REV-CONF Jan 6, 2016

Architectes cinéastes, cinéastes architectes

Paris, Institut National de l’Histoire de l’Art (INHA), Rouen, École Supérieure d'Architecture de Normandie (ENSA), Oct 14–15, 2015

Report by Jacqueline Maurer, Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich
Editor: Livia Cárdenas

Architectes cinéastes, cinéastes architectes: Journées d’étude (Paris, 14.10.2015 und Rouen, 15.10.2015)

Die zwei Studientage am „Institut National de l’Histoire de l’Art“ (INHA) in Paris und an der „École Supérieure d'Architecture de Normandie“ (ENSA) in Rouen verhandelten die „deux figures hybrides de la création contemporaine: l’architecte-cinéaste et le cinéaste-architecte“. Absicht und Ziel war es, bezogen auf das zeitgenössische Schaffen die seit den 1920er-Jahren immer wieder fruchtbar gemachten Interaktionen und die damit verbundene gegenseitige Einflussnahme von Architektur und Film jeweils auf den Ebenen des Denkens, Konzipierens, Zeigens und Umsetzens respektive Entwerfens erneut zu hinterfragen und zu ermitteln.

Die 1. Sektion „Habiter l’espace filmique“ wurde eröffnet mit Tristan Grünbergs (Paris) Beitrag „J’aimerais construire une maison avec mes films“ nach einem Zitat von Rainer Werner Fassbinder (1945-82), der Architektur für die filmische Diegese dienlich mache, diese aber auch als komplexe ästhetische Figur agieren lasse, die von Figuren bewohnt werde, diese umgebe, gleichsam einschließe bis einnehme. Wiederholt wird über Spiegelung das labile Verhältnis der Personen zu sich selbst und zur Gesellschaft angedeutet, wobei Spiegel und Spiegelkabinett ebenso das Verhältnis zwischen Film(-Figur) und ZuschauerIn reflektieren.

Antoine Thirion (Paris) behandelte den thailändischen Filmemacher und -produzenten Apichatpong Weerasethakul (*1970), der zuvor Architektur studiert hatte, und sich dadurch für die Produktionsbedingungen von Film interessiert und seine Storyboards akribisch mit Architekturzeichnungen versieht. Das neueste Filmexperiment „Cemetery of Splendour“ (Orig. Rak ti khon kaen, Thailand 2015, 122’), das eine kollektive Narkolepsie in einem Spital zeigt, widerspiegle die aktuelle, lähmende politische Lage in Thailand.

Evgenia Giannouri (Paris) widmete sich Amos Gitais (*1950) Trilogie „House“, bestehend aus drei Dokumentarfilmen (1979, 1998, 2006) zum Heim der Kindheit des israelischen Regisseurs und Architekten mit Doktortitel. Indem die Werke Veränderungen von Haus und Umgebung aufzeigen, ergänzt durch Interviews mit den neuen BewohnerInnen und AnwohnerInnen, sei der Film für Gitai Mittel, um Vergangenheit und Erinnerung, Zeit, Zeitlichkeit, Geschichte und damit den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern zu reflektieren.

Den Auftakt der 2. Sektion „Convergence des techniques“ machte Joachim Lepastiers Beitrag zur 3D-Thematik und damit einem äußerst dichten Überblick insbesondere bezüglich rezenten 3D-Filmen (bspw. Godard, Herzog), ergänzt durch historische Verweise auf Erfindungen im Zusammenhang mit Wahrnehmung und Kino (Kinetoscop, 1895), mit Räumlichkeit auflösender moderner Malerei (bspw. Gustav Klimt, Kuss, 1907-09) und mit Architekturbeispielen (bspw. Jean Nouvel, Fondation Cartier, 1994).

Jean-Baptiste Massuet (Rennes) untersuchte Grenzen zwischen Architektur, Film und Grafik über „Tron Legacy“ (USA 2010, 127’) und „Oblivion“ (USA 2013, 125’) von Joseph Kosinski (*1974). Dessen Filme würden für ein Aufkommen des „blockbuster architectural“ stehen, indem die Produktionsmodi jeweils durch ein massives Budget bestimmt würden, welches auf die „attractionalité“ der Filme abziele, wodurch diese bisweilen zu einer „pure forme d’attraction“ würden. Die spektakulären Architekturen werden dabei erfolgreich als Werbemittel eingesetzt, indem ihre Bildhaftigkeit für die Filmästhetik einstehen soll.

