Born, Robert; Jagodzinski, Sabine (Hrsg.): Türkenkriege und Adelskultur in Ostmitteleuropa vom 16.-18. Jahrhundert

Rezensiert von: Alberto Saviello, Freie Universität Berlin

Die Gebiete Mittel- und Südosteuropas waren aufgrund ihrer Lage zwischen den Reichen der Habsburger und der Osmanen in der Frühen Neuzeit von den sogenannten „Türkenkriegen“ ebenso wie von kleineren, nicht offiziellen Gewaltausbrüchen besonders betroffen. Während die einfache Landbevölkerung sich meist nur unter die jeweilige Herrschaft fügen konnte, ergab sich aus den Auseinandersetzungen und wechselnden Machtverhältnissen für den Adel nicht nur die Gefahr des Verlusts von Stand und Gut (und oft auch des Lebens), sondern ebenso die Chance gesellschaftlicher und ökonomischer Karrieren.

Die beiden Herausgeber aus der interdisziplinären Forschergruppe „Osmanischer Orient und Ostmitteleuropa. Vergleichende Studien zu Perzeptionen und Interaktionen in den Grenzzonen (16.–18. Jahrhundert)“, die von 2006 bis 2013 am Leipziger „Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas“ (GWZO) angesiedelt war, haben mit der vorliegenden Publikation die Erforschung der Geschichte dieser „Grenzregion“ um eine wichtige Perspektive ergänzt. Gegenstand des aus einer Tagung hervorgegangen Bandes, der neben einer knappen historischen Einführung (Karl Vocelka; 13–26) neunzehn Beiträge umfasst, sind die Strategien des Adels zur Wahrung und Durchsetzung der eigenen Interessen in den Aushandlungen zwischen den großen Konfliktparteien sowie die Formen ihrer medialen Selbstinszenierung.

Bereits in der Einleitung (7–11) machen die Herausgeber deutlich, dass die dichotomen Vorstellungen einer Konfrontation zwischen „Orient und Okzident, Islam und Christentum, Sultan und Kaiser unangemessen“ (8) sind, um die Geschichte des mittel- und südosteuropäischen Adels in dieser Zeit zu erfassen. Entgegen derart essentialistischen Kategorisierungen verfolgt der Band den Ansatz einer Verflechtungsgeschichte, die mit Blick auf die spezifischen Akteure und deren Netzwerke sowie die Formen kultureller Aushandlungen ein sehr viel differenzierteres Bild entwirft. Die Beiträge aus unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen sind in vier Sektionen unterteilt, wobei die ersten beiden im Wesentlichen historische Untersuchungen verschiedener Individuen und Familien des ungarischen, böhmischen, polnisch-litauischen, kroatischen und post-byzantinischen Adels bieten und die dritte und vierte Sektion mit literaturwissenschaftlichen und kunstgeschichtlichen Beiträgen auf die Frage der Repräsentationsstrategien des Adels fokussieren.

In der Zusammenschau der Beiträge wird deutlich, dass der militärische Kampf gegen die Osmanen bei weitem nicht die einzige Option des lokalen Adels war, sich im Konflikt zu positionieren: Vasallentum, Tributzahlungen, temporärere Allianzen, Handel und sogar freundschaftliche Beziehungen waren weitere Handlungsmöglichkeiten, sich mit den Osmanen zu arrangieren und zum Teil ganz gezielt Druck gegen Habsburg aufzubauen. Tatsächlich war der konfessionelle Gegensatz zwischen den katholischen Habsburgern und den häufig lutherischen oder gar calvinistischen Adelshäusern in den Grenzregionen oft von größerer Brisanz, als die Opposition zu den sunnitischen Osmanen, garantierten letztere ihren Untertanen doch eine verhältnismäßig freie Religionsausübung. Entsprechend räumt Nataša Štefanec (87–104) in ihrem Beitrag mit dem Topos der Grenzstaaten als „antemurale Christianitatis“ (Vormauer der Christenheit) auf,[1] indem sie die vielfältigen Interaktionen zwischen dem kroatischen und slawonischen Adel und den Osmanen darlegt. Hajnalka Tóth (165–177) zeigt anhand der Briefkorrespondenzen zwischen der ungarischen Familie Batthyány und den Sandschakbegs und Paschas der benachbarten osmanischen Regionen auf, dass es neben den obligatorischen Kontakten zum Gefangenenaustausch auch zu fast freundschaftlichen Beziehungen und gegenseitigen Geschenken kam.

