Arbeit wieder. Diese gliedert sich stattdessen in drei Teile, wobei der letzte die beiden Phasen vier und fünf umfasst. Die ersten beiden Teile scheinen sich eher thematisch voneinander abzugrenzen, behandelt der erste die „Anfänge der Städtebaugeschichtsschreibung“ (S. 19-156), worunter hier der gesamte Zeitraum von Camillo Sitte bis zur „nationalsozialistischen Kulturpolitik“ fällt (S. 132-145), wohingegen der zweite Teil sich intensiv mit drei Protagonisten der Zwischenkriegszeit (Paul Zucker, Joseph Gantner und Albert Erich Brinckmann) beschäftigt. Dieses Ungleichgewicht der Darstellung mit einem starken Fokus auf die Zwischenkriegszeit ist zwar an sich nicht störend, was vor allem an der hohen Qualität der Darstellung gerade dieses Teils der Arbeit liegt, die fehlende Erklärung dieser Gewichtung und die scheinbare Diskrepanz zur in der Einleitung geleisteten Strukturierung des Materials, birgt jedoch die Gefahr einer gewissen Orientierungslosigkeit des Lesers in der dargelegten Flut an Wissen.

Dieses geballte Wissen prägt die folgenden gut 350 Seiten des Buches, auf denen die Autorin den Leser auf einen Parforceritt durch die Geschichte der Städtebaugeschichtsschreibung mitnimmt. Insgesamt gelingt es dabei insbesondere im ersten Teil der Arbeit, die Vielschichtigkeit der Beschäftigung mit dem Thema Stadt darzustellen. Neben der schon erwähnten Darstellung einzelner Protagonisten (wie Camillo Sitte oder Theodor Fischer), untersucht die Autorin auch Strömungen und Methoden der geographischen Grundrissforschung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die von der Nationalökonomie geprägten Arbeiten Werner Hegemanns sowie wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Idealstadtentwürfen bzw. Planstädten wie Karlsruhe oder Chaux. Das Untersuchungsgebiet wird dabei nicht nur disziplinär weit aufgespannt, sondern reicht auch von den Darstellungen des wissenschaftlichen Kontextes im Rahmen des Seminars für Städtebau an der Königlich Technischen Hochschule in Berlin bis hin zur Behandlung populärwissenschaftlicher Publikationen wie der Reihe „Historische Stadtbilder“, die von 1922-1927 erschien. Neben dieser Bandbreite an Herangehensweisen sind aber gerade auch die aufgezeigten Konstanten interessant, die sich zum einen im Bereich der gewählten Forschungsobjekte wiederfindet (bevorzugt die mittelalterliche Stadt), als auch in scheinbar feststehenden Axiomen (z.B. der Gegenüberstellung der geplanten Stadt mit der gleichsam organisch gewachsenen Stadt).

Im Gegensatz zu dem im ersten Kapitel entstehenden kleinteiligen Mosaik, widmen sich die beiden folgenden Kapitel ausführlicher einzelnen Autoren. Insbesondere der Arbeit Paul Zuckers ist im zweiten Teil großer Raum gewidmet, seine englischsprachige und bis heute nicht ins Deutsche übersetzte Arbeit „Town and Square“ wird im Zusammenhang mit seinen früheren, im Nachkriegsdeutschland ebenfalls kaum beachteten Arbeiten, ausführlich wiedergegeben und kontextualisiert. Gerade das Zusammenspiel zwischen zeitgeschichtlichen Vorgängen, persönlicher Biographie und Städtebaugeschichtsschreibung liegt der Autorin hier am Herzen. In diesem Spannungsfeld werden die Arbeiten der drei Protagonisten Zucker, Gantner und Brinckmann „zum Kennzeichen einer Epoche“ (S. 157).

Auch der dritte Teil der Abhandlung, der sich mit der Entwicklung nach 1945 beschäftigt, untersucht schwerpunktmäßig die Arbeit einzelner Protagonisten. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die Darstellung der Städtebaugeschichtsschreibung in den beiden verschiedenen politischen Systemen Deutschlands gelegt, wobei hervorgehoben wird, wie die verschiedenen Ansätze zur Städtebaugeschichtsforschung mit den jeweiligen zeitgenössischen städtebaulichen Leitbildern korrespondieren (S. 241). Es folgt die Vorstellung erst einiger ostdeutscher (Wolfgang Rauda, Kurt Junghanns, Gerhard Strauss, Hans-Joachim Mrusek), dann übergangslos die Reihe der westdeutschen Protagonisten, die lediglich durch Erich Herzog und Wolfgang Braunfels repräsentiert werden, bevor mit Kapiteln zu Jane Jacobs (und ihren Einfluss auf die westdeutsche Diskussion, vertreten in erster Linie durch Wolf Jobst Siedler) und Aldo Rossi das Feld international geöffnet wird. Hier wird tatsächlich ein inhaltlicher Umbruch wahrgenommen (entsprechend der eingangs erwähnten Phase fünf), so dass man sich an dieser Stelle ein unterbrechendes Zwischenresümee gewünscht hätte, um die gedankliche Zäsur zu verdeutlichen.

Dieses Fehlen von pointierten, interpretierenden und damit auch strukturierenden Abschnitten zieht sich durch die gesamte Arbeit und stellt ihr größtes Defizit dar. Das ist insbesondere deswegen zu bedauern, da die Menge an Wissen, die hinter der Arbeit steckt, in jeder Hinsicht beeindruckend ist. Der analytische Ansatz, den der Titel durch den Verweis auf die Methoden der Geschichtsschreibung zu versprechen scheint, bricht über weite Strecken jedoch unter der schweren Last der geballten Historie zusammen. Dennoch bildet diese Zusammenstellung die erste systematische Untersuchung der Entwicklung der Städtebaugeschichtsschreibung. Insofern kann man den vorliegenden Band als Grundlagenwerk zur Geschichte der Städtebaugeschichte betrachten, das einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftsgeschichtlichen Auseinandersetzung mit diesem jungen und sehr heterogen geprägten Forschungsfeld leistet.

[1] Um Sinnzusammenhänge zu verdeutlichen wird an einigen Stellen von dieser Strengen Chronologie leicht abgewichen, was der Arbeit nur gut tut.
[2] So könnte man beispielsweise den Kunsthistoriker und Lehrer Sittes Rudolf Eitelberger mit seinem kurzen aber 1858 recht frühen Text „Ueber Städteanlagen und Stadtbauten“ durchaus in den Reigen der Untersuchten aufnehmen, gerade in seinem Einfluss auf Camillo Sitte.

Empfohlene Zitation:
Stephanie Herold: [Rezension zu:] Brandt, Sigrid: Stadtbaukunst. Methoden ihrer Geschichtsschreibung, Berlin 2015. In: H-ArtHist, 18.07.2016. Letzter Zugriff 19.02.2017. <https://arthist.net/reviews/12516>.

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Brandt, Sigrid: Stadtbaukunst. Methoden ihrer Geschichtsschreibung, Berlin: Hendrik Bäßler Verlag 2015
ISBN-13: 978-3-945880-02-9, 396 S., EUR 49.90, Inhaltsverzeichnis

Rezension veröffentlicht am: 18.07.2016

Redaktion: Livia Cárdenas

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