An der von Stéphane Goudet moderierten „table ronde“ diskutierten die Architektin und langjährige „chef décoratrice“ Anne Seibel und der Filmemacher und weiterhin praktizierende Architekt Jean-Charles Fitoussi. Sie schilderten ihr Interesse und ihre Faszination am Zusammenspiel zwischen Architektur und Film und zeigten Ausschnitte aus ausgewählten eigenen Filmen beziehungsweise solchen, an denen Seibel als „chef décoratrice“ beteiligt war. Einmal mehr zeigten die Filmausschnitte die Möglichkeit des Filmes auf, verschiedene Orte durch die Montage als einen kontinuierlichen Raum auszugeben und dass wie beim „décor“ dennoch die Beziehung zur Realwirklichkeit ganz wesentlich ist.

In der 3. Sektion „Territoire et politique: Filmer dans l’espace urbain“ widmete sich Marguerite Vapperau (Paris) dem belgischen Künstler mit Architekturdiplom Francis Alÿs (1959), der sich 1986 in Mexico City niederließ, wo er seine „détournements“ und sogenannten „micro-interventions“ im urbanen Raum filmt. Bestärkt durch Alÿs’ Selbstaussage über sein Werk, dass er unmittelbar mit Materialien arbeiten wolle und nicht wie als Architekt den Ausgangspunkt zuerst bei formalen Arbeit suche, meinte Vapperau in Alÿs’ Werk eine Form von Krise, sowie irrationalem Projekt zu sehen, das nicht permanent und damit dem Wirken der Situationisten oder jenem von Fluxus ähnlich sei.

Mina Saidi-Sharou (Teheran) präsentierte ihren Dokumentarfilm „Sirous“, genannt nach einem der ältesten Quartiere Teherans, in dem die Stadtsanierung ein erfolgloses Projekt blieb. Ursprünglich von der Stadtregierung als Filmerin angeheuert, den Problematiken auf den Grund zu gehen, entwickelte sich Saidi-Sharous Filmprojekt zu einer größeren und sehr persönlichen Film-Untersuchung, die bei der Vorführung vor der Regierung zumindest den Vizeminister zu später Einsicht brachte, indem dieser kommentierte, dass der Film Spiegel der Aktionen der Regierung sei.

Dem palästinensischen Regisseur Kamal Aljafari (*1972) widmete sich Christelle Lecoeur (Paris). Wie bei Amos Gitai sind auch Aljafari Filme, die Dokumentation und Fiktion vermischen, Reflexionen der politischen Lage in Israel. Der Film „The Roof“ (2006, 61’) lanciert dabei das Thema rund um die von der Familie bewohnten Häuser in Ramallah und Jaffa, wobei Aljafari diese als filmische Zeugen des Konflikts auszudeuten vermöge.

Zum Auftakt des Abendvortrages von Megan Luke (Berkeley) wurde Hans Richters (1888-1976) „Die Neue Wohnung“ (ca. 30’) gezeigt, der 1928 im Auftrage des „Schweizerischen Werkbundes“ entstanden war. Luke widmete sich spezifisch dem „Homemaking in the Films of Hans Richter and Ella Bergmann-Michel“, wie auch der Untertitel ihres Vortrages lautete. Bezeichnend ist, und dies ist eine Hauptthese von Lukes Vortrag, welches Frauenbild in der Moderne das alte ablösen sollte gemäß Richters Film: Während in der alten Wohnung die ganze Familie die Küche ‚bewohnt’, die Arbeit der Hausfrau sichtbar ist, wird in der neuen Wohnung die Küche und damit die Arbeit der Frau vom eigentlichen Wohnraum separiert.

Der zweite „Journée d’étude“ in Rouen fuhr mit der 4. Sektion „Cinéma et conception architecturale“ fort. Arnaud François (Rouen) macht bei den Architekten Henry van de Velde (1883-1957) und Frank Lloyd Wright (1867-1959) eine „projection cinématographique“ aus, wobei van de Veldes Wirken noch „avant-le-cinéma“ gewesen sei und Wright 1896, lediglich ein Jahr nach der Erfindung des Filmes, einen Artikel zu einem neuen Blick auf die Architektur veröffentlichte. Insbesondere bei Wright hob der Referent hervor, dass jener seine Bauten vom Gewicht befreien wollte und dadurch fließende Bewegungen hervorrief, die einem „espace cinématographique“ nahe kämen.

Einen beinah umfassenden Überblick zu Le Corbusiers (1887-1965) filmischer und fotografischer Rhetorik gab Véronique Boone (Brüssel, Lille). Der Architekt hatte sich intensiv mit Reportagefotografie befasst und mit dem noch jungen Filmemacher Pierre Chenal (1909-90) einen bezüglich Architekturfilm noch unerfahrenen, jedoch äußerst gelehrsamen Mitarbeiter gefunden. Boone zeigte auf, wie planvoll Le Corbusier bei der Repräsentation seiner Bauten vorging, indem er, sofern technisch möglich, darin dieselben berühmten „point de vue“ seiner Architekturfotografien einzusetzen vermochte. Für Le Corbusier blieb dabei stets klar, dass der Film nicht den Status eines Kunstwerks haben, sondern immer der Architektur dienlich sein solle.