Besonders interessant sind die Beiträge, in denen spezifische Akteursgruppen in ihrer Rolle als Mittler zwischen den Konfliktparteien bzw. zwischen den osmanischen Herrschern und der christlichen Bevölkerung untersucht werden. Hervorzuheben sind hier die instruktiven Aufsätze von Radu G. Păun (59–85) und von Domagoj Madunić (29–47). Păun zeichnet in seinem Beitrag die Karriere einiger (post-)byzantinischer Familien nach, die sich statt des Exils oder der Konvertierung zum Islam für einen Mittelweg entschieden hatten und als orthodoxe Christen innerhalb des Osmanischen Reiches eine eigene Elite ausbildeten. Als Händler, Steuereintreiber und Finanziers konnten diese „archontes“ ihre sozialen Netzwerke und kulturellen Kompetenzen für den Staat fruchtbar machen und nach anfänglich überwiegender Tätigkeit in den Grenzregionen des Reiches sogar eine Art Institutionalisierung ihrer Position im Zentrum der Macht, im Amt des obersten „Dragoman“ (Übersetzers) erreichen. Eine ganz andere ‚Mittlerposition‘ nahmen die Morlacchi (Wlachen) in Dalamatien ein. Madunić beschreibt den Versuch der venezianischen Regierung, diese aus dem osmanischen Territorium nach Westen auswandernde Bevölkerungsgruppe von Hirten als irreguläre Truppen einzusetzen. Durch ihren häufig sehr verlustreichen Kampf erreichten die als unbeherrschbar und tapfer geltenden Morlaken in dem selbstkreierten (und nach osmanischen Vorbild betitelten) Amt des Serdar, das schließlich von der venezianischen Administration anerkannt wurde, ein hohes Maß an politischer Autonomie.

Entgegen den vielfältigen Formen politischer und gesellschaftlicher Interaktionen mit den Osmanen zeichnet die mediale Selbstdarstellung der ostmitteleuropäischen Elite ein eindimensionaleres Bild. Hier überwiegen Darstellungen der Adeligen als „Türkenkämpfer“ bzw. die Präsentation der Osmanen als barbarischer und meist schon überwundener Gegner. Beiträge zur Tradition „osmanischer“ Feuerwerksburgen, die während höfischer Feste erstürmt und abgebrannt wurden (Borbála Gulyás; 217–236), und zur Verwendung von Türkenköpfen in Reiterspielen, künstlerischen und heraldischen Darstellungen der Zeit (Herbert Karner; 317–329) analysieren die Hintergründe und Aussageintentionen dieser Inszenierungen. Wie Nóra G. Etényi (201–215) in ihrer Untersuchung eines deutschen Gesprächsspiels von 1688 darlegt, gelang es den Adeligen aber nicht immer ihre Selbstdarstellung als Glaubenskrieger in politisches oder soziales Kapital umzusetzen.

Trotz der Betonung eines christlich-islamischen Antagonismus lassen sich auch in der Präsentation der Osmanen und vor allem in der geteilten materiellen Kultur zahlreiche Formen transkultureller Prägung ausmachen. So zeigt Heinke Fabritius (179–198), entgegen der im selben Band vertretenen Annahme (Václav Bůžek; 287–298), dass sich die bildlichen Darstellungen der Osmanen nicht allein über den Topos des Religionskonfliktes erklären lassen, sondern dass in den Porträts von Sultanen und hohen osmanischen Beamten gerade das mediale Spiel zwischen Bild, Text und Rahmen zu einer Reflexion jenseits polarer Identifikationen anregte. Noch greifbarer werden die kulturellen Aushandlungen in Ferenc Wathays autobiographischem Bericht seiner osmanischen Gefangenschaft (Ágnes Drosztmér, 237–252). Der ungarische Festungskommandant verzichtete weitgehend auf antiosmanische Töne und orientierte sich in den Illustrationen sogar an osmanischer Buchmalerei. Ein weiteres Beispiel ist die Verwendung orientalischer Teppiche und Textilien in der Schwarzen Kirche in Kronstadt in Siebenbürgen. Überzeugend zeigen die Autorinnen Evelin Wetter und Ágnes Ziegler (269–285), dass die Textilien ein wichtiges Element für die Repräsentation der konfessionellen und ständischen Identität der evangelischen Gemeinde war, die nach der Eroberung durch die Habsburger so ihrer Unabhängigkeit und dem über drei Jahrhunderte florierenden Handel mit dem Osmanischen Reich gedachte.

