CFP: Mobility and the Experience of Nature in the 19th Century (Munich, 3-5 Jul 15)

München, Städtische Galerie im Lenbachhaus, 03. - 05.07.2015
Deadline: Dec 22, 2014

[see English version below]

Call for Papers
Mobilität und Naturerfahrung im 19. Jahrhundert – Landschaftsmalerei,
eine Reisekunst?
Internationales Symposium, Christoph Heilmann Stiftung in der
Städtischen Galerie im Lenbachhaus München (3.-5. Juli 2015)

In kaum einer zeitgenössischen Biographie der immer zahlreicher
werdenden Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts wird auf eine
ausführliche Schilderung ihrer Reisen in nah und fern verzichtet. Der
Landschaftsmaler besaß zwar meist ein festes Atelier in der Stadt,
zugleich zeichnete ihn aber eine hohe Mobilität aus. Unter dem neuen
Vorzeichen eines möglichst unmittelbaren Kontakts zur Natur, zur
Erkundung ferner Regionen und deren Menschen konnte er sich nicht mehr
wie früher auf druckgraphisch vermittelte Ansichten und einen Kanon
idealer Kompositionen verlassen. Wie sehr zu dieser Zeit das Reisen zur
künstlerischen Aus- und Identitätsbildung des Landschaftsmalers gehörte,
bezeugt insbesondere der Blick in die zahlreich entstehenden Handbücher
zum Erlernen der Landschaftsmalerei, wie jenes des führenden
französischen Landschafters Pierre-Henri Valenciennes. Zu keiner anderen
Epoche unterlag der Landschaftsmaler, der sich nicht mehr als Vertreter
einer untergeordneten Gattung verstanden wissen wollte, einem solchen
Mobilitäts-Paradigma (oder gar: -Diktat) wie im 19. Jahrhundert. Selbst
die Emergenz einer neuen Gattung ist damit zu verbinden: die gut
transportierbare und schnell herzustellende, gleichwohl auf
differenzierte Farbwahrnehmungen setzende Ölstudie. Durch ihre flüchtige
Malweise konnten sie der in Tages- und Jahreszeiten sowie wechselnden
Wettersituationen sich ständig verändernden Natur gerecht werden.
Zugleich transportierte ihr Duktus die reisebedingte Dynamisierung der
Wahrnehmung und konnte den Ansichten eine neue Authentizität verleihen.

Das Symposion beabsichtigt, in europäischer Ausrichtung auf den Aspekt
der Landschaftsmalerei als Reisekunst zu fokussieren. Die
Reisetätigkeit, wie sie zunächst in Form des Grand Tour-Tourismus dem
Adel vorbehalten geblieben war, wurde um 1800 von breiteren Schichten
aufgegriffen – im Zuge des romantischen Kunstdiskurses gerade auch von
Dichtern und Künstlern – und erfuhr mit zunehmender Beschleunigung im
Laufe des 19. Jahrhunderts einen immer weiter reichenden Radius: vom
Spaziergang, der Wanderschaft und Kutschfahrt bis hin zur Reise per
Eisenbahn und Schiff. Die großen Ateliers der Historienmaler stellten
einen statischen Schaffensort in den sich zu pulsierenden Metropolen
entwickelnden Städten dar. Demgegenüber erweist sich die
Landschaftskunst der Zeit als Gegenmodell. Im Vergleich zu den immer
aufwendigeren Überformaten der Atelierkunst tendiert sie zur Intimität
und fand im "paysage intime" ihre zukunftsweisende und schließlich in
die Landschaftskunst des Impressionismus mündende Form. Mit den neuen
Transportmöglichkeiten bildeten sich gleichsam "mobile Ateliers"
(tragbare Malkästen, bestückt mit haltbaren Tubenfarben und Malkartons)
heraus. Diese konnten in weite Ferne (Italien, Griechenland, Nordafrika
etc.) oder im Sinne einer eher nationalen Ausrichtung vor die Tore der
Städte in heimatliche Regionen (Paris / Barbizon, München / Voralpenland
etc.) mitgenommen werden.

