Hans Sarkowicz (Hg.): Hitlers Künstler

Rezensiert von: Christian Fuhrmeister, Zentralinstitut für Kunstgeschichte

Auch Sammelbände können lesenswert sein, und nicht immer bedarf es der Präsentation von Quellenfunden oder neuester Forschungsergebnisse, um einen Erkenntnisgewinn herbeizuführen. Besonders hinsichtlich der Zeit des Nationalsozialismus sehen sich zudem die verschiedenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen aufgefordert, von Zeit zu Zeit die breitere Öffentlichkeit über den Stand fachinterner Debatten zu informieren. Daß diese wichtige Popularisierung nicht automatisch mit einem Niveauverlust einhergehen muss, belegt dieser aus einer Sendereihe des Hessischen Rundfunks hervorgegangene Band. Er bietet eine kompakte Zusammenschau kultureller Phänomene - von Film, Theater und Kabarett über Musik und Literatur bis zu bildender Kunst, Architektur und Design - und ihrer kulturpolitischen Rahmenbedingungen im Nationalsozialismus.

Da die Besprechung von Waltraud Sennebogen
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-002
bereits eine konzise Charakteristik aller Beiträge lieferte, dürfen hier einerseits die kunsthistorisch relevanten Aufsätze, andererseits übergeordnete Gesichtspunkte im Zentrum stehen.

Auffallend ist zunächst der Widerspruch von Klappentext und Inhalt. Während etwa die Beiträge von Wolfgang Benz, Jan-Pieter Barbian und Volker Dahm präzise Aussagen über die häufig völlig freiwillige Einbindung der Künste in die Kulturpropaganda und die affirmative Haltung viele Künstler gegenüber dem Regime treffen, fällt der Klappentext mit der Rede von der „Vereinnahmung“, der „Instrumentalisierung“ und dem „Mißbrauch“ von Kunst und Künstlern weit hinter den Forschungsstand zurück. Denn das einseitige und latent exkulpierende, die Nachkriegszeit weithin dominierende Bild einer top-down-Befehlsstruktur in ästhetischen Fragen, einer durch Gesetze und Verordnungen erzeugten monolithischen NS-Kultur, ist mittlerweile gründlich revidiert worden - eben dies machen nicht zuletzt die Autoren dieses Bandes anschaulich. Der schlechte - weil tendenziell apologetische - Klappentext ist indes der einzige größere Kritikpunkt an dem sorgfältig lektorierten Band, der auch ein 16 Seiten starkes Personenregister enthält. [1]

Grundsätzlich dürfte es dem großen Adressatenkreis geschuldet sein, daß manche Aussagen eine in der Fachliteratur verpönte, in ihrer Verknappung geradezu brutale Eindringlichkeit gewinnen; so resümiert Benz die späteren Selbstdeutungen der Akteure mit der schlichten Feststellung: „In ihren Memoiren haben sie gelogen [...]“. Diese ungewohnte, teilweise fast kämpferisch anmutende Direktheit kennzeichnet die meisten Beiträge (beispielhaft sei auf Felix Moellers Auseinandersetzung mit dem Topos des „unpolitischen“ Filmstars verwiesen). Sie argumentieren zwar gelegentlich mit Archivalien, verstehen sich aber in der Regel als Überblick der vorliegenden Sekundärliteratur, so besonders Boehncke, der das Design verhandelt und hier eine „kritische Hermeneutik“ der Gestaltung im NS einfordert (S. 278, 285).

Sowohl Dieter Bartetzko als auch Joachim Petsch, die Architektur, Malerei und Plastik untersuchen, bringen weniger eine neue Perspektive denn eine gut lesbare Zusammenschau ihrer früheren Arbeiten in den Band ein. Strittig sind allenfalls einige persönliche Pointierungen, wie Bartetzkos These von der „Todessucht“, „Nekrophilie“ und „Todessehnsucht“ der NS-Architektur (S. 125, 134), oder seine Zuschreibung des Freikorpsehrenmals auf dem Annaberg an „Franz Böhmer und Georg Petrich“ statt an Robert Tischler, Chefarchitekt des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (S. 124) [2].

Diese Marginalien können den positiven Eindruck indes nicht beeinträchtigen. Sarkowicz‘ Versuch, Studien zu Facetten der nationalsozialistischen Kultur und Essays zur Rolle der Kulturbürokratie miteinander zu verbinden, überzeugt, weil aktuelle Fragestellungen der NS-Forschung reflektiert werden. So akzentuieren die einzelnen Darstellungen das Spannungsgefüge von persönlichen Freiräumen, Willkür und systematischer Kontrolle, beschreiben die Kämpfe konkurrierender Fraktionen innerhalb des NS-Regimes und schildern die Hintergründe der zuweilen radikalen Richtungswechsel (Beispiel Thingspiel-Bewegung).

Dies alles ist nicht neu, aber solide präsentiert; der Band eröffnet keine Perspektiven, aber informiert auf hohem Niveau.

Anmerkungen:

[1] Einzig die Schreibweise des Münchener Architekten German Bestelmeyer als „Bestelmeier“ (S. 102) muss moniert werden.

[2] Siehe Franz Hallbaum: Das deutsche Freikorpsehrenmal auf dem Annaberg, in: Kriegsgräberfürsorge. Mitteilungen und Berichte vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, 18. Jg., Heft 8, August 1938, S. 115-124. - Laut Heinrich Schwendemann und Wolfgang Dietsche: Hitlers Schloß. Die „Führerresidenz“ in Posen, Berlin: Links, 2003, S. 109, wurde jedoch die unterhalb des Freikorpsehrenmals gelegene Thingstätte von Böhmer und einem Fritz Petrich erbaut.

Empfohlene Zitation:
Christian Fuhrmeister: [Rezension zu:] Sarkowicz, Hans (Hrsg.): Hitlers Künstler. Die Kultur im Dienst des Nationalsozialismus ; [nach einer Sendereihe des Hessischen Rundfunks], Frankfurt am Main [u.a.] 2004. In: ArtHist.net, 01.03.2006. Letzter Zugriff 16.11.2018. <https://arthist.net/reviews/115>.

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Sarkowicz, Hans (Hrsg.): Hitlers Künstler. Die Kultur im Dienst des Nationalsozialismus ; [nach einer Sendereihe des Hessischen Rundfunks], Frankfurt am Main [u.a.]: Insel Verlag 2004
ISBN-10: 3-458-17203-3, 453 S., EUR 22.80, ca. sfr 41.00

Rezension veröffentlicht am: 01.03.2006

Redaktion: Rainer Donandt

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