Ein leichtes Manko des vorliegenden Band ist, dass neben der bereits erwähnten Untersuchung der Briefkorrespondenz der Familie Batthyány (Hajnalka Tóth, 165–177) nur ein weiterer Artikel das Thema aus osmanischer Sicht beleuchtet. Zeynep Yelçe (141–154) beschreibt die Einsetzung und Legitimierung János Szapolyais als ungarischer König (1529) anhand osmanischer Berichte und Chroniken. Sie legt dar, dass die Hohe Pforte bei ihrer Durchsetzung der Thronansprüche Szapolyais darauf bedacht war, diesen nicht nur als eigenen Vasallen, sondern auch als rechtmäßigen ungarischen König zu installieren. In den Zeremonien zur Übergabe der Hauptstadt Buda und in der Krönung Szapolyais durch den Erzbischof von Esztergom zeigt sich die Offenheit des osmanischen Staatsapparates, symbolische Kommunikationsformen der eigenen Untertanen und auch der Gegner für die eigene Herrschaftsinszenierung zu adaptieren.[2] Eine Untersuchung der nicht selten selbst aus den besprochenen Gebieten stammenden Akteure des osmanischen Staatsapparats, ihrer Bindungen an die Heimat und ihre Repräsentation etwa als „ghāzī“ (Kämpfer für die Sache Gottes) und als legitime Verwalter der eroberten Gebiete hätte das komplexe Bild der Eliten dieser Region komplettiert. Ebenfalls interessant wäre die Frage nach der spezifischen Rolle adeliger Frauen gewesen, die zum Teil unabhängig von der offiziellen Diplomatie Kontakte in die osmanischen Gebiete unterhielten.[3]

Beurteilt man den sorgfältig edierten Band allerdings nach seinem Inhalt und nicht nach dem, was nicht enthalten ist, so haben die Herausgeber Beiträge von hoher thematischer und qualitativer Konsistenz vereint, die dem selbstgestellten Anspruch, einen Beitrag zu einer Verflechtungsgeschichte zu leisten, gerecht werden. Dank des die Publikation abrundenden Orts- und Personenregisters und nicht zuletzt wegen der hier teils erstmals in deutscher bzw. englischer Sprache aufbereiteten regionalen Forschung kann der Band den Charakter eines Nachschlagewerks für sich beanspruchen.


Anmerkungen
[1] Siehe hierzu auch Srodecki, Paul: Antemurale Christianitatis. Zur Genese der Bollwerksrhetorik im östlichen Mitteleuropa an der Schwelle vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit, Husum 2015; und Kenneweg, Anne Cornelia: Antemurale Christianitatis, in: Europäische Erinnerungsorte, Bd. 2: Das Haus Europa, hrsg. v. Pim den Boer u.a. München 2012, 73-81.
[2] Vgl. hierzu Necipoǧlu, Gülru: Visual Cosmopolitanism and Creative Translation. Artistic Conversations with Renaissance Italy in Mehmed II’s Constantinopel, in: Muqarnas 29, 2012, S. 1–81.
[3] Vgl. etwa Kołodziejczyk, Dariusz: The Ottoman Porte, Poland and Central Europe from the 15th until the early 17th Century, in: The Sultan's World. The Ottoman Orient in Renaissance Art, hrsg. v. Robert Born, Michał Dziewulski u. Guido Messling, Brüssel: Bozar Books, 2015, 23-27.

Empfohlene Zitation:
Alberto Saviello: [Rezension zu:] Born, Robert; Jagodzinski, Sabine (Hrsg.): Türkenkriege und Adelskultur in Ostmitteleuropa vom 16.-18. Jahrhundert, 2014. In: H-ArtHist, 21.01.2016. Letzter Zugriff 24.03.2017. <https://arthist.net/reviews/10955>.

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Born, Robert; Jagodzinski, Sabine (Hrsg.): Türkenkriege und Adelskultur in Ostmitteleuropa vom 16.-18. Jahrhundert, Jan Thorbecke Verlag 2014
ISBN-13: 978-3-7995-8414-2, 356 S., EUR 55,00, Inhaltsverzeichnis

Rezension veröffentlicht am: 21.01.2016

Redaktion: Livia Cárdenas

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