Die Künstlerreise im fürstlichen oder diplomatischen Auftrag blickt auf
eine lange Tradition zurück. Demgegenüber gilt es zu fragen, inwiefern
sich mit der Romantik, der Genieästhetik, den antiakademischen
Strömungen und vor allem auch vor dem Hintergrund der großen politischen
Umbrüche neue Motivationen für die Reiselust der Künstler ergaben.
Obwohl an vielen Orten für die Landschaftsmalerei die ersten
eigenständigen Professuren eingerichtet wurden, verließ die
Landschaftsmalerei dennoch rasch wieder die akademischen Hallen, um sich
jenseits hierarchischer Strukturen im Austausch der Künstler
untereinander und im unmittelbaren Kontakt zur Natur zu entfalten. Die
Dynamiken des Reisens prägten die Dynamiken der wechselseitigen Anregung
der Landschaftsmaler, so dass sich das Landschaftsbild zu einer
europäischen Kunstform par excellence herausbilden konnte. Diesen
Vernetzungen möchte die Tagung nachspüren und zugleich einen Beitrag zur
Erforschung des Technik- bzw. Kulturtransfers bieten. Welche Rolle
nahmen bestimmte Kunstzentren wie Paris und Rom ein? Wann kamen neue
Landschaftszentren wie München etc. hinzu und welche Künstler spielten
eine Schlüsselrolle in der Vermittlung?

Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Eigenschaften und
Funktionen der Ölstudien zu ihrer schnellen Verbreitung und damit dem
"paysage intime" zu seiner Erfolgsgeschichte verhalfen: Dienten sie als
bloße Souvenirs, in einem übergreifenden Sinn als Gedächtnismedien für
die Arbeit im heimatlichen Atelier oder aber zur Erprobung und
Habitualisierung der malerischen Übersetzung des unmittelbar Gesehenen
ins zweidimensionale Bild? Welche gegenseitigen Anregungen und
Konkurrenzen ging die Ölskizze als Gedächtnismedium mit der
traditionellen Zeichnung ein, aber auch mit den neuen Medien wie der
frühen Landschaftsfotografie? Wie kamen die reisenden Maler zu ihren
wichtigen Farbmitteln und erhielten Nachricht über lohnende Reiseziele?
Welche Lebensbedingungen zeichnete ihre besondere Künstlerexistenz aus,
wie konnten sie in der Ferne ihren Lebensunterhalt bestreiten, wenn sie
nicht Teil einer finanzierten Reisegesellschaft auf Kavalierstour waren?
Welche Rolle spielten die Ölstudien innerhalb des Künstleraustausches,
d.h. wurden sie als Geschenke und/oder als Arbeitsmittel an Kollegen und
Schüler weitergereicht? Welchen Geschmackswandel bewirkten sie und wann
wurden sie salon- bzw. marktfähig?

Das Symposion zur Landschaftsmalerei als Reisekunst nimmt ihren
Ausgangspunkt von der Sammlung europäischer Landschaften und Ölstudien
der Christoph Heilmann Stiftung, die sich seit 2013 als Dauerleihgabe in
der Städtischen Galerie im Lenbachhaus befindet. Zugleich knüpft es an
die reiche Tradition der Münchner Landschaftsmalerei an, wie sie sich
schon früh unter Max I. Joseph und besonders unter dem Kunstkönig Ludwig
I. entfalten konnte. Gerade die bayerische Hauptstadt wurde in dieser
Zeit für die europäischen Landschaftsmaler ein wichtiger Knoten- und
Zielpunkt.

Die Tagung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus möchte das Thema
interdisziplinär und mit vielfältigem Perspektivwechsel aufgreifen und
der Diskussion großzügigen Raum bieten. Der Aufruf wendet sich an Kunst-
und Kulturhistoriker, Literaturwissenschaftler, Kunsttechnologen,
Wissenschaftshistoriker etc.

Wissenschaftliches Konzept: Claudia Denk, Christoph Heilmann, Andreas
Strobl (Christoph Heilmann Stiftung)
Es ist geplant, die Vorträge zu veröffentlichen. Reise- und
Übernachtungskosten werden übernommen.

Vorschläge (max. 3.000 Zeichen) für ein ca. 20minütiges Referat schicken
Sie bitte bis spätestens zum 22. Dezember 2014 an
infoChristoph-Heilmann-Stiftung.de

Call for Papers
Mobility and the Experience of Nature in the Nineteenth Century –
Landscape Painting: An Art of Travel?
International Symposium, Christoph Heilmann Stiftung at the Städtische
Galerie im Lenbachhaus, Munich (3-5 July, 2015)

Among contemporary biographies of the ever-growing number of landscape
painters in the nineteenth century, scarcely one failed to refer
extensively to travels undertaken, whether near or far. While landscape
painters generally had a town studio, they were also highly mobile.
Given the new interest in the directest possible contact with nature,
and in the investigation of distant regions and their inhabitants, it
was no longer possible to rely on views transmitted in the form of
prints, or on some canon of ideal compositions. A glance at the numerous
instruction handbooks being produced for landscape painters at the time,
such as that of Pierre-Henri Valenciennes, the leading French landscape
artist of the period, reveals just how fundamental travel had become in
the landscape painter's artistic training and in the shaping of his
identity. In no other age was the landscape painter, who no longer
wished to be seen as representing an inferior genre, more strongly
subject to a paradigm of mobility as in the nineteenth century. This
even led to the emergence of a new type of painting: the oil study –
hastily executed, easily transported, yet at the same time relying on
subtly perceived nuances of colour. Its swift execution enabled artists
to do justice to nature's constantly changing appearance depending on
time of day, season, and weather. The oil study's fluent brushwork
conveyed a dynamic, travel-induced heightening of perception that lent
its subjects a new authenticity.