Barbara Turquier (Paris) führte in ihrem Beitrag zu Architektur und Gemeinschaft im Kino in die zwei paradoxen Dispositive „Movie-Drome“ und „Invisible Cinema“ ein. Obschon die beiden im Amerika der 1960er entstandenen Projekte von Stan van der Beek (1927-84) und Peter Kubelka (*1934) ein totales Kinoerlebnis generieren und damit verbunden die Kino-Architektur vergessen machen wollten, blieb das Dispositiv stets sichtbar präsent.

Die 5. Sektion „La ciné-architecture: autour de l’œuvre d’Alain Moreau“ eröffnete Anne Philippe (Rouen) mit ihrer Einführung in dessen „ciné-architecture“. In seinem Artikel “Ciné-Architecture, Le marbre et le celluloïd“ (o.J.) vermittelte Moreau seine Idee dieses Konzepts: Ein „...postulat architectonique d’un cinéma qui ne porte pas un regard sur le monde mais qui fonde la liberté du regard du spectateur.“

Sophie Charpentier und Pierre Clément (Paris) führten ihren Film „La maison de Loung Ta“ vor, den sie 1977 mit Alain Moreau am „Institut de l’environnement“ produziert hatten (1977, 45’, 16 mm, Farbe). Dort setzte Moreau insbesondere Filme als Mittel der Architektur-Recherche ein. Als Initiationsmoment für ihre Film-Architekturrecherchen bezeichnete das Forscherpaar die Tatsache, dass die im Film thematisierte, laotische Ethnie im thailändischen Loung Ta eine dortigen ethnischen Gruppen nahe Sprache hätten und sich gezielt über die Architektur abgrenzen und dadurch identifizieren würden.

Den Abschluss der 5. Sektion machte Nils de Coster mit seinem Filmbeitrag, der anknüpfend an Jean Rouchs und Edgar Morins Studie „Chronique d’un été“ (Frankreich 1961, 86’) die Frage „Qu’est-ce qu’est un héros aujourd’hui?“ ausgerechnet im Pariser Sommer 2006 und damit in der heißen Phase der Präsidentschaftswahlen stellte. Der Film und dessen Produktion zeichnen sich insbesondere durch die Spontanität, das Nicht-Vorhandensein eines gemeinhin erforderlichen Drehbuches und durch die Freiwilligenarbeit aller Beteiligten aus.

Die TeilnehmerInnen der finalen „table ronde“ „Expérimentations architecturales et filmiques à Grenoble“– Nicolas Tixier, Jean-François Augoyard, Vincent Sorrel, Naïm Aït-Sidhoum, Guillaume Meigneux und Sybille Le Vot – befassen sich nicht nur in ihrer architekturhistorischen, städtebautheoretischen und daran angeknüpft filmischen Forschung mit Grenoble, sondern sie lehr(t)en dort oder kennen den im Fokus ihres Panels stehenden Stadtteil Villeneuve ebenso als Wohnort. Seit seiner Planung und Errichtung (1970-83) bis heute ist dieser Gegenstand von urbanistischen und filmischen Untersuchungen, angefangen mit Eric Rohmers und Jean-Paul Pigeats „Forme de la ville – cicle consacré aux villes nouvelles“ (1975, 49’, Farbe).

Die Tagung zeichnete sich aus durch eine Auswahl an Referaten, die jeweils die beiden Positionen Filmemacher und Architekt, ForscherIn und PraktikerIn gleichberechtigt zu Wort kommen ließen und insbesondere auf wenig bekannte ProtagonistInnen und Projekte eingingen. Ausgesprochen erhellend war Megan Lukes Beitrag, der aufzeigte, wie Film quasi als Propaganda-Medium für die Moderne Architektur verwendet wurde, indem deren Ästhetik und Potential, ein neues Menschenbild hervorzubringen, eben genau durch den Film und dessen Mittel wohl am eindringlichsten vermittelt werden konnte. Die tables rondes generierten interessante, lehrreiche wie auch lebhafte Diskussionen, die darüber hinaus eine Balance schufen zu den klassischen Vorträgen.

Recommended Citation:
Jacqueline Maurer: [Conference Report of:] Architectes cinéastes, cinéastes architectes (Paris, Institut National de l’Histoire de l’Art (INHA), Rouen, École Supérieure d'Architecture de Normandie (ENSA), Oct 14–15, 2015). In: ArtHist.net, Jan 6, 2016 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/11785>.

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