Within a European context the symposium will be focusing on landscape
painting considered as an "art of travel”. Initially reserved to
nobility, travelling in the form of the grand tour was taken up by
broader social classes as of around 1800, likewise by poets and artists
in the wake of Romantic art discourse, and extended its radius with
ever-increasing speed in the course of the nineteenth century – from
walk, hike and wanderschaft to coach ride, rail journey and sea voyage.
The big studios of the history painters were static loci of creation in
the cities as they expanded into pulsating metropolises. The landscape
art of the period, in contrast, proposed a counter-model. Compared to
studio art and its increasingly elaborate oversize formats, it inclined
to intimacy and found in the paysage intime, which developed in close
symbiosis with the oil study, a trend-setting form that eventually
issued in the landscape art of Impressionism. Parallel to the new forms
of transport, what one might call "mobile studios” developed, with
portable painting chests, long-life tube paints, and card instead of
canvas. These could be carried far abroad – to Italy, Greece, North
Africa – or used nationally and locally, outside the city gates or in
the surrounding countryside – Paris / Barbizon, Munich / Alpine Uplands.

Artists' journeys undertaken at the behest of noblemen or on diplomatic
service can look back on a long tradition. The present enquiry, however,
addresses the new motivations for artists' travel stemming from
Romanticism, the genius aesthetic, anti-academic trends, and not least
against the backdrop of the major political upheavals of the period.
Though in many places the first independent professorships for landscape
painting were being founded, the genre rapidly fled the lecture halls to
evolve outside of hierarchical structures in mutual exchange between
artists and in direct contact with nature. The dynamics of travel shaped
the dynamics of the cross-fertilization among landscape painters,
enabling the landscape picture to develop into a European art form par
excellence. The symposium will trace these interrelationships and at the
same time contribute to research on the transfer of new techniques
and/or culture. What role did art centres such as Paris or Rome assume?
When were they supplemented by new landscape centres, Munich included,
and which artists played a key role in the process?

Further, the question arises precisely what the qualities and functions
of the oil study were that facilitated its rapid spread, thereby aiding
the paysage intime on its road to success. Did the oil study serve
purely as a souvenir, a memento in the broadest sense for work in the
town studio, or did it offer a field for experiment and familiarization
in translating direct perception into the two-dimensional, painted
picture? What mutual influences, or competition, existed between the oil
study in its memorial function and the traditional sketch, also new
media such as early landscape photography? How did painters on their
travels acquire the valuable paints that they needed or learn of
suitable destinations? Under what conditions did such artists live? How
did they earn a livelihood when far from home if they were not part of a
financially secure group doing the grand tour? What role did oil studies
play among artists? Were they passed on to colleagues and pupils as
gifts and/or work aids? What effect did they have on aesthetic taste,
and when did they become respectable and/or marketable art objects?

The symposium on landscape painting as an art of travel will take as its
starting point the collection of European landscape pictures and oil
studies in the Christoph Heilmann Stiftung, housed on permanent loan in
the Städtische Galerie im Lenbachhaus since 2013. It will also draw on
the rich tradition of Munich landscape painting that had begun to
develop as early as the reign of Max Joseph I and especially under the
art-loving King Ludwig I. It was in this period that the Bavarian
capital became an important centre and destination for European
landscape painters.

The symposium at the Städtische Galerie im Lenbachhaus, which aims to
explore the subject as interdisciplinarily as possible and from multiple
perspectives, will also offer generous opportunities for discussion.
This call for papers is broadly addressed to historians of art and
culture, literary scholars and researchers, art technologists, and
historians of science.

Concept: Claudia Denk, Christoph Heilmann, Andreas Strobl (Christoph
Heilmann Stiftung)
The plan is to publish the papers following the symposium. Travel and
accommodation expenses will be covered.

Please send proposals (max. 3,000 characters) for papers of
approximately 20 minutes to infoChristoph-Heilmann-Stiftung.de (Closing
date for proposals: 22 December, 2014).

Reference:
CFP: Mobility and the Experience of Nature in the 19th Century (Munich, 3-5 Jul 15). In: ArtHist.net, Nov 18, 2014 (accessed May 24, 2019), <https://arthist.net/archive/8935>.

Contributor: Claudia Denk

Contribution published: Nov 18, 2014

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